Eiskalt verführt

So ein Intervalltraining hat ja immer etwas von einem Besuch beim Zahnarzt: „So, das tut jetzt ein kleines bisschen weh! Aber danach geht es Ihnen bestimmt besser!“. Man fragt sich, ob das wirklich sein muss. Man ist stolz wie Bolle, wenn man sich überwunden, sich nicht feige gedrückt und nicht vor der Praxistüre kehrt gemacht hat. Und wenn man dann die frisch geflickten Beißerchen zum ersten Mal wieder in eine knackige Möhre schlägt und diese problemlos zu einem feinen Brei zermahlen kann, ist aller Schmerz vergessen.

So weit die Theorie. Aber als mir eine Böe bei meinem zweiten 2-Kilometer-Abschnitt im Halbmarathontempo einen kleinen Schubser in den Rücken gibt, beginne ich zu ahnen, dass ich in meinem Läuferinnenleben schon bessere Ideen hatte, als bei Nordostwind Stärke 4-5 Richtung Konz zu laufen. Ich habe mich verführen lassen. Vom strahlenden Sonnenschein, vom blaugrauen, glitzernden Wasser der Mosel, auf dem kleine Schaumkrönchen tanzen, von der kalten, aber klaren und frischen Luft. Vom schönen Anblick der vielen Gänse und des prächtigen Schwans, der auf den Wellen dümpelt – ein so großes Exemplar habe ich noch nie gesehen! Den Wind auf der Adenauerbrücke habe ich am Rande bemerkt, ja, schon, ich fand ihn kräftiger als gestern, auch richtig eisig, aber so schlimm kann der doch nicht sein, oder? War er auch noch nicht, bilde ich mir ein. Aber er ist noch einmal aufgefrischt in den letzten 20 Minuten, der fiese Möpp, der! Eiskalt verführt hat er mich!

Und nun habe ich den Salat! Es gibt es kein Zurück! Ich bin eh schon in Zewen, also kurz vor der Eisenbahnbrücke. Umdrehen lohnt jetzt nicht mehr. Und die Forstarbeiter, die am Radweg mit Baumschneide- und Fällarbeiten beschäftigt sind, wären auch nicht begeistert, wenn ich ihnen schon wieder in die Quere käme. Also weiter. Auch wenn ich eingehen werde wie eine Primel!

Das schnellere Laufen klappt allerdings überraschend gut heute. Kein Vergleich zu dem entsetzlichen Gewürge, das ich vergangene Woche bei der gleichen Trainingseinheit veranstaltet habe (für die Zahlenfans: 3-4 x 2 Kilometer Halbmarathontempo mit je 6 Minuten Trabpause). Ich laufe gleichmäßig und mit deutlich vernünftigeren Pulswerten, bin noch dazu ein wenig schneller als beim letzten Versuch. Aber noch steht mir ja mindestens ein schneller Abschnitt bevor. Und dass der eklig wird, merke ich, als der erste Windstoß mich von vorn erwischt, kaum dass ich die Brücke erreicht habe.

Ja, bisher war das nur Vorgeplänkel. Jetzt wird noch mal richtig gebohrt. Ganz tief. Und ob die Betäubung dafür wohl ausreicht? Auf jeden Fall wühle ich die Handschuhe wieder hervor, die ich auf dem Hinweg im Ausschnitt meines Laufshirts versenkt hatte. Die Pfoten sollen wenigstens halbwegs auf Betriebstemperatur bleiben. Dass mein Gesicht einfriert im eisigen Gegenwind, reicht vollkommen aus. Immerhin: Ich darf wenigstens die Zähne zusammenbeißen!

Noch ein gelb lackierter Poller, noch einer, nicht überziehen jetzt, denk an letzte Woche, du willst dich nicht kaputt laufen! Der Durchlass Richtung Hotel, noch 200 Meter – ufff, geschafft! Nein, es langt! Kein viertes Intervall mehr. Nicht bei diesem Gegenwind. Die Wangen brennen, der Wind schneidet eiskalt, ich ziehe den Buff vor das Gesicht. Einen männlichen Jungspund hindern die Bedingungen nicht daran, wieselflink und mit großartig anzuschauender Beinarbeit an mir vorbeizuschweben. Einfach toll – Menschen, die stilistisch so schön und dann auch noch so schnell laufen können, bewundere ich für ihre Fähigkeit!

An der Unterführung, die zum Hotel Estricher Hof führt, reicht es mir endgültig mit dem Nordostgebläse. Dann laufe ich eben durch die Höhenstadtteile heim statt am Fluss entlang. Der schmale Trampelpfad, der vom Hotelgarten aus steil berauf führt, ist in sehr gutem Zustand. Nur eine kurze Gehpause kurz vor dem „Gipfel“, dann ist das Schlimmste geschafft. Auch hier zieht es noch an einigen Stellen, aber alles in allem sind die letzten knapp vier Kilometer ein wahrer Genuss im Vergleich zu den vier vorher. Feyen Grafschaft – Alt Feyen – Weismark – so lauten die Zwischenstationen. Am Mattheiser Weiher halte ich an einem windgeschützten Plätzchen kurz inne. Zu schön glitzert der See in der Sonne, um ihn unbeachtet zu passieren. Der letzte Kilometer (von insgesamt genau 17.000 m in 1:48:02 Stunden) vergeht nur allzu schnell. Dann hoffe ich mal, dass die Behandlung sich gelohnt hat und ich in Freiburg kraftvoll zubeißen kann.

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6 Gedanken zu “Eiskalt verführt

  1. Wauu, das war ja ein heftiger Lauf. Prima durchgehalten trotz Wind. Beim nächsten Mal klappt auch das 4. IV. Mir steht so eine ähnliche Einheit am Donnerstag bevor. Muss ich doch gleich mal nachsehen womit ich mich quälen darf.
    Übrigens finde ich die Bilder vom nachgeradelten Lauf sehr schön.

    Viele Grüße
    Tati

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  2. Na, so wie Du drauf bist, kann das in Freiburg ja nur gut gehen! Aber rechtzeitig vorher die Füße stillhalten, sonst ist alle Energie vorher verpufft.
    Ich drücke jedenfalls ganz fest die Daumen!
    (auch nicht so viel Torte essen, gell ;-))

    LG Moni

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  3. Liest sich gut, hört sich gut an, alles rund.

    Kein Preis ohne Anstrengung und/oder Pein, das fängt beim Zahnarzt an, geht mit dem Laufen weiter, und du hast wieder einen tollen Tag erwischt, auch wenn der Wind eisig ist und versucht, dich in deinen Bemühungen zu stören, aber nicht mit dir !

    Zahnarzt und Laufen bringe ich auch immer mit meiner Geschichte in Verbindung. Hatte ich früher Bammel vor dem Zahnarzt, bin ich nach meinem ersten 100 Kilometer-Lauf vollkommen locker auf den Stuhl, habe mir gedacht, du hast einen harten Kampf hinter dir, ihn überstanden, dann kannst du das bisschen Zahnarzt locker weg stecken, seitdem liege ich gelassen und freiwillig regelmäßig bei meiner Zahnärztin vollkommen entkrampft auf dem Stuhl und lasse mich behandeln. Ein schönes Gefühl, das ich wiederum dem Laufen zu verdanken habe.

    Und wann ist Freiburg ?

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  4. @Tati: Fein, dass dir dir Fotos gefallen haben! Da bin ich mal gespannt, wie deine „Donnerstagsfolter“ aussieht. Tja, wer weit laufen will, muss manchmal auch leiden! 8)

    @Moni: Dankeschön, liebe Moni! Diese Woche wird noch einmal sehr intensiv mit über 50 km und (wenn alles gut geht) einem Überdistanzlauf am Sa oder So. Aber in den letzten 14 Tagen nehme ich Intensität und Umfang zurück. Letzter langer Lauf ist (wie bei Steffny vorgesehen) 8 Tage vor dem Wettkampf, dann gibt es am Di vorher noch eine Einheit mit HM-Tempo-Intervallen, danach wird nur noch rumgejoggt.

    @Margitta: Schön, dass auch für dich als so erfahrene Läuferin alles gut und rund klingt, das gibt mir noch einmal eine Extraportion Sicherheit. Danke dir, liebe Margitta! 8)

    Freiburg ist am 28.März, d.h. ich habe noch etwa 2 1/2 Wochen … in dieser Woche möchte ich noch einmal sehr gezielt und intensiv trainieren, weil ich in den letzten 14 Tagen vorsichtiger machen muss. Aber ich will natürlich auch jetzt nicht übertreiben, darum habe ich heute sehr bewusst auf Puls und Körpergefühl geachtet, die Zeit war zweitrangig (um so schöner, dass ich auch schnell genug war dabei!).

    Und dass dich nicht einmal mehr der Zahnarzt schrecken kann, nachdem du einen 100 km -Lauf überstanden hast – das sollte unbedingt in den Katalog der positiven Folgen regelmäßigen Laufens aufgenommen werden! 😉

    Liebe Grüße
    Anne

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  5. Das liest sich richtig gemein – eiskalter Gegenwind im dritten Intervall auf dem Rückweg. Es liest sich aber auch nach einem super gelaufenem Intervalltraining 8) ! Das hast du auf jeden Fall besser durchgezogen als ich dann einige Stunden später.
    Freiburg kann kommen! Und bis dahin nichts übertreiben. Bleib gesund!
    lG
    Ralph

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  6. Danke dir, lieber Ralph! Ich werde auf mich aufpassen und mich nicht „in den Keller trainieren“. Bin zuversichtlich, dass mir das gelingen wird! Der Wind war gestern echt fies, heute sogar noch schlimmer – er hat mich auf dem Weg zum Baumarkt auf der Brücke fast vom Rad geweht. Da war ich einfach nur froh, lauffrei zu haben!

    LG,
    Anne

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