Frollein Langstrumpf

Als ich zum letzten Mal Kniestrümpfe zu kurzen Hosen getragen habe, muss ich 11 oder 12 Jahre alt gewesen sein. Die Kombination sah damals schon furchtbar dämlich aus. Zu entschuldigen ist eine solche modische Todsünde rückblickend nur durch den Hinweis auf die allgemein verbreiteten Geschmacksverirrungen der späten 70er Jahre.

Heute muss eine andere Entschuldigung für diese peinliche Staffage herhalten: Kniestrümpfe sollen gesund sein! Zumindest ganz bestimmt Arten von Kniestrümpfen. Nämlich die mit „Kompression“. Sie sollen die Durchblutung verbessern, den Abtransport von Milchsäure und anderen unerwünschten Stoffwechselprodukten beschleunigen, Ermüdung reduzieren, die Regenerationszeit nach langen Läufen verkürzen und noch etliche wunderbare Dinge mehr bewirken. Nur laufen muss die Trägerin vorher noch selbst.

Nun klingt „Kompressionsstrümpfe“ erst einmal noch spießiger als „Kniestrümpfe“. Es klingt außerdem unerfreulich. Nach Sanitätshaus, Venenleiden, Bettlägerigkeit. Aber wenn eine Läuferin über Kompressionsstrümpfe schreibt, meint sie natürlich nicht das klassische „Krankenkassenmodell“ in Beige oder Fleischfarben. Sondern die Sportlervariante. Und die ist naturgemäß optisch etwas schriller. Vom Marktführer CEP gibt es welche in Pink und neuerdings auch in Neongrün – durchaus gewagt, aber gerade deshalb reizvoll.

Weniger reizvoll dagegen die Vorstellung, meine Füße in das enge Kompressionszeugs zu quetschen. Freiheit für die Zehen – sonst mag ich nicht laufen! Also muss eine Alternative her. Und die heißt „Beinlinge“: Strümpfe ohne Fußteil. Über die Wade gezogen, werden sie durch ein etwa 1,5 cm breites Band unter dem Fuß in Position gehalten. Das stört nicht und man kann seine normalen Laufsocken dazu tragen.

Meine „Neuen“ stammen von Skins und sind – weil es sie in quietschbunt noch nicht gibt – in nüchternem Schwarz gehalten. Nichtsdestotrotz scheinen sie mir durch den großen Schriftzug auffällig genug. Hier stellt sich aber auch unmittelbar die Frage nach der Haltbarkeit des Aufdrucks. Ich befürchte, dass sich bereits nach ein paar Wäschen die ersten Buchstaben in Fetzen ablösen werden.

Der Sitz ist beim Probieren angenehm fest, ohne zu spannen oder zu drücken. Bei Weitem nicht so unbequem wie befürchtet. Es folgt der Praxistest. Ein ganz, ganz vorsichtiger Test soll es werden. Eigentlich wollte ich heute noch gar nicht wieder laufen, stattdessen meiner Freiburg-geschädigten rechten Wade noch einen Pausentag zugestehen. Aber wenn das Wetter so schön und die Strümpfe so neu sind … wer kann da schon widerstehen und seine Neugier im Zaum halten?

Die ersten Schritte sind noch holprig und ungelenkt, ich trau mich nicht recht, bin verkrampft, unsicher, will mir schließlich keine richtige Muskelverletzung einfangen. Ganz langsam also los Richtung Tiergartental. Los in die Sonne, die grünenden Wiesen, auf denen erste Butterblumen leuchten. Los in den Wald, in dem es – hurra! – endlich wieder wunderbar nach Blüten duftet. Welche Wohltat nach den Entbehrungen der Wintermonate, in denen der Nase ja so gut wie nichts geboten wird, höchstens mal ein miefender Spaziergänger oder das Motorsägenbenzin der Waldarbeiter. Dazu der plätschernde Bach, der in der Sonne glitzert, erstes zartes Grün an den Zweigspitzen. Frühling!!!

Nach zwei oder drei Kilometern beginnt die Leichtigkeit des Seins auch in meiner Muskulatur anzukommen. Ob die neuen Strümpfe dazu beigetragen haben, die sich auch während des Laufs sehr gut anfühlen – keine Ahnung, mag ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall wird der Schritt runder und flüssiger. Nur wenn ich zu dynamisch werde, bei leichtem Gefälle zum Beispiel oder beim Beschleunigen in der Ebene, kommt ein höflich-zurückhaltendes Gemurre von rechts unten. Und auch das verstummt mit der Zeit. Mein Haxen ist offensichtlich dankbar, dass ich ihm heute überwiegend weichen, federnden Waldboden anzubieten habe, und bedankt sich mit bravem Stillschweigen.

Etwas warm wird es natürlich unter den langen Strümpfen. Die Waden sind es nicht gewohnt, bei diesen Temperaturen so dick verpackt zu sein. Aber als wirklich störend empfinde ich das nicht. Nur … wie gesagt … die Optik! Sie ist eigentlich die einzige kleinere Hürde, die es zu überwinden gilt. Aber die Dinger sind ja auch nicht für das regelmäßige Training gedacht, sondern nur für die langen Läufe und die Wettkämpfe. Bei ersteren ist mir das Aussehen relativ egal, wenn ich dank der Strümpfe tatsächlich weniger muskuläre Probleme bekomme und schneller regeneriere. Und bei letzteren sehen inzwischen viele Menschen genau so bescheuert aus wie ich – also kommt es darauf nicht an!

Der erste Test ist jedenfalls heute mit „sehr gut“ bestanden – der für die Strümpfe wie auch der für die malade Wade. Teststrecke: 10.600 m. Testzeit: 1:08:18 Stunden.

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10 Gedanken zu “Frollein Langstrumpf

  1. Wähhh – ich glaube, meine Milchsäure kann bleiben, wo sie ist. Von mir aus literweise in den Beinen – bevor ich so Dinger überstreife – und das nichtmal wegen der Optik. Die ist voll Ka**e, klar. Aber das würd‘ mich nicht stören. Aber völlig freiwillig in einengende Textilien quetschen? Never! Wäre auch ein Grund, nie Tauchen zu gehen oder Triathlon zu machen. Schon beim Anblick eines Neoprenanzugs reagiere ich klaustrophobisch – und diese Strümpfchen sehen irgendwie ähnlich aus.

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  2. Seit ich Hans mit diesen (aber viel hässlicheren ) Strümpfen sehen muss habe ich eine gewisse Abneigung gegen sie. In diesem Design sehen sie aber sehr profimäßig aus. Aber im Sommer, in der Hitze?
    Aber ich bin gespannt ob sie dir helfen.

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  3. Oooch, und ich dachte, du rennst in Zukunft in neongrünen Socken ins Ziel.
    Aber wahrscheinlich willst du dich mit diesen unauffälligen Dingern wieder verstecken, damit die nächsten Pille-Palle-Treffen gesichert sind. 😉

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  4. @Lizzy: Ich will (und werde) dich sicher nicht zu den Dingern überreden – bin ja selbst skeptisch. 8) Allerdings hatte ich wirklich nicht das Gefühl eingeengt zu sein. Ich fand den festen Sitz eher angenehm und stützend für die Muskulatur. Naja, ich glaube, jede/r empfindet das unterschiedlich.

    @Martin: Die Dinger wecken erst einmal unschöne Assoziationen von Krankheit, ging mir auch so. Und wenn wir „professionell“ durch „ein wenig angeberisch“ ergänzen könnten, sind wir uns auch bzgl. der Optik meines Modells einig. 😉 Ich hoffe mal, sie helfen wirklich! Wie sie sich in der Hitze bewähren – mal sehen. Sie haben ja gegenüber den Strümpfen mit Fußteil einen großen Vorzug: Wenn sie wirklich stören, kann man sie unterwegs ausziehen!

    @Doris: Ich wollte ja unbedingt grün, aber als Beinlinge gibt es das noch nicht! 😦 Außerdem könnte ich wetten, bald rennen so viele Leute mit diesen schrillen Dingern rum, dass das auch kein Erkennungsmerkmal mehr wäre. Muss ich mir für’s nächste Treffen was Anderes einfallen lassen … 😉

    @Ursula: Gern geschehen! Soweit ich irgendwo aufgeschnappt habe, bringt auch CEP demnächst solche Beinlinge raus, das Design dürfte da etwas dezenter sein (so wie bei deren schwarzen und weißen Strümpfen, die nur ein kleines aufgedrucktes Logo haben).

    LG
    Anne

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  5. Sie werden gehalten wie früher die „Skihosen“. 😉

    Schön, dass du gut mit den „Überziehern“ zurecht kommst. Rein optisch finde ich sie nicht so prickelnd. Da gefallen mir meine schwarzen CEPs besser. Die schneiden auch überhaupt nicht ein und sitzen perfekt. Am Fuß z.B. sind sie überhaupt nicht eng – wie normale Laufsocken. Von wegen Zehenfreiheit.
    Ich bin auch mal gespannt, wieviele Wäschen der Schriftaufzug erträgt. 😉

    Meine werde ich am Samstag auch wieder anziehen, da plane ich nämlich einen längeren Lauf.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Tag. Hier ist es schon wieder ziemlich bewölkt. Geht ja auch wieder auf’s Wochenende zu!

    LG Sabine

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  6. Die Nachricht des Tages lautete ja wohl: Die Wade hält! 🙂 Das freut mich für dich! Und mit den Strumpfsockendingern bin ich mal gespannt, was du im Langzeit-Test herausfindest, so es dir nicht zu warm wird. Ich habe schon verschiedenste Dinge gehört, aber dir würde ich glatt glauben, weil ich dich für eine vernünftige Frau halte, die den Mut hätte, zu sagen, dass es nix bringt 😉

    Wie auch immer – bestrumpft oder nicht – wünsche ich dir, dass sich der Wadlheilprozess schnell fortsetzt und die nächsten Läufe ähnlich flockig-leicht sind! Liebe Grüße, Giegi

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  7. Du endeckt immer wieder neue Sachen – interessant. Glückwunsch zu deiner Neuerwerbung, ich wünsche dir, daß sich deine Erwartungen erfüllen! Und deine Wade hat nicht gezickt – schön 8) .
    Ganz ehrlich: ich sträube mich bisher erfolgreich gegen derartige Materialien. Ich habe auch nicht das Gefühl, daß mir so etwas fehlt.
    lG
    Ralph

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  8. Ach liebe, Anne, ich wünsche dir, dass dir diese eng anliegenden Beinkleider immer Gutes tun werden.

    Einmal habe ich sie ausprobiert, und es war für mich eine Qual, mit diesen Teilen zu laufen, ich fühle mich total beengt und eingesperrt, habe es auch weiter nicht ausprobiert, weil sie mich schlichtweg an den Beinen störten.

    Aber es gibt so viele Anhänger dieser schützenden Beinkleider, dass wohl etwas Wahres dran sein muss, bin gespannt, was du weiterhin berichten wirst.

    Bei den langen und Waden freien Kompressionshosen habe ich es auch als angenehm empfunden, aber Kniestrümpfe in dieser Form liegen mir eher nicht. Bin gespannt über weitere Erfahrungberichte !

    Lass es dir gut gehen ! 8)

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  9. @Sabine: Tja, die Optik … ich finde Kniestrümpfe grundsätzlich hässlich und bin daher nach dem Prinzip verfahren „Wenn schon, dann richtig!“ 8) Und ich will ENDLICH richtigen Frühling!

    @Giegi: Die nächsten Läufe waren ebenfalls recht flockig leicht, mit wie auch ohne diese Dinger. Die Wade braucht trotzdem noch ein wenig, um ganz heil zu werden. Mal sehen, wie es so weitergeht! 😉

    @Ralph: Dankeschön, lieber Ralph! Ich glaube ja, dass man auch ohne Kompressionszeug wunderbar durchs Leben laufen kann. Aber ich bin nun einmal so neugierig, dass ich es einfach mal probieren wollte. Vielleicht komme ich dahin zu sagen: „Nicht mehr ohne“, vielleicht muss ich sie im Sommer einmotten, weil sie zu warm sind, vielleicht bringen sie auch wirklich nichts … ich werde es rausfinden!

    @Margitta: Auch dir ein Dankeschön, liebe Margitta! Wie geschrieben, bei den zwei Läufen bisher störten sie mich gar nicht, im Gegenteil, ich fand die Stützfunktion angenehm. Dagegen gruselt es mich bei der Vorstellung, meinen Oberkörper in so ein Kompressionsteil zu zwängen – und auch bei Hosen bin ich mir nicht sicher, ob mir das behagt. Ich werde auf jeden Fall weiter berichten! 8)

    LG,
    Anne

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