Dunkle Seiten

Das Leben ist bunt. Aber es gibt Zeiten, da überwiegen seine dunklen Seiten. Krankheit und Sterben im Verwandtenkreis. Ein berufliches Umfeld, dessen Strukturen sich so verändern, dass ich nur noch mit einer Mischung aus Frustration und Entsetzen den Kopf schütteln kann. Eine verlorene oder gestohlene Geldbörse, die jede Menge Kosten, Ärger und Sorge (bis zur nächsten Kreditkartenabrechnung) verursacht. Ihr ist – nebenbei bemerkt – auch meine Teilnahme am gestrigen Spendenlauf zum Opfer gefallen.

Also wird stattdessen heute gelaufen – ein Lauf aus der Reihe „Wir erkunden unsere Heimat“. Passend zu meiner etwas düsteren Grundstimmung zeigt er mir eine der dunklen Seiten unserer Stadt: Eine verborgene, enge Straße im Süden der Weismark, abseits der Hauptverkehrswege, angrenzend an das ehemalige Kasernengelände der französischen Armee. Gleich beim Einbiegen stoße ich auf einen verrotteten LKW, dessen Ladefläche von Autowracks und anderem Metallschrott überquillt. Links und rechts der löcherigen Straße einstöckige barackenähnliche kleine Häuschen, deren Putz an vielen Stellen abbröckelt. Fenster und Türen haben schon lange keinen frischen Anstrich mehr erhalten. Angesichts ihres Zustands lohnt sich der aber auch nicht mehr. Den winzigen Vorgärtchen haben manche Bewohner liebevoll mit einfachen Mitteln etwas Gemütlichkeit zu verleihen versucht: Zierfiguren, einige Blumen, helle Kieselsteine. An den Hauswänden ranken rote und gelbe Kletterrosen hinauf. In einigen Gärten lassen dagegen Fahrräder, Müll und Bauschutt den Eindruck von Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit und Resignation entstehen.

Hinter den niedrigen Häusern mehrstöckige Wohnblocks, deren Zustand, soweit aus der Ferne zu erkennen, an Verwahrlosung kaum zu übertreffen ist. Hier leben Menschen, deren Kinder nie die Chance bekommen werden, am eigenen Leibe zu erfahren, dass man seinen Lebensunterhalt auch anders bestreiten kann als durch Hartz IV. Es gibt wohl in jeder Stadt solche stigmatisierten Viertel: Trägt eine Bewerbung diese Adresse, legen potenzielle Arbeitgeber sie ungelesen auf den Stapel der Absagen. Nichts geht über ein gepflegtes Vorurteil! Da wirkt Wahl des Namenspatrons für die Straße gleichermaßen passend wie zynisch: Dr. med. Ernst Piro (1863-1914), Stadtverordneter und verdienter Armenarzt.

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4 Gedanken zu “Dunkle Seiten

  1. Ja, es gibt sie wohl in jeder größeren Stadt, diese Viertel in denen einem die Hoffnungslosigkeit aus den dunklen Fenstern entgegenruft. Damit rückt die eigene Unzufriedenheit in die Ecke der Undankbarkeit. Wenn ich solche Viertel sehe nehme ich mir immer vor etwas zufriedener zu sein, mit dem was ich habe….

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  2. Ohje, das klingt garnicht gut. Ich drücke dir die Daumen, dass dein Portemonnaie-Verlust dir keine weiteren bösen Überraschungen bietet.

    Und du weisst ja: das Leben ist wie das Laufen – manchmal läuft es besser, manchmal läuft es schlechter. Da hilft nur durchbeissen …

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  3. Da erlebst du ja gerade eine geballte Ladung Dunkelheit sowohl privat als auch beruflich. Ich drücke die Daumen, daß bei dir bald wieder die Sonne scheint. Halte durch!
    Laufen bietet da eine gute Unterstützung, um auch mal wieder auf andere Gedanken zu kommen. Ob da jetzt aber ein Lauf in einem der dunkelsten Viertel Triers die richtige Umgebung war?
    lG
    Ralph

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  4. @Marga: Ich denke auch immer: Was geht’s mir gut! Wenn man das sieht, relativiert sich so manches.

    @Silke: Dankeschön! Ansonsten gilt: Unkraut vergeht nicht!

    @Ralph: Dankeschön auch dir – es wird schon! Mit den dunklen Seiten der Stadt ist das irgendwie zweischneidig: Natürlich zieht es auch runter, aber wie auch Marga schrieb: Man kann auch dankbarer und zufriedener werden, weil es einem selbst wenigstens in materieller Hinsicht besser geht als den Menschen dort!

    LG,
    Anne

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