Von 3 auf 30

Geradezu kuschelige 3 Grad (noch dazu plus!) zeigt das Thermometer am Küchenfenster um kurz nach 7. Aber schon jetzt verheißt das helle Sonnenlicht einen zauberhaften warmen Frühlingstag. Das wiederum wirft die schwierige Kleiderfrage auf. Was ziehe ich an, wenn ich 2 Stunden unterwegs sein will und weder auf den ersten Kilometern halb erfrieren noch mich später tot schwitzen möchte? Unten kurz, allerdings mit den Skins an den Waden, oben dünnes Kurzarmshirt und leichte Jacke – so verlasse ich das Haus Richtung Mosel.

Und habe den Uferweg noch fast für mich allein. Selbst die gelben Löwenzahnblüten schlafen noch, eine feine Tauschicht auf den geschlossenen kleinen Sonnen. Irgendjemand hat die Pferde am Schloss Monaise bereits ins Freie gelassen, sie stehen etwas verträumt auf der Koppel herum. Eines von ihnen durfte eine wärmende Decke behalten, die anderen müssen frösteln.

Erst kurz hinter Zewen überholt mich ein anderer Läufer, in Kurz-Kurz-ist er unterwegs, wie ich inzwischen auch, denn die Jacke habe ich mir ausgezogen und um die Hüften geknotet. Allerdings fühlt sich das auch nicht richtig an. Am Oberkörper ist es angenehm im T-Shirt, aber die Arme und Hände frieren jämmerlich. Ich wünsche mir Armlinge, wie die Radrennfahrer sie tragen. Damit wäre ich jetzt perfekt ausgerüstet und könnte sie später einfach in die Tasche oder den Hosenbund stopfen.

Wenn es nicht so elend kalt wäre, wäre es ein richtiger Traumlauf am glitzernden Fluss, auf dem die großen Frachtkähne vorüberziehen und hie und da mal ein Schwan oder eine Ente auf den Wellen der Schiffe surft. An blühenden Sträuchern und Kirschbäumen vorbei, am frischen Grün der Bäume. An den frisch angelegten Kartoffeläckern mit den gleichmäßigen Pflanzdämmen aus der roten Erde, wie man sie hier in der Gegend findet. Und an den Erdbeerfeldern, auf denen ich in einigen Wochen den Grundstoff zum Auffüllen meiner Marmeladenvorräte ernten werde.

Nach gut 10 Kilometern, kurz vor dem Campingplatz in Igel, wende ich. Ein kurzer Stopp zum Trinken, dann zurück auf dem gleichen Weg, nun den frischen Wind im Gesicht und noch kräftiger auf den nackten Armen und Beinen spürbar. Trotzdem laufe ich bewusst etwas gebremst: Erstens mache ich meine „Langen“ immer etwas zu hochpulsig und sollte das ändern, wenn ich Distanzen jenseits der 25 Kilometer in Angriff nehmen will – da kann ich mit dem Umgewöhnen ruhig schon anfangen. Aber vor allem ist mir zweitens heute nach einem Lauf, bei dem ich mich nicht „auspowere“. Es muss schließlich noch Kraft für die Gartenarbeit bleiben!

Für den Garten fehlt mir noch Kalk, den es im Baumarkt gibt, an dem ich vorbei kommen werde. Hmm, nachher noch einmal mit dem Bus hinfahren oder gleich einkaufen? Die Entscheidungshilfe macht sich von unten bemerkbar: So langsam spüre ich, wie sich unter dem Fußgewölbe an der Innenseite des rechten Fußes eine Blase bildet. Beim Griff in die Schublade habe ich ausgerechnet das einzige Paar Socken erwischt, in dem ich auf längeren Strecken Probleme bekomme. Ich Schussel!

Natürlich könnte ich weiterlaufen. Aber ich muss ja nicht. So stoppe ich die Uhr nach 18.260 m in 2:00:14 Stunden, gehe einkaufen und lege die letzten knapp 3 Kilometer als Gepäckmarsch mit einem 10 kg-Kalksack auf dem Rücken zurück. Und das Thermometer am Küchenfenster zeigt inzwischen 30 Grad.

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9 Gedanken zu “Von 3 auf 30

  1. Liebe Anne,
    das war ein schöner Lauf….gut gemacht. Das Tempo gefällt mir sehr gut…warst doch recht flott für nen Langen. Dein Puls war auch im richtigen Bereich! Prima…!!!
    Bei mir steht heut der kurze „Probelauf“ an und ich bin guter Hoffnung, was meinen Langen morgen betrifft. Dort wird mich wohl auch die leidige Kleiderfrage treffen. Wobei ich wohl lieber friere, weil ich nicht zuviel „Gedöns“ an mir hängen haben will, wenns zum Schluss zugeht.
    Viel Spaß bei der Gartenarbeit, die bei mir im Moment überhaupt nicht auf dem Programm steht….der Garten sieht dementsprechend aus.
    Liebe Grüße
    Marga

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  2. “ Natürlich könnte ich weiterlaufen. Aber ich muss ja nicht. “

    Si, claro, du könntest, aber du musst ja nicht ! 😉

    Das ist schon Hammer hart, von 3 auf 30 Grad, aber das ist eigentlich dort unten in der schönen Pfalz nicht das erste Mal der Fall, dann heißt es, sich umstellen auf die tierische Wärme, aber heute hast du ja noch einmal – trotz des Sich-Ausziehen-Müssens und Um-die-Hüfte-Winkelns den Lauf recht gut überstanden und alles – wie immer – sehr gut beobachtet.

    Ja, ja, lange Läufe müssen langsam gelaufen werden, was für manche Menschen nicht einfach ist, musst zu mir kommen, ich bringe es dir bei, das Niedrig-Puls – und das Gaaaaaaaaaaanz lange Strecken-Laufen, sozusagen als PC, wie man so schön in neudeutsch heute sagt ! 😉

    10 Kg-Kalksack auf dem Rücken – nee, das hätte ich nicht gemacht, was sagt dein Rücken jetzt dazu ?

    Hauptsache – der Garten freut sich !

    viel Spaß im übrigen, nachdem ich die Ernte im letzten Jahr verpasst habe, wird es vielleicht in diesem Jahr was, wer weiß ❓

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  3. Also ich habe auch gestaunt als ic hdas mit dem 10kg Sack gelesen habe ! Du bist echt der Hammer !
    Ps . Ich habe gerade 2 Gärten gemäht- ich muss sagen, Gartenarbeit ist nicht immer toll im Sommer 🙂
    Und wenn du schon bei der Gartenarbeit bist- könntest du nicht vorbeikommen ?Ich müsste noch zwei Bäume fällen, du als Klein- Schwarzenecker machst das doch mit links !

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  4. @Marga: Dankeschön! Ja, heute war ich wirklich mit mir und der Welt zufrieden. Läuferisch und auch, was das Ergebnis der Gartenarbeit angeht: Kompost gesiebt und eingearbeitet, Kohl, Porree und Salat gepflanzt und die letzte Platte ins Gewächshaus eingesetzt (ein freundlicher Mensch – ich weiß nicht wer – hatte sie offenbar in seinem Garten gefunden und zurückgebracht). – Und auch wenn du morgen nicht laufen kannst – du wirst wieder rechtzeitig fit, bestimmt!

    @Margitta: Das mit dem laaaangsamen Laufen ist tatsächlich Übungssache, denke ich. Es kostet wirklich Konzentration sich zu bremsen und fühlt sich auch erst einmal „komisch“ und nicht flüssig an. Aber ich übe … und zu wissen, dass das ein potenzieller PC an der Ostsee sitzt, ist SEHR beruhigend.

    In ca. 3 Wochen ist übrigens der erste Salat so weit … und Spinat und Radieschen hoffentlich auch … 😉

    @Martin: Ich habe unterwegs oft genug geflucht! 10 kg können auf Dauer ganz schön schwer werden. 8) Was soll ich machen ohne Auto? Ich mag nicht für jeden Kleinkram Bekannte fragen …

    Mein Rücken hat die Aktion sehr gut verkraftet, aber heute noch Bäume fällen – och neee, das muss nicht sein! 😉 Viel Erfolg dir dabei!

    LG,
    Anne

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  5. Dein Küchenfenster lag doch hoffentlich in der Sonne – „echte“ 30 Grad in Trier würden mich jetzt glatt etwas fassungslos machen! 😉

    So „Laufärmel“ gibt es übrigens von Toni Mara – die sind super. Ich hatte zunächst meine „Radärmel“ probiert, aber die sind zu warm und rutschen auch furchtbar rum (was sie beim radln nicht tun – komisch).

    Ich hoffe, du bist mit dem Garten gut weitergekommen – ich bin schrecklich im Rückstand und das Unkraut wuchert… war aber heute trotzdem lieber radlfahren. Mal sehen, vielleicht rücke ich dem Kram morgen mal zu Leibe.

    Gute Nacht und schönes Restwochenende!
    Giegi

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    • Keine Sorge, das Thermometer hängt am Ostfenster in der Vormittagssonne! 😉 Guter Tipp mit den ThoniMara-Ärmeln … sowas braucht man glaube ich zwar selten, aber dann sind die Dinger bestimmt angenehm. Ich mag nämlich keine hochgeschobenen Langarmshirt-Ärmel …
      Wünsche auch dir ein schönes und gärtnerisch erfolgreiches Wochenende! Ich hab gestern Kohl und Salat gepflanzt, heute sind endlich die Kartoffeln dran!

      LG,
      Anne

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  6. Vielleicht keine schlechte Idee mit den Armlingen. Die gibt es ja inzwischen auch zu kaufen (was es nicht alles gibt, gell?).

    Ich laufe lieber etwas fröstelnd los als dann zu warm angezogen zu sein.

    Gestern war es hier auch herrlich und warm. Ich war froh, um 11 Uhr mit dem Laufen „durch“ gewesen zu sein, denn danach wäre es mir schon fast zu warm gewesen. Ich musste an meine Vereinskollegen in HH denken. Einer hat über 5 Stunden gebraucht und hat bestimmt entsprechend geschwitzt.

    Die Gartenarbeit danach dann sozusagen als Ausgleich!? Das geht bestimmt mehr auf die Knie als das Laufen. Ich kann mir gut vorstellen, wie du dich schon auf deine erste Ernte (was immer es auch sein mag) freust.

    Wünsche dir eine gute neue Woche, liebe Anne.

    Sabine

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  7. Das ist ja ein Ding – du warst am Samstag auch in Igel! Irgendwie mußt du aber nach mir an der Eisenbahnbrücke vorbei gekommen sein, halb 9?
    War aber auch ein Traummorgen, genau das richtige Wetter für einen genußvollen Langen. Respekt, daß du dich dann anschließend noch so intensiv um deinen Garten gekümmert hast.
    lG
    Ralph

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  8. @Sabine: Mir geht es wie dir – lieber frieren als zerlaufen in der Wärme! Gestern mittag hätte ich nicht laufen mögen, vor allem keinen Wettkampf. Dann doch lieber morgens unterwegs!
    Auf die Knie ging die Gartenarbeit weniger, eher auf den Rücken (Boden bearbeiten, Kartoffeln und Kohl pflanzen). Die erste Ernte wird wohl Salat aus dem Frühbeet sein, der braucht aber noch 2 Wchen, schätze ich! – Auch dir eine schöne Woche, liebe Sabine! 🙂

    @Ralph: Unglaublich – wir haben uns wahrscheinlich gerade so verpasst, ich war gegen kurz vor halb 9 dort!
    Das Schöne ist, dass mir 18 km inzwischen gar nicht mehr so schwer fallen, wenn ich sie so entspannt gelaufen bin. Früher bin ich nach so einer Distanz apathisch auf das Sofa gesunken. Heute setze ich mich hin, trinke, was, esse eine Kleinigkeit, dusche – und weiter geht es im Programm! Sag noch einer, Trainieren lohne sich nicht! 8)

    LG,
    Anne

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