Bis zum Ende des Weges

Dass ein Himmel so blau sein kann, so wolkenlos bis auf dieses flaumige rosa Etwas, das über dem Markusberg hängt! Dass die Frühlings- (oder doch noch Winter-) Sonne so gleißend am Himmel stehen kann! Und dass es dazu so elendig widerlich sauschweinemäßig kalt sein kann! Selbst auf der Loggia herrschen noch Minusgrade. Wie kalt es im Freien und speziell an der Mosel ist, wo der Wind mich voll erwischen wird, möchte ich gar nicht wissen.

Aber es gibt Wintertights, es gibt eine Winterjacke, es gibt Fleecemütze, Handschuhe, einen Buff für den Hals und für das Gesicht. Den ganzen Krempel würde man zwar im März am liebsten einmotten, aber dieser März ist eben kein gewöhnlicher. Wenn man in diesem März laufen geht, benötigt man eine Ausrüstung, wie sie fast einer Polarexpedition würdig wäre.

In der Stadt liegt nur noch an wenigen schattigen Stellen ein Rest des Schnees, der in der vorletzten Nacht gefallen war. Rings auf den Höhenzügen strahlt dagegen reinstes Weiß im Kontrast zum blauen Himmel. Auf der Adenauer-Brücke zieht es mächtig, es wird mir klar, woher der Wind weht. Also kann ich mir aussuchen, ob ich die Freude des „Gegen die Böen Anlaufens und Gesicht Tiefgefrierens“ auf dem Hin- oder Rückweg genießen möchte. Dann doch lieber Hinweg – ergo geht es heute einmal nicht Richtung Konz, sondern Richtung Pfalzel. Jegliche Vermummungsverbote ignorierend ziehe ich mir den Buff vor das Gesicht und stemme mich gegen den eisigen Strom von vorn.

Meine Läuferkolleginnen und –kollegen haben es da leichter. Alle scheinen sie in Gegenrichtung zu wetzen, den Wind im Rücken, die Sonne schräg von vorn. Und es sind nicht einmal wenige! An diesem Sonntag gegen 11 Uhr hat sich der Leinpfad in eine Läuferautobahn verwandelt. Erst hinter der letzten Brücke, zwischen Trier und Biewer wird es einsamer. Einige Rennradler ziehen nach rücksichtsvollen Warnrufen an mir vorbei – ich freue mich über das angenehme Miteinander!

Kurz vor Pfalzel beginnt für mich Neuland. Vom Radfahren kenne ich den Weg. Aber laufend bin ich noch nie weiter gekommen als bis zum Ortsrand. Nun aber laufe ich weiter, vorbei an der Schule, durch das Tor der Stadtmauer, ein Stückchen durch den verwinkelten Ortkern und durch das nächste Tor in der Mauer wieder hinaus. Am Boden neben dem Weg Metallschienen, die zum mobilen Hochwasserschutz gehören. Ohne die Stahlwände, die bei Bedarf montiert werden, würde der mittelalterliche Ortskern komplett in den Fluten und im Schlamm versinken.

Der Radweg macht am Ortsausgang einen Knick – ich weiß, wohin er führt und dass es mir dort nicht gefällt. Also laufe ich das Sträßchen geradeaus weiter, wohl wissend, dass es irgendwann im Nichts endet. Bis zum Ende des Weges und zurück – wenn sich nicht ein anderer Weg auftut!

Diesen anderen Weg sehe ich zwar und laufe ihn auch noch ein Stück. Aber er endet an einem Gehöft, und ich müsste quer über das Grundstück laufen, um dahinter vielleicht eine Fortsetzung zu finden. Das ist mir allerdings nicht geheuer – wer weiß, ob die auf so einem einsamen Hof nicht einen frei laufenden Hund haben (oder einen durchgeknallten Besitzer mit Schrotflinte).

Also wende ich nach gut 11 Kilometern. Zurück auf dem gleichen Weg, den ich gekommen bin. Aber das wird mir irgendwann zu zäh, der Autolärm vom gegenüber liegenden Ufer stört mich. Ich war doch so lange nicht mehr im „Falschen Biewertal“, einem engen Seitental der Mosel mit bewaldeten Hängen und Wiesen im Talgrund! Auf der Höhe von Biewer finde ich einen Abzweig, überquere die Brücke über die neue Umgehungsstraße, passiere die Anlagen des örtlichen Kleingartenvereins (dort scheint man die Dinge erheblich lockerer zu sehen als in meiner Kolonie, wenn ich mich so umschaue). Nur ein paar Schritte durch den verbauten, etwas ärmlich wirkenden Ort, dann biege ich ins falsche Biewertal ein.

Der Begriff Tal ist trügerisch, denn sanft, aber stetig geht es bergauf. Hier liegt noch viel Schnee, die Sonne kann nicht alle Flächen erreichen. Auch Xynthia hat sich ausgetobt. Die Waldarbeiter müssen in den vergangenen Tagen fleißig ihre Sägen geschwungen haben, denn es sieht schon wieder halbwegs aufgeräumt aus. Einige riesige Fichten mit 40-60 cm Stammdurchmesser – über Jahrzehnte herangewachsen, binnen Sekunden durch Naturgewalten gefällt. Ein trauriger Anblick.

Der Weg führt Richtung Weißhauswald, ein beliebtes Ziel für Sonntagsausflüge der Trierer Ureinwohner. Wildgehege, Spielplätze, Spazierwege – und hinterher ins „Weißhaus“ zum Essen oder zu Kaffee und Kuchen. Für mich gibt es all das nicht. Ich sehe zu, dass ich mich von dem unruhigen Treiben fernhalte, und steuere direkt den Felsenweg mit den Treppen an, die mich wieder den Berg hinunter an die Mosel führen. Nur einen kurzen Zwischenstopp gönne ich mir am Aussichtspunkt – zu einladend glänzt die Mosel im Sonnenlicht! Aber dann quäle ich mich die paar Treppenstufen hinunter – nein, das mögen meine Waden gar nicht, so tapfer sie mich auch bislang tragen – und bin froh, wieder festes Kopfsteinpflaster unter meinen Füßen zu spüren und nach einem lästigen Ampelstopp den Moselradweg zu erreichen.

Immer noch spielen meine Beine erstaunlich gut mit, bleibt der Puls dort, wo er soll, und wird der Kopf klarer und klarer. Zurück an der Adenauerbrücke, mitten auf der Brücke leuchtet Kilometer 21,1 auf Garminchens Display – tschakka, ein Trainingshalbmarathon! Und noch bin ich ja gar nicht daheim. Wohl wissend, dass der Bäcker in der Saarstraße geöffnet hat, gönne ich mir diesen kleinen Schlenker, um meine Vorräte aufzufüllen. Dann noch durch die Kleingärten. Nein, bergauf muss ich nun wirklich nicht mehr! Nach 23.070 m in 2:35:36 habe ich mir das letzte Stückchen Gehpause verdient.

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16 Gedanken zu “Bis zum Ende des Weges

  1. Nein – wär zwar sehr schön gewesen, aber er stört mich, darum musste er heute daheim bleiben! 8) Ich wusste beim Loslaufen auch nicht, dass ich a) so weit komme und dass es b) so schön wird.

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  2. Nachtrag: 23 km (seh ich jetzt erst – zugegebenermaßen überfliege ich lange Texte momentan eher ;-)) sind ganz schön weit! Fängt der Marathon-Trainingsplan schon an? 😉

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  3. Nein, es machte nur so viel Spaß heute und ging so überraschend gut, da dachte ich, ich kann ja auch mal weiter laufen. Und ein kleiner Überdistanzlauf vor dem HM kann nicht schaden! 8)

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  4. Heute habe ich auf das Laufen verzichtet, war lieber schwimmen, denn das Laufen auf Schnee mag ich einfach nicht. Da freue ich mich dann wenn ich virtuell mitlaufen kann, so wie hier jetzt beim lesen und habe Respekt vor Deiner Leistung. Mal eben so 23 km im Training zu laufen, das ist nicht selbstverständlich. 8)

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  5. Ein sehr intensiver und bilderreicher Bericht (auch ohne Fotos) von einem ganz besonders tapferen und feinen Lauf! Herzlichen Glückwunsch zum persönlichen Längenrekord, Du liebe Laufschnecke! Auf solch eine Ausdauergrundlage lässt sich im Verlauf des Jahres sicherlich noch viel aufbauen.

    Und dass Du diesen laaaangen Lauf auch noch bei so eisigen Bedingungen geschafft hast, macht die Sache gleich nochmal wertvoller. RESPEKT und großes Lob!

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  6. Na das ist ja cool. Da hätten wir gestern auch gemeinsam laufen können. Ich bin zwar erst am Nachmittag zu meinem Lauf gestartet, aber es waren auch 23 km in 2h34 bei eisigem Wind auf dem Hinweg und Rückenwind rückzu.
    Schöne Läufe wünscht
    Tati

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  7. …..ich sach doch….die langen Läufe sind die schönsten Läufe.
    Ich bin mächtig stolz auf dich. Freiburg wird super…versprochen!!!
    Liebe Grüße
    Marga

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  8. Ach ja, liebe FrauWeinbergschnecke, das hast du gut durchgezogen, und ich kann mich nur immer wiederholen: Wenn das so weitergeht………dann lehrst du deiner Konkurrenz das Fürchten, gell ?

    Langer Lauf, Freude am Lauf und dazu noch gut gelaufen, was will die Läuferin mehr ? ❓

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  9. @Bernd: Dankeschön, lieber Bernd! Auch wenn ich mich wiederhole: Nicht mehr lange, dann seid auch ihr den Schnee los und du fühlst dich wieder wohl!

    @Foxi: Auch dir ein liebes Dankeschön für das Lob! Ja, ich hoffe sehr, dass diese Ausdauergrundlage mir noch so einiges ermöglichen wird!

    @Tati: Lustig, da hätten wir wirklich gemeinsam losziehen können. Ich frage mich eh, warum nicht endlich jemand das Beamen erfinden kann! 8)

    @Marga: Recht haste, die Langen sind die schönsten Läufe! Da hoffe ich mal, dass du dein Versprechen einhalten kannst! 😉

    @Margitta: Ach, was kümmert uns die Konkurrenz … 😉 Am wichtigsten ist ja, dass wir Freude am Laufen haben und das Laufen uns hilft und gut tut, gell?

    Liebe Grüße
    Anne

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  10. Das gestrige Bilderbuchwetter war wie geschaffen für einen langen Lauf – solange der Wind von hinten kam 😉 . Hattest du im falschen Biewertal wenigstens etwas Windschutz?
    Toller Bericht von neuen Längenrekord – herzlichen Glückwunsch!
    Jetzt gönne deinen Beinen einen Erholungstag.
    lG
    Ralph

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  11. Ein schöner Lauf war das und danke das wir ein wenig mitlaufen durften … Fotos wären schön, aber ich kann Dich gut verstehen das das Mitschleppen einer Kamera nervig ist. Aber was ich entsezt lesen musste absolut mutig finde ich das Du den Rückweg mit dem himmlischen Rückenwind für einen Teil eingetauscht hast, weil im Wald gibt es keinen Rückenwind, oder? 😉

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  12. @Ralph: Dankeschön für die Glückwünsche – ja, heute ist zumindest läuferisch Ruhetag, nur ein wenig Radeln, am Spätnachmittag ins Schwimmbad und in die Sauna. 8)

    Der Wind kam ja auf dem Hinweg von vorn, da half nur ein ins Gesicht gezogener Buff. Im Falschen Biewertal war es dann ziemlich windstill, aber auch schattig und daher kalt. Und in der Trierer Saarstraße hatte ich dann das eisige Gebläse noch einmal von vorn. Daheim war eine heiße Dusche dringend vonnöten! 😉

    @Julia: Nein, kein Rückenwind im Wald bzw. im Tal. Aber dafür Abwechslung für das Auge und die Beinmuskulatur. Fotos hab ich nachgereicht 😉

    LG,
    Anne

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  13. Lieber spät als nie möchte ich auch noch mein ganz grosses Lob für diesen gelungenen Lauf aussprechen. Ich bewundere deine Entspanntheit beim Laufen. Bei mir wäre spätestens beim Weg, der nicht mehr weiterführen wollte wieder ein genervter Ausbruch fällig gewesen, ich mag es nicht, einfach umzukehren.
    Aber du kommst nach Hause und schreibst einen wunderschönen Laufbericht, so gut beschrieben, dass man grad das Gefühl hat, mitgelaufen zu sein. Dankeschön dafür, es ist immer eine Freude!
    Marianne

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  14. Eine tolle Beschreibung deines Laufes. 23 km – alle Achtung. Ich habe momentan keine Lust auf lange Läufe. Mir reicht der HM am Sonntag völlig. Den muss ich ja dann wohl. 😉

    LG Sabine

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  15. @Marianne: Gern geschehen, liebe Marianne, es war mir ein Vergnügen. Ja, im Moment gibt mir das Laufen so viel, da kann ich solche kleinen Kümmernisse sehr entspannt hinnehmen. Ist aber auch nicht immer so …

    @Sabine: Auch dir ein Dankeschön, liebe Sabine! Wenn dir im Moment die langen Läufe keinen Spaß mehr machen, tut ein wenig Auszeit sicher gut. Den HM wirst du prima über die Runden bringen, bestimmt! Und ganz ehrlich: Niemand kann dich zwingen! Wenn du partout nicht magst, lauf ihn einfach nicht! 8)

    LG,
    Anne

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