„Wenn der Alpenfirn sich rötet, …“– Stralugano 2017

„Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!“ – mit Inbrunst schmettert eine junge Dame die schweizerische Nationalhymne, allerdings in italienischer Sprache, schließlich sind wir in der italienischen Schweiz. Dass in Deutschland vor einem Volkslauf „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gesungen würde – undenkbar!

Na gut, dann wird also in der Schweiz beim Anblick des sich rötenden Alpenfirns gebetet. Beim Anblick einer sich rötenden Läuferin wohl eher nicht, schon gar nicht beim Anblick von über 2.000 sich rötenden Läufern. Unterwegs verfluche ich mich wegen der Idee, bei Mitte 20 Grad eine Startnummer anzupinnen und in der größten Mittagshitze zwischen 13 und 14 Uhr zu rennen. Ist schon verflixt warm auf diesen 10 Kilometern. Aber schön. Zu schön, um die Chance der Teilnahme nicht zu nutzen, wenn man schon aus beruflichen Gründen zufällig gerade dann vor Ort ist, wenn die Stralugano stattfindet.

Wenn man das mit der Zeit und dem Wettkampfcharakter nicht ganz so eng sieht, hat man sogar was von der schönen Strecke: Man läuft durch Teile der Altstadt von Lugano, Richtung Mont Bre auf der Uferstraße, zurück durch den Parco Civico, am Ufer des Sees bis Paradiso und von dort zurück in die Innenstadt. Die fantastische Kulisse und die großartige Stimmung unter den vielen, vielen Zuschauern entschädigen für ein bisschen Quälerei. Die hält sich aber in Grenzen, weil ich mir an den Getränkeständen ein paar Schritte Gehpause gönne und eine Fotopause einlege, wo die Strecke besonders schöne Ausblicke über den See auf die schneebedeckten Berggipfel erlaubt. Für eine Zeit knapp unter 54 Minuten reicht es trotzdem noch. Aber die ist mir wurscht, es ging mir nur um das Erlebnis.

Für diejenigen, die sich für das Drumherum der Veranstaltung interessieren: Alles in allem ein top organisierter und sehr empfehlenswerter Lauf. Die Strecke ist topfeben und unter normalen Bedingungen und bei vollem Einsatz absolut bestzeitentauglich. Da gestaffelt aus Blöcken gestartet wird und die meisten TeilnehmerInnen halbwegs realistische Meldezeiten angegeben haben, verliert man auch insgesamt wenig Zeit durch Überholen, zumal die Strecke auf den ersten Kilometern sehr breit ist.  Über die Duschen im Messezentrum (etwa 800 m vom Ziel entfernt und beim Auslaufen, notfalls auch mit dem Shuttlebis erreichbar) kann ich nichts sagen, da ich die Gelegenheit hatte, nach dem Lauf im Hotelzimmer zu duschen. Für deutsche Verhältnisse fällt das Startgeld mit 50 Euro bei kurzfristiger Nachmeldung sehr hoch aus. Man zahlt halt viele Zugaben mit: Funktionsshirt im Starterbeutel, zusätzlich jede Menge Krams zum Futtern und für die Körperpflege. Im Ziel eine Medaille und ein Handtuch für jeden Finisher, außerdem natürlich Verpflegung und Schwämme unterwegs und im Ziel sowie hinterher eine Pastaparty im Parco Civico. Der Halbmarathon, bei dem es wegen der früheren Startzeit nicht ganz so heiß wird, ist leistungsmäßig besser besetzt als der 10er. Man läuft zwei Runden – selbst bei einer schönen Strecke ist das nicht jedermanns Sache. Mir haben die 10 km vollauf gereicht.

Ich wollte und musste ja auch noch arbeiten – dazu war ich schließlich vor Ort.

Aber für ein wenig Sightseeing und eine Bähnlifahrt (zum Wandern reichte die Zeit dann doch nicht mehr) auf den Mont San Salvatore war dann doch noch Gelegenheit. Das Panorama hätte ich um nichts in der Welt versäumen mögen.

Und die grandiosen Ausblicke von der kleinen Propellermaschine aus auch nicht, die uns bei klarster Sicht von Lugano nach Zürich über die Alpen schaukelt. Herrlich!

Doch, solche Highlights tun gut! Sie bringen zwar einerseits noch mehr Zeitdruck in den straff getakteten Plan, aber anderseits: Wer will denn bitteschön so was verpassen?

Wenn 10 km länger als 15 sind – 11. Ruwer-Riesling-Lauf

Achtung – wieder mal (zu) lang und leider fast unbebildert, weil die Cam wegen Nässe von oben im Rucksack blieb.

Wer regelmäßig läuft, der weiß, dass ein und derselbe Lauf unterschiedlich lang sein kann. Da gibt es die offiziell vermessene Länge der Wettkampfstrecke. Und die tatsächliche Länge, die ca. 1 % drüber liegt. Vor allem aber die gefühlte Länge. Manchmal saust so ein Lauf quasi an einem vorüber. Manchmal ziiiiiieeeeeeht er sich. Und man fragt sich und andere leicht verzweifelt, ob 10 Kilometer schon immer so lang waren … 😉

Der Ruwer-Riesling-Lauf lädt jedes Jahr wieder zu einem kleinen Koppeltraining ein. Knapp 10 Kilometer sind es von der Haustür bis zum Freibad in Mertesdorf, wo sich Start und Ziel befinden. Andere, wie die orangefarbige Hälfte des Tridreamteams, nehmen das mit dem Koppeln ernster und fahren vor- und hinterher jeweils zwei Stunden durch die Berge. Da ich aber kein(en) Inferno vor Augen habe, reichen mir jeweils 25 Minuten flaches Rumgestrampel am Stadtrand.

Dass sich der Sonnenschein vom Vormittag in dichte Bewölkung und leichtes Getröpfel von oben verwandelt hat, stört nicht, eher im Gegenteil. Dass das Getröpfel aber kurz nach dem gemeinsamen Einlaufen mit Moni und Kerstin in intensiveres Getröpfel übergeht, irritiert mich dagegen milde – kein Wetter für Brillenträgerinnen. Legt sich zum Glück kurz vor dem Start wieder, alles gut, wenigstens in dieser Hinsicht.

Mit 370 LäuferInnen ist es schon verflixt voll auf dem Radweg. Dass ich in diesem Gewusel kurz vor dem Start doch noch auf Helge treffe, grenzt an ein Wunder! Gemeinsame Freude, kurze  Absprache, dass wir beide getrennt und „auf eigene Rechnung laufen“, weil ich zügiger angehen will. Vielleicht kann ich ja meine alte Bestzeit von knapp über 52:30 ein bisschen aufpolieren?!2017-05-07_Ruwer-Riesling-Moselrad01Vor lauter Quasselei landen wir in der Startaufstellung recht weit hinten. Zu weit. Das wird auf dem engen Radweg zum Problem. Einerseits verhindert das Gedrängel und Überholen-Müssen zwar ein Überpacen. Andererseits wird der erste Kilometer aber extrem unrhythmisch: Slalom, Ausweichen auf den Grünstreifen neben der Strecke, Abbremsen, weil drei Vereinsmitglieder eine Quasi-Streckensperrung vornehmen. Erst kurz vor Kasel hab ich mich freigelaufen und sogar ein größeres Loch vor mir.

Sowas mag ich. Da kann ich mir einen Rücken ein Stückchen vor mir aussuchen und mich „ransaugen“. In diesem Fall gehört der Rücken einem bulligen Mann in Gelb. Kurz vor dem Ortsausgang Kasel hab ich ihn. Dann kommt der nächste Gelbe dran, ein Vereinstrikot aus Irrel oder so. Für den brauche ich sicherlich 2 Kilometer. Die leicht ansteigende Strecke fordert eine gewisse Zurückhaltung, um die nötige Lockerheit nicht zu verlieren. Wie schon letzte Woche in Hermeskeil sind die Steigungen mit 0,5 bis 1,5 % minimal. Sie kosten aber Kraft und man kommt gefühlt kaum vom Fleck.

Die Getränkestände lass ich links liegen. Auch wenn die Kleingartenkollegin, die in Waldrach für die Wasserversorgung zuständig ist, mir das frische Nass noch so herzlich aufdrängt, ich brauch nichts. Lieber versuchen, gleichmäßig zu laufen. Die Erinnerung verschwimmt, der 5. km wird hart. Man kann sich allerdings ablenken, weil massenhaft Schnellere von vorn kommen. Überraschend spät taucht Moni auf, gar nicht so weit dahinter Kerstin. Und ich bin schon kurz vor der Wende. Da geht was heute …

Der Wendepunkt ist eine Befreiung. Zwar waren die Beine auch vorher nicht „fest“. Das gelöste Gefühl, mit dem man auf einmal „abwärts“ rennen kann, ist trotzdem genial. Wie in Hermeskeil kriege ich es hin einfach „rollen zu lassen“ – den Oberkörper ganz leicht nach vorn, Beine bewusst locker machen, here we go!

Locker heißt nicht leicht. Aber viel schneller als vorher bei subjektiv gleicher oder minimal zunehmender Anstrengung. Kilometer 6 bis 8 bei einem 10er finde ich immer ein bisschen widerlich. Trotzdem mache ich mich weiter ans Leute-Einsammeln. Auch der große schlanke Kerl in Schwarz, der mich bei km 4 noch überholt hat, wird kassiert. Kerstin überlaufe ich irgendwo um km 8 herum.

So allmählich komm ich sogar Moni näher. Dieses „Ransaugen“ von hinten funktioniert überraschend gut – und zu merken, dass man wirklich näher kommt, setzt frische Kräfte frei. Kurz vor km 9 bin ich dran. Kein Wunder, nach einem Marathon vor 14 Tagen und dem zügig gelaufenen 15er vor einer Woche sind Monis Beine noch müder als meine. „Zieh und hol dir den 3. AK-Platz!“ – mit diesen Worten verabschiedet sie mich. (edit: Und – woran Moni mich hinterher bei Facebook erinnerte – mit einem „Ich sterbe!“ verabschiedete ich mich von ihr … so kann man sich täuschen!  😆 ).

Ok, dann mach ich mal. Dieser eine mickerige Kilometer, der noch vor mir liegt, zieht sich wirklich elend in die Länge. Ich hab mir eingebildet, die Strecke sei so gerade, dass man das Ziel schon 600 m vorher sieht. Nix is. Als dann endlich doch der Sprecher zu hören ist und der weißblaue Bogen in Sicht kommt, stellt sich die Freuden-Gänsehaut ein. Das Strahlen wird ganz von selbst ins Gesicht getackert. Geschafft! Ohne Einbruch durchgelaufen. Und das klappt auch noch mit der Bestzeit!  51:37. Auf der eigenen Uhr und später auch offiziell.

Moni, Kerstin und Helge trudeln ganz kurz nach mir ein, mehr oder weniger zufrieden, fertig und durstig. Auf den Sprung ins kühlende Schwimmbad-Nass oder unter die Dusche verzichte ich angesichts des Gedrängels. Bloß schnell das Shirt wechseln und raus, wo Helge und ihr Rennrad schon warten.

Kurz ein Blick auf die Ergebnislisten: Mit dem AK-Treppchenplatz hat’s dann doch nicht geklappt, weil zwei schnelle Frauen von auswärts dabei waren, die wir Einheimischen nicht auf der Rechnung hatten. Die erste in einer 42er-Zeit, Riesen-Respekt! Selbst für Platz 3 hätte ich noch eine tiefe 47er-Zeit gebraucht.

So what. Gibt’s halt statt Siegerehrung leckeren Kaffee und Rhabarberkuchen, dazu munteres Geplauder mit Helge. Dann machen wir uns gemeinsam auf den Heimweg, zwei Kilometerchen gemeinsam, dann in getrennte Richtungen. Ein Zwischenstopp im Gourmet-Tempel „Zum eiligen Esser“ am Bahnhof muss sein: Extrastark gesalzene Fritten zur Krampfprophylaxe, um die murrende Wade zu beruhigen, eine Cola als Energieschub für die letzten 2 km und ein Salat für’s gute Gewissen. 😉2017-05-07_Ruwer-Riesling-Moselrad02Fazit: Organisatorisch war bei dem Lauf alles super wie jedes Jahr. Gefühlt waren die 10 km für mich deutlich länger als die 15 in der Vorwoche. Dafür war die durchschnittliche Hf genau so hoch wie beim halb so langen 5er vor 6 Wochen. 😉

Dass es schwer wird, war angesichts des fehlenden Pacers und der Tatsache, dass die Beinmuskulatur bis Donnerstag noch ziemlich nörgelte, auch zu erwarten. Wirklich fiese Quälerei war’s trotzdem nicht. Dieses Kämpfen am Limit mit der Gefahr, sich die letzte Mahlzeit noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, mag ich nicht mehr. Lieber ein kleines bisschen langsamer laufen, sich freuen, dass das Fahrwerk mitspielt, und mal ein Lächeln und ein Dankeschön spendieren für die Trommelgruppe am Wegesrand in Kasel oder die Musikbeschallung vom Band in Waldrach. Darüber freuen sich alle. Auf die paar Sekunden, die ich aus mangelnder Quälbereitschaft verschenke, kommt es keinem an. 😎 Ein bisschen „dicke Beine“ hab ich trotzdem hinterher – aber die heutige frühmorgendliche „Kaffeefahrt“ hat sie schon wieder lockerer gemacht. 😉

Als VIP zur PB – 9. TEBA Radweglauf Hermeskeil 2017

„Ich gewinne ja eh nie was!“ – nur diese Überzeugung hat mich dazu gebracht, meine Daten in das Startplatzverlosungs-Formular auf den Volksfreund-Seiten einzugeben. Und dann hab ich auch noch mein Kreuzchen nicht bei „5 km“, sondern bei „15 km“ gesetzt. Tja, nun hab ich den Salat: Einen Freistart im fiktiven „TV bewegt“-Team. 15 km beim 9. TEBA Radweglauf in Hermeskeil. Hermeskeil ist sozusagen die Perle des Hochwalds. Diese Perle offenbart ihre Schönheiten und kulturellen Highlights allerdings nicht ohne Weiteres. Ein Auto sollte man schon haben, vor allem wenn man am Wochenende von Trier aus dort hin will. Oder viel Geduld für eine etwa einstündige Busreise über die Dörfer mitbringen.

Mich derart in Geduld zu üben bleibt mir zum Glück erspart. Rainer hat sich nicht nur erboten, mich bei diesem Lauf als Pacemaker zu begleiten. Er spendiert mir auch noch das Rundum-Sorglos-VIP-Paket mit PKW-Shuttle ab Haustür und retour. 😉 Und so geht’s mit Dominik, dem einzigen an diesem Tag einsatzfähigen Laufkollegen aus der Olewiger „Black Men Group“, durch die Frühlingswälder- und –wiesenlandschaft. Ab in den Hochwald, dorthin, wo der Frühling noch nicht ganz so weit ist wie im milden Moseltal.

In der Turnhalle des Hermeskeiler Schulzentrums gibt’s Startnummern, Gewusel, erste Läuferplaudereien. Lockeres Einlaufen die knapp anderthalb Kilometer bergab zum ehemaligen Bahnhof. Dort liegt der Endpunkt des Ruwer-Hochwald-Radwegs, der im Moseltal in Ruwer beginnt und auf einer ehemaligen Bahntrasse etwa 50 km bis Hermeskeil führt. Ein glattes Asphaltband, auf dem ich auch schon des Öfteren mit dem Rad entlanggesaust bin – allerdings noch nie bis zu besagtem Endpunkt.

Die heutige Wettkampfstrecke ist mir also neu. Ihr Profil macht auf dem Bild im Web einen etwas unappetitlichen Eindruck: Direkt nach dem Start gut 3,5 Kilometer aufwärts mit leichter Steigung. Die kann einem ziemlich den Zahn ziehen, wenn man zu schnell angeht. Dann ein Stückchen flach. Ein weiteres schön abschüssig. So ab Reinsfeld wieder leicht „bergauf“ bis zum Wendepunkt. Und dann das Ganze in umgekehrter Reihenfolge.

Den Luxus eines individuellen Pacers genießen zu dürfen, ist genial. Mit dem kann man natürlich „einfach so draufloslaufen“. Allerdings kann man auch eine Absprache darüber versuchen, wie schnell man denn gern gepaced werden will. Hmmmm? Meine Klugscheißeruhr behauptet, ich kann 5:20. Die 3 x 2.000 m in 5:11 bis 5:20 am letzten Montag fühlten sich auch ok an. Und in den bei dieser Einheit getesteten neuen schnellen Schuhen sollte das hinhauen. Trau ich mir aber trotzdem nicht so recht zu. Dafür waren die Trainingsumfänge zu gering. Lieber ein bisschen ruhiger. Oder doch nicht?

Ausgeruht bin ich jedenfalls. Erzwungenerweise. Mittwoch 9 Stunden im Zug bzw. in der Kölner DB Lounge. Plus 4 Stunden Tagung. Donnerstag immerhin ein Hauptstadtläufchen in munterer Begleitung von Kerstin – morgens gegen 5 ist „Unter den Linden“ und im Tiergarten die Welt noch sehr in Ordnung. Nochmal 8 Stunden Tagung. Dann klingt der Tag mit einem Schokoladen-Aperitif in Rauschs Manufaktur und einem deftigen proteinhaltigen Abendessen aus. Der Freitag beginnt mit einem gemütlichen Spaziergang, gefolgt von einem Bummel über den „Türkenmarkt“ am Maybachufer (inklusive Verkostung der dort feilgebotenen Spezialitäten) und einer wieder 8-stündigen Bahnfahrt nach Trier.

Und heute, am Samstag, wird gelaufen. In der Startaufstellung bin ich erst einmal allein. Rainer hält den Start bildlich fest und kommt dann nach etwa 150 Metern so flott an mir vorbeigewetzt, dass ich ihn kaum noch stoppen kann. Ganz so schnell will ich dann doch nicht. Erstmal einrollen. Der T-Shirt-Spruch auf dem Rücken der zwei breitschultrigen Herren vor uns scheint das Tagesmotto vorzugeben: „Quäl dich, du Sau!“. Nee, quälen will ich mich nicht! Ich will zwar schnell laufen, aber trotzdem einfach genießen, dass ich endlich wieder laufen kann.

Also will ich so einen Spruch nicht die ganze Zeit lesen müssen. Rainer auch nicht. Darum ziehen wir vorbei und finden mein Tempo. Nicht auf Anhieb. Wir werden ein bisschen zu schnell, ich bremse. Wir werden wieder zu schnell, Rainer bremst. Seine Streckenkenntnis ist ein riesiger Vorteil, denn man kann sich richtig „abschießen“ bei diesem Lauf, wenn man bereits auf den ersten drei, vier Kilometern zu viele Körner verbraucht. Spätestens auf dem Rückweg zwischen Kilometer 10 und 11 rächt sich das böse.

Also lautet die Devise „Kontrollierte Offensive“:  Die ersten vier Kilometer in Zeiten um die 5:15 bis 5:20. Hart, aber nicht zu hart. Immer mal wieder ein bisschen Läufer-Smalltalk, kurze Begegnungen, eine ungefähr gleichaltrige Kollegin in Rot, die dann aber doch ein Stückchen wegzieht. Ich versuche nicht mitzuhalten, das wäre gerade zu schnell. Und trotzdem: Es rollt gut bei mir, vor allem, als es jetzt leicht abschüssig wird. Kilometerzeiten unter 5:10, Rainer mahnt zur Vorsicht. Recht hat er. Aber die Beine wollen schneller. Vor allem aber löst die nicht ganz so frische Frühlingsluft Fluchtimpulse aus. Ob es Gülle ist oder Rückstände aus der Biogasanlage, die der Landwirt auf dem Acker neben der Strecke ausbringt: Selbst für eine seit Kindertagen an solche Gerüche gewöhnte Nase ist das eine harte Probe!

Wenn die Landschaft gerade mal nicht stinkt, ist sie wunderschön, so viel kriege ich am Rande noch mit. Der Radweg hat anderenorts stinklangweilige Abschnitte, auf denen man zwischen grün überwucherten Lärmschutzwällen dahinrollt. Aber hier lässt er den Blick in die Wiesen und über die Äcker frei. Wir passieren Reinsfeld, das einzige Zuschauernest unterwegs.

Rainer bleibt an der Verpflegungsstelle kurz zurück, um ein Filmchen zu drehen, ich laufe allein weiter. Inzwischen gibt’s auch Gegenverkehr. Die ersten schnellen Männer, ein Stückchen dahinter Yvonne als erste Frau zusammen mit Dirk. Zu beobachten und anzufeuern lenkt davon ab, dass es wieder aufwärts geht. Noch etwa ein Kilometer minimal ansteigend bis zum Wendepunkt. Wird schwer, ich bin froh, dass Rainer aufgeschlossen hat und mir gut zuredet.

Dafür läuft es nach der Wende um so lockerer. 0,8 Prozent Steigung sind ja wirklich nicht viel. Fühlt sich aber an wie Kaugummi in den Beinen. Und wenn man dann wieder abwärts darf, ist das wie „Turbo zünden“. Zum Glück mahnt Rainer und erinnert an die noch vor uns liegenden ansteigenden Kilometer. Und meine Oberschenkelmuskulatur mahnt auch. Also etwas ruhiger und am Getränkestand in Reinsfeld – schamlos ausnutzend, dass der Pacer für ein paar Filmaufnahmen zurück geblieben ist – einige Schritte Gehpause, damit das Wasser ohne Verschlucken im Magen landet.

Ok, jetzt also der neuralgische Abschnitt der Strecke. Aufwärts zwischen Kilometer 9 und 11. Pace so um die 5:25, 5:30. Langt! Mehr geht nicht, mehr muss nicht. Irgendwie „rauf“. Etwas wortkarg, einfach vor mich hin dieselnd. Und mich dran erinnernd, dass ich nicht den Oberkörper nach vorn fallen lassen, sondern aufrecht laufen sollte, um frei zu atmen. Das mit dem Atmen ist allerdings nur eine partiell wohltuende Erfahrung … von wegen „frische Landluft“. 😉 Immerhin überlagert das Geruchsempfinden alle anderen weniger angenehmen Körpererfahrungen. Schwupps, schon sind wir am „Gipfel“ und es geht nur noch abwärts.

Rainer plaudert munter über seine Erfahrungen mit Mentaltraining in der Marathonvorbereitung, erinnert mich ans aufrechte Laufen. Ich freu mich einfach. Ich freu mich darüber, dass ich laufen kann. Darüber, dass es so schnell geht, dass die Beine wieder locker sind und dass nichts ernsthaft weh tut. Darüber, dass ich hier sein darf und eine so tolle Begleitung habe. Über die Natur um mich rum. Darüber, dass ich den einen und die andere vor mir noch „einsammeln“ kann. Die Frau im roten Shirt, die mir nach 3 km davongezogen ist. Einen recht großen Mann im froschgrünen Shirt. Einen anderen im grauen Shirt der Veranstaltung.

Moni aus meiner AK rennt in leuchtendem Orange so 60, 70 Meter vor mir. Mit dem Hamburg-Marathon vor einer Woche in den Beinen macht sie heute etwas gemütlicher – normalerweise würde ich nicht mal ihre Hacken sehen. Aber einholen, wie Rainer so locker vorschlägt, werde ich sie trotzdem nicht. Mit Zeiten unter 5:00er-Schnitt laufe ich eh gerade am Limit – zum Vergleich: Vor fünf Wochen in Schweich war das mein 5 km-Tempo.

Nee, reicht! Mein Pacer erinnert mich nochmal daran, an lockere Armhaltung zu denken und so alles rauszuholen. Im Gegenverkehr taucht Dominik auf, er ist schon beim Auslaufen und wendet, um uns auf den letzten Metern zu begleiten. Auch gut: Doppelte Herren-Eskorte, VIP-Feeling pur! 😉 Letzter Kilometer unter 4:50, noch knapp 100 m extra bis ins Ziel. Uffffff!

Abklatschen, glücklich sein, Malzbier trinken. Hart war’s, anstrengend, so wie es sein soll. Aber weit entfernt von „Quäl dich, du Sau!“ und verbissenem Kampf. Unterhaltsam mit Rainer, schön in der Natur, fröhlich – und schmerzfrei vor allem. Unterwegs, hinterher und auch jetzt am Folgetag.

Der Verzicht auf den Shuttlebus zur Turnhalle ist jetzt die richtige Wahl. Ein Spaziergang bergauf lockert die Muskulatur. Warme, saubere Luxusduschen, leckerer Kuchen, Läuferbegegnungen und –gespräche vor der Siegerehrung. Siegerehrung?  Jaaaaa, Siegerehrung! Nicht nur als „Klatschpublikum“, sondern auf dem Stockerl der AK. Nachdem die Organisatoren meine versehentliche kurzzeitige Geschlechtsumwandlung rückgängig gemacht hatten, reichten 1:18:23 nicht mehr nur für den 13. AK-Platz bei den Y-Chromosomenträgern, sondern für Platz 2 in der W50. Ein Riesenspaß mit Moni auf dem Podest! Allzuviele derartige Erfahrungen werde ich in diesem Leben sicher nicht machen, also kann ich sie auch auskosten. Ein Saunagutschein als Preis, dazu als Tombola-Gewinn ein „Seifen-Paket“ – für Wellness und Regeneration ist gesorgt.

Fazit: Ein toll organisierter, sehr familiärer Lauf, der normalerweise eine höhere Teilnehmerzahl hat und auch unbedingt verdient hätte – aber es gibt inzwischen vielleicht zu viele Laufveranstaltungen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Perfekte äußere Bedingungen mit angenehmen Temperaturen und nur wenig Wind. Eine gut laufbare, aber durchaus fordernde Strecke, bei der es wirklich auf eine gute Einteilung der Kräfte ankommt. Und die Feststellung, dass es ein ganz besonderer VIP-Service wirklich bringt: Dankeschön, lieber Rainer! Ohne dich wär’s nicht mal halb so schön gewesen. Und ein gutes Stück langsamer auch! 😉2017-04-29_Pacer

„Ein gutes Pferd …“ – Schweicher Fährturmlauf 2017

„Ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss!“ – dieser wunderbare Satz geht mir den ganzen Abend nicht aus dem Kopf. Geschrieben hat ihn mir ein Läuferkamerad in einem Laufforum, in dem ich ganz kurz nach dem Wettkampf meine Zeit von heute postete. Wieviel Weisheit doch in diesen wenigen Worten liegt – nicht nur auf das Laufen bezogen …2017-03-25_Fährturmlauf06Aber der Reihe nach: Die Blog-Rubrik „Wettkampfberichte“ lag hier lange brach. Exakt drei Jahre.  Beim Schweicher Fährturmlauf 2014 hatte ich mir zum letzten Mal eine Startnummer angetackert und versucht schnell zu laufen. Es folgten eine gewisse Wettkampfunlust und ein halbherzlg gelaufener Urlaubs-5er mit schon lädierter Achillessehne, der dann praktisch nahtlos in Verletzungspause, Spritzentherapie, Aufbauversuche, Meniskusriss, erneute Aufbauversuche und schließlich doch eine Arthroskopie mündete. Über die lange Rekonvaleszenz und den mühevollen Wiedereinstieg voller Rückschläge und Selbstzweifel habe ich hier ja genug geschrieben.

Heute, nach wirklich langsamem und geduldigem Wiedereinstieg über fast 8 Monate und einem entspannt gejoggten Silvesterlauf mit dem Tridreamteam, endlich der erste offizielle Lauf, bei dem ich mal wieder „ernst mache“. Und ich habe auch gleich was vor: In meinem Läuferinnenleben 1.0 vor der langen Pause hab ich mir an der 25-Minuten-Grenze auf 5 km mehrfach vergeblich die Zähne ausgebissen. Eine 25:00,2 (oder so ähnlich) bei irgendeinem Trierer Silvesterlauf war das Ende der Fahnenstange. Diese „unerledigte Aufgabe“ spukt mir immer noch im Hirn rum. Und ich sehe angesichts des zuletzt recht gut laufenden Trainings eine realistische Chance, sie nun doch noch zu bewältigen.2017-03-25_Fährturmlauf07

Die Schweicher Strecke eignet sich bestens für einen Versuch, denn sie ist flach. Ekelhaft verwinkelt auf den ersten und letzten paar hundert Metern, aber flach. Da könnte das hinhauen.

Oder auch nicht. Ich steh nämlich so ein bisschen neben mir, nachdem ich es per Bahn plus Rad bis ins Schweicher Schulzentrum geschafft habe. Von Wettkampfvorbereitungs-Routine kann keine Rede sein. Ich bin hibbelig. Zieh mich um, gehe raus, mir ist zu warm, also wieder rein und Jacke wegpacken, wieder raus zum Sportplatz, ich hab den Chip für die Zeitmessung vergessen, wieder rein, Chip suchen und am Schuh fixieren, raus, mir ist doch zu kalt, also wieder rein, Jacke an. Bisschen runter an die Mosel zum Fährturm, dem der Lauf seinen Namen verdankt. Frühlingsluft schnuppern, Windrichtung testen. Super! S-teife Brise von vorn auf dem Rückweg der 2,5 km-Wendepunktstrecke. Braucht kein Mensch.2017-03-25_Fährturmlauf04Eine gewisse Lustlosigkeit macht sich breit, gepaart mit Überforderung durch die Menschenmassen. Dirk und seine Mannschaft vom LT Schweich haben gefühlt alle Schulen und Kitas vor Ort mobilisiert – entsprechend lebhaft geht es zu. Toll für die Kiddies, toller Erfolg für die Gastgeber, too much für mich. Nach einer richtig üblen Woche bin ich für sowas zu ruhebedürftig und soziophob.

Egal. Locker 10 Minuten Einlaufen, bisschen Stretchen, bisschen Anfersen. Die älteren Kinder anfeuern, die den 5-Runden-Lauf rund ums Stadion mehr oder weniger ernsthaft angehen.Dann ab in die Startaufstellung. Im Kopf läuft ein Selbstmotivierungsprogramm in Endlosschleife: „Du hast gut trainiert, du kannst schnell laufen, wenn du nicht zu flott angehst, verschenk jetzt nicht die mögliche gute Zeit aus einer Laune raus, die sub 25 hast du drin!“. Ein paar nicht zitierfähige verbale Tritte in den Allerwertesten sind auch auf dem Band … 😉

2017-03-25_Fährturmlauf02

Peng. Dann woll’n wir mal laufen! Natürlich wollen wir erst einmal viel zu schnell. Aber zum Glück reguliert sich bei dem Rumgekurve auf den ersten paar hundert Metern das Problem irgendwann von selbst. Kräftig überzogen habe ich trotzdem. In 4:43 geht der erste km laut meiner Uhr weg, etwa 4:48 sind es beim ersten offiziellen km-Schild. Da habe ich für die nächsten paar hundert Meter endlich eine „Vor-Läuferin“ gefunden, 15 cm größer und etwas breiter als ich. Da häng ich mich jetzt mal dran, denn einfach wird das heute nicht mit dem Schnell-Laufen, das merke ich schon jetzt. Vielleicht hätte ich doch nicht gestern und heute jeweils 2 1/2 Stunden im Garten werkeln und dabei viel in der Hocke arbeiten sollen.2017-03-25_Fährturmlauf03Das mit dem Dranhängen erledigt sich leider schon recht bald. Irgendwie wird mir das zu langsam und zu ungleichmäßig, was die Dame da auf den Radweg zaubert. Da muss ich dann wohl mal mein eigenes Tempo laufen … und tschüs. Km 2 in 4:53, schon vernünftiger. Mehr geht nicht, mehr soll nicht. Kurz vor der Wende der Getränkestand, nee, brauch ich nicht, so warm ist es nun wirklich nicht heute. Die enge 180 Grad-Kehre auf dem Radweg stört den Rhythmus. Man muss runterbremsen und wieder hochbeschleunigen – und das, wo die Beine murren, der untere Rücken quengelt und der Kopf die ganze Rennerei ziemlich gaga findet und überhaupt. Km 3 nur noch in 4:57. In dem Tempo hätte ich anlaufen sollen, dann ginge es jetzt leichter.

Denn da ist nun dieser Dreckswind, der mistige, der von vorn kommt. Wie sehne ich mich nach meiner Vorläuferin von km 0,5 bis 1,8! Hier find ich niemanden, der mir Windschatten geben könnte. Ich laufe immer mal wieder an jemanden ran, will mich dahinter verstecken, aber ziehe dann vorbei, weil ich merke, dass der andere noch mehr zu kämpfen hat als ich. Gefühlt bin ich im Begriff einzubrechen. Aber sooo schlimm scheint es dann doch nicht zu sein, solange ich noch überholen kann, aber nicht überholt werde. 5:05 für km 4. Das ist nicht so gedacht, aber wir haben ja noch ein Polster auf die sub 25. Und wir sind schon kurz vor dem Hafen und bald raus aus dem Wind.2017-03-25_Fährturmlauf05Da sind zwei Kerls vor mir, einer erwachsen, einer halbwüchsig. Da hänge ich mich jetzt dran. Aber irgendwie … auch die können oder wollen nicht so schnell wie ich. Abgehängt. Der Zickzack-Kurs auf den letzten 700 m hat was von einer Formel-1-Strecke mit vielen Schikanen. Einerseits nervt das. Andererseits habe ich keine endlos scheinende Gerade vor mir, sondern ich kann mir die Strecke mental in Häppchen einteilen, weil ich immer nur bis zur nächsten 90 Grad-Kurve sehen kann. Vom Moselufer im 90-Grad-Winkel abbiegen. Am Parkplatz lang. 90 Grad-Kurve, auf den Radweg zur Unterführung. 90 Grad-Abbiegen und unten durch. 90 Grad-Kurve rechts, 90 Grad-Kurve links, Parkplatz. 90 Grad-Kurve links, Stückchen Gerade, dann letzte 90 Grad-Kurve rechts und rein ins Stadion auf die rote Kunststoffbahn. Endspuuuuurt!

Auf den letzten Metern besitzt doch so ein impertinenter 14-jähriger Bengel die Dreistigkeit mich im Sprint richtig platt zu machen. Kein Respekt vor dem Alter mehr, diese Nachwuchsjogger! 😉 Was soll’s: km 5 in 5:06, laut meiner Uhr noch 50 Extrameter. Uuuuuund – Tusch – offiziell 24:57! 🙂 Sub 25. Mission accomplished – ein gutes Pferd springt eben nicht höher als es muss!2017-03-25_Fährturmlauf08In der Ergebnisliste taucht mein Name zwischen denen von lauter Jungspunden und Kerls aus meiner Altersklasse auf. Wenn es eine offizielle AK-Wertung gegeben hätte, wäre ich Erste auf dem Treppchen gewesen. Gutes Gefühl. Sehr gutes. Und trotzdem: Unterwegs war’s anstrengend bis widerlich. 5 km „volle Pulle eben“. Nee, ganz klar formuliert: Das ist es nicht, was mir in 10 Monaten gefehlt hat, in denen ich komplett auf das Laufen verzichten musste. Definitiv nicht. Aber manchmal … muss es irgendwie doch sein. 😎

2017-03-25_Fährturmlauf01

DNF is no option! – 3. Schweicher Fährturmlauf 2014

DNF is no option … aber gegen eine kleine Gehpause unterwegs ist nichts einzuwenden. Finde ich. Wenn man Gänsehaut kriegt und zu zittern anfängt, isses auch mal gut mit der Rennerei. Es gibt Tage, da können die Beine nicht, was sie können. Isso. Kann ich akzeptieren.

Das Einlaufen im Schweicher Stadion fühlt sich an, als wäre die Bahn uns Läufern zu Ehren mit frischem, noch weichem Bitumen aufgefüllt worden. Der Kreislauf fährt schon vor dem Start Karussell. Das Großhirn meldet, dass es eine Schnapsidee ist, am ersten warmen Tag des Jahres bei über 20 Grad auf schattenloser Strecke laufen zu wollen. Und es ermahnt mich, dass ich besser gründlich nach der weißen Laufkappe gesucht hätte, statt nun ausgerechnet die schwarze auf dem Kopf zu tragen.

Nicht zu ändern. Jetzt steht ich da mit knapp 600 anderen und weiß genau, dass wir gleich gegrillt werden. Manche mögen das – Linda Betzler zum Beispiel, die Siegerin bei den Frauen. Andere mögen es nicht. Birthe zum Beispiel, mit der ich auf der Hinfahrt (danke, liebe Birthe, für den Chauffeurservice) um die Wette über die Wärme jammere. Harald, der sich bei seinem ersten 10er-Wettkampf nach schwerer Krankheit Sorgen macht, ob er mit dieser Belastung klar kommt. Und ich.

Ein Zehner kann lang sein. Verd###t lang. Auch wenn er amtlich vermessene 10 Kilometer lang ist. Es gibt nämlich bei jedem Lauf sowas wie „Real-Kilometer“ und „gefühlte Kilometer“. Die Realkilometer sind durch Schilder und Sprühfarbe auf dem Asphalt des Leinpfads markiert. Daran müssen sich die gefühlten messen lassen. Der erste Kilometer fühlt sich noch an wie ein Kilometer. Wie ein anstrengender Kilometer allerdings.Er führt etwas verwinkelt vom Sportplatz um ein paar Ecken und eine Unterführung hindurch an die Mosel und zum Hafen. Der zweite Kilometer ist gefühlt schon zu lang, sicherlich 1.070, 1.080 Meter – und diese Schere zwischen „gefühlt“ und „real“ geht von Kilometer zu Kilometer weiter auseinander.

Um zu merken, dass das Herz nicht schneller schlagen kann und die Beinmuskulatur trotzdem nicht genug Energie bekommt, um ihr normales Tempo zu laufen, brauch ich keine Pulsanzeige. Das „Tempo“gefühl täuscht allerdings. Ich habe den Eindruck von Kilometer zu Kilometer deutlich langsamer zu werden, was allerdings für die Kilometer 3 bis 6 gar nicht stimmt – die laufe ich zwar langsamer als erhofft, aber ziemlich konstant.

Der Körper zeigt mir trotzdem kurzzeitig dunkelgelb: Schwindelgefühl und Frösteln. Außerdem hab ich Durst, weil ich am Getränkestand bei km 2,5 nicht schnell genug zugegriffen habe – falscher Fehler #2 (Fehler #1 war der mit der dunklen Mütze). Leider gibt’s dann erst einmal längere Zeit nichts zu trinken, auch am Wendepunkt nicht – der nächste Stand kommt erst kurz vor km 7.

Nee, DNF is no option – Aus-den-Latschen-Kippen aber auch nicht. Also den Joker „Gehpause“ ziehen, wieder ein Stück laufen, am endlich erreichten Getränkestand einen Becher Wasser trinken. Und dann im GA2-Tempo weiterlaufen, das heute dem 10er Renntempo entspricht.

Auf dem letzten Kilometer klafft die Schere zwischen „gefühlt“ und „real“ nicht mehr so weit auseinander. Die winkelige Strecke erlaubt es sich mental von Kurve zu Kurve zu retten. Und Aufmunterungen der Zuschauer verfehlen ihre Wirkung auch nicht. Kurz vom Stadion noch ein kurzer „Kreislauf-an-Hirn: Ich-kipp-gleich-um!“-Flash, der aber zum Glück in die Kategorie „Fehlalarme aus nörgeligen Körperregionen“ fällt. Und dass mich kurz vor der Ziellinie Leute überlaufen, mag ich dann doch nicht – für einen kleinen Konter reicht’s noch. Nachtrag: Holger Teusch vom Trierischen Volksfreund hat das Elend bildlich festgehalten: Meine Güte, sehe ich sch### aus! 🙄

2014-03-29_Geschwindigkeit 29.03.2014, TempoBääääh! Wenigstens gibt’s jetzt das Malzbier, auf das ich mich gefreut habe. Kurzer Plausch mit Marion und Wolfram, dann muss ich mich ein bisschen bewegen, weil mir sonst die Beine wegsacken.

Außerdem hab ich Harald im Ziel ein Pils versprochen (bleifrei natürlich). Also Malzbier in die eine, Pils in die andere Hand – und dann mal gucken. Schon kommt er um die Ecke … gleichmäßig und flüssig trabend, der nötigen Vorsicht wegen mit kleinen Schritten, trotzdem gut 5 Minuten früher, als er es sich vorab zugetraut hatte. 300 Meter laufen wir gemeinsam, dann nehme ich mitsamt der Flaschen den „Seitenausgang“ und empfange Harald hinter dem blauen Zielbogen mit seinem wohlverdienten Finisherbierchen.

Fazit: Alle gesund geblieben, trotz des zähen Rennverlaufs Spaß gehabt, Lauffreunde gesehen und Verabredungen getroffen – passt! 🙂 Schnell gerannt wird dann in Schweich nächstes Jahr bei hoffentlich etwas frischeren Temperaturen. Die Strecke gibt das auf jeden Fall her, selbst bei einer so großen Teilnehmerzahl – erstaunlich angesichts des schmalen Leinpfads, dass es (soweit ich mitbekam) kein Gedrängel gab. Und auf einen vom LT Schweich so liebevoll und engagiert vorbereiteten Lauf verzichten? Auf warme Duschen, ein riesiges Kuchen- und Salatbuffet, den gemütlichen Klönschnack in der Turnhalle? Never ever! DNF is no option – DNS aber erst recht nicht. 😎

Same procedure … – Trierer Silvesterlauf 2013

„Same procedure as every year!“ Zu Silvester gehört „Dinner for one“, sei es in der klassischen Version des NDR-Sketches, einer mundartlichen Variante  oder der Neuauflage mit Otto Waalkes und Ralf Schmitz. Für Trierer Läuferinnen und Läufer gehört außerdem der Silvesterlauf dazu: Mitten durch die Fußgängerzone, immer schön im Kreis herum, fünf Runden für die Frauen, acht für die Männer – Konfettiregen, Sambagetrommel, Wunderkerzen und Anfeuerungsrufe von etlichen tausend Zuschauern inklusive.

Lust hab ich eigentlich keine in diesem Jahr. Aber einen bei „Der TV bewegt“ gewonnenen Startplatz verfallen lassen? Kommt nicht in die Tüte! Zumal bestes mild-trockenes Laufwetter herrscht. Und die Hoffnung auf viele schöne Begegnungen am Rande der Strecke lockt. Und wenn dann noch abends ein nicht eben kalorienarmes Menü mit Raclette und hausgemachtem Mandel-Orangeneis auf dem Speiseplan steht, spricht vieles dafür, sämtlichen Schweineelchen die Rote Karte zu zeigen und sich doch auf die Socken zu machen.

Die Startnummer hole ich ganz entspannt schon am Abend vorher. Gelegenheit, ein bisschen mit Jens zu quasseln, den ich leider am kommenden Tag nur aus der Ferne vorbeifliegen sehe und der einen tollen 8. Platz beim Männer-Volkslauf belegt. Auf Wiedersehen nächstes Jahr im Elitelauf, lieber Jens! 😉 Wenn deine Entwicklung so weitergeht, wirst du dort prima mithalten können!

Am kommenden Nachmittag schaffe ich es eben noch rechtzeitig in die Stadt, um den Start des Elitelaufs der Frauen mitzuerleben. Eine aus deutscher Sicht tolle Besetzung mit Coco Harrer, „Miki“, Gesa Krause und den Sujew-Twins. Mittendrin Birthe, die sich in dem schnellen Feld super schlägt und endlich eine 5 km-Bestzeit unter 20 Minuten in ihrer persönlichen Statistik notieren darf – herzlichen Glückwunsch! 🙂

Zusammen mit ihr und Harald, der nach schwerer Krankheit zwar den vorsichtigen Laufeinstieg geschafft hat, aber noch nicht wieder „wettkampf-fähig“ ist, erlebe ich den Anfang des Männer-Eliterennens mit. Auf den ersten anderthalb Runden ganz vorweg der „fliegende Flo“! Natürlich nur „für die Galerie“ und für’s begeisterte Heimpublikum, denn alle wissen, dass er das Anfangstempo nicht halten kann und gegen die nationalen und internationalen Spitzenläufer keine echte Chance hat – 8 km sind für ihn eine inzwischen ungewohnten Kurzstrecke. Trotzdem: Sehr coole Aktion! 😎

Den weiteren Rennverlauf bekomme ich leider nicht mit. Das ist der Nachteil des dichten Zeitplans: Wenn ich mich warm machen will, muss ich auf’s Zuschauen verzichten. Und so ganz kalt will ich nicht loslaufen. 10, 15 Minuten rumjoggen, die langen Klamotten bei Harald deponieren und rein in die Startaufstellung. Schöne Begegnung mittendrin mit Steffi und Stieftochter, beide kribbelig vor ihrem ersten (?) Wettlauf. Im Gewusel der 400 Läuferinnen sind wir relativ weit hinten; entsprechend dauert es nach dem Startschuss, bis wir endlich in Bewegung kommen. Strategischer Fehler, weil nur die Bruttozeit genommen wird. Aber da es mir eh nicht auf die Zeit ankommt, ist das auch egal.

Wieso ich trotzdem los renne, als hinge mein Leben davon ab, weiß ich selbst nicht so genau. Irgendwie lasse ich mich doch immer wieder mitreißen. 🙄 Die erste Runde ist mit 5:27 (von denen ich mindestens 10 Sekunden rumgestanden habe) zu schnell. Aber wenn man mal so angefangen hat … und dann an verschiedenen Stellen angefeuert wird: Da steht Harald in der Fleischstraße, Trainer-Jens als einsamer Sambatrommler in der Nagelstraße, Karina mit Julia an der Blauen Hand, ein Kleingartenkollege nur wenige Schritte weiter, Dirk aus Schweich kurz vor dem Pranger – kurzum: Es gibt leider keine Passage, auf der ich mich mal einfach hängen lassen und rumschlurfen könnte, ohne dass es jemandem auffiele. 😉

Also halbwegs gleichmäßig weiter rennen. Alle km so um die 5:24. Bedauerlicherweise sind noch gut 120 Meter zu laufen, als Garminchen am Ende des fünften Kilometers piepst. So steht im Ziel eine 27:39 auf der Uhr. Trotzdem sehr schön – vor allem gemessen daran, dass ich mich auf den Lauf nicht gezielt vorbereitet habe und – viel wichtiger – es trotz der Hetzerei mal wieder richtig Spaß gemacht hat.

Nicht nur das Laufen, sondern auch das Quatschen. Marion und Wolfram sind natürlich auch dabei, ein kurzer Klönschnack wird gleich noch zur „Aufarbeitung“ des verunglückten Laufs in Bekond genutzt. Und mit Harald schmiede ich hoffnungsvolle Pläne für das späte Frühjahr, in dem wir hoffentlich beide wieder fit sind: Er physisch, ich mental. Der Silvesterlauf war auf jeden Fall mal ein Schritt in die richtige Richtung.

So hätte es gern weiter gehen können. Tat es am 1. Januar auch mit einem schönen Neujahrslauf. Am 2. aber dann: Invasion der Erkältungsviren – nicht schlimm, aber doch genug, um mich für mindestens zwei oder drei Tage auszubremsen. „Same procedure …“ – ich hoffe mal, dass es morgen vielleicht wenigstens wieder für ein halbes Stündchen reicht, um das zarte Pflänzchen „Lauflust“ am Leben zu erhalten. 😎

Voll im Sog – Deulux-Lauf 2013

Ein kleiner Bericht „muss“ dann ja doch sein nach einem offiziellen Lauf. Nur Bilder gibt es keine, die Cam lag daheim. Für fotografische Impressionen verweise ich einfach mal auf Rainers Blog.

Ei verflixt, die steile Rampe runter ans Ufer mit 90 Grad-Kurve unten dran war letztes Jahr nicht da! Und wieder hoch vom Leinpfad auf die Straße mussten wir auch nicht. Das ist anstrengend! Aber egal. Erstens ist da, wo wir letztes Jahr gelaufen sind, heute die Sauer – und nasse Füße wären irgendwie Mist. Zweitens scheint die Sonne gerade so nett auf die golden belaubten Hänge, dass es Quatsch wäre, sich die Laune durch solche kleinen Kalamitäten versauen zu lassen. Und drittens hänge ich gerade im Sog eines imaginierten Riesen-Staubsaugers, der mich zurück Richtung Langsur befördert. Nicht so ein EU-normiertes 900 Watt-Spielzeug, das keinen toten Hering vom Teller zieht, wie meine Mutter zu sagen pflegt. Sondern ein leistungsfähiger Industriesauger, vor dem kein Entkommen ist und der alles an sich reißt, was sich nicht schnell genug irgendwo festklammert.

Eigentlich gibt es keinen Grund zu rennen. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, in dem es beim DEULUX-Lauf schüttete wie aus Kübeln, herrscht heute bei der 22. Auflage bestes, höchstens etwas zu kühles Wettkampfwetter. Man könnte einfach ganz entspannt rumtrotten und das Spätherbstidyll um Langsur, Mesenich, Metzdorf und Moersdorf genießen.

Aber irgendwie kann ich das nicht. Ich bin in der Startaufstellung der über 1.500 10 km-Läufer fast ganz hinten gelandet. Dummerweise fühle ich mich heute mit einem Tempo wohler, das besser ins hintere Mittelfeld passt. Mit anderen Worten: Da joggen mir welche einfach so vor den Füßen rum! Ich werde ganz wuschig dabei. Zu viele Leute sind eh hier. Das macht mir Stress. Und dadurch gerate ich unwillkürlich ins Rennen.

Zuerst ist Slalom gefragt, um etwas wie einen Laufrhythmus zu finden und nicht permanent unschuldigen Menschen in die Hacken zu latschen. Dann gerate ich in den Sog der wechselnden Staubsauger vor mir. Immer wieder ist es ein anderer Rücken, der mich magisch anzieht und dem ich langsam näher komme, um ihn dann doch hinter mir zu lassen. Mal ein jugendlich-männlicher in Trainingsjacke. Mal einer im Singlet der Läuferinnen aus dem Hochwald. Dem einen trotte ich eine Zeitlang hinterher, um mich auszuruhen. Beim anderen bin ich froh, dass etwas Neues weiter vorn mich in seinen Bann zieht und mich beschleunigen lässt … 🙄

Manche Mitläufer sind nur zu ertragen, wenn man mit Wäscheklammer auf der Nase oder mit starkem Schnupfen hinter ihnen läuft! Vielleicht tut hier ein wenig Aufklärung not, speziell für einzelne Herren der Schöpfung (ich will nicht ausschließen, dass das Phänomen auch unter Frauen auftritt, aber ich habe es dort noch nicht erlebt). Daher:

Liebe Männer! Keine falsche Sparsamkeit bitte! Natürlich bewegt man sich bei einem Lauf an der frischen Luft und darf hinterher umsonst duschen. Aber das heißt nicht, dass man sich die üblichen Interventionen zur Sicherung der Körperhygiene (vulgo: Waschen, Duschen oder Baden unter Verwendung von Seife oder Duschgel mit anschließendem Gebrauch eines Deodorants) an den zwei bis drei Tagen vor einem Lauf in Gesellschaft sparen darf! Außerdem: Selbst wenn ihr seit 20 Jahren zu jedem Wettkampf euer Lieblings-Glücksbringershirt anzieht – ein solches Kleidungsstück geht nicht kaputt und verliert auch seine magische Wirkung nicht, wenn man es regelmäßig in eine Schüssel Wasser legt, dem man ein wenig Sportwaschmittel hinzu gefügt hat, um den Schweiß der alten Heldentaten auszuwaschen und hinterher mit frischem Wasser wegzuspülen. Danke für eure freundliche Beachtung dieser Hinweise – eure Mitläufer/innen werden das sehr zu schätzen wissen! 😉

Wie auch immer: Flucht macht schnell. Und alles, was schnell macht, bringt mich schneller zu süßem Zitronentee, mindestens genau so süßem Malzbier, einer warmen Dusche und dem obligatorischen Finisher-Sekt auf der Tribüne in der Langsurer Mehrzweckhalle. Genau nach 54:56 netto ist es so weit – einmal in diesem Jahr doch noch offiziell unter 55:00 geblieben. Und die vielen, vielen schönen Läuferbegegnungen davor und danach tun einfach gut in einer Zeit, in der ansonsten eher der Schreibtisch und alles, was damit zu tun hat, eine unwiderstehliche Sogwirkung entfaltet. 🙂

P.S.: Der Sog geht weiter – ich werde mich also voraussichtlich auch in den nächsten Tagen noch blogmäßig etwas rar machen. Ich les‘ gelegentlich bei anderen mit, aber zum Kommentieren und regelmäßigen Schreiben reicht’s momentan nicht. Es kommen bessere Zeiten – irgendwann.