Das letzte Aufgebot

Der Schweineelch, der am Türrahmen lehnt und mich vorwurfsvoll mustert, sieht irgendwie ungesund aus: Räudiges Fell, matte Augen, gesplitterte Schaufeln mit abgebrochenen Spitzen. Abgemagert, die Haltung schlaff, der Blick trüb – das arme Tier macht einen erbarmungswürdigen Eindruck! Es scheint, es sei das letzte Aufgebot angetreten, um mich von meiner Feierabendrunde abzuhalten: Kränklich, resigniert, widerwillig – und chancenlos!

So ein Elchlein ist kein Hindernis für mich. Und gar aus Mitleid daheim bleiben? Ihm auf der Couch Gesellschaft leisten? Kommt gar nicht in die Tüte! Also mache ich mich mit Elch im Schlepptau auf in den Nieselregen. Erwartungsgemäß dauert es keine 100 Meter, bis das Vieh zu schnaufen beginnt. Nach knapp 300 Metern am Kaiserthermenkreisel habe ich es endgültig abgehängt und kann mich ohne tierische Begleitung durch die Stadt treiben lassen.

„Treiben lassen“ ist angesichts der Pfützen im Palastgarten der passende Begriff. Pfützen auf den Wegen und auch dem Straßenpflaster der Fußgängerzone zeugen vom Regen des Tages. Welch ein Kontrast zum Kaiserwetter beim Sonntagslauf mit Rainer und Volker!

„Irgendwie“, ganz ungeplant, tragen die Beine mich zum Moselstadion. Eine etwas größere Runde um die Außenplätze, wo einige Fußballer noch trainieren. Und „irgendwie“ lockt dann die Laufbahn, die so unschuldig und – bis auf zwei Männer, die langsam auslaufen – leer unter dem Flutlicht glänzt. Da jogge ich doch mal eine Runde auf Kunststoff. Und dann juckt’s in den Füßen und ich probier‘ mal, ob ich eine zügige Runde laufen kann. Und ob ich nach 200 m Joggen eine weitere zügige Runde laufen kann. Kann ich. Mache ich. Reicht dann aber.

Es zieht mich stattdessen Richtung Moselufer. Autopilot ein und im Dunkeln immer geradeaus auf dem dicken gelben Blätterteppich. Nur kurz die Lampe warnend angeknipst, als ein Radler mir entgegen kommt. Danach reichen das Streulicht und später die Straßenlaternen, um auch im Halbschlaf die Füße sicher zu setzen.

Nach gut einer Stunde macht sich der Unterschied zwischen einer wasserdichten und eben doch nur wasserabweisenden Jacke bemerkbar. Die wohlig-mollige Müdigkeit weicht einem feuchtkühlen Unbehagen. Aber da bin ich auch schon fast daheim. Plötzlich umfängt mich eine Wolke von Alkoholdunst: Am Fuß eines Baumes schnarcht der unqualifizierte Schweineelch. Das letzte Aufgebot hat endgültig verloren.

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28 Gedanken zu “Das letzte Aufgebot

  1. Bei mir saß gestern der Schweineelch auch vor der Tür. Doch er konnte besiegt werden. -4°C, ein dicker fetter Vollmond und der rumliegende Schnee haben einen zwar kühlen aber Stirnlampenlosen Lauf ermöglicht.
    Zügige Läufe auf der Bahn bringen Qualitätskilometer, sagen die Experten 😉 .

    Liebe Grüße
    Tati

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  2. In den müden Abendlauf mal eben ein paar fixe Runden auf der Tartanbahn eingelegt. Die liebe Anne wird mir unheimlich 😉

    Du warst ja am Sonntag auch schon so gut dabei. Klasse 😀

    Den Schweineelch würde ich zur Adoption freigeben. Sonst geht er noch vor die Inneren SchweineHUNDE 😉

    Liebe Grüße
    Volker

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  3. Ach, der arme Kleine…Gibt es eigentlich eine „Interessensvertretung“ für innere Schweinexyzs? Können die sich da beschweren über herzlose BesitzerInnen, die ihnen nicht die überlebensnotwendige Aufmerksamkeit zukommen lassen? Dürfen Schweinetiere auch mal um Versetzung ansuchen oder einfach kündigen???
    Fragen über Fragen…

    Lieben Gruß dir und deinem Schweineelch, Doris

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  4. Liebe Anne,

    all die Schweinetierchen gibt es doch gar nicht, sind pure Einbildung und sollen uns nur einreden, dass wir etwas Tolles leisten, dabei ist es doch ganz normal sich zu bewegen, alle tun das :mrgreen:
    Allerdings auf der Bahn? Nene, da geh ich lieber in den Wald und es scheint fast so, als ob Du Tempo trainieren willst für die anstehenden Kurzstrecken-Events 😉

    Salut und schönen Feiertag, oh ihr habt ja gar keinen *ups*

    Christian

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    • Du hast recht, lieber Christian! Es macht einfach Spaß und hilft, sich so ein Tierchen einzureden, damit man sich um so heldenhafter fühlt, wenn man „trotz“ Dauergeniesels in Laufklamotten rausgeht. Nach ein paar Minuten braucht man diese Fantasie nicht mehr – da ist man „wegen“ des Dauerregens unterwegs. 🙂

      Auf der Bahn war ich nur für drei Runden, davon zwei fixe. Für ein Tempotraining reicht das sicher nicht. Aber ich bin beruhigt, dass die Beine auch noch mehr als Trimmtrab können. Nachts im Wald auf Trails zu laufen, ist nicht so meins, dafür sehe ich zu schlecht. 😦

      Wir haben morgen Feiertag, hehe – daher danke für dir guten Wünsche!

      Liebe Grüße
      Anne

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  5. Soso, Schweineelche mit Mitleidstour, danke für die Warnung. Aber ganz offensichtlich hatte er deinem Laufwillen nichts entgegen zu setzen. Erstaunlich, wohin es dich überall getrieben hat.

    Die zwei schnellen Runden auf der Bahn lesen sich richtig gut. Gerade in der dunklen Jahreszeit ist so eine beleuchtete Bahn der pure Luxus. Schaust du da in der nächsten Zeit öfter vorbei?

    Ich drücke dir die Daumen für den Sonntag 🙂 !

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    • Ich hab mich selbst gewundert, lieber Ralph, normalerweise laufe ich freiwillig nicht durch die Innenstadt – und ins Stadion schon gar nicht! Aber gestern war mir nicht nach Stirnlampe. 😎
      Wiederholen werde ich das allenfalls spontan. Systematisches Tempotraining ist nichts für mich – ich mag es einfach nicht und ich halte es angesichts meiner Verletzungsgeschichte auch für riskant. Gebranntes Kind … 😦

      Danke für die guten Wünsche! Am Tag vorher bin ich mit dem Daumendrücken dran! 😉

      Liebe Grüße
      Anne

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  6. Sehr interessantes Viehzeug, die dir schon im Hause am Türpfosten begegnen, dir eine Weile treu zur Seite zu stehen, um dann endgültig die Flinte ins Korn zu werfen. Was ist das für ein Tier, wie sieht es aus, was spricht es zu dir, warum lässt es dich nicht endgültig in Frieden, warum lauert es dir dann auch noch schlafend an der Haustür auf ?

    Jetzt wo ich nachdenke, fällt es mir ein, vor gefühlten 200 Jahren wurde auch ich ständig von ähnlichem Viehzeug hartnäckig verfolgt, bis ich ihm irgendwann den Kampf ansagte, ihm drohte, und seitdem habe ich endgültig Ruhe, irgendwo im tiefen Wald versenkt – weit weg in Rheinland-Pfalz !! 😎

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    • Das Viehzeug sieht aus wie ein Elch, in diesem Fall wie ein todkranker, der versucht hat, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich mich nicht genug um ihn kümmere. Ich lasse mich aber natürlich nicht davon beeindrucken und glaube daher, das Viehzeug stirbt auch in Trier bald aus … zumindest in MEINER Wohnung und auf MEINEN Strecken hat es nichts zu suchen! 😆

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  7. Oh, Anne,
    jetzt kommen die schon wieder auf die Tour. Eigentlich sollten sie es doch besser wissen….
    Ich habe ja schon überlegt, ob ich auch mal simulieren soll, die netten Tierchen mit auf die Strecke locken und dann irgendwo möglichst weit weg aussetzen….
    Vielleicht kommt dann ja jemand vorbei, dem er sich an die Fersen heften kann. 🙂

    Manchmal treffen ich so einen Elch ja auch bei mir zu Hause. Natürlich nur an Tagen, an denen ich sowieso nicht laufen wollte…. (äääh, oder so ähnlich)

    Schön, dass du Sonntag auch da bist. (Wir kommen natürlich nur zum Salat- und Kuchenessen. 😉 Da gibt es immer herrlich viel Auswahl.)

    Viele Grüße,
    Birthe

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    • Ach ja, liebe Birthe, die Schweineelche gehören nicht zu den Klügsten – sie merken einfach nicht, wann sie verloren haben! Wenn du deine loswerden willst: Schick sie doch nach Oldenburg zu Volker, der macht gerade ein Tierasyl auf! 😆

      Super, dass wir uns am Sonntag sehen … ich lass euch tapferen 15ern auch einen Kuchen übrig! 😎

      Viele Grüße
      Anne

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      • Oh, bei den Elchen dachte ich eher an Abschiebung ins Ausland.
        Vielleicht locke ich sie am 18. ins Auto und renne ihnen dann später weg.
        Da finden sie bestimmt noch ein Opfer, das sie bedrängen können. Irgendwo am Berg…
        Soll ich deine schwächelnden Exemplare mitnehmen? Wobei .. nicht dass die mir dann das Auto vollspucken.

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  8. So eine schnelle Runde zwischendurch macht auch mal Spaß. Und ist zudem gut für Fitness und Tempo. Ich habe heute ja auch mal wieder Gas gegeben. Allerdings auf Matsch im Tiergarten. Das macht noch mehr Spaß als im Stadion.

    Und Schweineelche habe ich keine gesehen, nur einen Schweinedrachen in unserem Garten. Und ist sehr lahm und zahm, seit er sich den Flügel gebrochen hat.

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

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  9. Wenn es nicht so dunkel gewesen wäre, hätte ich eindeutig den Tiergarten vorgezogen. aber Dunkelheit und Tempo vertragen sich nicht, selbst mit Stirnlampe! Morgen wieder bei Tageslicht … aber da ist eigentlich ruhiges Laufen vorgesehen.

    Euer Schweinedrache leidet an gebrochenem Flügel? Wie schade! 😦

    Liebe Grüße
    Anne

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  10. Uh, Du hast den Schweineelchen aber ganz schön zugesetzt. Sie werden schon krank, weil sie Deiner Motivation nichts entgegenzusetzten haben. Aber Mitleid ist hier nicht angebracht. Sollen Sie es doch woanders versuchen!
    Liebe Grüße,Bianca

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    • Weißt du, liebe Bianca, ich finde einfach, man kann es mit dem Artenschutz auch übertreiben. Sicher wäre die Welt ohne Schweineelche ein Stück ärmer. Aber die Biester machen uns das Läuferleben so schwer, dass der Nutzen ihres Aussterbens den Schaden überwiegen würde! 🙂

      Liebe Grüße
      Anne

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  11. Da bekomme ich ja wirklich Mitleid mit dem armen Elch. Kannst Du ihm nicht Gnadenbrot anbieten, wenn er sich anständig verhält und Dich nicht vom Laufen abhält? 😉 Wo soll er denn hin, der arme Kerl, wenn Du weiterhin so fleissig trainierst? 🙂 Brrr, Tartanbahnen sind mir seit meiner Schulzeit ein Graus. Ich finde 400 Meter können nirgends so lang sein, wie auf der Tartanbahn.
    Liebe Grüße Elke

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    • Meine Schulzeit ist lange gennug her, liebe Elke … alle dazu gehörigen miesen Erfahrungen hab ich verdrängt. Aber allzu oft werde ich das sicher nicht machen.
      Was den Schweineelch angeht: Der sitzt jetzt auf dem Dachboden und schmollt – wenn er sich brav verhält, darf er wieder aufs Sofa, mir den Platz warm halten, bis ich wiederkomme. 🙂

      Liebe Grüße
      Anne

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