30

„Und jetzt die zweite Runde!“ grinst einer der Polizisten, die den Fuhrpark der Deutschland-Rallye beaufsichtigen, als ich schnaufend den Aufstieg zur Adenauer-Brücke in Angriff nehme. Olle Lästerbacke! Wenn der wüsste …

Um halb 7 habe ich noch nicht geschnauft. Da war die Luft auch noch wunderbar frisch, ein wenig Nebel lag über dem Fluss, aber die Sonne blitzte schon hervor. Was den Sonnenanbeter freut, ist für die Läuferin eine Drohung: Sie ahnt, dass es warm werden kann, wenn sie das Programm durchzieht, das sie sich vorgenommen hat: Einmal Luxemburg und zurück!

Natürlich geht es nicht bis Luxemburg-Stadt, sondern nur bis zur Grenze – knapp 15 Kilometer dürften das sein. Die erste Hürde auf dem Weg besteht darin, auf den Moselradweg zu gelangen. Wegen der Rallye ist der Messepark gesperrt; hier sind Techniker untergebracht und die LKW mit dem Equipment geparkt. Verpennte Gestalten kriechen aus Wohnmobilen, an einer Ecke riecht es nach Kaffee und frischen Croissants, Möchtegern-Schumis rasen mit ihren laut röhrenden Karren über die Brücke. Morgen wird auch noch die halbe Innenstadt gesperrt. Was für ein Aufwand! Alles nur, damit ein paar Schnösel in wattierten Strampelanzügen drei Tage lang Radau machen und die gute Luft verpesten können!

Zwischen Zelten und Wohnwagen finde ich einen Weg ans Ufer, falle in einen gemächlichen Trott und entferne mich langsam von dem Trubel. Hin und wieder knallt noch eine Fehlzündung aus der Ferne hinüber, dann endlich wird es friedlich. Enten und Gänse treiben auf dem sonnenglitzernden Wasser, das heute unbewegt wie ein Spiegel vor mir liegt. Ein Fischreiher streicht schimpfend ab, gleitet über die Wasseroberfläche, um einige Meter weiter wieder am Ufer zu landen und den Anglern Konkurrenz zu machen. Die Princesse Marie Astrid, ein großes Passagierschiff, ist auf dem Weg nach Trier. Frachtschiffe kommen ihr entgegen. Ein Schwanenpaar zieht mit seinen zwei Jungen, die noch ihr kindlich-dunkles Gefieder tragen, ruhig an mir vorbei.

Knapp hinter Kilometer 14 endet der Leinpfad an der Grenzbrücke. Ich nehme die 20 Treppenstufen hinauf, laufe auf die Brücke über die Sauer, die Deutschland von Luxemburg trennt.

Rechts der Blick in das Sauertal, links hinter der Eisenbahnbrücke mündet die Sauer in die Mosel. Noch einen Schluck aus der Flasche, dann zurück auf gleichem Wege.

Inzwischen steht die Sonne schon hoch am Himmel. Die Luft ist noch frisch, Bäume am Ufer spenden etwas Schatten, aber es wird merklich wärmer. Einen kurzen Fotostop bei km 17 muss ich einfach einlegen, um die Spiegelungen der Hügel auf der Flussoberfläche festzuhalten. Aber gleich geht’s weiter. Und weiter. Und weiter. Und wird anstrengend. Die Oberschenkel moppern. Die Hüften auch. Die Mizunos sind tolle Schuhe, aber recht wenig gedämpft. In den Nikes habe ich mich letzte Woche etwas besser gefühlt – sind sie doch die bessere Wahl für lange Läufe?

Viele Läuferkolleginnen und –kollegen sind heute unterwegs, … ja, der Herbst ist Marathonzeit und am Samstagmorgen laufen viele ihren „Langen“. Aus dem Grüßen  komme ich gar nicht mehr raus. Kurz stehen bleiben und trinken bei km 25 – wenn ich ehrlich bin, langt’s für heute! Aber nein, schon einmal in dieser Woche habe ich mich von den Schweineelchen ausbremsen lassen, heute zieh ich das durch!

Kilometer 26 unter der Brücke, jetzt noch knapp 2 Kilometer weiter, dann wenden. Noch einmal ganz kurz trinken am Wendepunkt, der letzte Rest aus der letzten Flasche. Und weiter. Und weiter. Und jetzt noch auf dem letzten Kilometer die ###-Brücke hoch. Der Blick über die Mosel auf die roten Felsen von Pallien  lenkt ab vom Gebrumme der Autos neben mir. Kurz stoppen am Zebrastreifen, weiter, PIIIIIIEEEP sagt Garminchen. Die Brücke runter austrudeln lassen, über die grüne Fußgängerampel, so, nun ist es aber auch gut:

30.210 Meter – mein erster 30er! 8)

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23 Gedanken zu “30

  1. Heya, FrauWeinbergschnecke !!!

    Die ersten 30 Kilometer am Stück !
    Wenn das kein Ereignis ist, das muss gefeiert werden !
    Glückwunsch zu diesem persönlichen Erfolg.
    Die ersten 30 Kilometer sind etwas besonderes, zumindest war es so bei mir, ich werde sie nie vergessen.
    Die nächste Hürde heißt Marathon, läppische 12 km und ein paar Zerquetschte hängen wir dann noch hinten an, und dann hast du auch den ersten Marathon
    aber bis dahin trainierst du noch fleißig !
    Ich freue mich mit dir
    gut gemacht ! 8)

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  2. Dankeschön, liebe Margitta! Ich freue mich besonders, dass du die erste „Gratulantin“ bist! 🙂 Und bin tatsächlich stolz wie Bolle! Nicht euphorisch, aber auf eine ruhige, tiefe Art sehr zufrieden! 8) Und froh, dass es das Medium „Blog“ gibt, in dem ich andere an der Freude teilhaben lassen kann!

    Was die nächste Hürde angeht: Schaun‘ mer mal! 😉 Sie kommt mir hoch vor, denn 12 km können ziemlich lang werden, fürchte ich. Heute hätte ich sie vermutlich nicht mehr geschafft. Aber mit fleißigem Training … 8)

    LG,
    Anne

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  3. Wir haben gerade beide deinen bericht gelesen und- verdammt- was hats du ein Pfund hingelegt! Ganz große Klasse, da muss ich mich morgen aber ganz schön ranhalten. Herzlichen Glückwunsch von uns dreien!
    Jetzt feier ein bisschen- oder auch mehr!

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  4. 30 km. Mensch, hättest du das vor ein paar Jahren für möglich gehalten? Echt klasse.
    Am schlimmsten sind ja wahrscheinlich die zwei (gefühlten) Zusatz-km am Schluss gewesen. Wenn man eigentlich schon an der Brücke ist und dann noch weiter muss. In dem Wissen, wieder umdrehen und zurücklaufen zu müssen.
    Und jetzt leg noch schön die Beine hoch und ruh dich aus. Du hast es verdient.

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  5. @Martin: Dankeschön – und lieben Gruß an deine beiden Frauen! Da bin ich mal gespannt zu lesen, was du morgen nachlegst! 😉

    @Birthe: Selbst vor ein paar Monaten hätte ich das nicht gedacht! 😉 Am schlimmsten fand ich eigentlich km 26 – da war ich kurz hinter der Staustufe und schwer in Versuchung zu sagen, ich lass das jetzt und laufe direkt über die Brücke. Als ich mich entschieden hatte, die 30 durchzuziehen, war’s zwar körperlich hart, aber mental eigentlich kein Problem mehr! 8)

    LG,
    Anne

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  6. Toll, super gemacht Anne! Herzlichen Glückwunsch zum ersten 30er 8) ! Liest sich irgendwie so entspannt und locker. Klar – es ist eine Marke und anstrengend zugleich. Aber sicher wirst du diesen ersten 30er in guter Erinnerung behalten.
    Ein perfekter Laufmorgen – du hast ihn gut genutzt. Und über die nächste Hürde müssen wir uns mal unterhalten 😉
    lG
    Ralph

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  7. @Ralph: Danke, lieber Ralph! Alles in allem war es tatsächlich recht locker, bis auf die letzten km. Aber ein wenig Anstrengung hat noch nie geschadet! Und die nächste Hürde, ja, darüber reden wir noch ein Wörtchen bei passender Gelegenheit! 8)

    LG,
    Anne

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  8. @Marga: ganzfestzurückumarmumarmumarm! 😉

    @Lizzy: Daaankeschön!

    LG,
    Anne
    (die noch überlegt, ob sie sich heute lieber schonen oder abends doch ein Läufchen … 8) )

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  9. Da möchte ich Dir auch ganz herzlich zum ersten 30 Kilometer-Lauf gratulieren. Ich finde das eine großartige Leistung, Du kannst da richtig stolz auf Dich sein, denn 30 km an einem Stück zu laufen, das schafft längst nicht jeder. 🙂

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  10. @Bernd: Dankeschön! 8)

    @Tati: „Jeder 30er leichter“ … dein Wort in Gottes Ohr! 😉 Gern geschehen – danke dir für’s Lesen und die Glückwünsche!

    LG,
    Anne

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  11. 30 km ist schon nicht schlecht – da brauchen andere ein Moped! Ob jeder weitere 30er leichter wird, weiß ich nicht aber der Halbmarathon wird auf diese Weise zur Sprintverantstaltung 😉

    Aber so ist das ja sicher auch gedacht 🙂

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  12. Pingback: Von einer Tanke zur nächsten « Ein Nordlicht läuft

  13. Du hast wirklich schöne Laufstrecken bei dir zu Hause. 30km bin ich noch nie gelaufen. Mein längster war 22km. Das ist schon eine tolle Zahl 30km. Irgendwann mach ich das auch mal, ja irgendwann…..

    Schöne Bilder und dein Bericht war genau jetzt das richtige, da bin ich doch trotz Regen wieder motiviert, obwohl ich es diese Woche eher ruhig angehen lassen soll.

    Danke

    Liebe Grüße Bärbel

    die Muskelkater von der Gartenarbeit hat

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  14. Jetzt bin ich auch endlich dazu gekommen, den Bericht zu deinem ersten 30-er zu lesen. Natürlich geschmückt mit tollen Bildern. Ich bewundere das an dir und auch an anderen Läufern, die erstens das Zusatzgewicht einer Kamera noch mit sich rumschleppen, und ausserdem noch das Auge für schöne Bilder haben und sich die Zeit nehmen, die auch aufzunehmen.
    Herzliche Gratulation nochmals zu der tollen Laufleistung, weiter so 🙂
    Liebe Grüsse, Marianne

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  15. @Bärbel: Super, wenn dich mein Bericht motiviert hat, auf die Piste zu gehen … hier regnet’s ebenfalls, aber eigentlich will ich auch noch los! Irgendwann läufst du auch die 30 – klar!!! 🙂 Danke!

    @Marianne: Dankeschön auch dir für die guten Wünsche! Was die Kamera angeht: Bei 4-5 kg Übergewicht machen die 200 g auch nichts mehr aus! 😉

    LG,
    Anne

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  16. Großartig – wirklich gut gemacht!
    Wenn es für die Schilderung der „3 Sternstunden“ (vor allem natürlich für den zugrunde liegenden Lauf) schon fette drei Sterne gab – was sollich denn erst zum allerersten 30er sagen ? *staun* Ich bin restlos begeistert, freue mich rund und kugelig mit Dir. Da darfst Du – wenngleich für eine Weinbergschnecke eher ungewöhnlich – auch ruhig einmal aus dem Häuschen sein!
    Und die Fotots … einfach brilliant! Sie transportieren die Stimmung unterwegs in besonderer Weise, lassen das intensive Licht der Frühmorgen-Sonne erkennen. Ein Lauf für Leib und Seele!

    Auch vom Tageszeitpunkt und dem Wetter hat alles gepasst. Der Fuchs hatte am Sonntag dagegen eher spätaufstehende Laufbegleiter bei seinem langen Lauf, kam folglich in die Mittagshitze und schleppte sich dementsprechend matt über die letzten Hügel. Und gute Fotos gab’s auch keine … wohl aber ein paar Sonnenblumen am Wegesrand, von denen ich Dir drei gepflückt habe. Für je 10 km einen. Und zum Marathon gibt es einen ganzen Strauß. Versprochen!

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  17. Dankeschön, lieber Peter, für die Glückwünsche, die Anerkennung und die schönen Sonnenblumen! 🙂
    Ja, morgens zu laufen war eindeutig die beste Wahl an diesem Wochenende. In die Mittagshitze zu geraten und dann einen langen Lauf durchzustehen, das erfordert besondere Tapferkeit. Gut gemacht! 8)

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  18. Das ist eine klasse Leistung, liebe Anne. Und dabei hast du noch den Enthusiasmus gehabt zu fotografieren! 🙂
    Es läuft ja super bei dir momentan!
    Da wird der nächste HM für dich ja ganz easy werden.

    Weiter so! Ich kann leider zur Zeit nicht so wie ich will, aber immerhin geht es ein bißchen.

    LG Sabine

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  19. @Sabine: Ach je, ich drücke weiterhin die Daumen, dass sich deine Probleme bald lösen! Wie schön, dass du dich auch über die kleineren Distanzen freuen kannst, die dein Körper dir momentan erlaubt!

    Ob der nächste HM wirklich „easy“ wird – nächsten Sonntag werde ich es erfahren! 8)

    Danke, liebe Sabine!

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