O schaurig ist’s übers Moor zu gehen

Laufen in der alten Heimat am Südrand der Lüneburger Heide. Eine Runde, die ich mir schon seit Jahren vorgenommen habe, die aber bei den seltenen Besuchen dort wetter- oder krankheitsbedingt nie gelang: Durch’s Naturschutzgebiet „Großes Moor“ bei Becklingen.2013-06-25_Heide_Moor19 Dem rennenden Knaben aus Annette von Droste-Hülshoffs düsterem Gedicht muss ich nun aber wahrlich nicht nacheifern. Ich ziehe es vor, auf dem festen Fahrdamm zu bleiben, der irgendwann in einen von Birken bestandenen Karnickelsandweg übergeht.2013-06-25_Heide_Moor102013-06-25_Heide_Moor16Das Naturschutzgebiet ist ein Stück Kulturlandschaft im Umbruch: In den 50ern und 60ern hat man sie mit gigantischem Aufwand der Natur abgerungen. Das Moor wurde entwässert, in Wald und Viehweiden umgewandelt und an die Landwirte verkauft. Seit einigen Jahren werden eben diese Grundstücke von der Naturschutzbehörde zurückgekauft und mit vergleichbar gigantischem Aufwand renaturiert.2013-06-25_Heide_Moor17Zuerst werden Kiefern und Buschwerk komplett abgeholzt.2013-06-25_Heide_Moor112013-06-25_Heide_Moor12Zugleich werden die Gräben nicht mehr geräumt, damit das Wasser keinen Abfluss findet und sich staut  – die Flächen vernässen und erste Moorkuhlen entstehen in den Senken.2013-06-25_Heide_Moor13Trotzdem säen sich noch Birken von selbst an und wuchern die Flächen zu.2013-06-25_Heide_Moor26 Der Aufwuchs muss wieder entfernt werden.2013-06-25_Heide_Moor14Irgendwann nach Jahren sind die Flächen endgültig so nass, dass außer Gräsern und Schilf nichts mehr wächst.2013-06-25_Heide_Moor15Dort, wo dieser Prozess bereits abgeschlossen ist, brüten inzwischen wieder Birkwild, Kraniche und andere seltene Vogelarten.2013-06-25_Heide_Moor18Heute begleitet der Ruf des Kuckucks meine Laufschritte.2013-06-25_Heide_Moor22Im Hochsommer werden die watteweißen Puschel des Wollgrases über dem rötlich-gelben Rohr leuchten. Man wird sie von der Plattform des neu errichteten Aussichtsturms (der leider noch nicht fertig war) bewundern können.2013-06-25_Heide_Moor20Auf den wenigen verbliebenen Viehweiden, die in den kommenden Jahren ebenfalls Stück für Stück der Natur zurückgegeben werden, halten in den nächsten Wochen schwarzbunte Jungrinder das magere Gras kurz. Vorausgesetzt, es findet sich noch ein Landwirt, der seine Tiere den Sommer über auf der Weide hält und bereit ist, jeden Tag dort nach dem Rechten zu sehen. 2013-06-25_Heide_Moor082013-06-25_Heide_Moor07Die meisten Bauern, die ihre Höfe nicht aufgeben mussten, haben sich längst auf andere Projekte verlegt. Nicht mehr Viehhaltung (allenfalls in Form der Massentierhaltung), sondern Energiewirtschaft sichert das Gros der Einnahmen, sei es Biogas, Solarenergie oder Windkraft. Die zunehmende Zahl der Windräder am Horizont zeigt das deutlich.2013-06-25_Heide_Moor25Nur weil es diesen Wandel in der Landwirtschaft gibt, sind Renaturierungsprojekte wie das im „Großen Moor“ ohne größeren Widerstand durchzusetzen: Die kultivierten Moorflächen brachten von je her geringe Erträge und waren nur mit erheblichem Aufwand zu bewirtschaften. 2013-06-25_Heide_Moor06Mit modernen Maschinen sind sie heute gar nicht mehr befahrbar und daher für die industrielle Landwirtschaft uninteressant.

2013-06-25_Heide_Moor042013-06-25_Heide_Moor23So erlaubt es der Fortschritt, der Natur wieder kleine, aber dennoch eindrucksvolle Räume zu überlassen. Und wer weiß, vielleicht wird es schon in ein paar Jahren im Moor wieder genau so aussehen wie damals, als die Speicher und die Wohnhäuser des heimatlichen Hofes entstanden und das Wasser noch aus dem Soot (plattdeutsch für „Brunnen“) geschöpft wurde.

2013-06-25_Heide_Moor012013-06-25_Heide_Moor092013-06-25_Heide_Moor032013-06-25_Heide_Moor022013-06-25_Heide_Moor05

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16 Gedanken zu “O schaurig ist’s übers Moor zu gehen

  1. Liebe Anne,
    einen gar nicht schaurigen, sondern ganz wunderbaren Bericht aus deiner alten Heimat hast du uns da mitgebracht. Die Landschaft ist wirklich etwas besonderes. Danke dafür!
    Schön, zu lesen, dass es diesesmal mit dem Lauf geklappt hat.
    Lieben Gruß, Doris

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    • Liebe Doris,

      dankeschön! Ich hab mich sehr gefreut, dass die Runde endlich mal geklappt hat. Leider war die Zeit knapp; ich hätte die Strecke gern noch etwas verlängert und ein paar besonders schöne Wegabschnitte „mitgenommen“. So hab ich noch Pläne für den nächsten Besuch! 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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  2. Ein schöner und interessanter „Zustands“-Bericht aus Deiner alten Heimat. Norddeutsche Landschaften, wenn auch nicht mehr gaaaanz so topfeben wie bei uns. Ich liebe diese gewisse Melancholie, die diese Landschaft ausstrahlt. Das ganze verbunden mit der herrlichen Architektur Deines elterlichen Hofes.

    Ist es nicht verrückt, mit welchen enormen Aufwand der Mensch wieder herrichtet, was er jahrzehntelang zerstört hat? Immerhin, er tut es.

    Es freut mich, dass Du die lange angedachte Strecke diesmal laufen konntest. Es hat sich wirklich gelohnt, auch für uns als Leser 😀

    Liebe Grüße
    Volker

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    • Ganz flach ist es dort wirklich nicht, eher eine Eiszeitlandschaft mit Hubbelchen, die von den Gletschern aufgeschoben wurden. Manchmal hab ich ein wenig Heimweh. Wenn ich nicht wüsste, dass ich aus der Entfernung so manches romantisch verkläre bzw. von einem Leben träume, dass es dort so nicht mehr gibt bzw. bald nicht mehr geben wird, ich könnte mir glatt vorstellen, wieder dorthin zurückzugehen.

      Diese Renaturierungsprojekte sind wirklich ein wenig verrückt! Aber wie du schreibst: Immerhin kommen wir so wieder an ein Stück halbwegs intakter und sich selbst überlassener Natur. Karg und sehr eindrücklich! 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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    • Es ist wirklich nicht so weit von Bremen. Etwa 15 km südlich von Soltau, keine Stunde zu fahren. Du kannst in der Siedlung Becklingen Bahnhof starten und von dort eine Runde auf dem Moordamm drehen, d.h. ins Moor rein, rüber Richtung Wardböhmen und via Kleein Berlin zurück. In der Gaststätte „Zum Becklinger Holz“ kann man hinnterher ganz nett essen … 😉

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  3. Guten Morgen, liebe Anne, bin ich froh, dass du erstens wieder zurück und zweitens nicht vom Moor verschlungen worden bist und postwendend von deinem abenteuerlichen Lauf und der Geschichte des Gebietes berichtest. Ich mag diese Landschaft, vielleicht auch, weil sie mich an unsere Gegend erinnert. Natur pur – ist es nicht das, was wir ganz besonders mögen ?

    Wie gesagt – schön, dass du wieder da bist !

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    • Hallo, liebe Margitta! Ich würde nieeeee übers Moor laufen und mich von ihm verschlingen lassen. Ich hab schließlich noch viel vor. Natur pur, genau, so mögen wir das! Schön, dass wir uns immer wieder lesen und von unseren Läufen in der Natur berichten können. 🙂

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  4. Dein Post ist sehr interessant. Eine liebe Freundin von mir hat einen Hof und bewirtschaftet den alleine mit Tieren. Da sie keine Milch erzeugt, hat sie ihre Kühe fast das ganze Jahr auf der Weide. Daran mußte ich denken als ich das alles las.
    Wunderschöne Bilder hast du geknipst. Da kommst du aus einer sehr schönen Gegend. Wobei ich immer sage das Deutschland ja ganz ganz viele wunderbare Orte hat die einen verzaubern können.

    LG Bärbel

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    • Aus meiner Kindheit kenne ich das auch so, dass die Jungrinder fast das ganze Jahr draußen sind: Im Mail wurden sie auf die Weiden getrieben und im Oktober wieder zurück. Heute kommen ja die meisten Tiere gar nicht mehr raus (wenigstens in Norddeutschland), sondern die Wiesen werden maschinell gemäht und das Futter in die riesigen Ställe gebracht. 😦

      Deutschland hat wirklich so viele schöne Landschaften und Orte zu bieten – manchmal schweife ich ja auch in die Ferne, aber im Grunde gefällt mir das nahe liegende Gute so gut, dass ich gar nicht weg will. 🙂

      Liebe Grüße,
      Anne

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  5. Liebe Anne,
    das ist ein wirklich schöner Bericht und ich habe gerade das Gefühl, dabei auch richtig was für meine Bildung getan zu haben :-).
    Vielen Dank, natürlich auch für die tollen Fotos.
    LG Helge

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    • Liebe Helge, gern geschehen! Sag nie wieder einer, das WWW mache blöd – Herr Spitzer mit seiner These von der „digitalen Demenz“ kann uns mal! 😎

      Liebe Grüße, bis Sonntag,
      Anne

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  6. Oh, schön! Endlich hat es mal geklappt mit einem Lauf in der alten Heimat. Das freut mich für Dich! Tolle Bilder hast Du gemacht! Es ist wirklich enorm, was dort für ein Aufwand betrieben wird.
    Liebe Grüße, Bianca

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    • Mir geht in dieser Landschaft wirklich das Herz auf! Auch wenn ich gar nicht wissen will, wie viele Millionen DM bzw. Euro dort „auf den Kopf gehauen“ wurden und werden, das Ergebnis genieße ich sehr! 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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