Milljunen Lichter – Sommernachts-Zehner in Ralingen

Am lauschigen Strand einer Tropeninsel könnte es nicht erholsamer sein: Liegestühle, gekühlte Getränke, Leckereien vom Grill, Musik, der Schein von Milljunen Lichtern. Bei 25 Grad – abends um 22 Uhr wohlgemerkt – genießen die Einwohner Ralingens die Romantik eines wundervollen Juliabends. Und feuern nebenbei knapp 350 positiv Bekloppte an, die an ihnen vorbei wetzen und triefen von Schweiß oder Wasser, das sie sich zur Kühlung über Kopf und Kleidung gegossen haben.

Die Veranstaltung? Sommernachtslauf in Ralingen an der Sauer, gut 25 Kilometer von Trier entfernt. Startzeit 22 Uhr. Ein dreimal zu absolvierender Zickzackkurs durch den Ort und über die Grenzbrücke ins luxemburgische Rosport. Dank meines Losglücks bin ich wieder mal mit „Der TV bewegt“ unterwegs. Im Auto mit Jens (dankeschön! 🙂 ), der heute zum ersten Mal für seinen neuen Verein, den Lauftreff Schweich starten wird.

Das Wetter? Nach den über 30 Grad am Tage entsteht beim Aussteigen ein Eindruck von Frische. Aber der verflüchtigt sich schnell: Immer noch 26, 27 Grad, dazu Schwüle. Irgendwie fies. Die Gewitter entladen sich zum Glück erst eine knappe Stunde nach der Zielankunft.2013-07-28_Ralingen 005Die Taktik? Laufen nur nach Körpergefühl. Weder mit Blick auf den Puls noch auf die Zwischenzeiten. Weil ich die Daten im Nachhinein anschauen will, trage ich Garminchen trotzdem. Allerdings zeigt das Display konstant 21:25 an – die Uhrzeit des Sonnenuntergangs! So lass ich mich wenigstens nicht durch Zahlen verrückt machen.

Versuche ich zumindest. Aber das nützt wenig, wenn so ein Hansel neben mir seine Lauf-App auf Großraumdisco-Lautstärke stellt und in Endlosschleife sabbeln lässt: „Elfkommazwei Stundenkilometer, siebenkommadreisechs Kilometer, dreihundertsechsundsiebzig Kalorien, elfkommavier Stundenkilometer, …“. Ich weiß nicht, wie man sowas auf den Ohren haben kann, ohne komplett bescheuert zu werden. Vermutlich ist das Ausgangsniveau der Betreffenden schon entsprechend bodennah lokalisiert. Erfreulicherweise kann Hansel irgendwann keine elfkommavier Stundenkilometer mehr laufen und verschwindet aus meiner Hörweite.

Die Strecke? Mittendrin im Getümmel kann ich der Meute hinterherlaufen. Ohne Navi wäre ich ansonsten orientierungslos auf dem extrem winkeligen Kurs durch den Ort, über die Grenzbrücke und am Rand der Campingplätze am luxemburgischen und deutschen Ufer der Sauer entlang. Laut Ausschreibung ist die Strecke flach. Laut Garminchens Höhenmeterzählung auch. Gefühlt aber eine Berg-und-Talbahn mit etlichen Brückenüberquerungen und kleinen „Wellen“ auf der deutschen Sauerseite. Teils ist der Weg mit Lichtern markiert: Gläser mit Kerzen, Neon-Stäbe, kleine Scheinwerfer, rote Leuchtdioden auf den Straßen, Lichterketten, die um die Torbögen auf dem Rosporter Campingplatz gewunden sind. Sehr romantisch. Und hell genug, um keine Angst vor Stürzen haben zu müssen.Rennen 27.07.2013 Die Stimmung? Sommerlich-entspannt und fröhlich. An mehreren Stellen im Ort feiern die Anwohner Sommernachtslaufpartys und machen uns mit Rufen, Klatschen und Musik Beine. Aus den Lautsprechern eines Autos dröhnen Hard Rock-Klänge, das pusht wunderbar, wenn die Beine schlapp machen. Auf dem Campingplatz laufen wir durch ein Spalier von Campingstühlen, die Kinder reichen uns Wasserbecher, manche laufen ein Stückchen mit.

Die Versorgung? Zwei Wasserstellen bieten neben Getränken auch Schwämme – herrlich bei diesen Bedingungen. Ich nehme jeden Schwamm, den ich bekommen kann. Auf der letzten Runde schnappe ich mir einen Becher Wasser von den Camping-Kindern und schütte ihn mir über den Balg. Die Kühlung aus der Sprühdusche, die von den Campern aufgestellt wurde, reicht längst nicht mehr aus.

Im Ziel gibt es zur Erfrischung Wasser, Apfelschorle, alkoholfreies Bier und Malzbier. Kulinarisch wird primär die Currywurst-Pommes-Fraktion bedient. Auf drei Runden dreimal direkt neben einem Riesen-Grill vorbeilaufen und den Geruch von Schwenkbraten und Würsten ertragen zu müssen, gehört zu den härteren Prüfungen dieses Laufs. Zum Glück findet sich als Alternative zu Fleisch und Fritten doch noch eine Kuchentheke.

Mein Lauf? Etwas zu schnell angelaufen, auf den zweiten fünf Kilometern Tempo rausgenommen, um den Spaß zu behalten. Auf dem letzten Kilometer wieder zugelegt und heil, wenn auch mit ziemlich weichen Beinen ins Ziel gekommen. 55:50, knapp 5 Sekunden pro Kilometer langsamer als beim Trierer Stadtlauf. Gemessen an den Umständen – warm, hohe Luftfeuchtigkeit, späte Startzeit – bin ich superzufrieden.

Und wie geht’s weiter? Mir reicht’s vorerst mit der kurzen, „schnellen“ Rennerei. In den nächsten Wochen gilt: „Ausdauer verbessern“ heißt das Ziel. Da will schließlich Ende August ein Halbmarathon bewältigt werden – nicht schnell, aber in Würde, sprich: Laufend, nicht teilweise gehend! Und Ende September hab ich eine Verabredung zu einem „30er“ an der Ostsee, auf die ich mich schon sehr freue! 🙂

Fazit: Der eckige Kurs mit seinen engen Kurven und Wendepunkten ist nichts für Bestzeitenjäger. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist der Ralinger Sommernachtslauf eine Bereicherung des regionalen Laufkalenders: Atmosphärisch einmalig, sehr stimmungsvoll und einfach „besonders“!

P.S.: Holger Teusch vom TV hat mich „erwischt“ – es ist nicht zu übersehen, dass mir ziemlich warm war!  😆

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20 Gedanken zu “Milljunen Lichter – Sommernachts-Zehner in Ralingen

    • Es hat Spaß gemacht, liebe Elke! Jetzt schalte ich für 2 Monate von Gefechts- auf Entspannungsmodus um. Keine Wett“kämpfe“, einfach „Laufen pur“, allein oder in Gesellschaft, zum Beispiel beim Pfälzer Felsentrail.

      Liebe Grüße,
      Anne

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  1. Hach, Punkt 22.00 Uhr habe ich an dich gedacht – ich hoffe sehr, dass dich das motiviert hat und nicht nur die winkligen Gassen und/oder Mitläufer mit sprechender Uhr(ätzend – das habe ich ja noch nie gehört, es wird ja immer schlimmer, was wird noch alles auf uns zukommen ?) !

    Ist doch gut gelaufen in Anbetracht der Hitze und der nächtlichen Umstände, wo der Körper normalerweise schon heruntergefahren ist, es sei denn, du treibst dich in sommerlichen Nächten in Weinstuben herum und kannst nicht von dem edlen Trunk lassen !! 😉

    30-er an der Ostsee – aha – soso, da laufe ich glatt mit !! 😉

    Sahara-Grüße……………………

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    • Hab ich doch gespürt, dass ihr an mich gedacht habt, liebe Margitta! Während ihr euch – so mutmaße ich – dem edlen Trunke gewidmet habt, nahm ich euch virtuell mit durch die verborgenen Ecken und entlang der Sauerradwege in Rosport und Ralingen. 🙂

      Ja, es ist wirklich gut gelaufen. Natürlich träume ich davon, ein bisschen schneller zu sein – unter optimalen Bedingungen bin ich das sicher auch. Aber gestern hätte ich mich richtig quälen müssen für jede Sekunde weniger. Das möchte ich einfach nicht mehr. Bei einem 30er an der Ostsee wäre das anders. Ich würde mich sicher nicht ohne Not nach 24 km greinend in den Sand werfen … schon gar nicht, wenn du mitläufst! 😎

      Verregnete Grüße,
      Anne

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  2. Herzlichen Glückwunsch liebe Anne! Ich habe gestern um 22.02 Uhr auf die Uhr gesehen, (auf der Terasse sitzend und mich über die immer noch 28° wundernd!) und dir mental viele, viele Eiswürfelchen geschickt. Aber scheinbar sind die auf ihrem Weg geschmolzen und verdunstet!!!
    Ein schöner Lauf, von dem du da berichtest, mehr Sommer- als Wettkampffeeling und du schaffst trotzdem so eine Super Zeit! Wow!!!
    Ich hoffe, dein heutiges Sonntagsprogramm ist weniger schweißtreibend und wünsch dir einen erholsamen Nachmittag!

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    • Danke, liebe Doris! Die Eiswürfel habe ich mir in flüssiger Form über das Shirt gegossen, das machte die Bedingungen gleich erträglicher! Es war wirklich mehr Sommer- als Wettkampffeeling, für mich wenigstens. Den Wettkampf hab ich nur mit meinem Schweineelch ausgefochten, der bei km 6 auf einmal gehen wollte. Das ging ja nun gar nicht! 😉

      Das heutige Sonntagsprogramm war eher erfrischend: Im Regen 2 km zum Schwimmbad joggen, ganz allein im riesigen Schwimmerbecken 1000 m rumplantschen und wieder zurück laufen, ganz locker natürlich. Nun folgt die Couch und ein Mittagsschläfchen.

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  3. Die Wenbergschnecke darf sich so langsam Rallye-Streifen an ihr Häuschen kleben. Angesichts der Uhrzeit und des Klimas finde ich die Zeit eine stramme Leistung!

    Also das Du über den „Service“ einer permanenten Zeit- und Tempoansage so meckerst, kann ich ja gar nicht verstehen. Ebenso wie die Klage über die gar lieblichen Düfte vom Grill :mrgreen:

    Dein heutiges Programm klingt da erheblich entspannter und symphatischer. Gute Erholung!

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Naja, Rallyestreifen angesichts einer hohen 55er-Zeit auf 10 km liegen auf der nach oben offenen Peinlichkeitsskala ungefähr auf gleicher Höhe mit Rallyestreifen an einem Fiat Punto. 😉
      Was die akustischen und olfaktorischen Reize angeht: Wenn ich einen Lauf mit allen Sinnen genießen möchte, sind eine weibliche Maschinenstimme und tote Schweinefetzen eigentlich nicht das, was ich in einer lauen Sommernacht wahrzunehmen wünsche. Aber die Vorlieben sind ja verschieden! 🙂

      Vielen Dank, lieber Volker. Ich glaub, ich geh gleich noch ein Eis essen, das müsste dir doch erst recht gefallen?!

      Liebe Grüße
      Anne

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  4. Hallo Anne,
    herzlichen Glückwunsch zur tollen Leistung. Bei diesen Verhältnissen so ne Zeit laufen und dabei noch Spaß haben … Das heißt schon was :-).
    Ich finde 10er laufen auch immer so stressig und immer dieses Gehetze… nee nee, da ist so ein HM schon viel besser 🙂
    LG Helge

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    • Hallo Helge,
      dankeschön! Da Spaß zu haben Priorität hat, halte ich mich mit dem Gehetze beim 10er etwas zurück. Stressig ist es dennoch, wenigstens ein bisschen. Da finde ich das HM-Tempo auch angenehmer, vorausgesetzt, man ist gut vorbereitet. Das werde ich beim Maare-Mosel-Lauf nicht sein. Aber es wird schon reichen, um mit ein paar Fotostopps und viel Spaß ins Ziel zu kommen. 🙂

      Lieben Gruß,
      Anne

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  5. Cooler Lauf Anne hast du super hinbekommen. Zum Glück hast du den Kuchen noch gefunden, das wäre ja schrecklich gewesen so ohne…. .Ich weis auch immer nicht warum manche sich so beschallen müssen beim Laufen. Es ist soviel Lärm überall, da kann ich zumindest nicht mal Musik ertragen.
    Bei mir geht immer noch nicht viel, aber heute hat es sich abgekühlt, da werde ich es mal wieder wagen.

    Liebe Grüße nach Trier

    Bärbel

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    • Danke, Bärbel! Ohne den leckeren Mandarinen-Käsekuchen wäre der Lauf nur halb so schön gewesen! 😉

      Die Leute mit MP3-Playern sind schon eine Pest, weil sie nicht mitkriegen, wenn man von hinten kommt. Aber eine sprechende App ist noch schlimmer als eine Pulsuhr, die die ganze Zeit piepst, weil der Betreffende nicht mehr im Fettverbrennungspuls läuft. 🙂

      Hoffentlich ist es bei euch heute nicht mehr so heiß, damit du mal wieder auf die Piste kannst. Hier lässt es sich aushalten. Aber ich hab heute nur „Turnstunde“ geplant, einen Lauf gibt es erst morgen wieder.

      Liebe Grüße zurück nach Sachsen,
      Anne

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  6. Bei diesen Bedingungen so eine Zeit zu laufen ist schon klasse! Wieder einmal ein sehr schöner Bericht einer tollen Veranstaltung. Wir laufen beide gerne bei solchen Abendläufen, doch leider finden diese nicht allzu oft statt. Wir freuen uns dich in zwei Wochen zu sehen!!

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    • Danke, Martin! Hier gibt’s in den nächsten Wochen noch den einen oder anderen Abendlauf. Aber erstmal ist Hetzerei für mich gestrichen. In den nächsten knapp 14 Tagen will ich noch ein paar Hügel laufen, um meine Felsentrailtrauglichkeit zu verbessern. 😎

      Zimmer ist gebucht, Zugverbindung gefunden – ich freu mich auch! 🙂

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  7. Pingback: Tschö 2013 | Weinbergschneckes Blog

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