Alle Sinne

Lange nicht das Spiel von Licht und Schatten auf dem Waldweg gesehen, die Hänge der Brachflächen so blau mit Wegwarte, weiß mit Kamille und rot mit Mohn überzogen, die Beerenansätze von Holunder und Brombeeren.

Lange nicht das Sirren der Grillen im hohen Wiesengras gehört, das Vogelkonzert in den Zweigen über mir, den krähenden Zwerghahn am Wochenendhäuschen tief im Wald, das Plätschern des Baches, der endlich wieder genug Wasser führt.

Lange nicht den Duft des Sommers gerochen, die unvergleichliche Mischung aus Sonne, Blumen und Gräsern, gepaart mit dezentem Rindvieharoma.

Lange nicht die Sommerluft geschmeckt, die von den Blättern tropfende Regennässe des Vortages, das Blut am Unterarm, aufgeratscht von der Brombeerranke, die zu weit in den Weg hineinragte.

Lange nicht den weichen Schlamm unter den Schuhen gespürt, die einziehende Nässe der Pfützen, den frischen Wind auf der Haut, den Schweiß, der bei der drückenden Schwüle vom Nacken den Rücken hinab rinnt.

Laufen – etwas für alle Sinne!

Natürlich keine Wegwarte, sondern Borretsch!

Die Osteopathin meinte, sie kriegt das mit den Fersen wieder hin. Ich glaub’s noch nicht. Das Ganze kommt mir ein wenig „esoterisch“ vor, und sie macht so sehr auf  „Psycho“, dass ich freundlich eine Grenze ziehen musste … aber gut, wenn’s hilft – wahrscheinlich gehe ich schon noch mal hin. Hab mir aber sicherheitshalber noch einen Termin bei einem Arzt (Physikalische Therapie und Rehamedizin, Chiropraktik, Osteopathie)  geben lassen, den eine Kollegin mir empfohlen hat. Den muss ich zwar ebenfalls privat zahlen, und ich muss auch noch gut 14 Tage auf den Termin warten, aber der Mann gilt hier in der Gegend wohl als eine Art „Wunderdoc“, der bei hartnäckigen Beschwerden oft noch eine Idee hat, was helfen könnte.

Da die Osteopathin allerdings nichts gegen Laufen in geringen Umfängen einzuwenden hat und sich die Füße besser anfühlen, probier ich’s heute früh mal wieder mit einem Läufchen. Beide Sprunggelenke mit einfachen Bandagen stabilisiert, raus vor die Tür, ein gutes Stück gehen, vorsichtig antraben … und siehe, es ist gut. Vielleicht muss ich morgen oder übermorgen wieder bezahlen dafür. Aber so ein Läufchen ist Futter für alle fünf Sinne und Balsam für die Seele – den Preis ist es mir wert.

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13 Gedanken zu “Alle Sinne

  1. Liebe Anne, es ist schön zu lesen, wie du dich an jeden Strohhalm klammerst, wer würde das nicht in deiner Situation. Habe ein wenig Geduld, vertraue ihr, auch wenn es dir im ersten Moment seltsam erscheint…….. und siehe gut…… das liest sich auch gut, und dann hast du wieder Futter für alle Sinne, das muss es dir wert sein, wieder ein Lichtblick, möge es so bleiben…….. 8)

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  2. @Margitta: Den Kopf in den Sand zu stecken, bringt es ja auch nicht. 8)

    Daher werde ich der Osteopathin vertrauen, aber eben nicht vollkommen blind. Denn ich kenne mich gut und weiß, was ich will und welchen Preis – materiell und emotional – ich wofür zu zahlen bereit bin. „Seltsam“ darf das Ganze sein (es hatte was von Chakrenarbeit, wie ich sie in aschgrauer Vorzeit kennen gelernt habe und durchaus hilfreich fand). Aber wenn ich jahrelang beschwerdefrei gelaufen bin, reagiere ich – und ich denke zu Recht – etwas befremdet auf Äußerungen in Richtung von „Sie werden zwar nach zwei Sitzungen wieder beschwerdefrei laufen können, aber wenn Sie wieder dauerhaft Läuferin sein wollen, wird das bei solchen Jahrzehnte alten Blockaden eine längere Geschichte.“ Diese Mischung aus übersteigerter Sicherheit und Heilungsversprechungen auf der einen und diffusen Warnungen auf der anderen Seite lässt bei mir einige Warnlämpchen angehen. Mit den Jahrzehnte alten Blockaden, so sie denn existieren, habe ich schließlich lange gut gelebt. 8)

    Auf jeden Fall tat der Lauf heute gut … jetzt hoffe ich, dass die Rechnung dafür nicht zu happig ausfällt. Und vielleicht gibt’s zur Abwechslung ja sogar mal was umsonst! 😉

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  3. Wenn Kopfmenschen laufen, tut es ihnen gut. Wenn sie aber verletzt sind, machen sie es sich selbst womöglich noch schwerer, als es sein müsste.
    Ich hoffe, die Wunderheilerin hilft Dir trotz deiner Bedenken. Und auf den Wunderdoktor bin ich gespannt.
    Das Wichtige aber sind solche Sternstunden wie du sie beschreibst. Dafür lohnt es sich, nicht aufzugeben.

    Bleib tapfer!

    Rainer

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    • @Rainer: Da ist schon was dran an dem, was du schreibst! 😉 Gespannt bin ich auch. Und wenn ich wenigstens ab und an so was Schönes erleben kann wie gestern, weiß ich auch, dass sich die verhasste Arzt- und Therapeutinnenrennerei doch lohnt. Bislang beschweren die Haxen sich nicht über die Nummer von gestern, obwohl das immerhin 40 Minuten waren, d.h. eigentlich – nach meiner Einschätzung – etwas zu viel. Hoffen wir, dass es so bleibt.
      Danke, lieber Rainer!

      LG,
      Anne

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  4. Freut mich, dass du einen schönen Lauf hattest. Und vielleicht bringt der Eso-Kram ja doch etwas… Wer weiß?

    LG,Bianca

    PS: Übrigens war auch dein Artikel heute eine gute Laufmotivation. Es funktioniert also auch mit positiver Motivation… 😉

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    • @Bianca: Dankeschön! Schaun mer mal! 😉

      Und positive Motivation funktioniert? Kein Peitschenschwingen nötig? DAS freut mich riesig für dich!

      LG,
      Anne

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  5. Dein in den Anfängen nahezu poetischer Artikel läßt überdeutlich erkennen, was das Laufen für die Seele bewirkt.

    Deine Skepsis gegenüber der Osteopathin kann ich verstehen. Aber vielleicht ist an der Blockade-Geschichte was dran, nicht über Jahrzehnte, das kann ich mir auch nicht vorstellen. Aber vielleicht eine gedankliche Blockade erzeugt durch den schon so lange andauernden Heilungsprozess. Vielleicht eine innere „Angst“ mit jedem neuen Versuch, dass es wieder schiefgehen könnte und damit eine innere Verspannung, gepaart mit einem so langsam angekratzten Ego.

    So kenne ich das von mir aus frühren Zeiten, wenn über einen längeren Zeitraum etwas nicht glücken und so laufen wollte, wie ich es gerne hätte.

    Früher bin ich, zwar wegen einer anderen Geschichte, auch von Arzt zu Arzt gelaufen, bis die Erkenntnis reifte, dass ich mir nur selbst helfen konnte.

    Vielleicht zicken Deine „Problemzonen“ nach den Laufversuchen inzwischen auch nur noch weil sie vom Laufen schon entwöhnt sind.

    Horch tief in Dich hinein, wenn Du nach den 40 Minuten doch noch etwas spüren solltest.

    Meine Daumen bleiben gedrückt!

    LG Volker

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    • @Volker: Die gute Frau meinte tatsächlich jahrzehntelange Blockaden und hätte am liebsten gleich mit mir über (früh-)kindliche Traumatisierungen geredet – da musste ich dann besagte Grenze ziehen. 😉 Ich denke sehr wohl, dass das Ganze auch „Kopfsache“ ist – aber sie hat leider ein sehr fassbares (oder besser: drückbares) Korrelat an den Sehnenansätzen, auch zwischen den Laufversuchen. Möglicherweise ist es inzwischen ein chronifizierter Schmerz, der auf biochemischen Mechanismen beruht, die sich verselbstständigt, d.h. von den ursprünglichen mechanischen Auslösern (Überlastung und falsches Schuhwerk) abgekoppelt haben. Wenn da die Osteopathin helfen kann, den Mechanismus aufzubrechen – sehr gern. Aber ich glaube nicht, dass ich deshalb sämtliche körperlichen Blockaden ausräumen will und muss, die sie diagnostiziert hat. 8)

      Dankeschön, lieber Volker!

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  6. In wunderschönen Worten hast du die segensreiche Wirkung des Laufens beschrieben 8) ! Ja, so kann Laufen sein, so sollte es immer sein 🙂 .

    Schön zu lesen, daß die Osteopathin so optimistisch ist. Ich drücke die Daumen, daß sie den richtigen „Knopf“ kennt, der dir endgültig hilft.
    Deine Skepsis kann ich allerdings auch verstehen. Von daher ist es sicher gut, daß du eine zweite Möglichkeit in der Hinterhand hast.
    lG
    Ralph

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    • @Ralph: Ich hoffe, so wird es in nächster Zeit wieder öfter sein. Ich hege im Moment keinerlei sonstige Ambitionen. Wenn ich pro Woche zwei- bis dreimal so ein Läufchen erleben darf, ist das für die Psyche und den körperlichen Ausgleich zum Schreibtischjob vollkommen genug! Jetzt warte ich mal einen zweiten Termin bei der Osteopathin ab. Und wie du schreibst: Ein Plan B ist immer gut. 8)

      Liebe Grüße
      Anne

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  7. Liebe Anne,

    hilf mir mal gerade: seit wann hast Du das und womit fing es an?
    Magst Du mir vielleicht nochmal eine kleine Chronologie Deines Wehs und Deiner Maßnahmen geben? Ja, ich kann ned, ohne eine Lösung zu wollen. 😀

    Äh, das Esoterische hätte mich auch erstmal zurückschrecken lassen. Du bist vom Typ her also auch Realist, der zwar anerkennt, daß die Psyche einiges verursachen, auslösen und verstärken kann, aber eben nicht direkt für alles herhalten muß?

    Schönes Wochenende und nicht unterkriegen lassen!

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  8. @Evchen: Ach jeee … hier mal die grobe Kurzfassung:

    – Mitte September (vermutlich ausgelöst durch die allmähliche, aber doch deutliche Steigerung der Laufumfänge mit dem Ziel Marathon) erstmals nach dem Laufen, ab Anfang Oktober auch beim Laufen Beschwerden an der linken Ferse (Stechen unterm Fuß, ziehender / brennender Schmerz seitlich innen) und hinterher Druckschmerz (innen am A’sehnenansatz), der nie ganz weg ging. Maßnahmen: Erst weniger laufen, dann deutlich weniger, Marathon absagen, zusätzlich Coolpacks, Traumeel-Tabletten und -Salbe.

    – Anfang November: Termin beim Orthopäden – Diagnose Schleimbeutelentzündung + plantarer Fersensporn –> Laufpause (komplett!) bis Weihnachten, zusätzlich Kühlen, Iontophorese, Kohlwickel, Gymnastik/Dehnungen (Kühlen + Dehnen = Dauerbehandlung seitdem), später Traumeel-Spritzen in den Fuß.

    – Weihnachten-Anfang Januar: Nach Besserung vorsichtiger Wiedereinstieg mit Läufen von 3-5 km alle 2-3 Tage – und der Mist verlagert sich von links nach rechts –> wieder knapp 3 Wochen Pause.

    – Mitte Februar – Mitte März: Wiedereinstiegsversuch 2 – erfolglos.

    – Mitte März: Arztbesuch – Diagnose Schleimbeutelentzündung + plantarer Fersensporn beidseits, Überweisung zum MRT, Laufpause (knapp 2 Monate bis Mitte Mai).

    – Ende April: Besprechung der MRT-Befunde mit dem Doc – nichts Dramatisches, aber A’sehne doch angegriffen –> weiter Laufpause, Kühlen mit Eislollis und Quarkwickeln + – auf mein Drängen – Physiotherapie (Querfriktionen mit Eis sowie KG zur Dehnung der Wadenmuskulatur – entsprechende Übungen und Behandlungen mach ich inzwischen selbstständig, soweit möglich).

    – Mitte Mai: Bewegungsanalyse – ich brauche Neutralschuhe, außerdem Koordinationstraining zur Stabilisierung von Knie- und Fußgelenken (also hample ich auf dem Therapiekreisel rum)!

    – seit Mitte Mai: voooorsichtige Versuche des Wiedereinstiegs (Laufen mit Gehpausen, …), mal mehr, mal weniger befriedigend.

    – Mitte Juni: dem Physio fällt nix mehr ein … also ist jetzt Osteopathie dran.

    Uffffff! 8)

    Keine Sorge, bisher bin ich noch immer auf die Füße gefallen! 😉

    Auch dir ein schönes Wochenende, liebe Eva!

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