Prioritäten

Fast könnte man beim Lesen meiner letzten Blogposts den Eindruck gewinnen, ich liefe nur noch bei Veranstaltungen mit oder ohne Wettkampfcharakter – oder nur die seien mir wichtig genug, um über sie zu bloggen.

Weit gefehlt! Die kleinen Läufe im Alltag sind’s, die mir etwas bedeuten. Die Pausen am Pfahlweiher, der so ruhig und unberührt mitten im Wald liegt. Die Radrunden an der Mosel (z.B. nach Traben-Trarbach, wo ich in einen Festumzug gerate) und Saar (mit Pause im Philosophischen Friedhofsgarten in Kanzem). Die Besuche im Garten, durch den ich bald mit der Machete Schneisen schlagen muss, wenn ich noch ins Gewächshaus an die reifen Tomaten will. All das passt „irgendwie“ in mein Leben, tut gut, gibt mir Energie, hilft klären, ordnen, Abstand gewinnen.

Nur mag ich im Moment nicht viel darüber schreiben. Wer anderweitig mit mir im Kontakt ist, der versteht vielleicht auch warum. Die Beiträge hier werden vorübergehend eher noch weniger werden. Denn zwar bedeutet mir die Bloggerei sehr viel, aber, wie Oprah Winfrey so schön sagte, „You can have it all. You just can’t have it all at once.“ Es gibt eben manches, das momentan auf der Prioritätenliste weiter oben steht. Die Zeit zum regelmäßigeren Bloggen wird wieder kommen. Irgendwann.

Hollywood ruft! – 5. Trail Römische Weinstraße in Leiwen

Etwas irritiert hält mein Blick inne, der über die Weinberge oberhalb des Dorfes schweift – so schlecht können Rainers und mein Orientierungssinn doch nun wirklich nicht gewesen sein. 😉2017-07-23_5terTRW04Auch wenn der Schriftzug anderes verkündet: Leiwen ist nicht Hollywood! Sondern ein Dorf an der Mosel, in dem in diesem Jahr zum 5. Mail der Trail Römische Weinstraße stattfindet. Handelte es sich bei den ersten Austragungen noch um Ultraläufe der härteren Sorte, ist die Veranstaltung in diesem Jahr mit Strecken von 30, 15 und 7,5 km deutlich massenkompatibler, so dass sich insgesamt wohl an die 400 Teilnehmer/innen zusammengefunden haben. Ein Spaziergang wird es trotzdem für keinen, das lassen schon die angekündigten Höhenmeter ahnen: 1.500 sind es auf der 30 km-Strecke und immerhin noch 265, behauptet meine Uhr, auf dem von mir gewählten 7,5 km-Jedermann-/frau-Schnuppertrail. Das alles mitten in den Weinbergen und Wäldern. Nur ein kurzes Stück führt die Strecke auf Asphalt durch den Ort, dann geht es weiter auf Schotterwegen, mehr oder weniger grasbewachsenen Steilhängen und wurzeldurchzogenen Singletrails. Das Ganze wird garniert mit dünnen Bäumchen, die quer über der Strecke liegen, und ein paar Pfützen von den gestrigen Gewittern. Lecker. Wenn man’s mag und verträgt. 😉

Passend zur Kürze meiner Strecke fasse ich mich heute mal kurz, was meine Erfahrungen unterwegs angeht: Viele liebe Leute getroffen, die beste Startnummer ever erwischt, mit der Strecke wegen Höhenangst und mangelnder Trittsicherheit überfordert gewesen, das nach kurzem Frust ziemlich schnell akzeptiert und mir unterwegs noch mehr Zeit als geplant für’s Fotografieren genommen. Und darum lasse ich jetzt Bilder sprechen …

Fazit: Tolle Veranstaltung, fantastische Strecken, liebevoll gestaltete, originelle Urkunden und Holz-Medaillen für jeden Finisher – ein tolles Erlebnis und ein Muss für alle Trailliebhaber/innen. Für mich persönlich hat sich leider bestätigt, was ich im Grunde vorher wusste: „Richtige“ Trails und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr.

Jetzt kühle ich erstmal die zickenden Gräten und hoffe, dass Knie und Achillessehne sich schnell wieder einkriegen. Und danach suche ich mir hübsche halbwegs ebene Waldwege und Sträßchen, auf denen ich friedlich geradeaus, bergauf und bergab joggen kann. Bin halt doch mehr der Typ „Pussy Lane“ und nicht „Singletrail“.  Dass auf der Urkunde trotzdem eine vordere Platzierung steht, ist schlicht der zahlenmäßig sehr begrenzten „Konkurrenz“ geschuldet. 😉

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14-1.033-29-41-0 – Hospizlauf 2017

Hospizlauf in Trier – ins Leben gerufen durch den Ultraläufer Jörg Engel. Der legte vor knapp anderthalb Jahrzehnten die 200 km von Koblenz nach Trier laufend „am Stück“ zurück, nur begleitet von einem Radfahrer und einem PKW mit Verpflegung. Eine außergewöhnliche Unternehmung, um Aufmerksamkeit für die damals noch recht junge Hospizbewegung in Trier zu wecken und  dringend benötigte Spenden für die so wichtige Einrichtung zu sammeln.

Was damals eine exotisch anmutende Einzelaktion war, ist mittlerweile ein „Event“ geworden. Davon zeugen insgesamt 1.033 laufende, radelnde und skatende Teilnehmer, die bei der 14. Auflage längere oder kürzere Abschnitte zurückgelegt haben. Man kann nur ahnen, welche Mammutaufgabe die Organisatoren bewältigen – und mit größtem Respekt alle vorhandenen Hüte davor ziehen und ein riesiges DANKESCHÖN für den großartigen Einsatz sagen!  Wenn alles (zumindest aus Sicht der Teilnehmer) so perfekt abläuft und – hoffentlich – nicht nur eine Rekordzahl an Aktiven, sondern auch eine Rekord-Spendensumme zusammenkommt, haben sich der riesige Aufwand, die unzähligen Stunden Arbeit und der Verzicht auf die Nachtruhe sicherlich gelohnt.

Seit 2010 bin auch ich als Läuferin beim Hospizlauf dabei, sofern es Zeit und (wichtiger) Gräten zulassen (gerade mal nachgeschaut: hier die Berichte aus 2010, 2012, 2013 und 2014). Bisher meist nur auf sehr kurzen Abschnitten. In diesem Jahr erstmals über Nacht, dank der logistischen Unterstützung von Rainer und seinen Kumpels vom Lauftreff Olewig, die einen Kleinbus als Begleitfahrzeug gechartert haben. Eigentlich bin ich als Unterstützung für die etwas spärlich besetzte Staffel gedacht. Das stellt sich aber als unnötig raus – die Herren (und die Damen, die am Freitag- und Samstagmittag den Tross verstärkten) wären auch ohne mich klargekommen. Das Asylangebot im Bus wird aber trotzdem nicht zurückgezogen – dankeschön! 🙂

Da für mich der Freitag noch Arbeitstag ist, geht es erst am frühen Abend per Zug an die Mittelmosel. Angesichts der extremen Hitze und Schwüle kann ich nicht sagen, dass es mir Leid tut, den Nachmittag auf der Strecke verpasst zu haben. Als ich gegen kurz vor 21 Uhr in Ediger-Eller aus der Regionalbahn steige, finde ich es noch immer elend warm. Ein wenig Fahrtwind auf dem Rad schadet also nicht auf den 2 Kilometern bis Bremm, wo fast direkt unterhalb des Bremmer Calmont, des steilsten Weinbergs der Welt, der Wechselpunkt aufgebaut ist. Im Gewusel treffe ich Rainer und die Olewiger Kollegen, die es sich vor dem Kleinbus auf Isomatten und Campingstühlen bequem gemacht haben. Schnell das Rad auf den Anhänger geladen, den die Organisatoren bereitgestellt haben, dann kurze Absprachen darüber, wer welche Etappen bewältigen wird. Eigentlich wollte ich direkt in Bremm loslaufen. Nur: Gleich zum Einstieg eine 12,8 km lange Etappe – und das bei der heftigen Restwärme? Auch wenn das 6:30er-Tempo für mich inzwischen leicht bis locker ist, traue ich mir das nicht zu. Also entscheide ich mich, erst ab Zell zu laufen.

Halbwegs pünktlich trifft der Tross ein und wird mit Blasmusik begrüßt. Viele Begegnungen am Rande, nicht nur hier, sondern überall unterwegs. Die komplette Trier-Eifel-Hunsrück-Läuferszene ist vertreten, irgendwann trifft man so gut wie jede/n, den man aus diesem Umfeld kennt. Da ich im Moment aus Gründen, die nicht in einen öffentlichen Blog gehören, in mich gekehrter bin als sonst, ist das manchmal ein bisschen viel für mich. Aber alles in allem freu ich mich doch drüber.

Nachdem die Läufer aufgebrochen sind, packen wir unsere Sachen und fahren zum nächsten Etappenort Zell, zur „Schwarzen Katz“, ebenfalls eine berühmte Weinlage, der man im Ort ein kleines Denkmal gesetzt hat. Es dämmert schon, mein Handy liefert leider nur etwas grobkörnige Bilder. Hier geht es nun gegen 23 Uhr also los mit der Lauferei. Gemeinsam mit Rainer mache ich mich auf die knapp 9 km lange Etappe. Hell gekleidet mit Warnweste und Stirnlampe dazu, weil der Weg am Rand öffentlicher Straßen entlangführt. Obwohl sich die Luft beim Loslaufen fast schon (zu) kühl anfühlt, fördert die hohe Luftfeuchtigkeit die Schweißproduktion – das wird die ganze Nacht über so bleiben! Nach jeder Etappe kann ich das jeweils getragene Shirt auswringen, trotz wirklich moderaten Tempos und niedriger Pulswerte, die ebenfalls belegen, dass der Lauf für das Herz-Kreislauf-System nicht übermäßig anspruchsvoll war.

Schnell ist der Abschnitt bis Reil bewältigt, die Ablösung geht auf die Strecke, Rainer und ich krabbeln in den Bus und lassen uns von Christoph nach Traben-Trarbach kutschieren. Dort ist Weinfest, die Musik von dort weithin zu hören. Mir ist flau, schlafen kann ich nicht. Also noch eine schnuckelige 9 km-Etappe laufen durch die Finsternis. Startzeit: 1:15 Uhr, das hatte ich noch nie.

Diese Etappe hätte wunderbar friedlich sein können, weil sie ab Wolf fernab der Straßen verläuft. Nur das Tappen der Läuferfüße, leise Gespräche und leichtes Schnaufen durchbrechen die Stille der Nacht … so ungefähr hätte ich mir das vorgestellt. Mit 30, 40 Leuten und mehr in Laufschuhen und auf Rädern hatte ich nicht gerechnet. Und auf Begleitung durch einen Radfahrer, der auf seinem Anhänger eine Stereoanlage platziert und uns abwechselnd mit Techno-Gewummer und Helene Fischer beschallt, war ich nicht gefasst. Es mag gut gemeint gewesen sein und den einen oder anderen motiviert haben. Mich hat es genervt. Mir wären ein bisschen weniger Partycharakter und ein bisschen mehr Ruhe zum  Nachdenken und Gedanken-Schweifen-Lassen lieber gewesen. Ob das angesichts des Zwecks, den der Lauf verfolgt, nicht auch irgendwie passender wäre, könnte man diskutieren …

Die nächsten zwei Etappen pausiere ich. Etwas fröstelnd. Merke: Bei der nächsten Auflage an lange Hose und Pulli oder Fleecejacke denken! Rainer rettet mich mit einem Shirt und seinem Daunenschlafsack, mit dem ich mich im Bus zudecke. Bisschen dösen im Sitzen – schlafen kann ich nicht. Anzahl Schlafstunden in dieser Nacht also: 0.

Meine nächste Laufetappe startet am Wohnmobilstellplatz in Wintrich. Und sie motiviert besonders, warten doch an ihrem Zielort Piesport der erste Kaffee des Tages und der beste Streuselkuchen der Welt. Gegen 5:30 Uhr, schon im Hellen, aber vor Sonnenaufgang geht es wieder mit Rainer auf die Strecke, die knapp 6 km der Belohnung entgegen. Herrlich! Kann Streuselkuchen besser schmecken? Mengenmäßig halte ich mich trotzdem zurück, wohl wissend, dass frischer Hefekuchen dem Magen einige Herausforderungen bereiten kann und dass es später noch andere Köstlichkeiten gibt. Eine zweite kurze Etappe von knapp 6 km bis Neumagen hängen wir dran, genießen den Sonnenaufgang über der Mosel.

Dann reicht’s mir erstmal mit dem Laufen. Aber in den Bus mag ich jetzt, wo ich mal wach bin, auch nicht mehr. Also mit netter Hilfe das Rad vom Hänger geladen und radelnd ab über Trittenheim nach Leiwen, das nächste Etappenziel. Dort warten frische, knusprige Brötchen mit Käse und ein umfangreiches leckeres Obstbüffet.

Weiter nach Detzem, Marcel laufend, die anderen per Bus, ich radelnd durch die Weinberge und am Ufer entlang. An der Staustufe der nächste Wechselpunkt. Ich überlege, ob ich Lust habe, das Rad auf den Hänger zu laden und noch ein oder zwei Etappen zu laufen. Nein! Ich habe knapp 29 km in den Beinen, könnte ausdauermäßig noch deutlich mehr, bin aber nicht sicher, ob das dem Knie und vor allem den Achillessehnen gut tut, die sich trotz Schuhwechsel die ganze Zeit leicht beschweren. Und so langsam sind es mir – für mein momentanes Gesamtbefinden – viel zu viele Leute. Also verabschiede ich mich von den Olewiger Männern und radle einfach das letzte Stück. Insgesamt 41 Radkilometer kommen so bis Trier zusammen.  Ok, die letzten waren etwas unangenehm. Ich hätte besser die Polsterhose getragen.  😉 Aber den Beinen tut das Ausradeln gut.

Gegen 10 Uhr bin ich daheim. Kaffee, Dusche, bisschen Beine hochlegen. Aber nur nicht einschlafen. Schließlich gilt es spätestens um 12 Uhr am Hospizhaus zu sein, um die eintreffenden Massen zu begrüßen.

Auf dem Weg treffe ich die Olewiger, die ihren Bus in meiner Nachbarschaft abgestellt haben. Rainer und ich stillen erst einmal mit Schwenkbraten und bleifreiem Bier den Appetit auf Deftiges, dann geht Rainer seinen Verpflichtungen als Chefreporter des Trierischen Volksfreunds nach, fotografiert den Bischof, der in diesem Jahr als Schirmherr der Veranstaltung fungiert, die Bundesfamilienministerin, die aus der Region stammt und sich solch ein Ereignis im Wahlkampf auch nicht entgehen lassen kann, und schließlich den riesigen Läufertross. Weil Rainer schlecht Spiegelreflexkamera und Smartphone gleichzeitig bedienen kann, gebe ich die liebreizende Assistentin und versuche mich an einem Videomitschnitt des Zieleinlaufs. Geschafft! Noch ein Bierchen trinken im Garten des Hospizhauses. Kuchen passt leider nicht mehr rein. Und das Sofa lockt … siehe „Schlafstunden: 0“. Also heimwärts.

Fazit: Ein intensives und auch schönes Erlebnis! Ob ich es in dieser Form noch einmal haben will? Weiß ich nicht. Für mich persönlich ist die Veranstaltung zu groß. Aber vielleicht lauf ich ja mal einzelne Etappen allein oder mit wenigen Freunden, um die mystische Atmosphäre zu genießen, die so ein Nachtlauf in der Natur haben kann. Und das „Event“ nehme ich der wichtigen Sache wegen trotzdem mit. Auf eine Nacht Schlaf kann man auch mal verzichten.

„Wenn der Alpenfirn sich rötet, …“– Stralugano 2017

„Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!“ – mit Inbrunst schmettert eine junge Dame die schweizerische Nationalhymne, allerdings in italienischer Sprache, schließlich sind wir in der italienischen Schweiz. Dass in Deutschland vor einem Volkslauf „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gesungen würde – undenkbar!

Na gut, dann wird also in der Schweiz beim Anblick des sich rötenden Alpenfirns gebetet. Beim Anblick einer sich rötenden Läuferin wohl eher nicht, schon gar nicht beim Anblick von über 2.000 sich rötenden Läufern. Unterwegs verfluche ich mich wegen der Idee, bei Mitte 20 Grad eine Startnummer anzupinnen und in der größten Mittagshitze zwischen 13 und 14 Uhr zu rennen. Ist schon verflixt warm auf diesen 10 Kilometern. Aber schön. Zu schön, um die Chance der Teilnahme nicht zu nutzen, wenn man schon aus beruflichen Gründen zufällig gerade dann vor Ort ist, wenn die Stralugano stattfindet.

Wenn man das mit der Zeit und dem Wettkampfcharakter nicht ganz so eng sieht, hat man sogar was von der schönen Strecke: Man läuft durch Teile der Altstadt von Lugano, Richtung Mont Bre auf der Uferstraße, zurück durch den Parco Civico, am Ufer des Sees bis Paradiso und von dort zurück in die Innenstadt. Die fantastische Kulisse und die großartige Stimmung unter den vielen, vielen Zuschauern entschädigen für ein bisschen Quälerei. Die hält sich aber in Grenzen, weil ich mir an den Getränkeständen ein paar Schritte Gehpause gönne und eine Fotopause einlege, wo die Strecke besonders schöne Ausblicke über den See auf die schneebedeckten Berggipfel erlaubt. Für eine Zeit knapp unter 54 Minuten reicht es trotzdem noch. Aber die ist mir wurscht, es ging mir nur um das Erlebnis.

Für diejenigen, die sich für das Drumherum der Veranstaltung interessieren: Alles in allem ein top organisierter und sehr empfehlenswerter Lauf. Die Strecke ist topfeben und unter normalen Bedingungen und bei vollem Einsatz absolut bestzeitentauglich. Da gestaffelt aus Blöcken gestartet wird und die meisten TeilnehmerInnen halbwegs realistische Meldezeiten angegeben haben, verliert man auch insgesamt wenig Zeit durch Überholen, zumal die Strecke auf den ersten Kilometern sehr breit ist.  Über die Duschen im Messezentrum (etwa 800 m vom Ziel entfernt und beim Auslaufen, notfalls auch mit dem Shuttlebis erreichbar) kann ich nichts sagen, da ich die Gelegenheit hatte, nach dem Lauf im Hotelzimmer zu duschen. Für deutsche Verhältnisse fällt das Startgeld mit 50 Euro bei kurzfristiger Nachmeldung sehr hoch aus. Man zahlt halt viele Zugaben mit: Funktionsshirt im Starterbeutel, zusätzlich jede Menge Krams zum Futtern und für die Körperpflege. Im Ziel eine Medaille und ein Handtuch für jeden Finisher, außerdem natürlich Verpflegung und Schwämme unterwegs und im Ziel sowie hinterher eine Pastaparty im Parco Civico. Der Halbmarathon, bei dem es wegen der früheren Startzeit nicht ganz so heiß wird, ist leistungsmäßig besser besetzt als der 10er. Man läuft zwei Runden – selbst bei einer schönen Strecke ist das nicht jedermanns Sache. Mir haben die 10 km vollauf gereicht.

Ich wollte und musste ja auch noch arbeiten – dazu war ich schließlich vor Ort.

Aber für ein wenig Sightseeing und eine Bähnlifahrt (zum Wandern reichte die Zeit dann doch nicht mehr) auf den Mont San Salvatore war dann doch noch Gelegenheit. Das Panorama hätte ich um nichts in der Welt versäumen mögen.

Und die grandiosen Ausblicke von der kleinen Propellermaschine aus auch nicht, die uns bei klarster Sicht von Lugano nach Zürich über die Alpen schaukelt. Herrlich!

Doch, solche Highlights tun gut! Sie bringen zwar einerseits noch mehr Zeitdruck in den straff getakteten Plan, aber anderseits: Wer will denn bitteschön so was verpassen?

Schäfchen im Trockenen – Panoramalauf Olewig

Frühling in Hochform. Leuchtend grüne Bäume, sattgrüne Wiesen, blühende Rapsfelder – und das alles unter blauem Himmel mit wuchtigen Wolkengebirgen. So schön, dass am Schreibtisch sitzend der Blick immer wieder sehnsüchtig vom Bildschirm nach draußen wandert. Aber so ein bisschen Broterwerb muss nun mal auch sein. Es gibt ja den Heimweg nach Feierabend und die 40 Minuten Spaziergang über den Petrisberg bis nach Hause.

Und es gibt den Panoramalauf des LT Olewig. Einen Freundschaftslauf ohne Zeitmessung. Das hindert nicht unbedingt daran loszurennen, als gäbe es doch eine. Aber irgendwann erinnert man sich dann noch daran, dass es keine gibt, und lässt es ruhiger angehen.

So halte ich das wenigstens auf der 16 km-Strecke, die ich gebucht habe, um mich Rainers ortskundiger Führung anzuvertrauen. So komme ich zwar nicht zu einem gemeinsamen Lauf mit Doris, die sich mit den 10 km begnügt. Dafür treffe ich andere: Die ersten 5 km zum Neubaugebiet am Trimmelter Hof geht’s recht flott hinauf, zusammen unter anderem mit Trailfrosch Birthe. Wir freuen uns beide riesig, dass es endlich mal mit einem gemeinsamen Läufchen klappt – und darüber, dass ihr nicht die Füße einschlafen und ich nicht röchelnd am Streckenrand verende.

Nach dem ersten Verpflegungspunkt entscheide ich mich dann für „piano“ und halte mich in der gut 30 Leute umfassenden Gruppe bewusst hinten bis ganz hinten. Das erlaubt es mir, mit Harald zu quatschen, mit dem ich auch ewig nicht gelaufen bin, weitere Läufer kennenzulernen und nebenbei die Gräten zu schonen. Schmerzen hab ich nicht, nur muskulär und vom Puls her merke ich, dass mir nach der vielen schnellen Rennerei in den letzten 14 Tagen mit 2 Wettkämpfen und vorgestern dem flotteren Lauf mit Rainer ein ruhigeres Tempo besser tut. Außerdem geht es langwierig bergauf, am Rand von Tarforst entlang und zwischen Filsch und Tarforst durch die Felder auf die Höhe. Dort der zweite Verpflegungspunkt bei toller Aussicht, aber auch mitten im Wind – das wird frisch. Gut, dass es bald weitergeht, nun unterteilt in zwei Gruppen, damit die Schnelleren ohne schlechtes Gewissen wegziehen und die Langsameren ohne Druck ihr Tempo laufen können.

Durch die Felder führt die Strecke nun rüber Richtung Domäne Avelsbach, erst durch das idyllische kleine Dörfchen mit den ehemaligen Arbeiterhäusern, die jetzt allesamt liebevoll saniert und mit gepflegten Gärtchen einen Puppenstubencharme versprühen. Dann am „Schlösschen“ vorbei runter ins Tal, hoch zum Unicampus und über den Skulpturenweg auf den Feldweg, der unterhalb von Campus 2 in die Olewiger Weinberge führt. Dort ist gerade wieder einmal der Schäfer aus Oberemmel mit seiner Herde unterwegs. Direkt an den Schafen mit ihrer Nachzucht vorbei traben wir mit teils nun doch schon müden Beinen.

Noch einmal vom Weinbergsweg ausgiebig den Weitblick genießen! In der klaren Luft des Tages sieht man bis fast nach Luxemburg hinüber und kann sich über die sonnenglitzernde Mosel in der Ferne freuen – aber auch mit einem Stirnrunzeln sehen, was sich da an Gewitterwolken zusammenbraut. Egal, nur noch ein gutes Auslaufkilometerchen, dann ist’s geschafft und Rainer hat alle seine (Lauf-)Schäfchen wieder ins Trockene gebracht. Dem Guide der 25 km-Läufer wird das nicht mehr gelingen und die Strecke wird dank nicht ganz so ortskundiger Führung auch etwas länger ausfallen. Aber ein bisschen Wasser von oben und ein paar Kilometer mehr haben noch keinem trainierten Läufer geschadet. Das süße und herzhafte Büffet ist außerdem so überreichlich gefüllt, dass auch der letzte Läufer ausgehungert ankommen, aber pappsatt wieder von dannen fahren kann. Bisschen quasseln noch mit Karin, Doris und manch anderem. Dann aber ab nach Hause. Einen nassen Balg krieg ich auf dem Rad dann doch noch. Aber so ein bisschen Wasser …

Fazit: Fein war’s! Durchaus fordernd waren die 16,7 km. Das war angesichts der Höhenmeter zu erwarten (waren lt. meiner Uhr nur 300 und nicht 400, fühlten sich aber wie 400 an)  und wurde durch die teils stechende Sonne und eine gewisse Schwüle verstärkt. Aber das Wetter war der Hammer! Sonne, Wolken, Wind, unglaublich klare Luft – ein Läuferträumchen! Die Strecke war einfach toll gewählt, die Bezeichnung „Panoramalauf“ war alles andere als eine Mogelpackung!  Und die Orga drumherum mit dem exzellenten Büffet war wie immer vom Feinsten – vielen Dank an die Mädels und Jungs vom Olewiger Lauftreff! Gerne wieder im kommenden Jahr!

Wenn 10 km länger als 15 sind – 11. Ruwer-Riesling-Lauf

Achtung – wieder mal (zu) lang und leider fast unbebildert, weil die Cam wegen Nässe von oben im Rucksack blieb.

Wer regelmäßig läuft, der weiß, dass ein und derselbe Lauf unterschiedlich lang sein kann. Da gibt es die offiziell vermessene Länge der Wettkampfstrecke. Und die tatsächliche Länge, die ca. 1 % drüber liegt. Vor allem aber die gefühlte Länge. Manchmal saust so ein Lauf quasi an einem vorüber. Manchmal ziiiiiieeeeeeht er sich. Und man fragt sich und andere leicht verzweifelt, ob 10 Kilometer schon immer so lang waren … 😉

Der Ruwer-Riesling-Lauf lädt jedes Jahr wieder zu einem kleinen Koppeltraining ein. Knapp 10 Kilometer sind es von der Haustür bis zum Freibad in Mertesdorf, wo sich Start und Ziel befinden. Andere, wie die orangefarbige Hälfte des Tridreamteams, nehmen das mit dem Koppeln ernster und fahren vor- und hinterher jeweils zwei Stunden durch die Berge. Da ich aber kein(en) Inferno vor Augen habe, reichen mir jeweils 25 Minuten flaches Rumgestrampel am Stadtrand.

Dass sich der Sonnenschein vom Vormittag in dichte Bewölkung und leichtes Getröpfel von oben verwandelt hat, stört nicht, eher im Gegenteil. Dass das Getröpfel aber kurz nach dem gemeinsamen Einlaufen mit Moni und Kerstin in intensiveres Getröpfel übergeht, irritiert mich dagegen milde – kein Wetter für Brillenträgerinnen. Legt sich zum Glück kurz vor dem Start wieder, alles gut, wenigstens in dieser Hinsicht.

Mit 370 LäuferInnen ist es schon verflixt voll auf dem Radweg. Dass ich in diesem Gewusel kurz vor dem Start doch noch auf Helge treffe, grenzt an ein Wunder! Gemeinsame Freude, kurze  Absprache, dass wir beide getrennt und „auf eigene Rechnung laufen“, weil ich zügiger angehen will. Vielleicht kann ich ja meine alte Bestzeit von knapp über 52:30 ein bisschen aufpolieren?!2017-05-07_Ruwer-Riesling-Moselrad01Vor lauter Quasselei landen wir in der Startaufstellung recht weit hinten. Zu weit. Das wird auf dem engen Radweg zum Problem. Einerseits verhindert das Gedrängel und Überholen-Müssen zwar ein Überpacen. Andererseits wird der erste Kilometer aber extrem unrhythmisch: Slalom, Ausweichen auf den Grünstreifen neben der Strecke, Abbremsen, weil drei Vereinsmitglieder eine Quasi-Streckensperrung vornehmen. Erst kurz vor Kasel hab ich mich freigelaufen und sogar ein größeres Loch vor mir.

Sowas mag ich. Da kann ich mir einen Rücken ein Stückchen vor mir aussuchen und mich „ransaugen“. In diesem Fall gehört der Rücken einem bulligen Mann in Gelb. Kurz vor dem Ortsausgang Kasel hab ich ihn. Dann kommt der nächste Gelbe dran, ein Vereinstrikot aus Irrel oder so. Für den brauche ich sicherlich 2 Kilometer. Die leicht ansteigende Strecke fordert eine gewisse Zurückhaltung, um die nötige Lockerheit nicht zu verlieren. Wie schon letzte Woche in Hermeskeil sind die Steigungen mit 0,5 bis 1,5 % minimal. Sie kosten aber Kraft und man kommt gefühlt kaum vom Fleck.

Die Getränkestände lass ich links liegen. Auch wenn die Kleingartenkollegin, die in Waldrach für die Wasserversorgung zuständig ist, mir das frische Nass noch so herzlich aufdrängt, ich brauch nichts. Lieber versuchen, gleichmäßig zu laufen. Die Erinnerung verschwimmt, der 5. km wird hart. Man kann sich allerdings ablenken, weil massenhaft Schnellere von vorn kommen. Überraschend spät taucht Moni auf, gar nicht so weit dahinter Kerstin. Und ich bin schon kurz vor der Wende. Da geht was heute …

Der Wendepunkt ist eine Befreiung. Zwar waren die Beine auch vorher nicht „fest“. Das gelöste Gefühl, mit dem man auf einmal „abwärts“ rennen kann, ist trotzdem genial. Wie in Hermeskeil kriege ich es hin einfach „rollen zu lassen“ – den Oberkörper ganz leicht nach vorn, Beine bewusst locker machen, here we go!

Locker heißt nicht leicht. Aber viel schneller als vorher bei subjektiv gleicher oder minimal zunehmender Anstrengung. Kilometer 6 bis 8 bei einem 10er finde ich immer ein bisschen widerlich. Trotzdem mache ich mich weiter ans Leute-Einsammeln. Auch der große schlanke Kerl in Schwarz, der mich bei km 4 noch überholt hat, wird kassiert. Kerstin überlaufe ich irgendwo um km 8 herum.

So allmählich komm ich sogar Moni näher. Dieses „Ransaugen“ von hinten funktioniert überraschend gut – und zu merken, dass man wirklich näher kommt, setzt frische Kräfte frei. Kurz vor km 9 bin ich dran. Kein Wunder, nach einem Marathon vor 14 Tagen und dem zügig gelaufenen 15er vor einer Woche sind Monis Beine noch müder als meine. „Zieh und hol dir den 3. AK-Platz!“ – mit diesen Worten verabschiedet sie mich. (edit: Und – woran Moni mich hinterher bei Facebook erinnerte – mit einem „Ich sterbe!“ verabschiedete ich mich von ihr … so kann man sich täuschen!  😆 ).

Ok, dann mach ich mal. Dieser eine mickerige Kilometer, der noch vor mir liegt, zieht sich wirklich elend in die Länge. Ich hab mir eingebildet, die Strecke sei so gerade, dass man das Ziel schon 600 m vorher sieht. Nix is. Als dann endlich doch der Sprecher zu hören ist und der weißblaue Bogen in Sicht kommt, stellt sich die Freuden-Gänsehaut ein. Das Strahlen wird ganz von selbst ins Gesicht getackert. Geschafft! Ohne Einbruch durchgelaufen. Und das klappt auch noch mit der Bestzeit!  51:37. Auf der eigenen Uhr und später auch offiziell.

Moni, Kerstin und Helge trudeln ganz kurz nach mir ein, mehr oder weniger zufrieden, fertig und durstig. Auf den Sprung ins kühlende Schwimmbad-Nass oder unter die Dusche verzichte ich angesichts des Gedrängels. Bloß schnell das Shirt wechseln und raus, wo Helge und ihr Rennrad schon warten.

Kurz ein Blick auf die Ergebnislisten: Mit dem AK-Treppchenplatz hat’s dann doch nicht geklappt, weil zwei schnelle Frauen von auswärts dabei waren, die wir Einheimischen nicht auf der Rechnung hatten. Die erste in einer 42er-Zeit, Riesen-Respekt! Selbst für Platz 3 hätte ich noch eine tiefe 47er-Zeit gebraucht.

So what. Gibt’s halt statt Siegerehrung leckeren Kaffee und Rhabarberkuchen, dazu munteres Geplauder mit Helge. Dann machen wir uns gemeinsam auf den Heimweg, zwei Kilometerchen gemeinsam, dann in getrennte Richtungen. Ein Zwischenstopp im Gourmet-Tempel „Zum eiligen Esser“ am Bahnhof muss sein: Extrastark gesalzene Fritten zur Krampfprophylaxe, um die murrende Wade zu beruhigen, eine Cola als Energieschub für die letzten 2 km und ein Salat für’s gute Gewissen. 😉2017-05-07_Ruwer-Riesling-Moselrad02Fazit: Organisatorisch war bei dem Lauf alles super wie jedes Jahr. Gefühlt waren die 10 km für mich deutlich länger als die 15 in der Vorwoche. Dafür war die durchschnittliche Hf genau so hoch wie beim halb so langen 5er vor 6 Wochen. 😉

Dass es schwer wird, war angesichts des fehlenden Pacers und der Tatsache, dass die Beinmuskulatur bis Donnerstag noch ziemlich nörgelte, auch zu erwarten. Wirklich fiese Quälerei war’s trotzdem nicht. Dieses Kämpfen am Limit mit der Gefahr, sich die letzte Mahlzeit noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, mag ich nicht mehr. Lieber ein kleines bisschen langsamer laufen, sich freuen, dass das Fahrwerk mitspielt, und mal ein Lächeln und ein Dankeschön spendieren für die Trommelgruppe am Wegesrand in Kasel oder die Musikbeschallung vom Band in Waldrach. Darüber freuen sich alle. Auf die paar Sekunden, die ich aus mangelnder Quälbereitschaft verschenke, kommt es keinem an. 😎 Ein bisschen „dicke Beine“ hab ich trotzdem hinterher – aber die heutige frühmorgendliche „Kaffeefahrt“ hat sie schon wieder lockerer gemacht. 😉

Als VIP zur PB – 9. TEBA Radweglauf Hermeskeil 2017

„Ich gewinne ja eh nie was!“ – nur diese Überzeugung hat mich dazu gebracht, meine Daten in das Startplatzverlosungs-Formular auf den Volksfreund-Seiten einzugeben. Und dann hab ich auch noch mein Kreuzchen nicht bei „5 km“, sondern bei „15 km“ gesetzt. Tja, nun hab ich den Salat: Einen Freistart im fiktiven „TV bewegt“-Team. 15 km beim 9. TEBA Radweglauf in Hermeskeil. Hermeskeil ist sozusagen die Perle des Hochwalds. Diese Perle offenbart ihre Schönheiten und kulturellen Highlights allerdings nicht ohne Weiteres. Ein Auto sollte man schon haben, vor allem wenn man am Wochenende von Trier aus dort hin will. Oder viel Geduld für eine etwa einstündige Busreise über die Dörfer mitbringen.

Mich derart in Geduld zu üben bleibt mir zum Glück erspart. Rainer hat sich nicht nur erboten, mich bei diesem Lauf als Pacemaker zu begleiten. Er spendiert mir auch noch das Rundum-Sorglos-VIP-Paket mit PKW-Shuttle ab Haustür und retour. 😉 Und so geht’s mit Dominik, dem einzigen an diesem Tag einsatzfähigen Laufkollegen aus der Olewiger „Black Men Group“, durch die Frühlingswälder- und –wiesenlandschaft. Ab in den Hochwald, dorthin, wo der Frühling noch nicht ganz so weit ist wie im milden Moseltal.

In der Turnhalle des Hermeskeiler Schulzentrums gibt’s Startnummern, Gewusel, erste Läuferplaudereien. Lockeres Einlaufen die knapp anderthalb Kilometer bergab zum ehemaligen Bahnhof. Dort liegt der Endpunkt des Ruwer-Hochwald-Radwegs, der im Moseltal in Ruwer beginnt und auf einer ehemaligen Bahntrasse etwa 50 km bis Hermeskeil führt. Ein glattes Asphaltband, auf dem ich auch schon des Öfteren mit dem Rad entlanggesaust bin – allerdings noch nie bis zu besagtem Endpunkt.

Die heutige Wettkampfstrecke ist mir also neu. Ihr Profil macht auf dem Bild im Web einen etwas unappetitlichen Eindruck: Direkt nach dem Start gut 3,5 Kilometer aufwärts mit leichter Steigung. Die kann einem ziemlich den Zahn ziehen, wenn man zu schnell angeht. Dann ein Stückchen flach. Ein weiteres schön abschüssig. So ab Reinsfeld wieder leicht „bergauf“ bis zum Wendepunkt. Und dann das Ganze in umgekehrter Reihenfolge.

Den Luxus eines individuellen Pacers genießen zu dürfen, ist genial. Mit dem kann man natürlich „einfach so draufloslaufen“. Allerdings kann man auch eine Absprache darüber versuchen, wie schnell man denn gern gepaced werden will. Hmmmm? Meine Klugscheißeruhr behauptet, ich kann 5:20. Die 3 x 2.000 m in 5:11 bis 5:20 am letzten Montag fühlten sich auch ok an. Und in den bei dieser Einheit getesteten neuen schnellen Schuhen sollte das hinhauen. Trau ich mir aber trotzdem nicht so recht zu. Dafür waren die Trainingsumfänge zu gering. Lieber ein bisschen ruhiger. Oder doch nicht?

Ausgeruht bin ich jedenfalls. Erzwungenerweise. Mittwoch 9 Stunden im Zug bzw. in der Kölner DB Lounge. Plus 4 Stunden Tagung. Donnerstag immerhin ein Hauptstadtläufchen in munterer Begleitung von Kerstin – morgens gegen 5 ist „Unter den Linden“ und im Tiergarten die Welt noch sehr in Ordnung. Nochmal 8 Stunden Tagung. Dann klingt der Tag mit einem Schokoladen-Aperitif in Rauschs Manufaktur und einem deftigen proteinhaltigen Abendessen aus. Der Freitag beginnt mit einem gemütlichen Spaziergang, gefolgt von einem Bummel über den „Türkenmarkt“ am Maybachufer (inklusive Verkostung der dort feilgebotenen Spezialitäten) und einer wieder 8-stündigen Bahnfahrt nach Trier.

Und heute, am Samstag, wird gelaufen. In der Startaufstellung bin ich erst einmal allein. Rainer hält den Start bildlich fest und kommt dann nach etwa 150 Metern so flott an mir vorbeigewetzt, dass ich ihn kaum noch stoppen kann. Ganz so schnell will ich dann doch nicht. Erstmal einrollen. Der T-Shirt-Spruch auf dem Rücken der zwei breitschultrigen Herren vor uns scheint das Tagesmotto vorzugeben: „Quäl dich, du Sau!“. Nee, quälen will ich mich nicht! Ich will zwar schnell laufen, aber trotzdem einfach genießen, dass ich endlich wieder laufen kann.

Also will ich so einen Spruch nicht die ganze Zeit lesen müssen. Rainer auch nicht. Darum ziehen wir vorbei und finden mein Tempo. Nicht auf Anhieb. Wir werden ein bisschen zu schnell, ich bremse. Wir werden wieder zu schnell, Rainer bremst. Seine Streckenkenntnis ist ein riesiger Vorteil, denn man kann sich richtig „abschießen“ bei diesem Lauf, wenn man bereits auf den ersten drei, vier Kilometern zu viele Körner verbraucht. Spätestens auf dem Rückweg zwischen Kilometer 10 und 11 rächt sich das böse.

Also lautet die Devise „Kontrollierte Offensive“:  Die ersten vier Kilometer in Zeiten um die 5:15 bis 5:20. Hart, aber nicht zu hart. Immer mal wieder ein bisschen Läufer-Smalltalk, kurze Begegnungen, eine ungefähr gleichaltrige Kollegin in Rot, die dann aber doch ein Stückchen wegzieht. Ich versuche nicht mitzuhalten, das wäre gerade zu schnell. Und trotzdem: Es rollt gut bei mir, vor allem, als es jetzt leicht abschüssig wird. Kilometerzeiten unter 5:10, Rainer mahnt zur Vorsicht. Recht hat er. Aber die Beine wollen schneller. Vor allem aber löst die nicht ganz so frische Frühlingsluft Fluchtimpulse aus. Ob es Gülle ist oder Rückstände aus der Biogasanlage, die der Landwirt auf dem Acker neben der Strecke ausbringt: Selbst für eine seit Kindertagen an solche Gerüche gewöhnte Nase ist das eine harte Probe!

Wenn die Landschaft gerade mal nicht stinkt, ist sie wunderschön, so viel kriege ich am Rande noch mit. Der Radweg hat anderenorts stinklangweilige Abschnitte, auf denen man zwischen grün überwucherten Lärmschutzwällen dahinrollt. Aber hier lässt er den Blick in die Wiesen und über die Äcker frei. Wir passieren Reinsfeld, das einzige Zuschauernest unterwegs.

Rainer bleibt an der Verpflegungsstelle kurz zurück, um ein Filmchen zu drehen, ich laufe allein weiter. Inzwischen gibt’s auch Gegenverkehr. Die ersten schnellen Männer, ein Stückchen dahinter Yvonne als erste Frau zusammen mit Dirk. Zu beobachten und anzufeuern lenkt davon ab, dass es wieder aufwärts geht. Noch etwa ein Kilometer minimal ansteigend bis zum Wendepunkt. Wird schwer, ich bin froh, dass Rainer aufgeschlossen hat und mir gut zuredet.

Dafür läuft es nach der Wende um so lockerer. 0,8 Prozent Steigung sind ja wirklich nicht viel. Fühlt sich aber an wie Kaugummi in den Beinen. Und wenn man dann wieder abwärts darf, ist das wie „Turbo zünden“. Zum Glück mahnt Rainer und erinnert an die noch vor uns liegenden ansteigenden Kilometer. Und meine Oberschenkelmuskulatur mahnt auch. Also etwas ruhiger und am Getränkestand in Reinsfeld – schamlos ausnutzend, dass der Pacer für ein paar Filmaufnahmen zurück geblieben ist – einige Schritte Gehpause, damit das Wasser ohne Verschlucken im Magen landet.

Ok, jetzt also der neuralgische Abschnitt der Strecke. Aufwärts zwischen Kilometer 9 und 11. Pace so um die 5:25, 5:30. Langt! Mehr geht nicht, mehr muss nicht. Irgendwie „rauf“. Etwas wortkarg, einfach vor mich hin dieselnd. Und mich dran erinnernd, dass ich nicht den Oberkörper nach vorn fallen lassen, sondern aufrecht laufen sollte, um frei zu atmen. Das mit dem Atmen ist allerdings nur eine partiell wohltuende Erfahrung … von wegen „frische Landluft“. 😉 Immerhin überlagert das Geruchsempfinden alle anderen weniger angenehmen Körpererfahrungen. Schwupps, schon sind wir am „Gipfel“ und es geht nur noch abwärts.

Rainer plaudert munter über seine Erfahrungen mit Mentaltraining in der Marathonvorbereitung, erinnert mich ans aufrechte Laufen. Ich freu mich einfach. Ich freu mich darüber, dass ich laufen kann. Darüber, dass es so schnell geht, dass die Beine wieder locker sind und dass nichts ernsthaft weh tut. Darüber, dass ich hier sein darf und eine so tolle Begleitung habe. Über die Natur um mich rum. Darüber, dass ich den einen und die andere vor mir noch „einsammeln“ kann. Die Frau im roten Shirt, die mir nach 3 km davongezogen ist. Einen recht großen Mann im froschgrünen Shirt. Einen anderen im grauen Shirt der Veranstaltung.

Moni aus meiner AK rennt in leuchtendem Orange so 60, 70 Meter vor mir. Mit dem Hamburg-Marathon vor einer Woche in den Beinen macht sie heute etwas gemütlicher – normalerweise würde ich nicht mal ihre Hacken sehen. Aber einholen, wie Rainer so locker vorschlägt, werde ich sie trotzdem nicht. Mit Zeiten unter 5:00er-Schnitt laufe ich eh gerade am Limit – zum Vergleich: Vor fünf Wochen in Schweich war das mein 5 km-Tempo.

Nee, reicht! Mein Pacer erinnert mich nochmal daran, an lockere Armhaltung zu denken und so alles rauszuholen. Im Gegenverkehr taucht Dominik auf, er ist schon beim Auslaufen und wendet, um uns auf den letzten Metern zu begleiten. Auch gut: Doppelte Herren-Eskorte, VIP-Feeling pur! 😉 Letzter Kilometer unter 4:50, noch knapp 100 m extra bis ins Ziel. Uffffff!

Abklatschen, glücklich sein, Malzbier trinken. Hart war’s, anstrengend, so wie es sein soll. Aber weit entfernt von „Quäl dich, du Sau!“ und verbissenem Kampf. Unterhaltsam mit Rainer, schön in der Natur, fröhlich – und schmerzfrei vor allem. Unterwegs, hinterher und auch jetzt am Folgetag.

Der Verzicht auf den Shuttlebus zur Turnhalle ist jetzt die richtige Wahl. Ein Spaziergang bergauf lockert die Muskulatur. Warme, saubere Luxusduschen, leckerer Kuchen, Läuferbegegnungen und –gespräche vor der Siegerehrung. Siegerehrung?  Jaaaaa, Siegerehrung! Nicht nur als „Klatschpublikum“, sondern auf dem Stockerl der AK. Nachdem die Organisatoren meine versehentliche kurzzeitige Geschlechtsumwandlung rückgängig gemacht hatten, reichten 1:18:23 nicht mehr nur für den 13. AK-Platz bei den Y-Chromosomenträgern, sondern für Platz 2 in der W50. Ein Riesenspaß mit Moni auf dem Podest! Allzuviele derartige Erfahrungen werde ich in diesem Leben sicher nicht machen, also kann ich sie auch auskosten. Ein Saunagutschein als Preis, dazu als Tombola-Gewinn ein „Seifen-Paket“ – für Wellness und Regeneration ist gesorgt.

Fazit: Ein toll organisierter, sehr familiärer Lauf, der normalerweise eine höhere Teilnehmerzahl hat und auch unbedingt verdient hätte – aber es gibt inzwischen vielleicht zu viele Laufveranstaltungen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Perfekte äußere Bedingungen mit angenehmen Temperaturen und nur wenig Wind. Eine gut laufbare, aber durchaus fordernde Strecke, bei der es wirklich auf eine gute Einteilung der Kräfte ankommt. Und die Feststellung, dass es ein ganz besonderer VIP-Service wirklich bringt: Dankeschön, lieber Rainer! Ohne dich wär’s nicht mal halb so schön gewesen. Und ein gutes Stück langsamer auch! 😉2017-04-29_Pacer