Völlig verfroren

Die Strahlen der Nachmittagssonne locken die Tulpen aus meinen Balkonkästen hervor, lassen Schnittlauch, Estragon und Rosen sprießen und glitzern einladend auf dem Wasser der Mosel, die leichtes Hochwasser führt. Schaut man nur aus dem Fenster, möchte man sich am liebsten den dicken Pulli vom Leib reißen, sein schönstes Sommerkleid und die Sandalen aus dem Schrank zerren und fröhlich-beschwingt zu Giovanni oder Francesco in die Eisdiele hüpfen, um sich am ersten Stracciatellaeis des Jahres zu delektieren.

Aber wie leider so oft: Der (Sonnen-)Schein trügt! Und so trotte ich am Ufer der Mosel entlang, bibbere unentspannt im kalten Gegenwind vor mich hin, freue mich, nicht im Kleidchen unterwegs zu sein und kann beim besten Willen nicht verstehen, warum es an einem so wundervollem Tag SO kalt sein muss.

Durchgefroren war ich schon, als ich losgetrabt bin. Der Grund: Übertriebene Sparsamkeit. Mein Arbeitgeber hat beschlossen, in Räumen, die nicht regelmäßig genutzt werden, die Heizung abzustellen. Leider vergisst er manchmal, dass diese Räume gelegentlich doch belegt sind. So auch der, in dem ich heute anderthalb Stunden stillsitzen musste. Immerhin verlangte von mir niemand, meinen untertemperierten Hirnwindungen hochkomplexe Gedanken abzuringen – im Gegensatz zu den armen Schäfchen, die ich dort zu hüten hatte. 13, 14 Grad sind trotzdem unangenehm. Und dabei muss ich fast noch dankbar sein! Als vor drei oder vier Jahren über Weihnachten und Neujahr das Heizsystem komplett heruntergefahren wurde, durften die Damen und Herren aus der Bibliothek ihren Dienst zu Jahresbeginn bei kuscheligen 2-3 Grad (man höre und staune: plus!) im Mantel und mit Schal und Mütze versehen.

Die Fröstelei setzte sich im Büro fort und wird auch nun beim Laufen nicht besser, trotz langer Tight, Winterjacke und Fleecemütze. Sicher ist es nicht der Wind allein. Ich hätte in den vergangenen Nächten auch mehr schlafen sollen … wenn man nur immer so könnte, wie man will. Auf den ersten 5, 6 Kilometern gelingt es mir noch, das Geschlotter zu ignorieren und dem eisigen Wind eine lange Nase zu drehen. Mich zu erfreuen daran, dass die Sonne immer mehr Menschen nach draußen treibt. Den nordafrikanisch aussehenden Jugendlichen zum Beispiel, der mit seinem Basketball Würfe gegen eine Plakatwand übt und sich freut, als ich ihn anlächele und mit dem Daumen das „Top!“-Zeichen mache. Oder das alte Ehepaar, beide nicht mehr so ganz sicher auf den Beinen, aber unverzagt spazierend unterwegs, dick eingemummelt gegen die Kälte.

Nach der Brückenüberquerung sollte der Rückweg nun eigentlich angenehm sein, mit einem Wind im Rücken, der mich schiebt, und einer Sonne von vorn, die mein Gesicht wärmt. Aber irgendwie … nein, ich friere weiterhin schauerlich. Und ich fühle mich angestrengt, so ganz haben mir meine Haxen die Nummer vom Dienstag offenbar nicht verziehen. Den Schlenker an der Staustufe vorbei mag ich daher nicht mehr laufen. Aber die „Kiewelsberg-Besteigung“ und eine Extra-Runde um den Block zum Abschluss von Kilometer 11 – das muss natürlich noch sein. 11.070 m in 1:11:57 Stunden. Genug für heute, bevor es ins Warme geht!

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6 Gedanken zu “Völlig verfroren

  1. Wieder so ein feiner Lauf, bei dem (genauer: bei dessen Bericht) einem warm ums Herz wird. Nein, ich hätte nicht mir Dir tauschen mögen – der Weg zur Arbeit war auf dem Fahrrad ebenfalls überraschend kalt.

    Dankeschön für die Mühe, unterwegs ein paar Eindrücke zu sammeln, diese zu bündeln und abends noch aufzuschreiben. So können alle geneigten Leser und Mit-gen-Freiburg-Fiebernden sehen, wie gut Du unterwegs warst. Glückwunsch!

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  2. ….“freue mich, nicht im Kleidchen unterwegs zu sein…“

    **************

    Öhm – bist Du das denn normalerweise? Beim Laufen? Gewagt 😉

    Ich sitze hier in eine Wolldecke gewickelt mit einem Kaffee und bibbere in Gedanken ein bißchen mit Dir – ich bin seit Tagen auch wieder auf Dauerfrostbetrieb eingestellt und habe dauernd kalte Hände und ’ne kalte Nase….naja, man will ja nicht sooo sehr meckern solange die Sonne so nett scheint. Aber dennoch. Kalt. Bäh!

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  3. Ich verstehe das Wetter auch nicht. Es war doch schon so schön frühlingshaft…
    Heute morgen waren hier – 2 Grad! Morgen werde ich also wieder die Handschuhe zum Laufen anziehen müssen.

    Dein Lauf klingt aber sehr nett. Und bei Sonne sieht sowieso vieles anders (besser) aus. 😉

    Komm‘ gut ins Wochenende, liebe Anne.

    LG Sabine

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  4. Ach, liebe FrauWeinbergschnecke, das ist ja so ziemlich der Hammer, im Büro frieren müssen, was sind das für Unmenschen, dann noch auf der Strecke, nee, das hast du sicherlich nicht verdient – gute Voraussetzungen, krank zu werden, ich hoffe, du bleibst von allem verschont, eine warme Dusche, ein warmer Tee und warme Socken bringen dich wieder dorthin, wo du temperaturmäßig am liebsten bist. 8)

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  5. Ungeheizte Räume bei einem öffentlichen Arbeitgeber gehen eigentlich garnicht! Ich drücke die Daumen, daß du die Stunden im „Kühlschrank“ gut überstanden hast.
    Draußen ist die Lage zur Zeit wirklich trügerisch. Beim Blick aus dem Fenster denkt man an Frühling – aber wehe man geht raus. Dann beginnt das große Bibbern. Doch die Sonne hat offensichtlich deine Stimmung gehoben und auch die der anderen Passanten. Schöner Bericht von einem (Vor-)Frühlingslauf 8) – vielen Dank!
    lG
    Ralph

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  6. @Peter: Naja, so ganz zufrieden war ich mit em Lauf nicht, weil ich auf dem Rückweg so eingebrochen bin. Aber das hatte Gründe, die ich kenne … es wird wieder besser, da bin ich sicher!

    @FrolleinHolle: Nein, zumindest laufend verzichte ich auf Röckchen und Kleidchen. Wer’s mag … aber die verfügbaren Modelle sehen mir allesamt zu albern aus. 😉

    @Sabine: Ja, die Morgenrunde habe ich auch mit Handschuhen und Winterausrüstung absolviert, 3 cm Neuschnee, eisiger Wind, bääääh! Es sah zauberhaft aus mit den bepuderten Zweigen. Trotzdem reicht es mir jetzt!

    @Margitta: Nein, die Kälte habe ich wirklich nicht verdient. Zum Glück konnte ich mich hinterher mit Wärmflasche und Wolldecke und Tee wieder auf Wohlfühltemperatur bringen! 8)

    @Ralph: Ungeheizte Räume sind noch die harmloseste Sparmaßnahme! Ich sage nur: geh nicht ohne eigene Rolle auf gewisse Örtlichkeiten …. naja, der Fairness halber muss ich hinzufügen, dass massive Beschwerden hier doch für eine Lockerung der Sparbeschlüsse gesorgt haben. 😉
    Gern geschehen, lieber Ralph!

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