„Würde-los“: Training hülfe!

Ich mag unsere deutsche Sprache. Ganz besonders mag ich vom Aussterben bedrohte Wörter und grammatikalische Formen. Den Genitiv zum Beispiel. Oder den Konjunktiv II mit seinen wunderbar altertümlich klingenden Verbformen, die es erlauben, einen vollkommen „würde-losen“ Laufbericht zu verfassen.

Man behauptet, Training hülfe. Wenn es denn mit gewisser Regelmäßigkeit stattfände. Wenn die Läuferin allen Unbill der Witterung trotzte, jeglichen Unlust-Anfällen Paroli böte, des kalten Windes wegen eine lange Tight anzöge und sich aufmachte in der Hoffnung, dass es trocken bliebe.  2014-03-23_Höhenlauf06   Nähme sie dünne Handschuhe mit, fröre sie nicht, wenn die Sonne sich hinter den Wolken verkröche. Vergäße sie diese hingegen, weil sie sich von den hellen Strahlen zu leichter Kleidung verführen ließe, und verzichtete sie auch auf eine warme Mütze, empfände sie die kühle Luft als recht ungemütlich.2014-03-23_Höhenlauf02Geschützt durch den Wald freute sich die Läuferin, wenn es ihr gelänge, die lang gezogene Steigung hoch zu dieseln, als ob die gar nichts sei. Sie genösse am höchsten Punkt angekommen den Blick über die Stadt, wäre aber beunruhigt ob der Wolken, die in der Ferne aufzögen.2014-03-23_Höhenlauf01Trotzdem ließe sie sich nicht beirren und fände irgendwann die Hinweisschilder, die den Saar-Hunsrück-Steig markierten. Sie erblasste des einen oder anderen steilen Anstiegs wegen, manövrierte sich mühselig hinauf und flöge dann geradezu die Trails hinab. Lägen nicht auf dem breiter werdenden Weg einzelne Schottersteine, die fiese Stolperfallen bildeten, beschleunigte sie ihre Schritte noch mehr.2014-03-23_Höhenlauf05Sie sparte sich aber natürlich noch Kräfte auf, denn sie wüsste ja, dass noch einige Kilometer vor ihr lägen und sie sich nicht darauf verlassen könnte, dass ihre durch den gestrigen Tempolauf beanspruchten Beine das Auf und Ab klaglos ertrügen.2014-03-23_Höhenlauf03Wenn es ihr wirklich gelänge, sich richtig einzuschätzen, und sie dann nach 15,5 Kilometern hungrig und zufrieden wieder zuhause anlangte, hätte sie wohl doch alles richtig gemacht. 😎

2014-03-23_Höhenlauf04Bastian Sick, seines Zeichens (mehr oder minder selbst ernannter) Oberhüter sprachlicher Korrektheit, kommt gern mit dem moralischen Zeigefinger, mahnt den Niedergang der Allgemeinbildung an und macht sich lustig über diejenigen, die sich in den Widrigkeiten unserer nicht eben einfachen Sprache mit ihren zahlreichen unregelmäßigen Formen verheddern. Mir geht es ausschließlich um die Ästhetik: So manches Wort, so manche Wendung, die heute kaum mehr jemand in seine Formulierungen einstreut, finde ich einfach „schön“ – dafür verzichte ich gern auf „Würde“. 😉 Leider brauche ich den Konjunktiv II für meine Laufberichte eigentlich gar nicht! Denn da der Lauf wie beschrieben stattgefunden hat, hätte es auch der Indikativ getan! 😎

Advertisements

50 Gedanken zu “„Würde-los“: Training hülfe!

  1. Liebe Anne,

    Applaus
    Applaus

    danke für diesen Ausflug
    sprachlich
    und läuferisch
    in unsere schöne
    wahrlich schöne deutsche Sprache
    auch ich bin Freund des korrekten Schreibens
    und Sprechens
    bin ganz besonders dem Genitiv zugeneigt
    der leider in der heutigen Zeit meist unwissender weise
    warum nur ?
    durch DEM Dativ oder sonst wem ersetzt wird
    treffe ich dennoch auf Menschen
    die sich des Genitivs regelmäßig bedienen
    lacht mein ♥

    Gefällt mir

    • Danke auch dir, liebe Margitta, die du auch der korrekten Verwendung des Genitivs mächtig bist! Wie gut – wir vermissten ihn, ginge er tatsächlich verloren! 😉

      Gefällt mir

  2. Mensch, Anne! Das ist aber anstrengend zu lesen. Und verwirren dazu, denkt doch mein Hirn ständig: „Ja, was war denn nun?“ Kommt nicht klar mit dem Konjunktiv II bei einem Tatsachenlaufbericht. Trotzdem – schöner Lauf.
    Liebe Grüße, Bianca

    Gefällt mir

    • Anstrengend, weil ungewohnt, liebe Bianca – manche grammatikalische Form ist im Laufe der Jahre (fast) verloren gegangen. Es war ein schöner Lauf – im Indikativ. 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

      Gefällt mir

  3. Zu Hülfe, zu Hülfe,
    hätte ich keine gute Schulbildung genossen, verstünde ich rein gar nichts.
    Und käme ich nicht des Öfteren dort vorbei, sähe der gruselige Anstieg auf dem vorletzten Bild auch nicht so vertraut aus.
    Dort, wo sich Manch eine(r) nicht entlangtraute, wenn er ihn kennte (?) , aus Angst er verlöre dort seine Würde.

    Und praktizierte ich diese Art zu schreiben häufiger, wäre es auch nicht so anstrengend.

    Liebe Grüße
    Birthe

    Gefällt mir

    • Es gibt Momente, in denen man sich freut, dass man seine Schulbildung hat … 🙂 Kenntest (stimmt übrigens! 😉 ) du den Anstieg nicht, gruseltest du dich vermutlich noch mehr und teiltest ihn dir falsch ein. Und fragtest dich dann, ob es würdelos wäre, ihn das letzte Stück hinauf zu gehen. 😎

      Zum Glück brauchen wir den Konjunktiv II ja so selten – wir schreiben ja nicht über Läufe, an denen uns etwas gehindert hat, sondern über die, die wir gemeistert haben.

      Liebe Grüße,
      Anne

      Gefällt mir

  4. Liebe Anne,
    danke, danke, danke! 😆
    Dein Bericht ist grandios und auch wenn dein Lauf genau so stattgefunden hat, auf diese „würdelose“ Art ließ er mich laut auflachen! Du hast mir den Sonntag versüßt! (ganz ohne Konjunktiv!) 🙂

    Gefällt mir

  5. Köstlich Anne! Ja genau, Konjunktiv II – lang ists her, da war doch noch was…!
    Und dennoch: Ich finde, unsere Sprache ist es wert, erhalten zu werten, und zwar mit allem Drum und Dran. Ich glaube so einen schönen entwürdeten Text kriegt nur ein bestens durchblutetes Läuferhirn hin, der Lauf hat da anscheinend positivste Nebeneffekte gezeitigt!
    Liebe Grüße
    Elke

    Gefällt mir

    • Gut durchblutetes Läuferhirn, das ist es, liebe Elke! 😆 Nur dank seiner Hilfe lässt sich ein Text entwürden – und wir können der deutschen Sprache ihre Würde bewahren. 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

      Gefällt mir

  6. Hihihi, ich habe die Bezeichnungen für die deutsche Grammatik nie richtig gelernt. Habe immer einfach nach Bauchgefühl geredet und geschrieben. Da ist es für mich köstlich zu lesen, wie du die Würde der deutschen Sprache aufrecht erhältst. Klingt gut … vorallem dein schöner Lauf mit schönen Bildern dazu.
    Liebe Grüße
    Tati

    Gefällt mir

    • Ich musste sie lernen, liebe Tati – und irgendwie sind einige hängen geblieben! 😉 Letztlich sind mir gelungene Läufe mit Fotopausen aber allemal lieber als Deutschstunden. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

      Gefällt mir

  7. Konjunktiv II …. ah ja … Ich hatte es nie mit der Grammtik und solidarisiere mich da mit Tati :mrgreen:

    Ich fühle mich im Hier und Heute unser Sprache deutlich wohler. Der würde-lose Text klingt so mitterlalterlich und mit dem Mittelalter konnte ich noch nie wirklich etwas anfangen.

    Es freut sich auf künftige, würde-volle Texte der Weinbergschnecke

    mit lieben Grüßen der Volker

    Gefällt mir

    • Hoch geschätzter Herr Deichläufer,

      Ihr begrüßtet es also nicht, wenn ich mich fürderhin in diesem Blog einer gediegeneren Sprache befleißigte? 😉

      Keine Sorge, die nächsten Beiträge schreibe ich wieder in zeitgemäßem Deutsch. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

      Gefällt mir

      • Hier muss ich doch nochmals einhaken:
        Gäben wir allem neuen Borstenvieh, dass durch unsere virtuellen Kleinsiedlungen getrieben wird, widerstandslos nach, so sänke das Niveau unserer schönen Muttersprache doch bald in gar traurige Tiefen hinab. Was da als „Weiterentwicklung“ zu Markte getragen und gern in anglizistisches oder ähnliches Kauderwelsch gekleidet wird, ist bei Lichte betrachtet eigentlich nur verbale Keilschrift.
        Klar redet niemand heute noch so, aber ich finde, solche Texte heben sich doch erfrischend aus sonstigem „Voll krass wie geil ist das denn“ ab …. 😉
        Liebe Grüße
        Elke

        Gefällt mir

        • „Verbale Keilschrift“ – die Formulierung ist brilliant, liebe Elke! 😆

          Zu meinem allergrößten Erschrecken ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich – gerade in Fachzusammenhängen – immer mehr Anglizismen in die Alltagssprache einstreue, weil „man das da so tut“. Schrecklich, wie da nur noch von Abstracts, Proposals, Minutes und Funding die Rede ist, wo früher Zusammenfassungen, Vorschlägen bzw. Projektentwürfe, Protokolle und Finanzierungsmodelle vorgelegt wurden. So ist wohl der Lauf der Welt, voll krass, walla ya?! 😉

          Gefällt mir

  8. Also Frau von Weinbergschnecke: Hier bei uns heißt es einfach :Hett de Hund net gschiss, hett er die Katz g´fong! Oder um es einigermaßen esthetisch zu formulieren : Hätte der Hund nicht sein Geschäftchen gemacht, hätte er die Katze gefangen. Nun könnte man auch sagen : Würde des Hundes Würde es zualassen sein Morgentoilette auf späteren Geheiß hin zu erledigen, bestände die Möglichkeit, nein sogar die schiere Sicherheit die sich in höchster Eile befindliche Katze im Spurte zu erlegen. So nun aber ist dieselbe schon längst entfleucht. 🙂

    Gefällt mir

  9. Oh da ist mir doch ein wahres Unheil passiert-ein Buchstabe-seinerseits von unedlem Stande , hat sich erlaubt den Platze seines angestammten rechtmäßgen Bruders zu besetzen und diesen zu vertreiben! Sei es drum, die Tat ist geschehen, doch ich muss darauf hinweisen, dass ich sehr wohl im Stande stünde, statt „esthetisch“ „ästhetisch“ zu schrieben. Allein der Übergang vom Geiste in den Körper, hier speziell des Fingers verlief mangelhaft und verursachte so den Ungemach.

    Gefällt mir

  10. Liebe Anne,

    ich als gebürtige Schwedin tue mich manchmal ziemlich schwer mit der deutschen Grammatik… Ich bin meistens einfach nur froh, wenn ich halbwegs korrekte Sätze und einen leserlichen Text zusammen bringe… 😉 Wie ich aber so aus deinem Bericht heraus lesen kann, hattest du einen etwas kühlen aber schönen Lauf 🙂

    Liebe Grüße Anna

    Gefällt mir

    • Liebe Anna,

      der Blogpost ist ein Kapitel aus dem Buch „Deutsche Grammatik, die man nicht unbedingt braucht“. Der Konjunktiv II, wie man ihn in der Alltagssprache verwendet („Training würde helfen“ statt „Training hülfe“), ist ja nicht falsch, sondern einfach „moderner“ – und im Gespräch sowieso angemessener . 🙂

      Du konntest offenbar trotz des altertümlichen Sprachgebrauchs rauslesen, was ich erlebt habe – das freut mich! 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

      Gefällt mir

    • Danke für die Nominierung, liebe Elke! Leider brennt bei mir im Moment mal wieder die Hütte – zu viel um die Ohren, weil neben beruflichen im Moment auch hobbymäßige Verpflichtungen drängen. Daher kann ich nicht versprechen, dass ich mich der Aufgabe annehme. 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

      Gefällt mir

  11. Pingback: Der „Die Welt gehört mir“-Moment | Weinbergschneckes Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s