Blöde Ziege

Die Sonne strahlt schon recht kräftig zwischen den Wolken hervor, doch eine „s-teife Brise“ macht es im Freien richtig unangenehm kühl. Mit Jacke ist es zu warm, ohne eindeutig zu kalt. Also werden die Tempokilometer im Wald oben auf dem Petrisberg abgespult. So der Plan. Das rotweiße Flatterband, auf das ich nach meinen 2,5 lockeren Einlauf-Kilometern stoße, verheißt nichts Gutes. Na klar! „Windbruch – alles abgesperrt, da darf keiner rein!“, warnt mich ein Spaziergänger, der ebenfalls unverrichteter Dinge des Wegs zieht.

„Blöde Ziege!“ – mehr fällt mir nicht ein! Hätte Xynthia sich nicht irgendwo auf dem offenen Meer austoben können, statt hier halbe Wälder in Trümmer zu legen? Was nun? Fakt ist: Ich bin auf dem Berg. Ich wollte eigentlich ein paar flotte Kilometer auf welligem, aber nicht ernsthaft hügeligem Terrain absolvieren. Mir geht es irgendwie nicht wirklich gut, ich bin unlustig und schon beim Aufwärmen zu hochpulsig. Keine schweren Beine vom Wochenende, sondern einfach insgesamt schlapp. Zuwenig Schlaf, außerdem zu wenig gegessen und getrunken – selbst schuld. Ergo kommt eine Kreuz-und-Quer-Tempotour durch die steilen Anstiege und Gefällstrecken der Weinberge nicht in Frage.

Die einzige mir einfallende Alternative: Der Panoramaweg auf dem Bergrücken. Der Vorteil: Flach – das denke ich bis zu diesem Zeitpunkt noch. Der Nachteil: Er ist so kurz, dass ich wie eine Wutz an ihrem Gatterzaun auf und ab rennen muss, um meine drei mal zwei Kilometer mit Trabpausen vollzukriegen. Dreimal hin, dreimal zurück. Blöd! Aber was soll ich machen? Also los!

Doch, der Weg ist flach. Topfeben. Wird mir hinterher auch Garminchen bestätigen. Aber er ist zu kurz. Um etwa 200 m zu kurz. Und diese 200 m geht es abwärts. 10 Höhenmeter sind ja wirklich nicht viel. Aber 10 Höhenmeter auf 200 Meter sind bei einem Tempolauf eklig. Nicht auf dem „Hinweg“. Aber auf dem Rückweg der Pendelstrecke. Da muss ich jetzt durch! Und heute wird nicht gemogelt, heute betrüge ich mich nicht selbst, indem ich es mir leichter mache. Im letzten Intervall säuselt zwar ein garstiges Stimmchen in mir, ich könnte doch einfach weiter bergab laufen, dann sei ich doch viel schneller in der Stadt und könnte im Flachen auslaufen.

Aber nein, das fangen wir gar nicht erst an. Ich ziehe auch den letzten Kilometer brav durch, bleibe in der Zeitvorgabe (über den Puls reden wir ein anderes Mal) und lasse dann bergab austrudeln. Jetzt wirklich kräftig bergab, der Retzgrubenweg ist ziemlich steil und in entgegengesetzter Richtung absolviert ein wunderbares Berglauf-Training. Ein Stück am Bach entlang, an der Kelter in Olewig kurz die Schuhe richten, schnell noch im Garten vorbeischauen.

„Blöde Ziege!“ – mehr fällt mir nicht ein! Xynthia hat mein Gewächshaus in Trümmer gelegt. Der Alurahmen steht zwar noch gerade und fest, und auch das Fundament hat gehalten. Im Gegensatz zu den Stahlklammern, mit denen die Dach- und Wandteile befestigt waren. Fluchend und unter den sensationslüsternen Augen und den Kommentaren einiger Mit-Gärtner darf ich die weit fortgewehten Hohlkammerplatten aus sämtlichen Nachbarsgärten zusammenklauben. Eine finde ich auf die Schnelle nicht. Wer weiß, wohin es sie gepustet hat (hoffentlich nicht bis zum Bach, dann ist sie nämlich futsch)! Weil ich doch arg verschwitzt bin und nun zu frieren anfange, gebe ich die Suche auf und verschwinde zügig unter der Dusche nach 12.690 m in 1:23:00 Stunden.

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10 Gedanken zu “Blöde Ziege

  1. Blöde Ziege ist ja noch nett, ich hätte da wohl einen ganz anderen Grundwortschatz angewandt beim Anblick des zerlegten Gartenhäuschens. So ein elender Mist. Ich glaub, auf diesem Gartenhaus ist wirklich ein Fluch 😦
    Liebe Grüsse, Marianne

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  2. Ja, Xynthia hat ganz schön gewütet. Auch hier. Wir sind gestern im Wald quasi „Military“ gelaufen. 😉

    Mindestens 5 dicke Bäume mit allen Ästen mussten überquert werden und das Laufen war stellenweise ein Springen. Und das war gar nicht mal unanstrengend. So war es wohl auch bei dir – zumindest liest es sich so.

    Um dein Gewächshaus tut es mir leid. Konntest du noch etwas retten?

    LG Sabine

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  3. @Frollein Holle: Ja, Spaß ist anders – aber so konnte ich mich wenigstens dran gewöhnen, von verständnislosen Leuten kopfschüttelnd begafft zu werden! Ist ja schließlich in knapp 4 Wochen beim Freiburg-HM auch nicht anders … 😉 Nichtsdestotrotz: Das gebe ich mir nicht noch einmal!

    @Marianne: Zum Fluchen war ich viel zu kaputt (wegen des Laufs vorher) und zu verdattert … der Frust kommt eigentlich heute erst so richtig durch! 😦

    @Sabine: Bei mir lag das mit der Anstrengung eher am Tempo. In den Wald habe ich mich nicht getraut. Wenn da eine Absperrung ist, wird das seinen Grund haben, dachte ich … Die Platten sind ja heil geblieben, die Klammern zum Befestigen sind noch da, sodass ich es wohl hinkriege, notfalls muss ich eine Platte beim Hersteller nachbestellen oder irgendwie anderweitig ersetzen. Ein Problem ist allerdings, dass ich nicht sehen kann, welche Seite der Platten UV abweist und nach außen, welche dagegen nach innen zeigen muss … keine Ahnung, wie ich das hinkriegen soll! 😦

    LG,
    Anne

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  4. Oh weh – das Gewächshaus wurde ein Opfer von Xynthia 😦 ! Ich drücke dir die Daumen, daß du den Schaden wirklich reparieren kannst.
    Und „blöde Ziege“ ist auch mir noch etwas zu mild. Beim Lesen deiner Zeilen fiel mir spontan diese Passage aus Schillers Glocken ein (in Bezug auf Xynthia!):

    „… Da werden Weiber zu Hyänen
    Und treiben mit Entsetzen Scherz:
    Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
    Zerreißen sie des Feindes Herz.
    Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
    Sich alle Bande frommer Scheu …“

    Toll, wie du trotz der gesperrten Strecke dann doch noch deine Tempoeinheit durchgezogen hast und dabei erfolgreich der Versuchung der Abkürzung widerstandest.

    lG
    Ralph

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  5. Ach wie ärscherlisch !

    Das schöne Gartenhäuschen, das du im letzten Jahr hast aufbauen lassen, ist zerstört, da würde ich auch stinkig werden, aber immer noch besser Material-Schäden, als dass du Schaden in irgendeiner Form genommen hättest.

    Was der Sturm alles anrichten kann, ist grausig, das macht mir Angst, und die Idee, sich über dem Meer auszutoben, finde ich auch nicht sooooooooo gut, dann aber über einem anderen als über unserem, gell ? 😉

    Und was war mit deinem Puls ? ❓

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  6. @Ralph: Oh, ein Hauch von Bildung weht durch meinen Blog – sehr viel schöner und lieblicher als die Ausläufer von Xynthia! 😉 Die Tempoeinheit hat gestern echt Nerven gekostet, aber ich bin stolz, sie durchgezogen zu haben – dankeschön für deine Anerkennung, lieber Ralph!

    @Margitta: Mit „über dem Meer“ meine ich natürlich „Jott Wee Dee“, damit er dir und den anderen Küstenbewohnern nichts tut – mitten auf dem Atlantik zum Beispiel. 😉 Du hast recht, die Hauptsache ist, dass kein Mensch zu Schaden gekommen ist – Materielles ist ersetzbar!

    Der Puls war im Prinzip schon in Ordnung, gleichmäßig, kräftig und schnell. Aber er war zu hoch für Intervalle im HM-Tempo. Ich musste halt wählen, ob ich nach Geschwindigkeits- oder nach Pulsvorgabe laufe, und habe mich gestern für ersteres entschieden. Ohne nachteilige Folgen, denke ich. Die Beine sind natürlich heute noch etwas müde und beansprucht und dürfen daher nicht laufen (nur zum Lockerwerden nach Hause spazieren). Aber ansonsten geht es mir körperlich prima! 8)

    Liebe Grüße
    Anne

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  7. Gut gemacht, das Training wieder einmal tapfer durchgezogen! Dazu gratuliere ich gerne auch ein zweites Mal … 😉

    Wahrscheinlich werden alle Waldbewohner und -läufer noch einige Zeit mit den Folgen von Xynthia leben müssen und unsere Laufstrecken nach Alternativen absuchen müssen, aber das ist hinnehmbar.

    Über zu hohe oder zu niedrige Pulse würde ich mir weniger Gedanken machen. Selbst gute Läufer lassen mindestens einmal die Woche ihre Uhr zu Hause und laufen nach Gefühl, egal, welches Training vorgesehen ist. Das schadet ganz sicher nicht. Nur Mut!

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  8. @Foxi: Dankeschön, lieber Peter! Tja, die Uhr (oder wenigstens den Pulsgurt) zuhause lassen, das tut sicher hin und wieder gut. Nichtsdestotrotz haben meine Beine eine deutliche Sprache gesprochen – die Einheit war ihnen zu hart und sie lassen mich bis heute die Nachwirkungen spüren.

    @Sabine: Ich hoffe, es geht ohne Fachmann … eigentlich wollte ich mich heut ans Werk machen, aber bei Schnee und Kälte erspare ich mir dieses Elend.

    LG,
    Anne

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