Karnickelsand

4 Tage Familienbesuch und Blogpause, darum heute einmal Laufberichte im Doppelpack. Denn 4 Tage ohne Internet lassen sich gut aushalten, aber 4 Tage ohne Laufen – das wäre schon schwieriger!

8.4.10: Karnickelsand die Erste

7 ½ Stunden in Bahn und Bus, da tut eine muntere Abendrunde gut! Die frühlingshafte Witterung der letzten Tage ist hier im Norden trübem Grau und einstelligen Temperaturen gewichen. Ergo müssen Langarmshirt und Dreivierteltight herhalten, dazu die Beinlinge zum Wärmen wie auch zum Schutz der noch immer regenerationsbedürftigen Wade.

Um dieser etwas Gutes zu tun, bevorzuge ich auch heute Naturpfade. Die Vegetation hier am Südrand der Lüneburger Heide lässt den Frühling kaum erahnen. Während daheim grüne Büsche und Butterblumen die Jahreszeit anzeigen, ist hier noch fast alles graubraun.

Erste Frühlingszeichen in der Heide

Immerhin sind die Landwirte mittlerweile dabei, die Äcker für die Aussaat vorzubereiten. Güllegeruch liegt in der Luft, Mist wird verladen, Traktoren brummen über die weiten Ackerflächen. Von wegen „Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt“ – diese Zeiten sind vorbei, die modernen Zugmaschinen haben LKW-Größe und Motoren mit 3-stelligen PS-Werten. Um die tonnenschweren mehrscharigen Pflüge und die daran hängenden Eggen durch die Scholle zu bewegen, bedürfte es wohl tatsächlich einer ganzen Herde von Kaltblütern.

Vorbei an den Äckern und den Fischteichen führt der Weg, immer entlang der Grenze zum Truppenübungsplatz. Ich passiere eine Gruppe aus zwei Spaziergängern und einer älteren Motorrollstuhlfahrerin, die ihre drei Hunde zu sich rufen, als sie meiner gewahr werden – die einzigen anderen Lebewesen, die ich heute in der spröden Landschaft antreffen werde (von zwei erschrocken abspringenden Rehen einmal abgesehen).

Fischteich

Am Querweg entscheide ich mich, nicht Richtung Dorf zu laufen, sondern den Weg durch den Wald, vorbei an den Moorwiesen und am Erlenbruch zu nehmen und den Ort anzusteuern, in dem meine alte Grundschule steht.

Am Erlenbruch

Und von dort aus probiere ich einen neuen Weg. Über verbotenes Terrain – ich kann’s nicht lassen! Der Sandweg sieht einfach so einladend aus, wie er da in den Wald hinein führt. Eine schöne Alternative zur Landstraße! Das Schild „Militärischer Sicherheitsbereich“ und das bedrohliche Geschwurbel, das etwas kleiner gedruckt darunter steht, habe ich schon als Kind zu ignorieren gelernt. Wer in dieser Gegend aufwächst, hofft erstens (meist zu Recht) darauf, nicht erwischt zu werden und vertraut zweitens – für den Fall, dass doch mal eine Streife vorbei kommt – auf „Beziehungen“, dank derer das Delikt nicht weiter verfolgt wird. Und drittens weiß er, wann Übungen stattfinden und es daher wirklich nicht opportun ist, sich in der betreffenden Gegend herumzutreiben.

Verbotenes Terrain

Heute Abend sind jedenfalls keine Übungen und auch keine Patroullien zu befürchten, so dass ich die Strecke durch die Moorlandschaft uneingeschränkt genießen kann. Wären nicht die durch den langen Winter geschädigten Wege gerade erst frisch aufgefüllt worden. Tiefer, feiner Karnickelsand zwingt mich, die Füße höher zu heben. Auch wenn das Kraft kostet – Laune macht es trotzdem und ich bedauere sehr, dass der Weg schon nach knapp 2 Kilometern in die alte Panzerstraße einmündet.

Karnickelsand

Nach ein paar Schritten kann ich aber wieder zurück in die Felder, über einen unebenen Wiesenweg Richtung Bundesstraße hoppeln, diese kreuzen und auf einem weiteren Wiesenweg noch mal einige hundert zügige Meter durchziehen, bevor ich am ehemaligen Bahnhofsgelände austrudeln lasse. Der Auslaufschlenker führt ins Dorf und mit einem Gegenwind-Kilometer an der Straße zurück durch das Hofwäldchen. An den Kartoffellagern treffe ich meinen Bruder, der eine Lieferung für den morgigen Tag zusammenstellt, und stoppe für einen Willkommens-Plausch mit ihm die Uhr nach 10.050 m in 59:13 Minuten.

10.4.10: Karnickelsand die Zweite

Den sonnigen Samstag will ich für eine etwas längere Tour nutzen. Mit Begleitung heute, wenigstens auf den ersten Kilometern. Meine 14-jährige Nichte hat in den vergangenen Monaten das Laufen entdeckt. Und sie hat große Fortschritte gemacht! Hatte sie bei einem kleinen gemeinsamen Läufchen im vergangenen Mai noch große Probleme, ein Tempo zu finden, das sie gleichmäßig und ohne Gehpausen durchlaufen kann, gelingt ihr das nun problemlos. Ich lasse sie unsere Geschwindigkeit vorgeben. In einen flotten Schnitt von 6:00-6:10 – fast schon zu schnell für mich, zumindest für den geplanten längeren Lauf – drehen wir eine 4 km-Runde bis ins Nachbardorf und mit einem Schlenker zurück zum Hof.

Altes Backhaus am Hofteich

Für mich sollen noch einige weitere, etwas ruhigere Kilometer durch Sand, Moor, Wald und Feld folgen. Wieder auf den Wegen, die mir zwei Tage vorher so gut gefallen haben. Heute aber unter blauem Himmel und in der Sonne, auch wenn der Wind nach wie vor recht frisch ist.

Durch die Heide

Und wieder habe ich die Wege fast für mich allein. Zügiger als geplant laufe ich einen Teil der Runde gleich ein zweites Mal, weil’s so schön ist. Weil das schwarze Wasser in den Moorkuhlen so in der Sonne glitzert und einen tollen Kontrast zum hellgrünen Moos ergibt. Weil die dunkelgrünen Kiefern und ihre rötlichbraunen Stämme gegen den blauen Himmel leuchten. Weil die Luft klar und frisch und der Gegenwind herausfordernd ist. Weil die Gegend immer noch ein Stück Heimat für mich bedeutet.

Gern hätte es noch weiter sein dürfen. Aber ich will meine immer noch etwas muffelige Wade nicht über Gebühr strapazieren. Also belasse ich es bei 15.110 heimatlichen Metern in 1:34:28 Stunden.

Hänsel und Gretel - aufgepasst!

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13 Gedanken zu “Karnickelsand

  1. Wunderschöne Bilder, allerdings auf einem richtigen Truppenübungsplatz würde ich nicht laufen oder radeln denn ich wäre mir da nicht sicher ob man da nicht doch erwischt werden kann. Bei mir in der Nähe gibt es allerdings einen ehemaligen heute frei zugänglichen Truppenübungsplatz der heute Naturschutzgebiet ist. Auf den Betonpisten für die Panzer kann man heute wunderschön mit dem Rad rasen.
    Das „Hexenhaus“ ist schnuckelig, ob da früher tatsächlich mal Hänsel und Gretel vorbeigekommen sind?

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  2. @Bernd: Ich trau mich auch nur in die Randbereiche des Truppenübungsplatzes, weil ich das Gelände und die Übungsgepflogenheiten der Truppe einigermaßen kenne (bzw. mich vorher informiere) und eine gute Ausrede habe, wenn man mich erwischt. Mitten rein in das Gebiet komme ich leider nur in Begleitung – schade, denn es ist landschaftlich unglaublich schön dort!

    Ob Hänsel und Gretel vorbeikamen? Keine Ahnung! Aus meiner Familiengeschichte ist mir allerdings nichts über Hexenverbrennungen bekannt! 😉

    @Lizzy: Gell, das Backhäuschen ist toll?! Ich war als Kind fasziniert davon und bin es bis heute!

    @Moni: Ja, manchmal kann es richtig schön sein, auf Kindheitspfaden zu wandeln, wie man auch bei dir sehen kann! Gern geschehen! 8)

    LG,
    Anne

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  3. “ Während daheim grüne Büsche und Butterblumen die Jahreszeit anzeigen, ist hier noch fast alles graubraun. “

    Ach ja, liebe Anne, da siehst du mal, wie es uns auch hier ergeht, wenig grün, wenig Blüten, aber ich kann ja bekanntlich warten.

    Natürlich habe ich dich vermisst, wie kannst du nur verreisen, ohne dich abzumelden, ich mache mir Sorgen um dich , und du sitzt in aller Ruhe im Zug und im Bus, tz, tz.

    Nun, da du wieder mit einem Koffer voller Erinnerungen zurück gekommen bist, kann ich dann auch wieder ruhig schlafen !

    Ehrlich – dort sieht es wie bei uns aus – fehlt nur das Meer !

    Lasse es dir gut gehen
    muss es ja
    denn du bist ja gelaufen ! 8)

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  4. Wow, wieder einmal bin ich fasziniert und erstaunt ab den tollen Bildern, und muss auch schmunzeln ob der opportunen Anne, die auf den Spuren ihrer Kindheit läuft und sich in verbotenes Gelände wagt 🙂
    Aber nochmals zurück zu den Bildern.
    Jetzt weiss ich, wie Goethe zu seinem Erlkönig gekommen ist. Der Erlenbruch plus auch die beiden Häuser bieten ja eine ideale Kulisse, um Gedichte und Märchen zu erfinden. Danke für den wunderbaren Einstieg in meinen Tag.

    Marianne

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  5. @Margitta: Oh, tut mir Leid, dass du dir unnötige Sorgen gemacht hast. Beim nächsten Mal melde ich mich offiziell ab, versprochen! 😉 Dann kannst du weiterhin ruhig schlafen! – Den ersten Hauch von Grün hab ich auch dort schon gesehen, es kann nicht mehr lange dauern, nur noch wenige Tage Geduld wirst du brauchen!

    @Marianne: Gern geschehen! Ja, diese alten Häuschen und düsteren Wasserflächen regen auch meine Fantasie an. Anfang Mai werde ich nochmal dort sein, wenn die Zeit reicht, laufe ich dann mal ins Moor und bringe aus dieser fast mystischen Landschaft Bilder mit. Ach ja, an der Mosel und in der Eifel ist es schön, aber in der Heide auch, nur eben auf ganz andere Art!

    LG,
    Anne

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  6. Soso – in der Heide warst du 8) ! Und wieder hast du wunderschöne Bilder mitgebracht. Sieht teilweise wirklich etwas „verwunschen“ aus.
    Schön, daß du auf deinem Lauf am Samstag von deiner Nichte begleitet wurdest. Ist doch immer wieder eine Freude, wenn auch noch Teenager Freude am Sport finden. Das ist heutzutage wirklich keine Selbstverständlichkeit mehr.
    Irgendwo erwähntest du vor deinem Verschwinden, daß du verreisen würdest. Da dachte ich mir so etwas. Aber jetzt freue ich mich auf die wieder regelmäßigen Beiträge hier 🙂
    lG
    Ralph

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  7. @Ralph: Ja, ich hoffe, sie bleibt dabei! Auf jeden Fall macht es ihr seit einigen Monaten richtig Spaß!

    Ja, jetzt steht erst einmal kein Urlaub mehr an, also schreib ich wieder regelmäßig. Muss nur mal sehen, wie es zeitlich hinkommt; ich habe mich mit der Semestervorbereitung total verschätzt und werde viel nacharbeiten müssen. Aber dann fallen die Beiträge eben kürzer aus (was oft gar nichts schaden würde 😉 ). Oder es gibt stattdessen mehr Bilder … 8)

    LG,
    Anne

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  8. Ah, Familienbesuch! Ich dachte, schon du hättest dich „klammheimlich“ in einen Urlaub verzogen…
    Aber das war ja fast wie ein Kurzurlaub, oder?
    Eine tolle Laufstrecke mit lustigem Namen. Dass das Spaß gemacht hat, dort zu laufen, glaube ich dir gerne, Anne.

    Ich liebe es ja immer, woanders zu laufen. Das ist das Salz in der Läufersuppe.

    Dir noch einen angenehmen Tag.

    LG Sabine

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  9. @Sabine: Ein wenig wie Kurzurlaub war es, liebe Sabine! Und wechselnde Laufstrecken sind immer wieder eine schöne Erfahrung – nichtsdestotrotz ist es dann auch wieder entspannend, zum Vertrauten zurückzukehren.

    Auch dir einen schönen Tag, liebe Grüße dazu
    Anne

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  10. Hallo Anne,
    habe heute ein Photo aus diesem Artikel von Dir schön gefunden, getwittert und gleich einen Hinweis auf Deinen Blog hinterlassen. Ist das ok?
    Leider habe ich hier noch keine email-Adresse gefunden, sonst hätte ich mich auf diesem Wege bei Dir gemeldet.
    PS: Fand das Konzept sehr schön: Gedanken, die Dir beim Laufen so kommen zu teilen!

    Liebe Grüße Liv

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    • Hallo Liv,
      schön, dich hier zu lesen! Klar kannst du auf meinen Blog hinweisen, ich freu mich drüber und sag „dankeschön“ für dein Kompliment dazu!

      Liebe Grüße,
      Anne

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