Der „Die Welt gehört mir“-Moment

Unter mir öffnet sich das Tal. MEIN Tal. Wenigstens empfinde ich das in diesem Augenblick so. Ein Patchwork aus sattgrünen Wiesen, lindgrünen, mit Dunkelgrün versetzten Mischwäldern und rotbraunen und schiefergrauen Weinbergen mit weißen Spielzeugeisenbahn-Dörfchen mittendrin. Als kräftige Farbtupfer gibt’s einige blühende Rapsfelder gratis dazu. Der Anblick dringt durch die Augen mitten ins Herz. Alles Düstere wird klein, bedeutungslos, verschwindet. Freude, tiefe Dankbarkeit, pures Läuferglück!

Dieser „Die Welt gehört mir“-Moment ist hart verdient. Denn vorher muss ich natürlich kräftig bergauf. Heute nehme ich mal einen Abzweig, den ich schon oft gesehen habe, aber noch nie gelaufen bin. Nun ist es ja so, dass ich stets hoffte, Training hülfe irgendwann einmal. Inzwischen scheint es zu helfen! Der gewählte Weg ist allerdings auch nicht so steil wie der, den ich bisher immer nahm. Jedenfalls merke ich kaum, dass es bergauf geht, trödele einfach durch ein einsames Tal, links unterhalb von mir ein Bach, rechts aufragend ein bewaldeter, teils frisch aufgeforsteter Hang.

Und eh ich mich versehe, bin ich auch schon oben, kreuze die B268 und staune auf das Konzer Tälchen hinunter. Oberhalb der Talkante, mal am Wingert entlang, mal durch den Wald geht’s Richtung Konz. Im Wald erwische ich natürlich wieder einen der Wege, die im „Off“ enden und mich zum Umkehren zwingen. Anderthalb Kilometer „umsonst“! 🙄

Eigentlich hatte ich darauf spekuliert, nicht ganz ins Tal runter zu müssen, sondern halbwegs auf der Höhe nach Roscheid laufen zu können. Aber irgendwann steh ich dann doch an den Fischteichen, studiere intensivst die zahlreichen Wegweiser, nuckele an meiner Trinkflasche und entwickle ein ausgeprägtes Interesse an den Schautafeln mit Illustrationen der geologischen Vielfalt von Bodenstrukturen im Tälchen, die aus Devon, Holozän und Pleistozän herrühren … und das alles nur, weil ich mich nicht entscheiden kann: Runter in den Ort und an der Mosel zurück, sprich: Laaangweilig und weit? Oder von hier aus auf die Höhe ins Neubaugebiet von Konz-Roscheid, durch die Felder zum Kobenbach und rüber nach Feyen, sprich: Interessanter, abwechslungsreicher und deutlich kürzer – aber auch so einige Höhenmeter und Anstiege?

Nee, insgesamt geschätzte 27 km sind mir dann doch zu viel. An der Mosel womöglich Gehpausen einlegen zu müssen, ist so was wie die Höchststrafe. Dann lieber im Wald, wo mich keiner sieht. 😉

Aber Training hilft! Wirklich! Ich kann zwar im Nachhinein nicht behaupten, dass ich die Steigungen hinauf geflogen wäre. Und dass ich noch stundenlang hätte weiterlaufen mögen, wäre auch gelogen. Die Wahrheit ist, dass ich mich selten über den Anblick eines Neubaugebiets auf der grünen Wiese so gefreut habe wie in dem Moment, als ich durch den lichter werdenden Wald die ersten Häuser von Roscheid erspähte und wusste: Was jetzt noch kommt, sind Peanuts! Und gegangen bin ich bergauf nicht! Nicht einen Meter!

Peanuts können allerdings auch ganz schön schwer verdaulich sein. Wenn der Rücken unter dem klatschnassen Shirt zunehmend verspannt. Und die Oberschenkelmuskulatur auf dem steilen Trail bergab signalisiert, dass sie ihrer Kontrollmöglichkeiten verlustig zu gehen droht. Oder wenn sich auf der grünen Wiese unterhalb von Feyen die Erkenntnis breit macht, dass der Halbmarathon zwar geschafft ist, aber immer noch mindestens 3 km bis zur Haustür fehlen. 2014-04-21_Laufen 21.04.2014, Höhe

Irgendwie läuft’s dann doch noch, nur die letzten 500 Meter schlendere ich gemütlich durch den Ort, um die Muskeln wieder etwas zu lockern. Fazit: 24.2 km mit 400 Höhenmetern, längster Lauf seit September vergangenen Jahres. Osterfrühstück vom Sonntag abtrainiert, würd’ ich sagen. 😎 Einzig offene Frage: Und was esse ich jetzt? 😉

2014-04-21_Ostermontag04

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33 Gedanken zu “Der „Die Welt gehört mir“-Moment

    • Tja, der letzte so lange (und noch längere) Lauf war ein Fast-30er an der Ostsee in allerbester Begleitung! 😉 Alles bestens! 😎

      Dinkel-Vollkorn-Hefezopf, ein Ei, ein Hefe-Hase, Himbeerquark, Obstsalat am Sonntag – heute gab’s erstmal nur Eiweißshake, nachher noch gebratenen grünen Spargel mit Parmesan. 🙂 Hart verdient! 😎

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  1. das tal.. das „goldkäulchen'“. immer wieder einen lauf bzw. bei mir heute einen ausritt mit dem MTB wert. ist herrlich da. und nicht so bevölkert wie das vordere tiergartental.

    respekt vor der leistung heute. gerade der weg hoch nach roscheid ist bei der km-leistung in den beinen nicht direkt als „angenehm“ zu bezeichen.

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    • Hallo Trierfosi, herzlich willkommen auf meinem Blog1 🙂

      Das Goldkäulchen ist herrlich – und heute früh war noch kein Mensch dort, einfach schön! 🙂

      „Angenehm“ ist tatsächlich anders, zumal ich so lange Strecken momentan nicht gewöhnt bin. Aber bei den Bedingungen heute passte es einfach. Schnell ist natürlich anders, aber darauf kommt es ja nicht an! 🙂

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  2. Was ich neben der Distanz ja extrem beeindruckend finde ist die Tatsache, nach 15km so steil bergauf zu müssen – und das ganz ohne Gehen. Respekt, Respekt. Die Bilder wie immer wunderhübsch. Runners High Gefahr!

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  3. Momente wie diese, einzigartig, unbezahlbar, liebe Anne!

    Ein wunderbarer Lauf, das spiegelt jedes Deiner Worte und jedes Deiner Bilder. Dazu noch ein Halbjahreshoch mit vielen Höhenmetern erlaufen. Da darfst Du durchaus von den sicher noch vorhandenen Osterleckereien naschen 😀

    Ich freue mich mit Dir über diesen tollen Lauf

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Zum Glück hab ich nicht so viel Süßes gekauft bzw. geschenkt bekommen, lieber Volker, das wäre sonst eine Orgie geworden nach dem Lauf! 😉

      Danke, lieber Volker!

      Liebe Grüße,
      Anne

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  4. Liebe Anne,
    ach, er sei dir vergönnt dieser Moment, du hast ihn dir verdient! 🙂
    Zu wissen, dass das Training geholfen hat, nicht gegangen zu sein, zu spüren – es läuft! Schöner kann doch ein Tag gar nicht beginnen! Ich freu mich für dich! 😀

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    • Danke, liebe Doris! Jetzt muss aus dem Donnergrollen nur noch ein Gewitterschauer mit genug Regen werden, dann ist der Tag perfekt! 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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  5. Liebe Anne,

    ooohh, ist das ein schönes Gefühl wenn man merkt, dass Training hilft 🙂 Und auch das „die Welt gehört mir“-Gefühl kenne ich, so geht es mir auch immer öfter wenn ich irgendwo hinauf gelaufen bin, und mit einem schönen Aussicht belohnt werde! Ein schönes Gefühl!!
    Dein längster Lauf seit September, auch ein schönes Gefühl, oder!!? ein wunderschöner Lauf beim Traumwetter wie die Bilder auch bestätigen!! Herrlich!!

    Liebe Grüße Anna

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    • Liebe Anna, ja, ein wunderbares Gefühl! Erst Freude und Dankbarkeit über den Anblick, dann der Stolz auf das Geschaffte! 🙂 Traumhaft! 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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    • Natürlich haben die 10 von Freitag geholfen, lieber Rainer! Die schöne Strecke macht noch dreimal so viel Freude, wenn man sich nicht mehr quälen muss, sondern sie (relativ) problemlos bewältigen kann.
      Mal sehen, wie es am Samstag läuft; ich bin jetzt fest mit Harald verabredet und wir lassen es sehr entspannt angehen. Da ich ja die Strecke kenne, muss auch niemand auf warten, falls wir selbst den 10ern zu ruhig laufen. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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  6. Was für eine Frage? Natürlich von allem etwas, hihi. Und vor allem viel. Wohlverdient. Bei den vielen verbrauchten Kalorien 🙂 . Zu was man doch manchmal noch fähig ist. Das klingt doch eigentlich ganz vielversprechend.
    Wir hatten heute Nachmittag beim Familienradausflug nicht mehr ganz soviel Glück mit dem Wetter und sind hübsch nass geworden. Aber für die Natur war es ja dringend nötig. Dann viel Spass am Samstag bei eurem Lauf.
    Liebe Grüße
    Karina

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    • Tja, dass Laufen schlank macht, kann man nicht unbedingt bejahen – wenn man die verlorenen Kalorien gleich wieder zuführt! 😆

      Nasswerden auf dem Rad ist echt fies, schade, dass es euch ausgerechnet unterwegs erwischt hat. Aber wie du schreibst: Die Natur hatte es nötig!

      Liebe Grüße,
      Anne

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  7. Na einfach direkt nochmal Osterfrühstück 🙂
    Nach so einer Tour darf man das.
    Da warst du ganz schön fleißig heute und konntest eine super Aussicht genießen.
    Und die Bilder sind wirklich toll 🙂
    Liebe Grüße
    Helge

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    • Ja, so zwei, drei selbstgebackene Hefe-Hasen passten schon rein, später grüner Spargel mit Parmesan … und noch so dies und das. Erstaunlich, was man futtern kann nach so einer Tour! 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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    • Die Bedingungen waren perfekt, das hat’s wirklich leicht gemacht! Das Profil sieht auf SportTracks tatsächlich ganz schön profiliert aus. Aber das muss auch so sein: So ein bisschen liebäugle ich mit einem Trail-Lauf, der Anfang August in der Nähe stattfindet. Der ist etwa genau so lang wie mein gestriger Lauf, hat allerdings 1.000 Höhenmeter. Ergo muss ich noch ganz schön viel dafür tun … 🙂

      VG,
      Anne

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  8. Hallo Anne,
    wow, Glückwunsch zu so einem Lauf, und dann noch die Höhenmeter ungegangen… Da darfst Du doch gleich nochmals kräftig am Tisch zulangen, haste Dir verdient!Liebe Grüße
    Elke

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  9. Liebe Anne,

    das liest sich sehr schön und Deine Zeilen drücken auch viel Zufriedenheit aus. Es ist schon etwas sehr Erhebendes, wenn man vom Glück durchflutet nach einer angemessenen Leistung stolz auf sich selbst sein kann, diese Momente sollte man konservieren können, denn sie kommen nicht jeden Tag, umso mehr gönne ich Dir diese Augenblicke.
    Dein Beitrag im „Konjunktiv II“ hat mich erneut beim Lesen gefesselt und schmunzeln lassen, fast bin ich versucht mehr davon zu fordern, aber ich denke, da braucht es die richtige Stimmung und Voraussetzung für :mrgreen:

    Salut
    Christian

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    • Danke, lieber Christian! Solche Momente sind etwas ganz Besonderes, um so mehr genieße ich sie. 🙂

      Der Konjunktiv II und andere Sprachspielereien müssen wirklich aus einer Stimmung heraus kommen … manchmal hab ich so Ideen und kann sie dann auch umsetzen, aber das klappt (wie wohl bei jedem) leider nicht immer und nicht sozusagen auf Kommando! 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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  10. Liebe Anne,
    Aaah, die andere Seite vom Konzer Tälchen. Schön. 🙂
    Bei mir hieß es am Sonntag nach der Straßenquerung links um nach Pellingen.
    Man kommt übrigens bis Roscheid durch ohne ganz runter ins Tal zu müssen. Irgendwann vor urewigen Zeiten bin ich da mal langgekommen.
    Eine schöne Runde hast du dir da ausgesucht. Schön und auch schön lang. 🙂
    (Oberhalb der Neuaufforstung hat man übrigens einen herrlichen Blick das Tal entlang. Jetzt, wo die Bäume so klein sind.)
    Ich hoffe, dass das jetzt bei dir so weiter geht.
    Trail? Anfang August? Du willst doch nicht etwa in der Sommerhitze durch die Weinberge?

    Liebe Grüße
    Birthe

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    • Liebe Birthe,

      oben hab ich überlegt: Links Richtung Pellingen und dann nach Franzenheim – oder rechts. Links folgt bei passender Gelegenheit! 😎 Ebenso wie wieder mal der Weg oberhalb der Neuanpflanzung, da war ich auch länger nicht mehr. Wenn es denn so weiter geht – jede Woche kann ich so lange Distanzen im Moment noch nicht laufen.

      Es muss in der Tat einen Querweg auf halber Höhe geben, allerdings habe ich den verpasst. Egal, die Oberschenkelmuskulatur wächst mit ihren Aufgaben.

      Was den Trail angeht: Ich gucke mir die Strecke irgendwann in den nächsten Wochen mal an und checke den Zeitplan. Irgendwie reizt mich der Lauf. Aber deine Bedenken (und noch einige mehr – Stichwort Höhenangst) teile ich … 🙄

      Liebe Grüße,
      Anne

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      • Liebe Anne,
        fast ganz oben gibt es auch noch einen Trampelpfad. Dann kommt man bei der Ponderosa raus. Und dann über die Straße schräg links halten, da kommt ein Weg Richtung Roscheid. (Wenn ich es richtig im Kopf habe.)
        August: Habe gerade mal nachgeschaut. Die 25km scheinen großenteils im Wald zu verlaufen (wenn die ztugrundegelegte Karte stimmt). Dann dürfen sich nur die Ultraläufer durch die Weinberge quälen. Muss ja letztes Jahr richtig „nett“ gewesen sein bei den Temperaturen. Höhenangst? Klettersteig?
        Wenn überhaupt mache ich auch die 25er Strecke. Das ist das Wohenende vor Monschau. Da würde ich gerne nochmal hin.
        Liebe Grüße
        Birthe

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        • Liebe Birthe,

          stimmt, ich erinnere mich an den Weg! Aber wer weiß, wofür die zusätzlichen Höhenmeter gut waren – sie haben jedenfalls keine bleibenden Schäden hinterlassen, nur etwas schwere Beine. 😉

          August: Du meinst, der Klettersteig ist drin? Hiiiilfäää! 🙄 Naja, ich zieh mir mal die gps-Daten runter und schaue, ob ich mit der Navi-Funktion von Garminchen so gut klar komme, dass ich die Strecke im Frühsommer besichtigen kann. Wenn dann absehbar wäre, dass ich weite Teile nur gehend bewältigen könnte, wüsste ich, was ich mir im August erspare – großzügiges Zeitlimit hin, großzügiges Zeitlimit her, wenn ich an einem Lauf teilnehme, will ich ihn auch laufen und nicht wandern (wohl wissend, das manche/r das in der Trail“szene“ durchaus anders sieht, aber ich mag Wechsel zwischen Laufen und Gehen nicht besonders, v.a. wenn dann das Gehen überwiegt, weil ich überfordert bin und nicht, weil die Strecke an sich es fordert).

          Monschau? Am gleichen Wochenende ist der Pfälzer Felsentrail … es gibt einfach zu viele schöne Veranstaltungen! 😉

          Liebe Grüße,
          Anne

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  11. Hach, solche Momente sind doch toll – das Salz in der Suppe! Mir geht es manchmal auch so, dass ich die Weser quasi für mich beanspruche.
    Das Training hilft – prima! Wenn so ein Anstieg einfach so gewuppt werden kann, macht das noch mehr Spaß.
    Liebe Grüße, Bianca

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    • Danke, lieber Gerd! In BD belasse ich es trotzdem beim Zugucken – eine einzige 24 km-Runde in einem halben Jahr macht noch keinen 12-Stunden-Lauf! 😉

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  12. Pingback: Immer weiter, immer schneller? | Weinbergschneckes Blog

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