Der Berg ruft!

Laut sogar. Aber nein, auf dem Ohr bin ich taub! Ich bin ganz brav. Unten an der Mosel ist es doch auch ganz schön. Ich will doch heute langsam und niedrigpulsig vor mich hin schnecken. Einen LaLaLa wie aus dem Lehrbuch für Laufanfänger hinlegen.

Der gute Wille ist da. Aber irgendwie … nee!  Mein Wohlfühltempo ist heute schneller als das, was ich laufen sollte. Und der Leinpfad ist auch nicht das Richtige. Irgendwo hat ein Reisebus mit Anhänger ein ganzes Rudel Radfahrer ausgespuckt, das jetzt schwatzend und im Zickzack fahrend den Weg bevölkert.

Hmmmm … langsam dringt das Rufen zu mir durch. Ich war doch schon so lange nicht mehr im Konzer Tälchen. Nur … das könnte vielleicht ein wenig weit sein. Nicht gut. Und zu trinken hab ich auch nichts dabei. Gar nicht gut. Und der Berg, den ich erklimmen muss, ist die Pellinger Höhe. Überhaupt nicht gut.

Aber jetzt hat der Berg zu säuseln angefangen, erzählt von weiten Wiesen, Pferden auf den Koppeln und Damwild im Gatter, blühenden Blumen … und das mit dem Anstieg sei doch wirklich nicht so schlimm. Er kennt mich. Und er weiß daher genau, wie er mich kriegt!

Schon bin ich – nach einem kurzen Irrweg durch Konz – mittendrin im Tälchen. An den Fischteichen, in den Wiesen, die Weinberge im Blick. Unbehelligt von Radfahrern, dem Brummen der Autos und dem Rattern der Züge am Moselufer.

Nur nach vorn gucke ich lieber nicht. Der blöde Berg hat mich angelogen! Oder sein großer Bruder hat sich vorgedrängelt. Das, was sich da in Blickrichtung auftürmt, sieht nämlich nicht nach „Wirklich nicht so schlimm“ aus. Eher nach „Sch###, wie soll ich denn da hochkommen?!“. Und die blaugraue Wolkenwand dahinter macht das Ganze nicht besser.

Selbst schuld! Man soll halt nicht auf jeden dahergelaufenen Berg hören, der in der Gegend herumkräht – jetzt hab ich den Salat! Da Garminchen bereits 13.5 km auf dem Display zeigt, hat sich die Überlegung umzudrehen und den gleichen Weg zurückzulaufen, eh erledigt.

Darauf erst einmal einen trinken! Im „Winzerhof“ ist Sonntagsfrühschoppen. Grausig! Ich halte es gerade so lange dort aus, wie ich brauche, um in kleinen Schlucken eine Apfelschorle zu tanken, dann ergreife ich die Flucht. Durch Niedermennig, vorbei an der Kapelle, irgendwie rechts halten – ich war schon einmal hier, kam aber aus der anderen Richtung und tue mich nun schwer, den richtigen Aufstieg zu finden.

Auf dem schmalen Wirtschaftsweg geht es zwischen den Wingerten hindurch … oh weh, noch ein Abzweig nach oben, puh, ein paar flache Meter, verflixt, wieder eine steile Kehre und eine Rampe bergauf. Der Berg ist jetzt ganz still geworden. Vielleicht schämt er sich, dass er mich in diese Situation gebracht hat! Sollte er auf jeden Fall!

Mein Schnaufen ist dafür um so lauter. Zwei kleine Gehpausen gönne ich mir, viel langsamer als mit meinem läuferischen Gestolper bin ich dadurch nicht. Aber wo ist das Sträßchen, an dem ich die Bundesstraße kreuzen kann? Ein „Sonntagsfahrer“, den ich aus der Ferne sehe, kommt mir – ohne es zu wissen – zur Hilfe. Ich muss noch ein Stück weiter Richtung Obermennig, dann ein paar steile Meter auf dem Sträßchen halb gehend, halb laufend zurücklegen, ein kurzes Flachstück – hurra!!!

Vor mir die Weite der Wiesen und Wälder jenseits der Straße – schööööön! Ein flacher und ebener Feldweg liegt vor mir, dann werde ich noch mal einen leicht ansteigenden Kilometer laufen müssen, aber danach geht es nur noch bergab! Tschakka! Diese Vorstellung weckt neue Kräfte, die lahmen Beine reißen sich noch mal zusammen. Was macht schon der Nieselregen, der vorübergehend einsetzt? Er ist schnell vorbei, und die Sonne scheint hinterher umso schöner durch das hellgrüne Buchenlaub auf die rosa Fingerhutstengel, die am Wegrand Spalier stehen.

Irgendwann ist die Energie dann doch verbraucht. Statt der kompletten Panoramawegrunde um den Ortsteil Mariahof gibt es deshalb die „Nee, ich kann nicht mehr“-Abkürzung: Einen steilen Trampelpfad, der auf direktem Weg vom Mariahof zum Weingut im Tiergarten führt. Und von dort ist es nur noch ein Kilometer bis zur Haustür. Auf den kommt es nicht mehr an. 23.420 m in 2:40:11 Stunden … manchmal lohnt es sich, das Rufen der Berge zu erhören!

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7 Gedanken zu “Der Berg ruft!

  1. TockTockTock….!!!
    Hallo??? Jemand zuHause???
    Ich möchte aber keinen Ton hören….von wegen Oberschenkel oder so!!!
    Geh schwimmen! Da gibts einen Bademeister, der holt dich rechtzeitig aus dem Wasser und es ist immer genug zu trinken da….

    : – ))

    Ganz liebe Grüße!

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  2. @Laufsogern: Wo du recht hast … ! 8) Lustigerweise ist heute abend so ziemlich das einzige, was nicht schlapp ist, mein linker Oberschenkel!

    @Giegi: Jau, meine ruft auch! Wunderbar! 😉

    Liebe Grüße
    Anne

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  3. Liebe Anne,
    du weißt schon, daß es heißt: immer nur 10 Prozent steigern? Wenn ich da so im Kilometerspiel stöbere, dann sieht das nach mehr aus …
    Da haben wir uns an diesem Wochenende gerade einmal umgekehrt verteilt. Du im Tälchen und ich ein kleines Stück an der Mosel – kommt selten vor 🙂 . Ich gestehe: im Winzerhof bin ich noch nie eingekehrt.
    Viel Spaß beim Ausbau der langen Läufe 8)
    lG
    Ralph

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  4. Lieber Ralph,

    ja, eigentlich nur 10 % Steigerung … ich hab mir aber gedacht, so lang war die Pause nicht, dass ich quasi komplett neu aufbauen muss. Ich wollte darum ungefähr 25-30 Prozent unter dem Trainingsumfang vom März einsteigen und werde langsam Richtung 50 WKM zu kommen versuchen. Die 23 km am So waren ja ein „Unfall“ – gedacht waren eigentlich 16-17 km, dann wäre der Wochenumfang bei vernünftigen 33-35 km geblieben. Diese Woche bin ich wieder brav, versprochen! 8) –

    Noch nie im Winzerhof gewesen zu sein bedeutet kein Versäumnis … 😉

    LG,
    Anne

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