Frei

Ein um fünf Stunden verspäteter Lieferantentermin macht aus einem Freitag unvorhergesehen einen FREI-Tag … nee, nachmittags um 14 Uhr fahr ich nicht mehr ins Büro, sondern nehme mir für den kläglichen Rest des Arbeitstages frei. Außerdem muss ich „irgendwie“ versuchen den Kopf ein wenig freizukriegen.

Also ab aufs Rad. Der Plan? Kein Plan! Einfach die Mosel abwärts und dann, wenn ich nicht mehr will oder nicht mehr kann, mit dem Zug zurück. Einziger Haken, den ich mir leider vorab nicht so richtig klar gemacht habe: Nicht mehr wollen oder können sollte ich erst nach etwa 80 km. Vorher gibt’s keinen halbwegs bequem erreichbaren Bahnhof.Radfahren 22.07.2016Warm ist es, sicher so 27, 28 Grad, nur wenig Wind dabei. Aber egal. Nachdem die ätzenden 14 Kilometer bis Schweich erstmal geschafft sind – durch den Stadtverkehr, an der Kläranlage vorbei und an der Autobahn entlang -, fängt es an Spaß zu machen. Der bislang feuchte Sommer hat sein Gutes: Die Landschaft ist so üppig wie selten zu dieser Jahreszeit. Sattgrüne Wiesen, Obstplantagen, in den Dörfern reich blühende Gärten. Im Tal, das an der Mittelmosel sehr viel breiter wirkt als in Trier, wuchern Weinberge, so weit das Auge reicht! Dort, wo am Wochenende die Weinfeste steigen, wird angegrillt – der Duft von Schwenker und Würstchen steigt mir in die Nase. Eindrücke für die Seele …20160722_151335(1)Sorry, ihr müsst euch die bunte Welt jetzt einfach vorstellen, weil ich die Kamera unterwegs nicht zücken mochte. Immerhin: Euch bleibt so mancher Anblick erspart – ich sage nur: dreiviertelnackte Camper/innen … 😉

Auch rein technisch betrachtet ist die Strecke ganz fein, besser als ich sie in Erinnerung habe: Gut beschilderte Streckenführung, durchweg asphaltierte und für ein Sportrad geeignete Wege, meist deutlich getrennt vom Autoverkehr und – wichtig, da es das Ganze abwechslungsreicher macht – keinesfalls nur am Ufer lang, sondern auch mal durch Orte oder durch die Weinberge.2016-07-22_BergNach knapp 60 km zieht plötzlich jemand den Stecker. Ich mag nicht mehr, Akku leer, Hunger, Durst, kaputt. Aber ich muss ja irgendwie weiter. Mich rettet der Mini-Supermarkt am Ortseingang von Brauneberg: Pflaumenkuchen, Milchkaffee, Apfelschorle. Eine Banane und ein paar Weingummis kommen in den Rucksack für unterwegs.20160722_163755

„22 km!“ meint die freundliche Bäckereiverkäuferin auf meine Frage hin, wie weit es noch bis Traben-Trarbach sei, dem nächstgelegenen Bahnhof an der Mosel. Oooo-kay. Dass das Schild, das ich etwa 2 Kilometer nach dem Weiterfahren finde, „Traben-Trarbach 26 km“ anzeigt, ist der Moral nicht eben zuträglich, zumal mein Magen so seine Schwierigkeiten mit dem Pflaumenkuchen-Milchkaffee-Apfelschorle-Mix hat, den ich ihm zugemutet habe. Immerhin hab ich die Sahne weggelassen – die hätte ihm wohl den Rest gegeben. So beruhigt er sich nach ein paar Kilometern und es rollt wieder besser.

Muss es auch, denn was sich da im Südwesten so zusammenbraut, entspricht leider den Wettervorhersagen und sieht nicht aus, als sollte man es im Freien auf dem Rad miterleben. Also ein bisschen flotter gekurbelt, in Traben über die Brücke, schnell noch was zu trinken und ein Eis für den Weg besorgt – und dann rein in den Regionalzug, während der Himmel schwarz und schwärzer wird.20160722_184437

In Bullay umsteigen, auf der Zugtoilette etwas frisch machen und das verschwitzte Trikot wechseln, Schuhe aus, Füße hochlegen und über die Verpflegungsreste herfallen. Bin ich fertig!

2016-07-22_Beine

Jetzt noch eine Dreiviertelstunde bis daheim. Theoretisch. Praktisch fahren wir kurz hinter Bengel in einen Tunnel ein. Präziser: Durch den Vorhang eines Wasserfalls in eine düstere Höhle. Beeindruckend. Abenteuerlich. Ein Blick durch das Fenster irritiert mich dann aber doch: Dort, wo eigentlich das zweite Gleis ist, rauscht ein Wildbach dahin, in dessen Fluten die Schienen kaum mehr erkennbar sind. Normal ist das nicht …

… und befahrbar auch nicht. Bevor wir absaufen, stoppt das Bähnchen, zuckelt im Rückwärtsgang laaangsam raus aus dem Nass und zurück zum Haltepunkt in Bengel. Ja, und da stehen wir dann. Und stehen. Und stehen. Die Informationen fließen spärlich: Streckensperrung wegen Überflutung und Bäumen im Gleis. Schienenersatzverkehr in Form von Bussen ist nicht aufzutreiben. Taxis angeblich auch nicht. Super Krisenmanagement von DB Regio Südwest. 😦

Einige andere Radler entschließen sich, den etwa 13 km langen Weg bis Wittlich in Angriff zu nehmen, in der Hoffnung, dass ab dort wieder Züge fahren. Ich überlege kurz mich ihnen anzuschließen. Aber ich mag nicht mehr fahren und ich kann auch nicht mehr fahren. Also bleibe ich, wo ich bin. Gute Entscheidung. Ich werde die anderen gut 2 Stunden später in Wittlich wieder einsteigen sehen. 😎

Tja, diese 2 Stunden dauert es ungefähr, bis wir dann doch mit dem Bähnchen weiterzuckeln dürfen. In Trier nützt mir der Taxischein, den ich erhalten habe, leider gar nichts, weil selbst die Großraumtaxis angeblich keine Fahrräder mitnehmen können-dürfen-wasauchimmer. Also pfeife ich auf die StVO und fahre unbeleuchtet auf dem Bürgersteig nach Hause … Ankunft gegen 23:00 Uhr.

Fazit:

Trier – Traben-Trarbach per Rad = 90 km, reine Fahrzeit: 3 Stunden 45 Minuten.

Traben-Trarbach – Trier per Bahn = Fahrzeit: 4 Stunden. Nicht halb so schön. Und dem psychischen Erholungseffekt abträglich, den die Tour eigentlich haben sollte. Aber gut … Hauptsache frei gehabt und die Zeit genutzt. 😎

2016-07-22_Uhr

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21 Gedanken zu “Frei

  1. Liebe Anne,
    was ein zu spät kommender Paketbote alles anrichten kann, ist schon erstaunlich 😉
    Dennoch scheint die Radtour sehr schön gewesen zu sein und die 4 Stunden Bahnfahrt darfst Du einfach aus Deinem Lebenslauf streichen, dann passt der Tag schon, oder?
    Danke fürs berichten und erhol Dich von der Bahnfahrt 😀

    Salut

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    • Lieber Christian,

      da das „Paket“ eine Waschmaschine war, die angeschlossen werden musste, konnte ich die Annahme leider nicht den Nachbarn übertragen. Aber auch gut, so bin ich zu einer ausgedehnten Radrunde gekommen. Und die Bahnfahrt ist inzwischen unter „unfreiwilliges Abenteuer“ verbucht … alles gut. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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      • Liene Bianca, die 90 km waren ja flach, das hätte also eigentlich halbwegs locker gehen müssen, weil ich mich an diese Distanz langsam rangetastet habe. Nur war es eben sehr warm und ich bin gemessen daran zu schnell für meine Verhältnisse gefahren. Die Beine jammern heute noch … 😉

        Liebe Grüße,
        Anne

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  2. Im Film wäre innerhalb dieser 8 Stunden ein in viele Verwicklungen verstrickter männlicher Hauptdarsteller aufgetaucht, der sich später nach schier endlosen teils humoritischen, teils dramatischen Verwirrungen und Irrungen als „Prinz auf weißem Pferd“ herausstellt und mit der weiblichen Hauptdarstellerin ins Abendrot reitet. Dauer der Abschlussetappe: unbegrenzt bzw. „wenn sie nicht gestorben sind …“. Dummerweise ist mir gerade bei Bahnen und sonstigen Verkehrsmitteln auch nie ein Hauch eines Unterhaltung und Romantik versprechenden Pferdes begegnet *seufz* Hier hätte mir das aber echt gefallen als Bestandteil des Romans 😉

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  3. Liebe Anne,
    unverhofft kommt oft! 😉
    Besser kommt ein freier Nachmittag mit Ultra-Radtour (wow! Hut ab!!), als eine über 2stündige Zugverspätung! Aber du hattest Glück im Unglück, saßest im Trockenen, hattest Proviant dabei und ein WC in der Nähe! 😀 Auch die Entscheidung sitzen zu bleiben, hat sich als richtig herausgestellt – in Summe also ein erfolgreicher Freitag! 🙂

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  4. Liebe Anne,

    ein spannener Zweiakter ist Dir da widerfahren. Witzigerweise überfallen mich beim Radeln auch immer Hungeräste, die ich beim Laufen so nicht kenne. Da hätten mich die Gerüche der Weinfestvorbereitungen in den Wahnsinn getrieben.

    Für Überschwemmungen und umgekippte Bäume kann die Bahn ja mal nichts und die Rückkehr in den sicheren Bahnhof besser als unterwegs wegen Erdrutschen oder Bäumen aus dem Gleis zu hüpfen.

    Wenn eine eine Reise tut, dann kann sie was erleben. Seh es positiv, so hast Du uns spannenden Lesestoff geboten 😎

    Liebe Grüße
    Volker ,

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    • Lieber Volker, so extreme Hungerattacken kenn ich auch nur beim Radeln. Aber der Grillgeruch war dann eher fies, mir ist dann immer nach was Süßem, also Kuchen, Cola, Fruchtgummi, Trockenfrüchten oder so.

      Für die Naturkatastrophen kann die Bahn wirklich nichts. Darum waren wir zuerst auch alle sehr verständnisvoll. Aber für die unzureichende Information und für die Unfähigkeit einen Ersatz aufzutreiben kann sie mMn eine ganze Menge. Da war u.a. eine hochschwangere Frau im Zug, nicht auszudenken, wenn da was passiert wäre.

      Aber wie auch immer, ich verbuch’s unter „Abenteuer Bahnfahren“, nachdem ja alles gut ausging. 😉

      Liebe Grüße,
      Anne

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  5. Wärst zurück gefahren hättest du die Ironman-Distanz beim Radfahren gehabt 😉
    Aber ich hätte das auch nicht getan sondern mich genauso zurück transportieren lassen. Mit allen Widrigkeiten

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    • Tja, an die Ironman-Distanz muss ich mich noch rantasten. Jetzt hab ich mich häppchenweise bis auf 90 km gesteigert. Wenn ich jede Woche 10% Umfang draufpacke und alle 4 Wochen eine Regenerationswoche einschiebe, dürfte ich in 9-10 Wochen so weit sein! Theoretisch … 😉

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  6. Liebe Anne, wäre auch zu langweilig gewesen, wenn alles normal abgelaufen wäre, ein bisschen Abenteuer finde ich eigentlich ganz gut. Wenn du so weiter machst, kannst du im nächsten Jahr bei der Tour de France starten !! 😉

    Wünsche dir eine tolle, zufriedene Woche, ohne Ärger irgendwelcher Art ! 😎

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    • Och, mir hätte das Abenteuer „90 km“ gereicht, die Bahn-Geschichte hätte ich nicht gebraucht. 😎

      TdF? Ichweißjanicht … so 3 Wochen im Sattel, nee, mein armer Hintern. Bis dahin will ich eigentlich auch wieder laufen können, sodass Radfahren wieder zum Ergänzungssport wird.

      Dankeschön! 🙂 Euch auch eine wunderbare Woche, nehmt euch vor den Massen in Acht, die euren Ort gerade überfluten. 😉

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  7. Liebe Anna,

    das hast Du absolut richtig gemacht und Dir den Nachmittag frei genommen!! Die Fahrradtour hört sich sehr schön an – schade nur, dass die Rückreise nicht gerade gut verlief, aber man kann ja schließlich nicht alles haben und wenigstens bist Du – wenn auch etwas verspätet – heil nach Hause gekommen! 🙂

    Liebe Grüße Anna

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    • Liebe Anna, genau, hat ja alles noch hingehauen. Nervig war’s allerdings, kein so netter Abschluss eines schönen Tages.

      Liebe Grüße,
      Anne

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  8. Liebe Anne,
    naja, also das mit dem Zug ist ja echt blöd. Andererseits ist es in jedem Falls besser, du sitzt in einem trockenen Zug und wartest, als wenn du draußen alles abbekommen hättest auf dem Fahrrad.
    Insofern ist ja nichts verloren gegangen außer vielleicht etwas Zeit.
    Du hast eine schöne Tour gemacht. In Traben -Trarbach habe ich ja mal gewohnt.
    Der Moselradweg ist tatsächlich sehr viel schöner als sein Ruf. Zumindest wenn man mal aus Trier raus ist.
    Und 90 Km ist ja nicht wenig. Und langsam warst du dabei ja auch nicht 🙂
    Liebe Grüße
    Helge

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    • Liebe Helge,
      klar, bei dem Wetter draußen zu sein hätte die A###karte bedeutet – das Wissen darum hat auch geholfen, auf den letzten Kilometern das Tempo hoch zu halten, obwohl ich schon vorher ein bisschen über meine Verhältnisse gefahren war. Entsprechend hoch ist der Erholungsbedarf, da müsste meine Polar gar nicht mit mir schimpfen, das merk ich auch selbst. 😉

      Die Moselstrecke ist wirklich sehr viel netter und angenehmer fahrbar als ich sie in Erinnerung hatte: Wenig Straßenquerungen, keine Sperrbügel und so ein Mist wie auf den ehemaligen Bahnstrecken. Ich glaube allerdings, beim nächsten Mal fahre ich mit dem Zug bis Schweich, um das hässliche Stück zu vermeiden, und radle dann bis Bullay. Wenn es nicht so heiß ist, schaffe ich es vielleicht sogar bis Cochem oder so. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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  9. Liebe Anne,
    wenn Helge von ihrem Inferno-Gedöns wieder zurück ist, dann machen wir auf jeden Fall mal ein oder zwei Touren zusammen.Ich habe Mitte Juni das letzte Mal auf dem Rad gesessen. (also von dem kurzen Weg zur Arbeit und zurück mal abgesehen).
    Liebe Grüße
    Karina

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    • Liebe Karina, jupp, das machen wir, sofern wir gemeinsame Termine finden (ich bin Ende August bis Ende September noch mehrmals auf Reisen). Ich freu mich drauf! 🙂

      Liebe Grüße & erstmal toitoitoi für deinen Rückenm,
      Anne

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