Auf der Flucht

Sonntagnachmittag halb fünf. Der grimmige Schweineelch mit den spitz gefeilten Hufen überprüft noch einmal die Ketten, mit denen er mich ans Sofa gefesselt hat. Immerhin: Einen Tee durfte ich mir kochen. Und eine Banane aus der Küche holen. Aber dann wurde ich wieder unter die Decke gesteckt und dort fixiert.

Schweineelche habe ich – ähnlich wie Beulenpest, Lepra oder Pocken – für eine längst ausgerottete Geißel der Menschheit gehalten. Aber weit gefehlt! Es bedarf es nur eines eisig-nieseligen Regentages wie heute und schon schießen sie – Disney-Fans werden sich an ähnliche Bilder aus „Die Wüste lebt“ erinnern – ausgeruht und frisch gestärkt aus ihren Schlupflöchern und stürzen sich auf nichtsahnende Weinbergschnecken, um sie vom Laufen abzuhalten.

Aber eingedenk Volkers letzten Blog-Eintrags lasse ich mir das natürlich nicht so einfach bieten! Schweineelche mögen stark sein, aber zu den Klügsten gehören sie wahrlich nicht! Unter einem Vorwand lasse ich mich zum Gang ins Bad losketten. Und während Herr Elch unterdessen auf dem Balkon eine rauchen geht, stehle ich mich heimlich davon.

Gut eingepackt mit Winterjacke, Mütze und Handschuhen geht es an die Weiher und entlang der Bahn runter an die Staustufe. Nein, angenehm ist das heute nicht, zu kalt der Regen, zu durchdringend die feuchte Kühle. Aber nur nicht stehen bleiben, nur nicht umkehren! Wüste Flüche und atemloses Keuchen hinter mir lassen ahnen, dass meine Flucht längst bemerkt wurde. Und mein Verfolger scheint ziemlich missgestimmt.

Ich habe nur eine Chance: Ich muss ihn abhängen. Also weiter. Vorbei an der Adenauerbrücke. Vorbei an der Römerbrücke. Das Keuchen hinter mir wird leiser. Platt gelaufen hab ich ihn, den gewalttätigen Kettenraucher

Kurz vor der Kaiser-Wilhelm-Brücke nehme ich die Unterführung und dann den Weg quer durch die Innenstadt. Tiefe Pfützen überall, bäh! Im Palastgarten tiefstes Graubraun. Hoffentlich wird das noch was mit dem Blütenmeer vor dem Kurfürstlichen Palais, bevor die Oster-Touristen anreisen.

Der kleine Anstieg zum Schluss verlangt etwas Willenskraft. Aber wenn Müdigkeit eine simple „Keine-Lust-mehr-Müdigkeit“ ist, wird ihr nicht nachgegeben. Die paar hundert Meter sind auch noch drin.

Doch, etwas verfroren bin ich nach den gut 10 Kilometern schon. Aber nach der heißen Dusche und dem Abendessen lockt die Couch. Und da darf ich auch für den Rest des Abends liegen bleiben. 🙂

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22 Gedanken zu “Auf der Flucht

  1. Ich habe ihn gesehen, Deinen Schweineelch, bei meinem Spaziergang im Weißhauswald. Irgendwer hat ihn hinter Schloss und Gitter gebracht. Und hinter dem sicheren Zaum des Wildgeheges hat der faule Sack sich Von Kindern Leckereien zustecken lassen. Skrupellos.

    Aber Hauptsache, er hat Dich aus den Augen verloren.

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

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    • Jetzt vergreift er sich schon an Kindern! Erst lässt er sich füttern – kaum haben die Kleinen ihn ins Herz geschlossen, wird er sie mit Süßigkeiten mästen und dafür sorgen, dass sie zu fetten Couchpotatoes werden! Sowas gehört doch nicht in einen Streichelzoo!

      Empörte Grüße,
      Anne 😉

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  2. So unterschiedlich ist Deutschland. Wir hatten noch Sonne und 7 Grad. Heldenhaft hast du gegen diesen fiesen Schweinelch gekämpft, da hast du dir die Couch redlich verdient.
    LG Bärbel

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  3. Liebe Anne,

    ein Schwein reicht Dir wohl nicht? Muss es denn unbedingt ein rauchender Elch sein? Die machen ungeheuer viel Dreck, habe ich gehört 😛
    Es ist doch ein schönes Gefühl, wenn man der Couch entflohen ist, egal bei welchen Bedingungen, zu kalt, zu warm, zu nass oder zu trocken, es zählt nur sich in Schale zu werfen und los zu laufen. Der Stolz ist hinterher umso größer und die Befriedigung und Rechtfertigung auf der Couch zu fläzen sowieso 🙂 Genieß es…

    Salut
    Christian

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    • Ich kann nichts dafür, lieber Christian, das Vieh war irgendwann einfach da. Einmal die Tür nicht richtig verschlossen – schon ist’s passiert. 😉

      Ja, das Gefühl ist klasse, vor allem, wenn man – richtig angezogen – wieder merkt, wie gut es eigentlich tut, auch im eisigen Regen zu laufen. Und auf der Couch fühlt es sich hinterher viel gemütlicher an!

      Liebe Grüße,
      Anne 🙂

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  4. eisiger Nieselregen? *brrrrr* da braucht mich kein Schweineelch in Ketten zu legen – an solchen Tagen fessele und knebele ich mich freiwillig selber und schmeiß die Schlüssel der Handschellen aus dem Fenster in einen reißenden Fluss (nagut – unter meinem Fenster gibt’s keinen reissenden Fluss – nichtmal ein gluckerndes Bächlein .. aber ein bisschen schriftstellerische Freiheit muss erlaub bleiben 😉 ) Und wenn dann noch ein rauchender Schweineelch an der Tür klingelt, dann schnorr ich von dem ’ne Fluppe. Könnte eigentlich gerne bald mal wieder eisnieseln … andererseits: woran erkenne ich das Vieh? nicht dass ich den Briefträger um Zigaretten anbettele …

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    • Aaacch, wenn ich ansonsten keine Zeit zum Laufen habe, muss es eben ein eisnieseliger Tag tun – sonst käme ich ja nie mehr vom Sofa runter. 😎
      Wenn ihr in München Briefträger mit Elchschaufeln auf dem Haupt und mit spiddeligen Armen und Beinen habt, könnte die Unterscheidung schwierig werden. Aber Schweineelche klingeln nicht, sie brechen ein … 🙄

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  5. Ohweia, wenn ich die Wettervorhersage für morgen höre, wird der Schweineelch vermutlich bei mir auf der Matte stehen.
    Anne, du hast ihn in die Flucht geschlagen und dir die abendliche Ruhe verdient.

    Liebe Grüße
    Tati

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  6. Was hast Du denn für ein schreckliches Haustier? Dem würde ich schleunigst mit dem Tierheim drohen 😀 Ihr habt auch so gruseliges Wetter? Wir waren in Berlin und es war eiskalt. Gelaufen bin ich trotzdem. Ich möchte endlich Frühling (wie wohl alle) vielleicht sollten wir auch streiken? 🙂 LG Elke

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    • Kein Haustier, sondern ein ungebetener Gast, liebe Elke! Nachdem ich ihn abgehängt hatte, hat Rainer ihn in einem Tiergehege aufgespürt, wo das Biest unschuldige Kinder verführen wollte (siehen oben). Wir lassen uns durch die Viecher nicht einschüchtern und laufen weiter …. bei Frühlingswetter würde das aber noch mehr Spaß machen. 🙂

      Liebe, streikbereite Grüße,
      Anne

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  7. Schweineelche, Schweinehunde. Wie auch immer diese Kreaturen heißen, die eine wollen sie ans Sofa fesseln, den anderen wollen sie dazu bewegen einen begonnenen Lauf aufzugeben. Den Kampf gegen diese Viecher dürfen wir nie aufgeben, mögen sie uns auch durch zeitweilige Abewesenheit noch so sehr in Sicherheit wiegen 😉

    Liebe Grüße
    Volker

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  8. Also, in erster Linie müssen wir daran arbeiten, dass diese ungeliebten Viecher, die auch noch rauchend auf dem Balkon stehen – in deinem Fall zum Glück – sich endgültig aus deinem Leben verziehen. Ich kenne da einen Zauberspruch, der mit geschlossenen Augen und fuchtelnden Händen in Richtung dieser Tiere garantiert endgültig die Rückreise in ihre bevorzugten Gebiete des Nordens antreten und nie wieder zurückkehren, der da lautet :

    Walle, walle
    Elche, Elche
    Seid’s gewesen.
    Denn als Geister
    ruft euch nur zu diesem Zwecke,
    erst hervor der alte Meister

    frei nach Wolfgang !!

    Dieses Mal hast du es geschafft, ihnen zu entkommen, das nächste Mal wendest du den Zauberspruch energisch an, und du wirst sehen, keiner wird dich mehr belästigen, geschweige denn rauchend in deine Wohnung einkehren – walle, walle…………………

    Eisige Grüße, eisiger Wind, Schnee ist unterwegs – das nur kurz zum Thema Frühling !! 😉

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    • Schweineelche endgültig vertreiben? Worüber soll ich denn dann meine Heldinnengeschichten erzählen? 😉

      Der Zauberspruch ist aber ganz, ganz hervorragend. Da muss natürlich erst wieder eine langjährig erfahrene Expertin vorbeikommen und erklären, wie die Elche richtig zu zähmen sind! 😆

      Liebe Grüße aus dem nasskalten Westen in den eisigen Norden! 😎

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  9. Zuhülf!
    Erst von ihm gefesselt, dann noch verfolgt! Da liest sich ja dein Sonntags-Post spannender, als mein momentaner Thriller 😀 !
    Nur gut, dass du ihm entkommen konntest ;).
    Lieben Gruß, Doris

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    • Das Leben schreibt die spannendsten Thriller, liebe Doris! 😆 Im Umgang mit Schweineelchen bin ich inzwischen recht erfahren … sie lauern überall, aber mit Tricks und Willensstärke wird man ihrer leicht Herr! 😎

      Liebe Grüße,
      Anne

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    • In den Keller? Dann springt er mich beim Wäschewaschen an. Auf andere Läufer hetzen wäre aber auch irgendwie unsportlich. Vielleicht könnte man ihn in die Arktis verbannen? 😉

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  10. Glückwunsch zum Abhängen des rauchenden Schweineelches! Das muss ja wirklich ein fieses Monstrum sein, glücklicherweise bist du ihm entkommen 😉 Freut mich zu lesen, dass es bei dir schon wieder so dahin läuft.

    Liebe Grüße und weiter so,
    Markus 🙂

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    • Danke, lieber Markus! So ein ausgewachsener Schweineelch kann schon ziemlich furchteinflößend sein. Aber inzwischen weiß ich das Biest zu zähmen bzw. in seine Schranken zu verweisen. Notfalls laufe ich ihm weg! 🙂

      Liebe Grüße – ich geb mir Mühe!
      Anne

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