Nichts verlernt?!

Wenn man Psychologen und Neurowissenschaftlern glauben darf, besitzt das menschliche Gedächtnis eine schier unbegrenzte Speicherkapazität. Und es vergisst nichts, was es einmal gelernt hat.

Das Problem ist nur: Wie komm ich ran an das, was irgendwo in meinem Oberstübchen verstaubt und vor sich hin modert, weil ich es zum letzten Mal vor etwa einem Jahr und vier Monaten gebraucht habe? Konkret: Wie war das nochmal, wenn man an einem offiziellen Lauf teilnimmt? Was muss ich organisieren, mitnehmen, beachten? Was zieh ich an? Wann muss ich mich aufwärmen? Wie intensiv? Wie teile ich mir den Lauf ein?

Fragen über Fragen. Es ist nur ein harmloser kleiner 5-Kilometer-Lauf, der 22. Bitburger-Silvesterlauf in Trier, den ich noch nicht einmal „volle Pulle“ rennen will. Und doch sitze ich da und zerbreche mir den Kopf. Bekloppt!

Also: Nicht denken, einfach machen! Und schauen, ob ich wirklich nichts verlernt habe. Die Startunterlagen hole ich mir schon am 30. Dezember, zusammen mit dem bei der Startplatzverlosung des Trierischen Volksfreunds gewonnenen T-Shirt in schickem Schwarzweiß.

Das neue Funktionsshirt wird gleich zum Lauf angezogen, bei Temperaturen um 10 Grad zusammen mit der Dreivierteltight die richtige Wahl … na ja, fast, kurze Hose wäre auch gegangen. Dazu Armlinge, es könnte ja zu kalt werden … wurde es aber nicht, stattdessen war es viel zu warm und ich musste die Dinger als nutzlose Pulswärmer runter auf die Handgelenke schieben. Immerhin: Bei der Entscheidung für ein Startnummernband hab ich nichts falsch gemacht. Und auch die Sicherheitsnadeln nicht vergessen. Wenigstens etwas!

Gemütlich spaziere ich gegen 14:30 Uhr los Richtung Stadt, um vor meinem Lauf den schnellen Frauen und Männern zuzugucken. Das Juniorenrennen habe ich verpasst, aber zum Start der Frauen bin ich pünktlich am „Schwarzen Ochsen“, um die Truppe auf mich zu rennen zu sehen. Wahnsinn, wie da die Post abgeht! Das Ganze endet mit einem äthiopischen Sieg, aber die „jungen Wilden“, wie der Volksfreund die deutschen Teilnehmerinnen betitelt hat, schlagen sich achtbar!

Im Gedrängel auf dem Hauptmarkt leuchtet mir strahlendes Neongelb entgegen – Rainers Jacke ist unübersehbar. Bei ihm Marion, Dirk und Iris aus dem Aachener Raum, die Silvester laufend und feiernd in Trier verbringen. Rainers gute Beziehungen verschaffen uns Zugang zum VIP-Zelt und -Doppeldeckerbus, in dem sich auch die „Stars“ vor und nach ihren Rennen aufhalten. Daneben zu stehen, wenn Carsten Schlangen und Arne Gabius sich über ihre nächsten Wettkämpfe austauschen, Corinna Harrer Platz zu machen, die ihre Tasche sucht – ein schönes Erlebnis, danke dafür!

Blogger nebst Anhang (das Foto stammt von Rainer)

Über den Köpfen der anderen Zuschauer können wir von der oberen Etage des Busses aus noch einen Teil des Männer-Eliterennens verfolgen, bevor es für uns „Mädels“ Zeit zum Warmmachen ist. Eine kleine Runde abseits des Getümmels, wir tauschen uns aus über bisherige und geplante Läufe, diskutieren die Klamottenwahl und die erhofften Zielzeiten. Oooops, schon so spät? Keine Zeit mehr zum Dehnen, kein Platz, um noch ein paar Steigerungen zu laufen! Suboptimal, schlechtes Timing. Aber viel Freude hat es gemacht mit den beiden!

Schnell in den Bus, die überschüssige Kleidung deponieren, dann über die Absperrungen in die Startaufstellung klettern. Die ist dicht gedrängt wie wohl noch nie – 367 Finisherinnen finden sich später in der Ergebnisliste. Entsprechend lange dauert es, bis ich nach dem Startschuss über die Linie komme und endlich frei laufen kann. Das klappt überraschend gut, allzu viele Slalomstangen sind nicht im Weg, ich habe mich scheinbar halbwegs passend im Feld einsortiert. Ich sag’s doch, nichts verlernt!

Aber in der langen Wettkampfpause auch nichts dazugelernt, das zeigt der Blick auf die Uhr beim Pieps für den ersten Kilometer. Wer sich einen 5:40er Schnitt vorgenommen und etwa 10 Sekunden mit Rumstehen verbracht hat, sollte da keine 5:26 auf der Uhr lesen. Wenn ich versuche, die Nummer durchzuziehen, bringt sie keinen Spaß mehr – und bei diesem ersten offiziellen Lauf seit Ewigkeiten will ich Spaß haben!

Also fahre ich von Runde zu Runde sukzessive das Tempo zurück. Anstrengung, aber kein Stress, kein Schmerz, nicht am Limit – so soll es sein, so hatte ich es mir vorgenommen! Dadurch bleibt der Blick frei für das Drumherum: Die zahlreichen Zuschauer, die pfeifen, anfeuern, Konfetti werfen, Wunderkerzen schwenken. Die Kinder am Rand der Absperrungen, die ihre Hände in den Weg halten, damit die Läuferinnen sie abklatschen – was ich nur zu gern tue. Birthe, die mich schon nach knapp 2,5 Kilometern überrundet und die mit unter 20 Minuten eine tolle Bestzeit hinlegt, aber hinterher trotzdem über ihre Platzierung ein wenig enttäuscht ist.

Letzte Runde, das etwas eklige, winkelige Stück durch die Nagelstraße ist geschafft. Nur noch die laaaaaange, ganz leicht abschüssige Zielgerade. Geht noch ein Schlussspurt? Mal wieder den Maximalpuls überprüfen? Geht noch! Auf den letzten 150 Metern ziehe ich noch an vier oder fünf Läuferinnen vorbei und mit einem breiten Grinsen ins Ziel. Endzeit 28:40 brutto, laut Garminchen 5,14 km, laut Ergebnisliste Platz 227, jenseits von Gut und Böse also. Und wenn ich den Greifschen Gewichtsbereinigungszeitenschönrechner verwende, bin ich gar nicht so viel langsamere als früher! 😆

Schade, dass die Zeit nicht mehr für ein Glas Sekt mit Marion und Iris und einen etwas ausgiebigeren Klönschnack mit Birthe reicht. Auch das Zuschauen beim Männer-Volkslauf fällt aus, weil noch zu viele Vorbereitungen für den abendlichen Silvesterbesuch zu treffen sind. So laufe ich gemütlich aus am Rande der wunderschön beleuchteten Altstadt, erhasche noch einige Blicke auf das Männerfeld und trotte dann heimwärts.

Nein, wirklich verlernt hab ich nichts! Aber läuferisch zu lernen und (wieder) zu optimieren gibt’s jede Menge. So ich gesund bleibe, habe ich dazu hoffentlich noch viel Gelegenheit.

Advertisements

18 Gedanken zu “Nichts verlernt?!

  1. Ach, liebe Anne, eine frohe Botschaft, es liest sich alles locker und leicht, aber auch der Ehrgeiz der FrauWeinbergschnecke hat wieder Spuren hinterlassen. 😉

    Du hast nichts verlernt, im Gegenteil, ich hoffe für dich, dass die Zeit gekommen ist, in der du verletzungsfrei weitere Freudenläufe in diesem Jahr hinter dich bringen wirst und alles, was im letzten Jahr war, Schnee von gestern bleibt !

    Auf ein Neues ! 😎
    Hatschiiiiiiii

    Gefällt mir

    • @Margitta: Leicht und locker mit einer Prise Ehrgeiz, dass trifft es! Und besonders schön ist natürlich, dass meine Laufwerkzeuge das Erlebnis gut verkraftet haben. Die schweren Beine, die ich heute beim Laufen hatte, sind der Gegenwindradtour von gestern geschuldet.
      Gesundheit – und danke dir für die lieben Wünsche
      Anne 😎

      Gefällt mir

  2. Ser schöner Bereicht, liebe Anne. Da tut es schon ein wenig weh, dass mein Blog noch immer nicht wieder am netz ist 😦 Aber du gleichst das ja zumindest ein wenig aus.
    Deinen Zieleinlauf habe ich noch gesehen. Das sah so aus, wie du das beschreibst: locker, mit einem Lächeln auf den Lippen.

    Den gemeinsamen Sekt auf den guten Start in das neue Jahr konnten wir dann zwar nicht mehr trinken, aber das lässt sich bestimmt irgendwann in diesem Jarh nachholen. Denn wenn ich deine Zeilen so lese, wird das nicht der letzte Wettkampf gewesen sein. Ich lege Dir schon mal den Fährturmlauf in Schweich an Herz. Termin: 17. März.

    http://www.volksfreund.de/nachrichten/sport/laufen/faehrturm/Faehrturmlauf-Schweich-1-Faehrturmlauf-in-Schweich-ein-neuer-Lauf-zum-Auftakt-der-Saison;art293138,3017279

    Liebe Grüße
    Rainer 🙂

    Gefällt mir

    • @Rainer: Danke! Du Ärmster hast offenbar schon heftige Entzugserscheinungen 😉 – wird Zeit, dass die technischen Probleme behoben werden.
      Allzuviele Wettkämpfe werde ich sicher nicht laufen, v.a. hab ich keine Ambitionen, was die Cupserie angeht. Aber vielleicht lauf ich tatsächlich in Schweich, einfach neugierhalber. Und den Bendersbachtallauf merk ich mir vor, denn da muss man ja nicht so rennen.8-)

      Liebe Grüße
      Anne

      Gefällt mir

    • @Bärbel: Dankeschön! Wer weiß – wenn du erstmal wieder richtig in Schwung bist, hast du eine Zeit unter 30 Minuten auch ganz locker drin! 🙂

      Liebe Grüße
      Anne

      Gefällt mir

  3. Jaaaauuuuuuu! So was habe ich von der lieben Anne noch nicht gelesen seit ich ihren Blog kenne!!!

    Cool, Macht (fast) Lust mal wieder einen schnellen Kurzen zu probieren. Wobei ich noch nie einen 5-KM-Lauf gelaufen bin.

    Anne, ich freue mich ganz besonders für Dich. Meine Freude kann allerdings nicht mit der Freude mithalten, die aus dem Bericht heraussprudelt 😀

    Super! Klasse!

    Liebe Grüße
    Volker

    Gefällt mir

    • @Volker: Stimmt ja – wir lesen uns ja noch gar nicht so lange – dabei ist mir, als würde ich dich schon ewig kennen! 😉

      5 km machen nur Spaß, wenn man sie nicht ganz am Limit läuft – eben so, wie ich gelaufen bin, angestrengt, aber nicht maximal. Aber ehrlich: Mir gefallen längere Läufe in etwas gemäßigterem Tempo besser! 8)

      Dankeschön für’s Mitfreuen, lieber Volker!

      Liebe Grüße
      Anne

      Gefällt mir

  4. Ein schöner, mitreissender Bericht! Herzlichen Glückwunsch zu dieser super Zeit und dem tollen Lauf! 😀 Und um das T-Shirt beneide ich Dich schon ein wenig, so etwas hätte ich bei unserem Silvesterlauf auch gerne gehabt, gab es aber leider (auch käuflich) nicht.

    Eine Gegenwindradtour? Heißt das, Ihr habt schönes Wetter? Bei uns ist es ganz gruselig, Wind und starker Regen. Eigentlich wollte ich heute Mittag noch eine kurze Runde laufen gehen, aber das ist wirklich nicht einladend.

    Liebe Grüße Elke

    Gefällt mir

    • @Elke: Dankeschön! Das Shirt ist wirklich schick; gekauft hätte ich es mir zwar nicht (hab genug Shirts), aber geschenkt nahm ich es sehr gern! 😎
      Vorgestern war das Wetter … nun ja: erträglich. Es war windig und fing einige Male kräftig zu regnen an, aber nicht so schlimm, dass ich komplett durchnässt wurde. Gestern wäre ich nicht gefahren, da war wieder Laufen angesagt – das geht bei fast jedem Wetter (nur bei Sturm, Glatteis und Gewitter nicht).

      Liebe Grüße
      Anne

      P.S.: Wie war eigentlich dein Silvesterlauf? Ich finde ja, du brauchst unbedingt auch einen Blog! 😉

      Gefällt mir

  5. Nichts verlernt und alles richtig gemacht 🙂 ! Genau der richtige Wiedereinstieg ins offizielle Laufgeschäft. So wie von dir gelaufen, macht der Trierer Silvesterlauf sicher richtig Spaß. Sollte ich mir merken, falls ich da mal wieder laufen will 😉 .

    Und um das Shirt beneide ich dich …
    lG
    Ralph

    Gefällt mir

    • @Ralph: Dankeschön auch dir! 😎 Den Silvesterlauf muss man wirklich ohne große Ambitionen angehen, wenn er Spaß machen soll (finde ich wenigstens). Erstens machen 5 km sonst eh keinen Spaß, weil sie vom ersten bis zum letzten Meter eklig anstrengend sind. Und zweitens ist zu viel Betrieb mit zu vielen unerfahrenen Läufern auf der Strecke. Die letzte Frau hat 52 Minuten für die 5 km gebraucht … das sagt wohl alles! 😎
      Das Shirt ist wirklich schick … zum ersten Mal seit etlichen Jahren haben die Veranstalter eine schöne Farbe gewählt. Und noch dazu ist es aus sehr leichtem, angenehm zu tragedem Funktionsstoff. Das werde ich sicher häufig tragen!

      Liebe Grüße
      Anne

      Gefällt mir

  6. Liebe Anne,
    schön, dass es so gut geklappt hat. Und schön dass es Spaß gemacht hat.
    Unterwegs habe ich dich leider nicht gesehen, aber da war ich auch ziemlich beschäftigt. Obwohl sich das Slalomlaufen dieses Jahr in Grenzen hielt. A propos Slalomstangen… war da nicht vor kurzem ein Bild im TV von diesen Slalomstangen in Mehring bei der Finnenbahn? Das müsste ja ein ideales Terrain sein, um für den Silvesterlauf zu üben.
    Trotzdem angeblich 230 m zu weit gelaufen. Aber auf dem engen Kurs spinnt Garminchen ja regelmäßig ziemlich. Ideallinie ist allerdings wirklich was anderes 🙂
    (Zum Thema Platzierung … es gibt leider immer wieder Menschen, die ein sehr unsportliches Verhalten an den Tag legen. Schönen Gruß, an die Damen 1-3. Aber wenn ich auf 10 km 39er Zeiten laufe, oder tiefe 19 auf 5km, dann melde ich fairer Weise nicht im Volkslauf. Auf eine solche Platzierung kann man doch nicht stolz sein, oder?)
    Das Shirt ist übrigens echt schick. Nächstes mal brauche ich auch eins. Wenn die Farbe o.k. ist. Und wenn es in meiner Größe zu haben ist. Das ist manchmal etwas schwierig.
    😦
    Liebe Grüße,
    Birthe

    Gefällt mir

    • @Birthe: Danke, liebe Birthe! – Auf meiner Uhr waren es nur 140 m zu viel. aber ich musste auch nicht so oft die Spur wechseln wie du.
      Was Frauen mit tiefen 19er Zeiten im Volkslauf zu suchen haben, wissen wohl nur sie selbst. Bei den Männern muss es ähnlich gewesen sein, wenn man sich die Siegerzeiten so anschaut. Wenn ich so schnell rennen könnte, wäre ich stolz, im Elitelauf mitmachen zu dürfen, auch wenn ich da keine Chance auf eine vernünftige Platzierung hätte.

      Tja, die Farbe des Shirts … in den letzten Jahren waren die Dinger immer so schauerlich (leuchtend rot, hellblau, oliv …), dass ich kein Interesse daran gehabt hätte. Aberin diesem Jahr war’s echt gelungen! Allerdings hättest du vermutlich Größenprobleme gehabt, weil es recht groß ausfiel. Ich hab M (wie sonst auch) bekommen, wäre aber mit S besser bedient gewesen … also wärst du vermutlich in S „ertrunken“. 😉

      Liebe Grüße
      Anne

      Gefällt mir

    • @Martin: Ach jaaaa – Silvester 2012 in Trier, dann kannst du das auch haben! Und glaub mir, ich bin auch auf Frau Weinbergschnecke gespannt! 😉

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s