Achtsamkeit

Achtsamkeit – neudeutsch: mindfulness – bezeichnet einen Bewusstseinszustand, in dem man seine Aufmerksamkeit ganz auf das richtet, was im jeweiligen Moment im eigenen Körper und in seiner Umgebung geschieht, und es offen und mit allen Sinnen, aber zugleich vollkommen wertfrei wahrnimmt. Läufe, bei denen so etwas klappt, sind ein Geschenk.

Ein solches Geschenk bekomme ich heute. Nach dem gestrigen Dauerregen und Grau ist wieder der Frühling ausgebrochen. Sonnenbrandwetter. Am westlichen Moselufer kann man morgens um halb neun das Licht am besten genießen und die schönsten Schattenspiele an den moosbewachsenen, leuchtend grünen Mauern bewundern.

2014-02-02_Achtsamkeit03An der Kaiser-Wilhelm-Brücke überlege ich kurz, ob ich hoch auf den Felsenpfad mag, um die Mosel von oben glitzern zu sehen. Ich mag nicht. Auf dem Felsenpfad müsste ich mich nämlich konzentrieren: Wurzeln, rutschige Steine, Schlamm. Auf dem Leinpfad muss ich nur darauf achten, nicht in die tiefen Pfützen zu latschen.

Ansonsten kann ich quasi subkortikal vor mich hin traben, den Blick auf die paar Meter vor mir richten, die quakenden Enten wahrnehmen, einen vorbeituckernden Dieselkahn, gelegentlich ein Auto. Und einfach nur laufen. Achtsam sein eben. Ganz auf den Moment konzentriert. Vollkommen bewertungsfrei.2014-02-02_Achtsamkeit05Das mit der Achtsamkeit beim Laufen hat nur einen winzigkleinen Nachteil. Kluge Menschen werden ihn bereits erahnen. Ich ahne nichts. Ich bin vollkommen bewertungsfrei. Ganz auf den Moment konzentriert. Nicht auf die Vergangenheit. Schon gar nicht auf die Zukunft. Nichts planend. Einfach bei mir …

Der Blick auf Garminchens Display kurz hinter der Pfalzeler Eisenbahnbrücke bewirkt eine schlagartige Reaktivierung der höheren kortikalen Funktionen. Deren Output verdichtet sich zu zwei Worten: „Oh Sch###!“, gefolgt von vier weiteren: „Das wird weh tun!“ 2014-02-02_Achtsamkeit02Tja, wer seit 2 Monaten kaum einen Lauf über 10 km gemacht hat und froh war, „irgendwie“ 20, 22 Wochenkilometer zusammenzuhoppeln, tut nicht gut daran, einfach mal 10 km in eine Richtung zu rennen. Es gibt Situationen, in denen ist Achtsamkeit was Wunderbares – es gibt aber auch welche, in denen ist sie einfach Mist!

Erstmal bleib ich stehen und mach ein paar Fotos. Mach ich immer, wenn ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Aber eigentlich kann ich außer Fotografieren eh nichts machen – nur zurück laufen. Auf gleichem Weg. 17 km kommen mindestens raus, selbst wenn ich diagonal durch die Stadt abkürze.2014-02-02_Achtsamkeit04Eh bien, dann wollen wir mal! Wärmer war es definitiv auf dem Hinweg. Erstens verkriecht sich die Sonne hinter Wolken. Zweitens ist da Wind von vorn. Also kommen doch wieder Handschuhe an die Pfoten. Meine Begeisterung für den Zustand der Achtsamkeit ist auch etwas getrübt. Ich versuche trotzdem, ihn wieder herzustellen. Aber „Oh Sch###!“ taugt nicht besonders gut als Mantra. Also versuche ich’s mit der bewährten Seilwinden-Meditation und hangele mich so von Baum zu Brückengeländer zu Markierungspfahl.

2014-02-02_Achtsamkeit06Ein faszinierendes physikalisches Phänomen bietet Futter für’s Hirn: Ich laufe auf die Kaiser-Wilhelm-Brücke zu und müsste ihr doch eigentlich mit jedem Schritt näher kommen. Stattdessen entfernt sie sich in meiner Wahrnehmung weiter und weiter flussaufwärts. ❓ Scheint sich wohl eher um ein psychologisches Phänomen zu handeln – weiter zu laufen als die Kräfte eigentlich reichen macht ballaballa! 😉

Bei Kilometer 15 an der schicken Weinhändlervilla mache ich noch mal einen kurzen Fotostopp. Tja, hätte ich was Anständiges gelernt und Kohle gescheffelt, hätte ich auch eine Villa an der Mosel und wäre jetzt daheim. Aber wenn man studiert hat und im öffentlichen Dienst arbeitet, reicht’s eben nur für eine Etagenwohnung am Stadtrand.2014-02-02_Achtsamkeit07Den Weg dorthin großartig abzukürzen bringt es jetzt auch nicht mehr, also lauf ich noch den Schlenker über die Adenauerbrücke und rette mich bis zum Bäcker in der Saarstraße. 18,6 Kilometer – die letzten 1,4 bergauf werden nicht gelaufen, sondern spaziert. Schließlich hatte ich noch kein Frühstück. Und einem knurrenden Magen mag ich auf Dauer nicht wertfrei begegnen. Achtsamkeit ist ja was Feines. Aber in manchen Situationen wird sie echt überbewertet. 😉2014-02-02_Achtsamkeit01

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24 Gedanken zu “Achtsamkeit

  1. Hallo Anne,
    das war doch ein toller „Wintertrainingslauf“ wie aus dem Lehrbuch. Und wenn dann noch das Frühstück geschmeckt hat, kann es doch nur einen wunderschönen Sonntag geben.

    Gruß
    Harald

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    • Nicht ganz wie aus dem Lehrbuch, lieber Harald, zumindest nicht wie aus demjenigen Lehrbuch, dass bestimmte Pulswerte für den langen Lauf vorgibt – aber wenn interessiert die Höhe des Pulses, solange man einen hat? 😉

      Der Sonntag war und ist angenehm faul – das brauchte ich nach dem Lauf.

      Viele Grüße,
      Anne

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    • Akut keine Probleme, zum Glück! Und wie heißt es so schön: Um seine Grenzen rauszuschieben, muss man sie auch mal überschreiten! 😎

      Danke, Anja!

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  2. Super liebe Anne,
    du bist der einzige Mensch, der die Begriffe: subkortikales traben, Achtsamkeit, Seilwindenmeditation und Weinhändlervilla in einen so wunderbar vergnüglichen Zusammenhang bringt, dass ich beim lesen laut aufgelacht habe. (Besonders die flüchtende Brücke hat’s mir angetan).
    Vielen Dank für diesen Beitrag zu einem Sonntag mit weltbester Laune!!

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    • Gern geschehen, liebe Doris! Auch bei mir klebte nach dem Lauf ein Grinsen im Gesicht (und klebt jetzt noch). Die Freude über den Lauf merkt man offenbar auch dem Bericht an. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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  3. Auch wenn es dir weh tat. Ich hatte ein Grinsen im Gesicht.
    Ruh die Beine aus. Beim nächsten Lauf wird es auch wieder so schön … entspannt oder anstrengend. 😉

    Liebe Grüße
    Tati

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    • Besonders weh tat es zum Glück doch nicht. Anstrengend natürlich schon – aber zum Glück sind die guten Grundlagen aus dem Herbst noch nicht komplett weg. Auf dem Rückweg war ich sogar (ungewollt!) 10-15 Sekunden pro km schneller als auf dem Hinweg. 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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  4. Was für ein Sonntag !
    Mit Sonnenbrandwetter
    wo wohnst du ?
    Seilwindenmeditation
    du kennst dich aus
    wer sonst ?
    Die Länge dieses Postes
    ( auch neudeutsch )
    spricht Bände
    ebenso wie die Länge der gelaufenen Strecke
    und Cola
    erstens überhaupt
    zweitens zum Frühstück ?

    aber schön war es doch ! 😉

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    • Die Sonne hatte erstaunlich viel Kraft, liebe Margitta. Ansonsten: Jaja, die kleinen Sünden – gelegentlich ein (zu) langer Blogbeitrag und drei- bis viermal pro Jahr eine Cola, wenn mir danach ist. 😎

      Schön war’s! 🙂

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  5. Subkortikales Laufen … das muss ich mir merken 😉 Wenn Wissenschaftlerinnen laufen und bloggen, bringt das reichlich Abwechslung für die Leser. Vielen Dank dafür, liebe Anne.

    Auch wenn der lange Lauf weh getan hat, kannst Du das positiv sehen: Wenn es darauf ankommt, bist Du schon wieder fit für 20 Kilometer. Das muss doch ein gutes Gefühl sein!

    Ich hatte zwar gestern nicht so viel Glück mit dem Wetter. Aber wer zu Wettkämpfen fährt, kann es sich nicht heraussuchen. Der nächste Sonnentag kommt bestimmt.

    Viel Spaß beim Entspannen. Wer braucht schon eine hochwassergefährdete Villa an der Mosel? …

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

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    • Gerne doch, lieber Rainer!

      Anstrengend war’s, aber nicht so schmerzhaft wie ich in Pfalzel befürchtet hatte. Und ein bisschen schwer fallen darf ein langer Lauf … solange man hinterher den Weg vom Sofa in die Küche und ins Bad noch schafft … 😎

      Schade, dass euer Lauf gestern so ungemütlich verregnet war. Natürlich machen auch Regenläufe Spaß. Aber bei „offiziellen Läufen“, wenn man zu rennen versucht, hätte man es ja doch gern etwas kuscheliger. 🙂

      Und ja, du hast recht, wer braucht schon eine hochwassergefährdete Villa – und wer braucht überhaupt eine Villa, wenn er nicht auch das Personal dafür bezahlen kann … ohne Gärtner, Köchin und Reinigungskräfte ist so ein Haus keine Freude! 😉

      Liebe Grüße,
      Anne

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  6. Hab kräftig geschmunzelt, wozu einen die Achtsamkeit doch so treibt, bzw. deren Negierung. Aber so kommen immerhin km auf den Tacho, und Bilder in den Blog, und Cola und Brötchen auf den Tisch 😉
    Liebe Grüße
    Elke

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    • Vorher hätte ich mir sicher keine 18 km zugetraut, liebe Elke. Da muss man wohl ganz spezielle Formen der Achtsamkeit erleben, um sich selbst nicht zu blockieren! 😉

      Liebe Grüße,
      Anne

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  7. Ein Psychologin kämpft mit psychologischen Phänomenen und philsophiert über die geregelte Armut des öffentlichen Dienstes. Was sich auf gut 18 km im Kopf alles so abspielt ist schon spannend. Aber auch die Achtsamkeit hat einen großen Raum eingenommen und Dir zu diesem Longjog verholfen.

    Fazit: Na also, es geht doch (noch). Super.

    Liebe Grüße aus dem heute über Tag ebenfalls frühlingshaft gewesenen Oldenburg
    Volker

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    • Och, in meinem Fall von „Armut“ zu reden, wäre Jammern auf hohem Niveau … für eine Villa reicht’s aber bei Weitem nicht, nicht mal für ein Einfamilienhaus (das ich aber auch nicht brauche). Ansonsten hast du natürlich recht: Fazit von heute = Geht doch! 😎

      Liebe Grüße in den Oldenburger Frühling,
      Anne

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  8. Ob Du da wirklich achtsam warst… Doch eher gaaanz tief mediativ abgetaucht, oder? 😉
    Aber beim dem herrlichen Wetter war das bestimmt wunderbar.
    Liebe Grüße, Bianca

    PS: Also ICH musste ja „subkortikal“ googlen. 😕

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    • Achtsamkeit ist witzigerweise sogar eine Meditations“technik“, liebe Bianca – die buddhistische Zen-Meditation fußt darauf. Beim Stillsitzen kriege ich diesen Zustand nicht hin, dafür bin ich zu „hibbelig“ – aber beim Laufen klappt’s! 😉

      „Subkortikal“ ist nun nicht gerade Alltagssprache, ich kenne das Wort in erster Linie aus meiner Ausbildung … keine Schande also, es zu googeln! 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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  9. Liebe Anne,

    ein grandioser Beitrag, vielen Dank. Das Seelenleben eines Läufers, so würde ich es nennen. Und wer könnte es treffender beschreiben als Du?
    Eine Villa an der Mosel würde doch gar nicht zu Dir passen und ohne Deinen Job im öffentlichen Dienst wäre Dir bestimmt langweilig, oder nicht? 🙂

    Freu mich für Deinen fast 20er und meinen Respekt hast Du sowieso…weil ohne Frühstück

    Salut
    Christian

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    • Danke, lieber Christian! 🙂

      Ganz nüchtern war ich nicht, ein Milchkaffee vorweg musste sein (schon wegen der … äh … erleichternden… Wirkung, die er bei mir hat). Aber essen muss ich nicht unbedingt was und bei dem gestrigen Wetter gingen auch 2 Stunden ohne Getränk. Die letzten 2 km waren grenzwertig, aber nicht wirklich unangenehm.

      Und ja, Schiki-Micki-Villa an der Mosel würde nicht zu mir passen, ich bin mit meiner kleinen Wohnung bestens bedient. 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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  10. So kommst Du eben auch mal zu einem längeren Lauf. Wenn so was nicht geplant ist, macht es hoffentlich trotzdem Spaß.
    Ich entnehme Deinen Zeilen und Worten jedenfalls jede Menge Humor und schließe daraus, dass es Dir Spaß gemacht hat.
    Allerdings ohne Frühstück würde so was bei mir überhaupt gar nicht gehen.
    Deine Laufgegend gefällt mir übrigens gut.
    Lieben Gruß
    Kornelia

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    • Unverhofft kommt oft – im Nachhinein hab ich mich sehr gefreut über diesen langen Lauf. Und Spaß gehabt habe ich auch neben der Anstrengung. 🙂

      Ohne Frühstück oder nur mit einer Kleinigkeit im Magen kann ich solche Läufe machen. Nur ohne Kaffee vorher wird es schwierig!

      Danke, liebe Kornelia!

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  11. Herzlichen Glückwunsch zum breiten Grinsen und zum „Verlaufen“ 🙂 Ich war gestern auch unterwegs, allerdings nur 12 km, dafür fast die Hälfte davon zum Dampfablassen gehörig bergauf. Hat mich selbst gewundert dass es so gut ging, aber der (Arbeits-)Ärger sorgte wohl für genügend Dampf. Egal danach hatte ich jedenfalls auch das breite Grinsen 😉
    Die eine hoffentlich geruhsame Arbeitswoche!
    Liebe Grüße Elke

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    • Was heißt „nur“ 12 km, liebe Elke! Das ist schon eine kräftige Dosis und du musst eine Menge Dampf in dir gehabt haben! Immerhin: Wenn das Laufen auch dir ein Grinsen auf’s Gesicht gezaubert hat, hast du alles richtig gemacht!

      Geruhsam? Nö! Aber wundert uns das? Nö!

      Liebe Grüße, auf dass wenigstens dein Ärger weniger werde!
      Anne

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