Abschalten

„Abschalten können Sie woanders!“ wirbt ein großer deutscher TV-Sender. „Abschalten können Sie woanders!“ – das gilt leider auch für’s Radfahren. Wenn man mit Geschwindigkeiten deutlich jenseits der 20 km/h unterwegs sein will, geht das nicht ohne sehr viel Aufmerksamkeit.

Die richtet sich natürlich einerseits auf Schlaglöcher, Glasscherben, Wurzelaufbrüche im Asphalt und sonstige unbelebte Hindernisse. Andererseits und vor allem aber auf belebte Hindernisse. Radfahrer unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Sicherheit beim Fahren zum Beispiel. Oder Passanten mit und ohne Hund an der Leine. Mit denen teilt man seine Stecken zwar auch nicht gerade gern. Aber man nimmt sie in Kauf, weil die Welt – einschließlich der Radwege – einem bedauerlicherweise nicht allein gehört. 😉

Leider gibt’s unter diesen belebten Hindernissen aber auch außergewöhnlich dämliche und ignorante. Und die sind die gefährlichsten:

  • Verhinderte Tour de France-Sieger, die im Kampf um Zehntelsekunden nicht einsehbare Kurven schneiden oder vor lauter Hantieren mit Trinkflasche, Gel und Energy-Bars keinen Blick mehr für den Verkehr haben.
  • Desorientierte Touristengruppen, die aus ihren Zweirädern eine Straßensperre formieren und über einer Landkarte die Köpfe zusammenstecken – wohlgemerkt weit entfernt von jeglicher Abzweigung, an der man sich verfahren könnte! 😆
  • Kampfbereite Fußgänger, die mit stur geradeaus gerichtetem Revierverteidiger-Blick (der mit der tiefen Stirnfalte und den zusammengezogenen Augenbrauen) auf der Wegmitte entlang marschieren, allzeit bereit, jegliche Radrüpel durch ihren geübten Eishockeyverteidiger-Bodycheck zur Räson zu bringen und eine frische Kerbe als Trophäe in ihren Spazierstock zu ritzen.
  • Quarzende Gassigänger, die ihre Lassoleinen mit angehängter Trethupe – die natürlich im hohen Gras unsichtbar bleibt – quer über die Strecke spannen.
  • Ach ja, die fröhlichen jungen Frauen Typ „Grundschullehrerin“ nicht zu vergessen, die selbstvergessen und der Welt entrückt mitten auf dem Moselradweg ihre Rucksäcke abstellen, um in ihnen Ausgrabungen nach den leckeren selbstgebackenen Müsliriegeln  zu veranstalten.
  • etc. etc. etc. (euch fallen bestimmt auch noch Beispiele ein!)

2015-06-06_Longen02All das ist eher etwas für Freunde des gepflegten Adrenalinschubs. Wer auf so was steht, ballert auch im Porsche mit 190 Sachen über die Autobahn und geht für ausscherende LKW voll in die Eisen, ohne dass ihn das Erlebnis irgendwie schockieren würde.

Für mich ist das nix. Gar nix. Regt mich nur auf. Dabei soll Sport mich eigentlich beruhigen und entspannen. Bleibt also nur, mich zu unchristlichen Zeiten auf meinen schwarzblauen Flitzer zu klemmen, wenn die größten Schlafmützen sich noch oder schon wieder in häuslichen Gefilden aufhalten. Zusätzlich ein wenig mehr Gelassenheit im Umgang mit solchen Kalamitäten zu entwickeln. Ach ja, und von langen Läufen im Wald zu träumen. Bei denen kann ich nämlich wirklich abschalten!

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27 Gedanken zu “Abschalten

  1. Wie gut, dass ich bei uns im Wald üblicherweise niemandem begegne … so kam ocker wenigstens bei Stürzen oder so auch nur über mich selbst schimpfen … 🙂

    Aber ich habe beim Lesen Deiner Aufzählung herzlich gelacht … Danke dafür!

    Liebe Grüße

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    • Gern liebe Jana! So viel Spaß mit auch das Radfahren macht (trotz allem): Ich freu mich schon wieder auf längere Läufe im Wald, die ich ganz in Ruhe machen kann … es muss dem Knie nur noch etwas besser gehen.

      Liebe Grüße,
      Anne

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  2. Holla, war das der geballte Zorn der vergangenen Wochen? Oder ist Dir heute eine Grundschullehrerin mit Müslizwang begegnet?

    Ich freue mich immer über Deine sprachlich so geschliffenen Wutausbrüche 🙂

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

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    • Wutausbruch? Du hast mich noch nicht richtig wütend erlebt, lieber Rainer! 😉

      Das sind die Erlebnisse der vergangenen zwei Wochen – oder wenigstens ein Teil davon. Mosel- und Saarradweg können echt anstrengend sein …

      Liebe Grüße,
      Anne 🙂

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  3. Ach ja, ist es nicht eben diese bunte Vielfalt der Menschen, die das Leben so abwechselungsreich macht :mrgreen:

    Da lobe ich mir die norddeutsche Einöde, wo in der Regel nicht soviel los ist 😉

    Einen inzwischen hoffentlich wieder gesunkenen Adrenalinspiegel für den kommenden Wochenbeginn wünscht
    Volker

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    • Diese Vielfalt an Deppen, Ignoranten und Egoisten ist in der Tat die Würze des Daseins, zumindest des radlerischen Daseins! Wär doch schlimm, wenn man nix zum Aufregen hätte! 😉

      Entspannte Grüße in die norddeutsche Einöde
      Anne 😎

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  4. I feel your pain 😉 Ich kann bei meinen entspannenden Outdoortätigkeiten auch kein Rumgemensche gebrauchen – und beim Radfahren lässt es sich wohl weniger umgehen.
    Aber – wie mein Papa sagen würde – immer noch besser als in die hohle Hand geschissen. Also das Radfahren jetzt.

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    • Think positive, genau! Eigentlich sollte ich MTB fahren, da hätte ich eine faire Chance auf Einsamkeit. Warum muss ich auch so ein Bewegungslegastheniker sein? 🙄

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  5. Liebe Anne,

    wir haben das Thema ja hier schon kurz angerissen. Das ist wirklich STRESSIG und ich bevorzuge dann auch früher Radfahrzeiten, um diesen Begegnungen möglichst zu entgehen. Ich hab schon gelernt, nen Kilometer vorher (ok, etwas übertrieben) zu klingeln, damit Hasso an die Leine kommt und nicht unvermutet meine Bahn quert. Aber das Bremsen für Rentner, die ohne Ankündigung mitten auf dem Radweg ihre Pedelecs anhalten, macht mit rasend. Genau so wie nicht umschauende Fußgänger auf Radwegen. Da resch isch mischuff!

    Ohmm…
    Gruß
    Anja

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    • Ooooohm! Genau, liebe Anja! Bei älteren Leuten bin ich insgesamt tolerant und schaffe es durchzuatmen und sie nicht anzumachen, v.a. wenn ich den Eindruck habe, sie können nicht anders. Aber bei Typen, die meiner Einschätzung nach einfach nur gleichgültig und rücksichts- oder gedankenlos sind, kann ich auch mal pampig werden. Sollte ich nicht. Besser geht’s mir damit auch nicht. aber wenn eine mir entgegen kommende Familie mit zwei Kleinkindern und ebenso vielen Hunden eine schmale Straße in ihrer gesamten Breite blockiert und keinerlei Anstalten macht mir Platz zu lassen, kann ich mich nicht mehr beherrschen. 😦

      Ohmmmmmm!

      Grüße,
      Anne

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  6. Genial, liebe Anne: du bringst es auf den Punkt.
    Wenn ich mich wie gestern (zum Glück nur äußerst selten) für 20 km auf den Radweg verirre, dann begegne ich genau den von dir beschriebenen Typen. :-))))
    Du hast das sehr treffend beschrieben.
    Grandios.
    Ich wünsche dir von ganzen Herzem, das du bald wieder lange Läufe durch den Wald machst 🙂
    Liebe Grüße
    Helge

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    • Liebe Helge,

      dankeschön, gern geschehen! 🙂

      Eigentlich fahr ich nicht gern auf der Straße, aber ich werde wohl auch bald dazu übergehen, weil es auf dem Radweg einfach keinen Spaß macht, wenn man ein bisschen schneller und flüssiger fahren will. Allein zwischen Ehrang und Schweich musste ich fünfmal auf Schritttempo abbremsen, weil zwischen einem spazieren gehenden Paar und einem entgegen kommenden Radler kein Platz mehr für mich war. 😦

      Die Zeichen stehen auf „hoffnungsvoll“, was das Laufen angeht. aber Vorsicht tut noch not. Viel Vorsicht.

      Liebe Grüße,
      Anne

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  7. Guten Morgen, liebe Anne, warum kommt mir das alles so bekannt vor ? Warum nur – gleiche Erlebnisse hier, beginnenden ebenfalls zu diesen früh sommerlichen Zeiten, ich kann deine Gedanken bestens nachvollziehen, fühle mit dir.

    Gut, dass du unbeschadet (mal abgesehen von den geschädigten Nerven !) zu Hause angekommen bist, noch besser, dass du deinen Frust sofort verbalisieren konntest, das hilft schon ein Stück weiter, wie man weiß !

    Besser wird es erst dann, wenn es zu warm ist, wenn sie sich alle in die Schwimmbäder verziehen oder hinter den Mauern ihr Dasein wegen Hitze verbringen.

    Mögest du ganz, ganz bald wieder laufend in die Ruhe der grünen Wälder zurückziehen können,um dort das zu finden, wonach du suchst.

    Bestens beschrieben, liebe Anne !

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    • Liebe Margitta,

      auf euren Radwegen und vor allem auf dem Deich würde ich wohl verzweifeln, gerade jetzt in der beginnenden Saison. Das Blöde ist ja: Wenn es wirklich knallheiß draußen ist, fahr ich selbst auch nicht mehr so gern. 😉

      Aber egal. Ich fahre halt morgens oder abends, wenn das Übel erträglichere Ausmaße hat. Und freue mich, bald wieder dem Lockruf der Wälder folgen zu kommen! 🙂

      Einen schönen Tag euch, genießt ihn! 🙂
      Anne

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  8. JA, genau! Die alle sind uns gestern beim Weg durch den Englischen Garten rüber nach Schwabing begegnet. Und zwar Massen von jeder Sorte (nungut,die verhinderten Tour de Francler eher weniger). Dazu kamen palavernde Großfamilien und Jugendgruppen mit Grill- und Sonnenbadutensilien für die Isar be- bis überladen, Kinderwagen in Großaufgeboten, Elternradelgruppen mit wegefüllend breiten Anhängern und sogar eine Pferdekutsche an Engpassstelle. Wahnsinn! Und das alles für ein Eis in zugegeben aber wirklich guter Bioeis-Eisdiele, vor der dann gefühlt die Hälfte aller vorher getroffenen in Schlange anstanden bis jeder nach 1/2 Stunde Wartezeit sein Eis (es gibt ausschließlich auf die Hand!) in Waffel oder Becher mitnehmen konnte.

    Und genau wie du stelle ich fast: für mich ist das nix. GAR NIX! – also: das Eis schon. Aber die Menschenmassen, der Trubel, die Enge … das eher nicht …

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    • Oh, wie idyllisch geht es doch auf deiner Radstrecke zu! Elternrudel mit Großraumanhängern hab ich in meiner Aufzählung vergessen. Die bade- und grillutensilientragenden Horden sind mir zum Glück erspart geblieben.

      Nee, sowas ist GAR NIX! Aber was nimmt man nicht alles in Kauf für ein köstliches Eis?! 😎

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  9. Tja, liebe Anne, wir sind eben nicht alleine auf dieser Welt und die Ruhe, die wir manchmal gerne suchen, finden wir auch nicht immer. Ist wirklich erschreckend, wenn man ganz normal mit dem Rad unterwegs ist, auf wieviele Unwegbarkeiten und vor allem rücksichtslose Menschen man trifft. Kann Deinen Ärger gut verstehen. Da bleiben am Ende tatsächlich nur die weniger beliebten Tageszeiten, um wirklich mal in Ruhe radeln oder laufen zu können.
    Lieben Gruß
    Kornelia

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    • Liebe Kornelia, mit den unvermeidlichen Behinderungen käme ich klar. Aber Rücksichtslosigkeit mag ich gar nicht. Hilft tatsächlich nur früh aufzustehen oder sehr spät zu starten.

      Liebe Grüße,
      Anne

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  10. Liebe Anne,

    wenn ich Dein Beitrag so lese bin ich ja noch dreifach froh über meinen einsamen Strecken hier in den Bergen… 🙂 bei den langen einsamen Läufen im Wald kann man am aller besten abschalten!! Ich bin gespannt wie das bei mir wird wenn die ganzen Wanderer unterwegs sind…8-O
    Da bleibt Die wohl nichts anderes übrig, als auf unchristliche Zeiten auszuweichen bis Du (hoffentlich bald) wieder laufen in den Wald unterwegs sein kannst!

    Liebe Grüße Anna

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    • Liebe Anna, welch Glück, dass sich (noch) kaum jemand auf deine Strecken verirrt. Im Wald laufend geht mir das ähnlich. Beim Radfahren über die Hügel auch. Aber solange ich knieschonend an der Mosel und Saar entlang rolle, muss ich mir meine Wege eben mit vielen Menschen teilen.

      Liebe Grüße,
      Anne

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  11. Liebe Anne,
    so etwas nervt mich auch. Und dabei würde es mit ein ganz klein wenig MITDENKEN so funktionieren, dass jeder seins tun kann, ohne den anderen zu hindern…
    Aber solang das Hirn nicht gleichmäßig verteilt ist bzw. nicht genutzt wird, werden wir uns weiter ärgern müssen…
    Liebe Grüße
    Elke

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    • Liebe Elke,

      ja, es ist schade, dass manche Menschen Teile ihres Hirns mit ins Grab nehmen, ohne sie je benutzt zu haben … 😆 Wenn jemand nicht aufmerksam sein bzw. nicht alles mitkriegen KANN, mag das lästig sein, aber es lässt mich relativ kalt. Wenn sich aber jemand benimmt, als sei er allein auf der Welt und andere müssten sich nur nach seinen Bedürfnissen richten, dann reschtmischdatuff! 😉

      Liebe Grüße,
      Anne

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