Drei kleine Sternstunden

Gerade mal zweistellige Werte zeigen die Thermometer am Küchenfenster und auf dem Balkon um halb sieben. Wenn die Sonne richtig draußen ist, wird es sicher einige Grad wärmer. Perfektes Wetter für einen langen Lauf, perfekte Uhrzeit für den Start in eine ausgedehnte Runde mit ein paar zügigeren Kilometern mittendrin.

Die zügigen Kilometer sind nämlich heute wieder geplant: Am vergangenen Samstag war die Unterhaltung mit Ralph leider etwas wortkarg und kurzatmig – wie nicht anders zu erwarten bei einem 10er, den ich im Renntempo gelaufen bin. Also haben wir kurzerhand verabredet, das ausgefallene Gespräch bei einem entspannten Lauf nachzuholen. „Entspannt“ bedeutet einen 5:55er bis 6:00er Schnitt. Für Ralph gemütliches LaLaLa-Tempo, für mich ein flotter Dauerlauf, der aber – wenigstens an einem guten Tag – noch genug Puste zum Reden lässt.

Und heute ist ein guter Tag! Das merke ich schon nach den ersten 2, 3 Kilometern. Schnell finde ich meinen Rhythmus, genieße die Morgenkühle, freue mich über die sonnenglitzernde Mosel, den Blick auf die bunten Häuschen am anderen Ufer. Mit Ralph bin ich erst um halb acht unter der Brücke verabredet. Vorher darum noch ein Schlenker über die Römerbrücke. Ein Geruch, als sei ein Müllauto explodiert oder die Zentraldeponie mitten in die Stadt verlegt worden. Keine Ahnung, wo der Mief herkommt, jedenfalls beschleunige ich meine Schritte, um diesem Dunstkreis zu entfliehen. Immer am Fluss entlang führt der Weg, unter der Adenauer-Brücke hindurch Richtung Konz.

An der Staustufe kommt Ralph mir entgegen, ich wende, und wir laufen das Stück bis zur Brücke zurück. Schnell sind wir mitten im Gespräch: Der Wettkampf am Samstag, das Training, Urlaubserlebnisse, die „liebe Familie“– die Zeit vergeht im Fluge. Und ich registriere verblüfft, dass mir das Tempo, das mir vor 4 Wochen bei unserem letzten gemeinsamen Lauf noch Mühe gemacht hat, heute richtig gut gelingt. Daheim werde ich sehen, dass wir die gut 10 gemeinsamen Kilometer im gleichen Tempo absolviert haben wie beim letzten Mal nur 6,5 Kilometer – allerdings war ich heute mit einem um 11 Schläge niedrigeren Puls unterwegs! Natürlich war es Anfang Juli deutlich heißer. Aber ich bilde mir irgendwie ein, dass das Training doch was bringt! 😉

Weil es so toll läuft und so viel Spaß macht, trennen sich unsere Wege noch nicht an der Eisenbahnbrücke. Stattdessen zeigt mir Ralph einen richtig schönen Abstecher von der direkten Route, der über die Mosel und dann an der Saarmündung entlang führt. Ein Stück laufen wir gemeinsam Richtung Könen. Ich hätte ja Lust, noch weiter mitzukommen, der schönste Abschnitt der Saar liegt noch vor uns. Aber vernünftig, nein, vernünftig wäre das nicht. Schließlich muss ich noch irgendwie heim. Wir sind jetzt schon so weit gerannt, dass es eh der bisher längste Lauf meines Lebens werden wird, wenn ich es bis nach Hause schaffe. Und die „Schande“, unterwegs schlapp zu machen und den Bus zurück nehmen zu müssen, will ich nicht erleben.

Also kündige ich die Wende an, wir verabschieden uns und Ralph nimmt die Beine in die Hand, um rechtzeitig mit der Brötchentüte am Familienfrühstückstisch zu sein! Wenn’s nach mir geht, war das sicherlich nicht der letzte gemeinsame Lauf. Danke, Ralph!

Ich bleibe kurz stehen, trinke noch einen Schluck – auf geht’s Richtung Heimat! Bewusst langsamer natürlich als vorher. Das ist allerdings gar nicht so einfach, die Beine haben sich an  ein zügiges Tempo gewöhnt und ich muss sie einbremsen. Wenn ich das nicht tue, geht die Geschichte nämlich wirklich nicht gut aus. Mindestens 10 Kilometer sind es noch, eher mehr, denn so 27 Kilometer würde ich schon gern laufen heute. Zu sehr bremsen will ich aber auch nicht, weil sich der Lauf gerade so rund anfühlt und ich befürchte zu verkrampfen, wenn ich jetzt unbedingt den Puls unten halten will. Einfach laufen lassen ist eh am besten!

An der Eisenbahnbrücke wechsele ich wieder auf das stadtferne (und schönere) Moselufer, zweige aber gleich zu einem Schlenker durch die Felder und in den Ort Zewen ab. Das Wasser im Trinkgurt reicht zwar, aber mein Magen knurrt und ich habe den Eindruck, ich könnte in eine Unterzuckerung rutschen. Für diesen Notfall wäre ein kleines Stück Traubenzucker nicht schlecht. Nicht zum Jetzt-sofort-Einwerfen, nur als Sicherheit für die letzten 5, 6 Kilometer.

Direkt an der Straße in Zewen ist ein Super…, ich korrigiere: war früher ein Supermarkt, in dem ich mich schnell hätte verpflegen können. Geschlossen und ersetzt durch einen Werkzeug-Discounter. Sch###! Einige hundert Meter weiter im Gewerbegebiet würde es sicher auch etwas zu trinken und etwas Süßes geben, im Baumarkt oder in der Cafeteria des riesigen Möbelladens. Aber auf so eine Aktion habe ich keine Lust. Also müssen wieder die Mirabellenbäume am Wegesrand herhalten. Die Früchte an den unteren Zweigen dürften gern reifer sein, aber sie sind schon essbar. Noch ein paar Schlucke aus der Wasserflasche, weiter geht’s.

Inzwischen werden die Schritte etwas müder, Kilometer 24, 25, bei 26 kurz hinter der Staustufe halte ich noch einmal kurz an und trinke die letzte Flasche leer. Die Brücke in Sicht, der Piepser für Kilometer 27, jetzt noch den ### Anstieg über die Brücke hinauf, runtertrudeln, nee, allmählich langt’s wirklich. Als Garminchen in der Saarstraße den 28. Kilometer piepst, stoppe ich die Uhr.

Und was soll ich sagen? Garminchen hat mich angelogen! 30 Meter fehlen auf den letzten Kilometer, meint Sporttracks hinterher! Nichtsdestotrotz: 28 Kilometer in 2:54 mit 79 % Hf max. Boah! Drei kleine läuferische Sternstunden! So leicht wie dieser Lauf wird mir garantiert nicht jeder „Lange“ fallen. Aber es ist toll erlebt zu haben, dass es an einem guten Tag so leicht sein kann!

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15 Gedanken zu “Drei kleine Sternstunden

  1. Toller Lauf, schön das es so gut und weit läuft bei dir.
    Bei uns hier im Osten „regnets heute junge Katzen …“, sprich da jagt man keinen Hund vor die Tür. Ich hoffe heute Abend zum Spendenlauf ist es wenigstens trocken, wenn auch vermutlich nicht wärmer als 17°C.
    Schönes WE und erhol dich gut
    Tati

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  2. @Tati: Wenn es junge Katzen regnet, dann würden die Hunde sich aber freuen, wenn sie vor die Tür dürften! 😉
    Ich drück die Daumen, dass ihr es heute abend wenigstens trocken habt!

    Dankeschön, liebe Tati! 8)

    @Janni: Manchmal passt’s, genau! Auch dir ein Dankeschön …und jetzt geht’s zum Erholen auf’s Sofa!

    LG,
    Anne

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  3. ….und ich würde mich wundern, wenn dir die nächsten Langen nicht immer leichter fallen würden.
    Aber ganz egal…primasupermegaguter Lauf!!
    Glückwunsch!

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  4. Sag ich doch, man muss nur den richtigen Zeitpunkt abwarten, und der war wohl heute, nicht zuletzt wegen deiner netten Läuferbegleitung !

    Super gemacht, liebe Anne, und du wirst sehen, die nächsten – vorausgesetzt, du läufst sie regelmäßig – fallen dir immer leichter, Übung macht ja bekanntlich die Meisterin, und als solche kannst du dich heute beruhigt bezeichnen. Wirklich dein längster Lauf bisher ?

    Ein Grund mehr, kräftig zu applaudieren ! 8)

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  5. @Marga: Dankeschön! Mal gucken, ob’s wirklich leichter wird – diesen Lauf und die positive Erinnerung an das, was ich leisten kann, nimmt mir jedenfalls keiner mehr! 😉

    @Margitta: Ja, eine langsame Steigerung der Distanzen, der richtige Zeitpunkt, um nochmal zwei Kilometer draufzupacken, eine Begleitung, die mich dazu bringt, ein gleichmäßig zügiges Tempo zu laufen, statt allein vor mich hinzuschlurfen – dann klappt’s! So weit war ich wirklich noch nie, bislang waren 26 km das Maximum. Aber so weit (und noch ein wenig weiter) soll es jetzt schon regelmäßig gehen. 8)

    Dankeschön auch dir, liebe Margitta!

    LG,
    Anne

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  6. Da hast du ja einen richtig schönen langen Lauf gehabt. Bei so netter Begleitung fällt einem das natürlich auch leichter, aber das ist ja der Sinn der Übung.
    Und das Training bringt anscheinend auch einiges. Klingt ja sehr vielversprechend.
    Da bin ich ja mal gespannt, wie es bei dem „etwas schnelleren Langen Lauf“ in vier Wochen wird. (Und wenn du jetzt ständig Überdistanz läufst, dann kommt dir der auch noch kurz vor, hihi. Dann macht es richtig Spaß.)
    Als du mit drohendem Unterzucker anfingst zu erzählen, war ich mir ja ziemlich sicher, dass es bei den Mirabellen endet. Ob mein nächster langer Lauf auch mal in die Richtung gehen sollte…..? Mmmmh.
    Schöne Grüße,
    Birthe.

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  7. Kaum guckt man mal nicht genau hin, werden hier Kilometer geschrubbt was das Zeug hält – und dann auch noch mit „Leichtigkeit“! Vielleicht muss man sich diese Sache mit dem Mirabellendoping da nochmal genauer ansehen 😉

    Toll, dass es für dich grad so gut (und lang) läuft!

    Liebe Grüße, Giegi

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  8. @Birthe: Mirabellen kann ich SEHR empfehlen! Überdistanzläufe sowieso. Und nette Begleitung erst recht, da vergeht die Zeit im Flug und man merkt, dass man viel mehr in den Beinen hat, als man denkt. Nach diesem Lauf bin ich wieder recht guter Dinge, was den „etwas schnelleren Langen“ in 4 Wochen betrifft! 😉

    @Giegi: Ich sag‘ ja … Mirabellen! 8) Wobei ersatzweise auch Brombeeren oder Zwetschgen in Frage kommen! Dankeschön, Giegi!

    Liebe Grüße
    Anne

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  9. Liebe Anne,
    nochmals vielen Dank für die tolle Begleitung! Schön zu lesen, daß du gut heimgekommen bist. Ich machte mir ja Gedanken, über deinen Rückweg, nachdem ich dich fast bis Könen „entführt“ 😉 hatte. Ging ja dann gut aus. Wir hatten aber auch perfektes Laufwetter am Samstag.
    Glückwunsch zu deinem neuen längsten Lauf 8) ! Willst du eigentlich vor dem HM noch weiter steigern, so überdistanztechnisch? Oder hebst du dir den nächsten Schritt noch auf?
    Ich wünsche dir einen schönen Wochenbeginn.
    lG
    Ralph

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  10. Eine solche Strecke bin ich noch nie gelaufen und wer weiß, vielleicht werde ich sie auch nie laufen. Jedenfalls so bald sicher nicht. Mehr weiß ich morgen.

    Schön, deine Fortschritte. Und jetzt auch noch mit PS (Personal Trainer). 🙂

    LG Sabine

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  11. Lieber Ralph,
    ich habe zu danken! So einen Lauf hätte ich ohne Begleitung nie hingelegt. Ich hab mich außerdem bei diesen perfekten Bedingungen gut gefühlt und war mir völlig sicher, dass ich es heil zurück schaffe, sonst wäre ich schon vorher umgekehrt, auch wenn es viel Spaß gemacht hat!

    Was die Steigerung der Distanz angeht – mal sehen …! Realistisch ist die „magische 3 vorne“ auf jeden Fall, und in diesem Herbst werde ich das ganz bestimmt mal probieren. Nächste Woche noch nicht, aber vielleicht ein, zwei Wochen später … 8)

    LG, auch dir guten Start in die Woche
    Anne

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  12. @Sabine: Hmmm – klingt spannend! Ich hoffe für dich, dass du die Strecke auch irgendwann einmal laufen wirst. Das bringt nämlich richtig Laune!

    LG und dankeschön, liebe Sabine,
    Anne

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  13. Ich glaube du hast dir das schönste Geschenk an diesem Tag gemacht -und ich kann dir nur noch ganz schlicht und einfach dazu gratulieren und mich mit dir freuen!
    Und für die magische 3 davor sehe ich nun wirklich kein Problem !

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    • @Martin: Dankeschön! Ich denke auch, die „3“ ist an einen guten Tag machbar – mein Ziel ist sie zu schaffen, ohne den Rest des Tages mit Schmerzen in allen Körperteilen auf der Couch dahinzuvegetieren. 8)

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