Entwicklungsschritte

Es gibt gelegentlich Momente, in denen mir der Gedanke durch den Kopf schießt, die Menschheit sei dabei sich rückzuentwickeln. Natürlich ein ketzerischer Gedanke. Aber ein sehr nahe liegender. Als ich auf dem kleinen Sträßchen zwischen Zewen und Euren Richtung Trier trabe, ist es mal wieder soweit.

Vor ungefähr einer halben Stunde durfte ich in Igel, einem kleinen Dörfchen an der Obermosel Richtung Luxemburg, die Igeler Säule bestaunen. Ein Grabmal aus dem 3. Jahrhundert nach Christus, aus rotem Sandstein errichtet und bis heute in seiner Kunstfertigkeit ein eindrucksvolles Zeugnis der römischen Hochkultur.

Nun bin ich dagegen mit den Niederungen der deutschen (Un-)Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts konfrontiert. Zu meiner Rechten die Ausläufer des Industrie- und Gewerbegebiets, von dem mich zum Glück ausgedehnte Baumschulenflächen trennen. Was einstmals Acker- und Wiesenlandschaft war, ist gründlich mit Hallen und Parkplätzen zugekleistert. Zu meiner Linken das, was man wohl „wilde Bebauung“ nennt: Mehr oder weniger (meist mehr) verwahrloste Grundstücke, umzäunt mit brüchigem Maschendraht, teils mit Stacheldrahtkrönchen obenauf. Schilder warnen vor bissigen Hunden, drohen mit angeblicher Gefahr für Leib und Leben. Zusammengeflickte Holzhäuser in unterschiedlichen Größen. Verblichene Deutschlandfahnen vor den Fenstern. Angerostete, grünlich bemooste Wohnwagen. Die dazu gehörigen Waldschrate kommen mir auf knatternden alten Mofas entgegen, mit fest zusammengebissenen Zähnen und finsterem Blick unter dem halboffenen Helm hervorlugend.

Im Sommer mag es hier inmitten des vielen Grüns idyllisch sein. Aber an diesem Tag wirkt es – gerade im Kontrast zu dem erst eben erlebten römischen Baudenkmal – einfach nur schäbig und heruntergekommen. Mir ist unbehaglich zu Mute, und die Tatsache, dass das einzige Auto, das mir auf diesem Abschnitt begegnet, einer Polizeistreife gehört, weckt auch nicht eben ein Gefühl von Sicherheit. So bin ich erleichtert, als ich den Ortsrand von Euren erreicht habe und – als harten Kontrast zu dem Bruchbudenviertel von eben – ein gediegenes Neubaugebiet durchquere.

An der Hauptstraße, die von Trier nach Luxemburg führt, lege ich an der Ampel einen Zwangsstopp ein. Der Sonntagmorgen ist die Stunde der Tanktouristen – während Mutti das Mittagessen kocht, fährt Papi über die Grenze, um das Auto für die kommende Woche zu befüllen und die Vorräte an Kaffee, Schnaps und Kippen aufzustocken. Ellenlange Staus im Grenzbereich und an den Tankstellen sind die Folge.

Die Natur hat wieder einmal nur gedämpfte Farben zu bieten. Selbst die Sonne hat sich nach kurzem Hervorlugen zwischen den Wolken wieder zurückgezogen, als könne auch sie das spätwinterliche Elend nicht mit ansehen – dabei ist sie es doch, die daran etwas ändern könnte! Aber sie denkt nicht dran. Und so bleibt die Landschaft zwischen Baumschulen, Gartencentern und Industriegebiet in schmuddelige Graubraungelb-Töne getaucht. Immerhin regnet es entgegen der Vorhersage nicht – seien wir also zufrieden!

Auf einem Feldweg gerate ich in eine Sackgasse, muss umkehren, über ein Stück Acker laufen, am Zaun einer Sportanlage entlang – wo bin ich überhaupt genau? Erst als ich fast über einen kleinen, ehemals weißen Ball stolpere, finde ich die Orientierung wieder: Klar, das Baseballfeld an der Diedenhofener Straße! Um den Sportplatz und die Fußballhalle muss ich noch herum, dann habe ich den Moselleinpfad erreicht und kann die letzten paar Kilometer in Angriff nehmen.

Unter wütendem Gefauche einiger fetter Gänse wird die Halbmarathonmarke passiert. Tempo und Puls sind immer noch in sehr vernünftigem Rahmen, keinerlei Zeichen eines Einbruchs. Hieran merke ich einen echten Entwicklungsschritt in punkto Ausdauer. So gleichmäßig bin ich wohl noch nie einen „Langen“ durchgelaufen. Nur meine linke Wade gibt leichte Unmutsbekundungen von sich, die auf beginnende Krämpfe hinzuweisen scheinen. Getrunken habe ich vor dem Lauf und auch unterwegs. Aber so langsam komme ich offenbar an meine heutige Grenze. Zum Glück ist es nur dieser eine Muskel … egal, ich variiere den Schritt ein wenig, versuche so gut es geht den Unterschenkel zu lockern. Siehe da, es wird wieder besser!

Über die Brücke, beim Bäcker vorbei, der heute sogar noch eine akzeptable Sonntagszeitung zu bieten hat. Bergauf leiste ich mir den Luxus einer Gehpause, um oben angekommen noch die letzten 500 m auszulaufen. Unverkrampft geschafft: 24.160 m in 2:44:27 Stunden.

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6 Gedanken zu “Entwicklungsschritte

  1. „24.160 m in 2:44:27 Stunden“ … für ein Halbmarathon-Training is das jetzt aber fast ein bisschen übertrieben, was?! 😉 Bin ja mal gespannt, was das noch wird mit dir in diesem Jahr! Klingt jedenfalls toll – vor allem das mit dem lockeren Ende!

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  2. Herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Aufbruch in neue Dimensionen 8) ! Auch im Halbmarathontraining darf ruhig mal etwas „Überdistanz“-Training sein – geschadet hat es dir bestimmt nicht.
    Die Umgebung hätte zwar etwas inspirierender sein können, doch momentan überwiegt eben das Grau.
    Jetzt regenerier dich gut, damit du kommendes Wochenende ausgeruht in Freiburg an den sTart gehen kannst!
    lG
    Ralph

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  3. @Giegi: Fühlte sich auch toll an! Die langen Läufe bringe inzwischen richtig Laune … und ich freue mich diebisch, inzwischen Strecken dafür nutzen zu können, auf denen ich wegen der Entfernung früher nur mit dem Rad unterwegs sein konnte. Mal sehen, was das Jahr noch so bringt … 😉

    @Ralph: Dankeschön, lieber Ralph! Die Überdistanz-Runde war in erster Linie für den Kopf gedacht – wenn ich 24 langsam laufen kann, kann ich auch 21 ein bisschen schneller! 8)

    Freiburg ist zum Glück erst am letzten Märzwochenende. Ich glaube, am letzten Wochenende vor dem WK hätte ich mich nicht auf eine so lange Distanz getraut, einfach aus Angst mich „kaputtzulaufen“. Am kommenden Samstag will ich zwar noch einmal lang laufen, aber werde es bei 17-19 km bewenden lassen. Dann Dienstag noch 4×2 im HM-Tempo, Do und Sa ein wenig durch die Gegend „dschoggen“ und dann am Sonntag mal gucken … 🙂

    LG, Anne

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  4. Hihi, ich finde ja immer noch, dass man weite Strecken besser mit’m Rad fährt… 🙂 Umso mehr Respekt habe ich vor deine „lockeren Leistung“ – das ist schon klasse! Ich lehne mich dann mal im Sattel etwas zurück und warte, was da noch kommt bei dir 😉

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  5. “ So gleichmäßig bin ich wohl noch nie einen “Langen” durchgelaufen. “

    Sage ich es doch schon seit einiger Zeit, es geht extrem bergauf, und die Früchte wirst du bald ernten können, wo du doch so gerne säst und erntest, gell ?

    Ach ja, das Jahr wird gut ! 8)

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  6. @Giegi: Tja, das finde ich auch … nur verändert sich mit zunehmender Erfahrung die Bedeutung von „weit“! 😉

    @Margitta: Ja, hoffen wir das Beste! Momentan bin ich ein wenig ungeduldig, weil ich noch nicht so viel schneller geworden bin wie ich gern wäre. Aber als Gärtnerin weiß ich, dass man sprießenden Pflänzchen die Zeit zum Wachsen geben muss – auch wenn es noch so schwer fällt! 8)

    LG,
    Anne

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