Kindergarten

Mit dem Geduld-Haben ist das so eine Sache. Der Verstand weiß, dass der Körper sie braucht. Nur besteht der Mensch eben nicht allein aus Verstand. Nicht einmal der Erwachsenste. So ein Rest von Kleinkind, das quengelt: „Will haben, und zwar jetzt und sofort!“ oder „Der / die kann / darf / hat das aber auch!“, steckt vermutlich in jedem von uns. Zumindest in mir.2016-10-01_kernscheid03Im Moment hab ich alle Hände voll zu tun, diesen inneren Kindergarten halbwegs zu bändigen, um nicht frustriert und neidisch zu werden. Weil es zwar eigentlich ganz gut, aber gefühlt doch nicht schnell und gut genug vorangeht. Weil ich merke, dass sich mit der Verlängerung der Strecken auch andere körperliche Baustellen wieder zu melden beginnen. Weil andere Langzeitverletzte problemlosere Fortschritte machen oder nach ebenfalls monatelanger Pause „aus dem Stand“ Distanzen laufen können, die für meinen Körper nach 2 Monaten Eingewöhnung immer noch keine Selbstverständlichkeit sind.2016-10-01_kernscheid04Ich versuche alle diese Vergleiche so gut es geht auszublenden und alle Ambitionen loszulassen. Trotzdem bin ich manchmal ratlos, weil mein Körper einfach nicht mitspielen will, obwohl ich so vieles tue, um es ihm leichter zu machen. Am zu hohen Gewicht kann’s nun wirklich nicht mehr liegen. Eine umfassende Bewegungsanalyse (über die ich sicher demnächst mal ausführlich schreibe) hat auch keine Erklärung für die ständigen Verletzungen gebracht.2016-10-01_kernscheid01Tja, zu akzeptieren, dass Dinge einfach sind wie sie sind und dass man manches nicht verstehen und auch mit größtem Bemühen nicht ändern kann, kann ganz schön herausfordernd sein. Da ich aber quasi berufsbedingt an die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen glauben muss, glaub ich einfach auch dran, dass ich meine Rasselbande schon noch in den Griff kriege.2016-10-01_kernscheid05Zugleich bleib ich einfach bei den geduldigen kleinen Schritten im Wiederaufbau. Und wenn ich meine Lieblingsrunden über die Höhen noch nicht komplett laufen kann, weil sie noch zu lang sind, lauf ich sie eben, so weit ich kann und vernünftig finde – den Rest spaziere ich gemütlich.2016-10-01_kernscheid06

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20 Gedanken zu “Kindergarten

  1. Liebe Anne,
    es ist schwer und jeder, der ähnliche Situationen erlebt hat, weiß wovon Du redest. Du bist auf dem richtigen Weg und die Vernunft scheint Dich ständig zu ermahnen. Ich finde es verständlich, dass teilweise Frust entsteht, aber es bleibt nichts anderes, als die Situation so zu akzeptieren.
    Ich habe mich immer abgeschottet in solchen Situationen, keine Laufblogs besucht, Bekannte gemieden, die auch laufen, weil ich sonst einen ungesunden Ehrgeiz entwickeln würde bzw. es überhaupt nicht ertragen habe, dass bei mir nichts oder nur wenig geht. Glaube mir, ich kann mitfühlen und drücke weiter alle Daumen, dass Dein „Kindergarten“ von Dir gebändigt wird.

    Salut

    PS: nettes Bild von Dir 🙂

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    • Danke, lieber Christian,

      es bleibt wirklich nichts, als mit diesen gelegentlichen Durchhängern umzugehen. Rückzug ist da für mich keine wirklich gute Lösung, ich versuch’s mit Vernunft. Meinen Ehrgeiz hab ich momentan ganz gut im Griff. Die Verunsicherung, ob ich nicht doch „irgendwas falsch mache“, aber nicht weiß was, macht mir mehr zu schaffen. Aber auch das krieg ich irgendwie hin.

      Liebe Grüße,
      Anne

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  2. Liebe Anne,

    sind in Deinem Kindergarten noch Plätze frei? Dann würde ich gerne meine quengelnden Blagen zu Dir rüberschieben. Ich kenne das von Dir beschriebene nämlich nur zu gut und es begleitet mich auch ohne so eine lange Laufpause wie bei Dir.

    Warum sind andere so schnell, warum tut mir immer wieder etwas weh, warum schütteln andere ihre Läufe anscheinend so locker aus den Beinen? Tja, Anworten auf das ganze Genöle bekomme ich trotzdem nie.

    Deshalb sperre ich diese Quälgeister einfach in den Keller. Aber irgendwie schaffen die es doch, da immer wieder rauzukommen.

    Also müssen wir zusätzlich zu unserem Läuferleid wohl auch mit dieser unnötigen Kopfarbeit leben. Aber unser Verstand weiß das ja und das ist doch auch wieder irgendwie tröstlich, oder? 🙂

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Nix da, lieber Volker, deine Blagen kannst du behalten, bei mir sind alle Plätze besetzt! 🙂

      Die Quälgeister in den Keller zu sperren wäre Kindesmisshandlung – das kann ich aus ethischen Gründen nicht machen. Also versuch ich sich „ganz normal“ großzuziehen – meistens benehmen sie sich ja schon recht passabel, ab und an müssen sie einfach auch mal Kind sein dürfen. Damit kann ich im Wesentlich ganz gut leben, von kleinen Durchhängern abgesehen. Und du ja auch. Irgendwie … 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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  3. Liebe Anne, gerade habe ich sie beschrieben – die positive Einstellung, die einem das Leben erleichtern kann, der Glaube daran, dass sich irgendwann alles zum Guten wendet.

    Natürlich kann ich dich voll verstehen, dass es dir zu lange dauert, dass andere schneller wieder auf den Beinen sind als du, dass es beileibe nicht gerade Freude bereitet, wenn sich ältere Baustellen zu allem Unglück wieder melden. ABER du kannst doch schon wieder laufen – und das ist doch toll, auch wenn du noch nicht ganz zufrieden mit dem bist, was du nun laufend zurücklegen kannst – sei geduldig. Auch ich konnte nicht gleich wieder die Strecken laufen, die ich gewohnt war, zurückzulegen, auch ich bin anfangs gegangen, sieh‘ es positiv, du kannst wieder laufen !

    Bin sicher, dass du dein Rasselbande wieder in den Griff bekommst – glaube an das Gute !

    Dazu noch ein Paket frischer Seeluft, tief einatmen ! 😎

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    • Einatmen, ausatmen … hmmm, die Seeluft tut gut, liebe Margitta!

      Ja, alles wird gut, zumindest gut genug, d.h. so gut, dass ich mich damit begnügen kann. Geduldig bin ich denke ich schon – nur bringen mich eben Vergleiche mit anderen Rekonvaleszenten eher dazu, ungeduldig zu werden. Ich glaube, wenn du nach 2 Monaten immer noch auf 30-40 Minuten beschränkt gewesen wärst, hätte das deinen Optimismus auch auf eine ganz schöne Probe gestellt, selbst wenn du natürlich (genau wie ich das tun werde) wieder in eine wohlgelaunte Gemütslage zurückgefunden hättest. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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  4. Liebe Anne,
    so ein bißchen „schneller-höher-weiter“ steckt wohl in jeder von uns. Vielleicht betrifft es nicht immer den gleichen Bereich, aber wer kennt sie nicht, die bewundernden bis neidvollen Blicke zu „den Anderen“ mit dem Gedanken „und warum kann ich das nicht?“ Nur die allumfassende befriedigende Antwort blieb bisher noch aus… 🙄
    Vielleicht sollte sie lauten: Weil du ganz andere Dinge schaffst/beherrschst/kannst, auf die wiederum „die Anderen“ neidvoll schauen? 😉

    Ich hoffe, dein Kindergarten stört nur phasenweise und lässt sich von dir bändigen – wäre doch zu schade, wenn er dich bei deinen schönen Spazierläufen nervt! Meine Daumen bleiben weiterhin gedrückt, dass die Fortschritte weiter gehen und du sie auch genießen und dich über sie freuen kannst! 🙂

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    • Liebe Doris,

      mit dem „Leistungsthema“ hab ich keine Probleme. Andere konnten beim Laufen immer schneller und weiter als ich, das war und ist völlig ok. Es ist eher das Thema „Wird das wieder was mit mir und dem gesunden Laufen über längere Strecken?“. Ich konnte eben früher weiter und würde auch gern wieder weiter. Da verunsichern der zähe Verlauf der Heilung und des Wiedereinstiegs sehr, vor allem wenn ich dann mitbekomme, dass es bei anderen um so vieles leichter geht, und wenn ich bei mir ein Ziepen und Zuppeln an alten Baustellen zu bemerken glaube.

      Naja, mit der Unsicherheit muss ich eben leben, die Zeit wird zeigen, was möglich ist.

      Vielen Dank dir und liebe Grüße,
      Anne

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  5. Püh – jetzt hat’s meinen Roman aufgefressen … der zusammengefasst etwa lautete: drüben scheint das Gras oft nur grüner. In meinem Fall jedenfalls ist es Kunstrasen und sehr teuer erkauft ;o)

    Humpelnde Grüße aus Bremen (Bericht folgt später von zu Hause)

    Lizzy

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    • Ach je, passiert mir leider auch immer wieder mal mit den Romanen! 😦

      Manchmal scheint das Gras drüben tatsächlich nur grüner, manchmal ist es das auch. Deinen Andeutungen entnehme ich, dass du momentan trotz Problemen/Schmerzen Wettkämpfe läufst. Das ist z.B. etwas, das ich einfach nicht tun würde, weil ich diesen Preis nicht zahlen will. So wichtig ist mir die Teilnahme an offiziellen Läufen einfach nicht. Ich will nur so ein bisschen durch die Botanik hoppeln, dafür brauch ich keine Startnummer. 🙂

      Gute Besserung für’s Gehumpel!
      Anne

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  6. Gut Ding will Weile haben und irgendwann wird es auch wieder bei Dir richtig gut laufen. DAss es Dir nicht schnell genug gehen kann, kann ich gut verstehen. Es ist nicht immer einfach zu ertragen, wie es eben gerade ist. Umso größer wird dann hoffentlich Deine Freude sein, wenn es dann aber wieder so weit ist.
    Liebe Grüße
    Kornelia

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    • Danke, liebe Kornelia! Inzwischen hab ich auch wieder „Ruhe im Kindergarten“. Mal ein paar Stunden zu schlafen kann sehr hilfreich sein …

      Liebe Grüße,
      Anne

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  7. Liebe Anne,
    es ist wirklich nicht immer einfach, sich mit anderen nicht zu vergleichen und sich nur auf die eigenen Fortschritte und Erfolge – wie langsam sie einem auch erscheinen – zu konzentrieren. Leider bleibt uns nichts anderes übrig – unser Körper bestimmt die Geschwindigkeit wir können nur zuhören und versuchen zu folgen.
    Ich wünsche Dir weiterhin noch viel Geduld und Kraft um Deine Rasselbande bändigen zu können!
    Ganz liebe Grüße Anna

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    • Liebe Anna,

      klar, der Verstand weiß, dass jeder Körper anders tickt und dass Vergleiche völliger Blödsinn sind. Trotzdem drängen sie sich manchmal auf … zum Glück ist heute abend wieder „Ruhe im Karton“! 😉

      Danke auch dir und liebe Grüße,
      Anne

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  8. Liebe Anne,
    „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“
    So sagt ein Spruch.
    Es ist natürlich immer schwer nachzuvollziehen, warum der eine mit einer Mustergenesung nach der Knie OP aufwarten kann und man selber noch Monate später rumlaboriert.
    Aber dafür sind wir halt alle anders.
    Dein Körper hat seinen eigenen Rhytmus. Egal warum das so ist. Es ist so. Verzweifel nicht an der Frage, ob du was falsch machst oder anders machen könntest oder dies oder jenes.
    Du hast unglaubliches geschafft. Sieh mal wie viel Gewicht du in den letzten Monaten verloren hast. Ich glaube viele fragen sich: warum schafft die Anne das, und ich nicht?
    Und ich bin mir sicher, es gibt noch viele Dinge mehr, die du besser kannst oder die dir besser gelingen als anderen 🙂
    Und das mit dem Kindergarten bekommst du hin.
    Da bin ich mir ganz sicher 😉
    Liebe Grüße
    Helge

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    • Liebe Helge,

      ja, sich mit anderen zu vergleichen ist dem Wohlbefinden fast immer abträglich, da gibt es auch einiges an Forschung dazu. Bist du schlechter (dran) als andere, zieht’s dich runter, bist du besser (dran), fühlst du dich u.U. schuldig und die anderen tun dir leid. Also lieber solche Vergleiche mental ausblenden – besser ist das! 😎 Gleiches gilt für alle Fragen nach Verantwortlichkeit und eigenen oder fremden Fehlern. Die gemachten kann man eh nicht rückgängig machen. Und allzu viele neue werden schon nicht hinzukommen, wenn ich vorsichtig und überlegt genug handle.

      Vielen Dank dir & liebe Grüße,
      Anne

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  9. Liebe Anne,

    orientier Dich einfach an mir… wir bewegen und wahrscheinlich auf gleicher Höhe, was so Verletzungen angehen.

    Naja, ich kann Dich natürlich verstehen. Die Frustration kenne ich auch, den Neid oder besser noch das Unverständnis, dass es bei anderen einfach deutlich besser läuft. Meistens bin ich aber ganz ok damit, hab mir ne gute Gelassenheit zugelegt. Ich hab ja zumindest mal die nicht mehr vorhandene Schilddrüse und ihre Autoimmunerkrankungen, die halten bei mir für alles hin, was sich sonst nicht erklären lässt. Aber es wär jetzt doof, sich sowas zuzulegen, nur um ne Erklärung zu haben. 😉

    Du machst das schon.

    Gruß
    Anja

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    • Liebe Anja,

      so alles in allem bin ich noch ganz gut dran, eben weil es keine „ernsthafte“ Erklärung gibt für die Verletzungskette. Es ist halt ein längerer Prozess zu Gelassenheit im Umgang damit zu gelangen, manchmal klappt es schon ganz gut, aber manchmal (v.a. wenn auch an anderen „Baustellen“ viel los ist), schaffe ich es noch nicht „cool“ zu bleiben. Aber du hast recht – ich mach das schon! 🙂

      Danke dir und viele Grüße,
      Anne

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  10. Liebe Anne,

    falls Du gelegentlich eine Vergleichsperson suchst, gegen die Du verhältmäßig gut abschneidest, melde Dich. Nach einigen positiven, aber noch vorsichtigen Laufversuchen im Sommer habe ich mich in meinem jugendlichen Leichtsinn schon auf einen goldenen Läuferherbst und wieder ein paar längere Läufe gefreut. Und was ist? Pustekuchen….:-(
    Wenn mein Knie nur Laufschuhe sieht, sagt es schon „aua“ und „will nich“.

    Und ja, vergleichen ist Mist. Anna hat ihre Knieoperation schnell und gut überstanden und kann fast problemlos laufen.

    Liebe Grüße
    Norbert

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    • Lieber Norbert,

      Vergleichen ist echt Mist! V.a. wenn das Vergleichssubjekt sozusagen unmittelbar vor deiner Nase rumläuft, stell ich mir das sehr ätzend vor und kann mir denken, wie angep###t du nach zwischenzeitlichen Fortschritten sein musst. 😦 Trotzdem freut es mich natürlich zu lesen, dass Anna wieder unkompliziert in ihr Läuferinnenleben zurück gefunden hat. Bei mir scheint es immerhin doch noch zu werden, wenngleich auf niedrigem Niveau. Aber das dauert …

      Liebe Grüße,
      Anne

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