Septembermorgen

Wie wunderbar ein Septembermorgen aussehen kann, beschreibt Eduard Mörike viel hübscher als ich es je könnte:

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Als ich um halb 7 das Haus verlasse, ist der Himmel im Osten in flammendes Orange getaucht. Da ahne ich noch nicht, dass das für 3 Stunden das Letzte ist, was ich von der Sonne zu sehen bekomme. Denn kaum bin ich an der Mosel, zieht Dunst auf. Und zwar richtig. Als ich die Saarmündung erreicht habe, ist eine dicke Nebelsuppe angerührt. Schemenhaft bloß erkennt man das andere Ufer. Auch alle Geräusche klingen nur gedämpft zu mir herüber: Das Schlagen einer Kirchturmuhr. Gelegentlich ein Auto auf der Straße. Ansonsten Stille um mich herum.

Ein plötzliches lautes „Flapp-Flapp-Patsch-Flapp-Flapp-Patsch!“ neben mir lässt mich zusammenfahren. Ich muss grinsen: Ein paar Jungschwäne üben den Wasserstart! Die Eleganz und Koordination der Flügelschläge lassen noch sehr zu wünschen übrig und der Erfolg will sich nicht einstellen.

Auf dem verlassenen Pfad geht es bis Kanzem, ich streife den Ort, laufe aber gleich wieder durch die Wiesen hinunter an den Fluss. Gut 16 Kilometer sind es bis zur Schleuse. Und dann erwartet mich der besonders schöne und urwüchsige Teil des Saarufers. Vorbei an Schieferhängen und Reben, durch ein Meer von Goldrute, entlang der abgeernteten Brombeeren, deren Laub sich langsam zu verfärben beginnt.  Die Blätter des Hartriegels haben schon ihr leuchtendes Herbstrot angenommen. Ansonsten dominiert das satte spätsommerliche Grün.  Und immer noch – von wenigen Anglern abgesehen – kein Mensch unterwegs.

Um in Konz wieder ans andere Ufer zu gelangen, wähle ich die etwas anstrengendere Variante, indem ich bis zur Saarmündung vorlaufe und die große Bundesstraßenbrücke überquere. Bei so wenig Verkehr macht es nichts aus, ein Stückchen direkt neben der Fahrbahn zu laufen.

Kilometer 23 am Konzer Campingplatz, ein erster kurzer Trinkstopp; bislang habe ich während des Laufens getrunken.  Wohin? Direkt heim oder über die Brücke an das schönere Zewener Ufer? Mittlerweile schickt die Sonne sich an rauszukommen – also Brücke und schöneres Ufer! Die Läuferscharen, die mir hier entgegenkommen und offenbar gerade erst in Trier gestartet sind, werden ihren „Langen“ im strahlenden Sonnenschein absolvieren.

Und ich? Ich freue mich, einige Sonnenstrahlen abzubekommen, schieße doch noch ein paar Bilder (vorher war mir das Licht zu schlecht), wetze über eine weitere Brücke und freue mich schließlich über 32 gelungene Kilometer in der Einsamkeit eines Frühherbstmorgens!

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13 Gedanken zu “Septembermorgen

  1. Meine liebe Anne, das liest sich hervorragend, und ich glaube, du machst große (Fort-)Schritte, noch mehr, du bist auf dem richtigen Weg, und ich freue mich mächtig mit dir, es sieht alles total gut aus.

    Das letzte Foto mit der Brücke erinnert mich an Heidelberg, sehr schön, schöner kann ein Lauf am frühen Morgen im Spätsommer nicht sein.

    Was sagen deine Oberschenkel ?

    Ich glaube, wir haben einen Grund zum Feiern ! 😉

    Lass‘ dich drücken – du hast es dir verdient.

    ciaooooooooo margitta (mit zwei “ t“) 😉

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  2. Ein schöner Bericht, so einen Septembermorgen oder besser Vormittag habe ich heute auch erlebt, allerdings war ich nicht laufen sondern per Rad unterwegs. Der September hat schon seinen Reiz, heute war vielleicht der endgültige Abschied des Sommers.

    Nachdem ich Deinen Bericht gelesen hatte, da konnte ich Deine Leistung nur bewundern, mal so eben über 32 Kilometer gelaufen, Respekt! 🙂 Solche Strecken lege ich ausschließlich mit dem Rad zurück.

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  3. @Margitta (mit 2 „t“ 😉 ): DAAAANKE! Dicke Umarmung zurück! Schöner kann ein Septemberlauf wirklich nicht sein (naja, zwischendurch hab ich mal etwas gefroren). Dem Oberschenkel und dem Rest des Fahrgestells ist der Lauf sehr gut bekommen, nirgends – außer normalen Ermüdungserscheinungen – ein Problem! Zwischendurch ging der Hunger mal kurz in leichtes Sodbrennen über, beides war aber ab km 25 wieder weg. 8)

    @Bernd: Jetzt kommt eigentlich meine liebste Jahreszeit, noch begeisterter bin ich in ein paar Wochen, wenn die Bäume sich richtig verfärbt haben. Wenn dann die Sonne scheint, komme ich vor lauter Fotopausen gar nicht mehr zum Laufen. 😉
    Schön, dass auch du den Tag so gut zum Erholen nutzen konntest!

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  4. Hallo Anne, Respekt! So schnell lassen sich Träume realisieren. Mit 32 Kilometern hast du in jedem Fall die Basis für dein Marathon-Projekt gelgt. Da musst du dich nicht mehr sorgen.
    Ich bin meine 32 gestern gelaufen, war auch ein Nebel-Wunderland-Lauf. Allerdings bin ich dann durch das Avelertal auf die Höhe geflüchtet, wo sich ganz wunderbare Eindrücke boten.
    Aber vielleicht kommst du demnächst wirklich mal am Samstag um 8 Uhr zum Olewiger Sportplatz. So schnell sind wir auch nicht unterwegs. Und ab Oktober, nach Berlin, wird es dann eh wieder etwas ruhiger. Ich würde mich sehr freuen!

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  5. @Rainer: Ja, ich werde immer zuversichtlicher. Wenn noch ein, zwei von diesen Läufen gelingen, dann könnte das klappen im Bottwartal!

    Danke für die nochmalig Einladung zum Olewiger Lauftreff. Wenn diese M-Geschichte rum ist, schau ich mal bei euch vorbei. Im Moment seid ihr etwa eine Minute pro km schneller unterwegs als ich – das muss für unsere sehr unterschiedlichen Zeitziele ja auch so sein, wenn der „Lange“ unmittelbar der WK-Vorbereitung dient. Aber wenn gerade keine WK anstehen, kann ich mich auch mal etwas mehr „auspowern“ beim Langen. Und wenn ihr dann etwas ruhiger macht, kommen wir vielleicht doch auf einen Nenner. 😉 Und es gibt ja auch weitere Modelle – einen Teil des Laufs gemeinsam machen, im anderen Teil läuft jede/r ihr/sein Tempo … 🙂

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  6. Wunderschön von dir beschrieben. Und bei dir schien auf den letzten Kilometern sogar noch die Sonne 8) . Da waren wir beide dieses Wochenende an der nebelverhangenen Saar unterwegs. Ist wohl das Schicksal, daß momentan jeden Morgen Nebel herrscht.

    Ein richtig guter Lauf war das für dich – ich freue mich 🙂 ! Dein Projekt rückt immer mehr in greifbare Nähe. Ich drücke die Daumen, daß du weiter so gut durch die Vorbereitung kommst.
    lG
    Ralph

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  7. @Ralph: Der Nebel hat auch was Mystisches – irgendwie fand ich’s schön! Und kam mir heldenhaft vor, als ich so allein durch die Suppe stiefelte.
    Danke für’s Daumendrücken! Den Lauf hab ich wirklich gut vertragen, bis auf normale Ermüdungszeichen in den Beinen … ich bin zuversichtlich!

    @Kerstin: Aaaach, übereilen muss ich nichts … wenn es doch erst nächstes Jahr klappen sollte, würde ich mich auch nicht in der Mosel ertränken wollen. Aber wenn es doch schon gelänge in Großbottwar … 8)

    @Marga: Was hättest du denn mit einer Kristallkugel ausrichten können – vor lauter Nebel hättest du mich eh nicht gesehen! 😉

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  8. Immer wieder führst du mir voe Augen, was ich so alles verpasse, wenn ich mich morgens nicht so früh aus dem Bett quälen kann. Aber bald wird es später hell, dann bekomme ich das auch mit.
    32 km. Schööön.

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  9. @Birthe: Ja, die richtig schöne Zeit kommt ja erst, wenn die Wälder sich verfärben. Um das in der Morgensonne zu sehen, reicht eine „zivile“ Startzeit aus! 8)

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