Elche lügen nicht?

Ganz harmlos lugt seine Geweihspitze hinter dem Bildschirm hervor. Und sein leises Summen übertönt kaum das Geräusch des Lüfters am PC. „Hmmm – hmm – hmhmhmmm, …“. Als ich die Bürotür von innen abschließe und meine Laufhose aus dem Rucksack krame, wird er munter. Ein Räuspern, ein Dehnen und Recken, er baut sich vor mir in seiner ganzen Breite auf: Ein Riesenexemplar von Schweineelch, wohlgenährt, ausgeruht und kraftvoll!

Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst: Was hat er sich heute einfallen lassen? Wird er mich zu umschlingen versuchen? Mir die Tüte mit den Schuhen entreißen? Mich einfach niederwalzen? Aber nein! Dieses Mal hat er eine neue Grausamkeit ersonnen: Mit einem überraschend weichen Tenorstimmchen beginnt er zu singen: „Und der Re-he-gen peitscht dir ins Gesicht! Dann wirst du sehn: Elche lügen nicht!“
Entschlossen ziehe ich mir zum Schutz gegen diese Sirenengesänge die Mütze fest über die Ohren. Blödes Vieh! Aber ich bin ernstlich versucht ihm zu glauben. Es ist wirklich fies draußen. Nicht kalt. Aber nieselig. Und ich bin müde. Und habe Kopfweh. Und Unterleibsschmerzen. Elche tragen vielleicht ein wenig dick auf. Aber ob man das gleich „Lügen“ nennen muss? Eigentlich hat er doch recht mit dem Regen. Und er meint es doch … STOPP!
Wer wird sich von ein wenig Rumgeniesel bremsen lassen? Wenn das schon als Ausrede langt, was soll dann bei Starkregen, minus 10 Grad, Schneematsch oder Graupelschauern werden? Und davon wird’s im Winter noch genug geben!
Also vorsichtig aus der Bürotür gespäht (wer möchte schon von seinen Studenten mit einem Schlager trällernden Elch im Gefolge erwischt werden), ab nach draußen, ruckzuck die Treppe runter, vor’s Haus und durch den Uni-Park.
Sieh mal einer an: Schon nach ein paar Metern singt er nicht mehr. Er hechelt nur noch verzweifelt! Das ist ihm wohl zu fix. Selbst schuld, Dicker! Seine entrüsteten Blicke spüre ich noch im Nacken, als ich die Beine in die Hand nehme und Richtung Petrisberg entschwinde. Tja, mein Süßer, da musst du dir eben beim nächsten Mal was Besseres einfallen lassen! So leicht kriegst du mich nicht rum! 8)

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20 Gedanken zu “Elche lügen nicht?

  1. Du hälst jetzt schon Zwiesprache mit einem Holzelch? Muß ich mir Sorgen machen, liebe Anne??

    Nun, solange er Dich nicht vom Laufen abhält, kann ich das wohl durchgehen lassen 😉

    Liebe Grüße
    Volker

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    • @Volker: Der pummelige Holz-Elchi mit dem mürrischen Blick ist ja nur ein Symbol – hier hab ich ihn vorgestellt. Sein Pendant, das von meinem Gehirn hervorgebracht wird, ist erheblich beeindruckender! 😉 Meistens schafft er es nicht, mich vom Laufen abzuhalten, den einen oder anderen Sieg gegen ihn konnte ich schon feiern. Problematischer wird’s, wenn er seine Nachzucht vorschickt … das Kindchenschema und die Mitleidsnummer ziehen bei mir immer wieder. 😉

      Liebe Grüße
      Anne

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  2. Richtig so! Zeig dem Vieh, wo der Hammer hängt! … Und wie war’s? Bestimmt viel besser als mit schlechtem Gewissen der verpassten Chance nachzutrauern.

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  3. Suuuper!!! Von solchen Tierchen darf man sich einfach nicht beeindrucken lassen. Du hast auch Recht: Im Winter wird es draußen sicher noch unwirtlicher.
    Und? Hast du das Kopfweh weggelaufen?

    Liebe Grüße
    Bianca

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    • @Bianca: Genau … nur nicht klein beigeben! So ganz waren die Beschwerden nicht weg, aber doch ein gutes Stück besser! Und ich habe was für mich getan, das zählt! 8)

      Liebe Grüße
      Anne

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  4. Der sieht doch so süüüüß aus – und dann ist der so hinterhältig. Hätte ich jetzt nicht gedacht 😉 .
    Aber du hast ihm ja gezeigt, wer Frau im Hause ist und bist ihm davon gelaufen.
    Wie geht es dem Armen jetzt?
    lG
    Ralph

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    • @Ralph: Das ist seine Masche – mal süß und niedlich, mal maskulin-charmant. Aber inzwischen hab ich ihn durchschaut! 😉

      Der „Arme“ ist gar nicht so arm … er steht jetzt auf der Fensterbank in der Küche und denkt sich vermutlich neue Tricks und Gemeinheiten aus. 😆

      Liebe Grüße
      Anne

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  5. Na, diesen Herrn kenne ich ja schon vom letzten Jahr, immer um die gleiche Zeit gesellt er sich zu dir – leider hat er Pech gehabt, weil er auf eine starke, sehr willensstarke Frau trifft, die ihm knallhart sagt, wo es langgeht, wäre ja noch schöner, wenn wir Frauen uns von irgendwelchem gehörnten Vieh den Weg weisen ließen, dazu noch von einem männlichen, tz, tz, tz – bravo, liebe Anne.

    Zum Schluss eine Frage an die Männer: Was sagt uns das ❓

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    • @Margitta: Ich bin ja selbst schuld! Jedes Jahr hole ich die Kiste mit der Weihnachtsdeko vom Speicher – schwupps, springt er raus! Aber ich weiß ihn zum Glück mittlerweile zu nehmen. Er ist eine willkommene Herausforderung, die das Läuferinnenleben würzt. Und du hast recht: Von einem gehörnten (oder ungehörnten) männlichen Fettsack sollte sich keine Frau Vorschriften machen lassen …. 😆

      Danke, liebe Margitta! 8)

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  6. Und ich dachte, ich hätte viel Fantasie! 😀 Ein bisserl mürrisch kuckt er aus, Dein Elch. War das vorher schon so, oder erst nachdem Du ihn besiegt hast? Wobei ihm bei seinem Körperumfang ein bischen Mitlaufen nicht schaden könnte.

    Außerdem dachte ich, Du kannst es immer gar nicht erwarten loslaufen zu können. Dass auch Du Schweinhundphasen – pardon – Schweineelchphasen hast, hätte ich gar nicht vermutet. 🙂

    LG und hoffentlich ein baldiges Wochenende
    Elke

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    • @Elke: So wie dieser Elch sieht für mich „Ich hab keine Lust!!!“ aus – darum symbolisiert er das, was für andere Menschen der ISH ist. Und ich glaube, sowas hat jeder! Mancher fast nie, der andere fast ständig … ich gehöre tendenziell zwar eher zur erstgenannten Fraktion, aber hin und wieder …

      Liebe Grüße … das Wochenende werde ich heute bald einläuten, allerdings werde ich dafür am Samstag ein paar Stunden was tun müssen.
      Anne

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  7. Aha, sie sind also wieder unterwegs, die Elche. Eigentlich müsste sich bei denen doch schon längst rumgesprochen haben, dass es bei dir meistens keine Chance gibt.
    Und jetzt weiß ich auch, was gestern beim langen Lauf auf dem Petrisberg so im Gebüsch geraschelt hat. Und dieses Gemurmel….“links geht es nach Hause. Die Schleife brauchst du nicht noch dran zu hängen….“
    Ein schönes Wochenende noch. Ich schaue dann mal, ob ich morgen im Regen ein paar rudernde Exemplare finde….
    Birthe

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    • @Birthe: Da ist er also auch gewesen … ich hoffe, du hast ihm kräftig die Meinung gesagt! 8)
      Bei dem Wetter heute waren sie vermutlich surfen … der Wind lud dazu ein. 😆

      Liebe Grüße, auch dir ein schönes Wochenende
      Anne

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  8. Meine Güte, was die hiesige Kunstszene so für eigenartige Blüten treibt:
    Brücken und Gebäude werden verhüllt,
    Äpfel so abgebissen, dass der Rest einen Globus samt Kontinente darstellt,
    reale Menschen versuchen, real wirkende Grafitti-Fahrräder an Mauern zu besteigen,
    digital gesteuerte Maschinen erzeugen kurzlebige Bilder und Töne nach dem Zufallsprinzip,
    Bierflaschen werden im Kampf gegen die Uhr mit dem Schädel an einer Tischkante geöffnet …

    … und jetzt sind in Trier singende Elche unterwegs. 🙂

    Ein Faszinosum, das seinesgleichen sucht! Und ein nicht gänzlich ungefährliches, wie mir scheinen will. Denn wenn Elche mit Sirenengesang müde Weinbergschnecken vom Laufen abhalten wollen, dann birgt das in der Tat ein beachtliches Gefahrenpotential. Ob dafür der TÜV zuständig ist? Oder das Ordnungsamt?

    Wie auch immer: Ich habe ein breites Grinsen im Gesicht gehabt, als ich Deinen herrlichen Beitrag las und ich habe gewaltige Hochachtung vor Deiner Kampfeslust, mit der Du den Elch bezwungen hast. Da reiche ich Dir die Pfote: Tschakka! Gut gemacht! 🙂

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    • @Foxi: Wer zuständig ist? Die Geschmackspolizei? Der Tierschutzverein? Wer auch immer: Ich hab ihn bezwungen, den Elch, den fetten. Ich reich den Fühler – dankeschön! 😆

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