Sturmfest und erdverwachsen

Diese Zeile aus der Nationalhymne meiner norddeutschen Heimat (Vorsicht! Dieser Link kann Ihre Geschmacksnerven überstrapazieren!) geht mir durch den Kopf, als mich die erste Sturmböe packt, kaum dass ich den Schutz der Häuser verlassen habe. Xynthia hat den ganzen Morgen auf das Heftigste gepustet, sich aber inzwischen deutlich beruhigt. Eine gute Gelegenheit, nach dem samstäglichen langen Lauf noch einmal locker die Beine auszuschütteln. Mein Personal Trainer hat noch genug von gestern und übernimmt daher die Fahrradbegleitung – ein völlig neues Laufgefühl, frau kommt sich plötzlich unglaublich wichtig vor.

Wie heftig der Sturm gewesen sein muss, zeigt sich an der kurzen Steigung am Weingut. Je Menge abgerissener Fichtenzweige auf dem Weg, dazu morsches Totholz. Wollen wir wirklich hier entlang? Doch, so schlimm ist der Wind nicht mehr! Mit zügigen Schritten laufe ich die Rampe hoch, brav die Knie hebend und über die verstreut liegenden Hölzchen und Stöckchen hüpfend. Das sieht der PT gern … vermutlich hat er den ganzen Krempel heimlich dort hingelegt, als ich ihn noch schlafend wähnte und in der Küche den Obstsalat für das Frühstück schnippelte! 😉

Zahlreiche Spuren hat der Sturm hinterlassen: Eine dünne alte Birke ist quer über die Straße gefallen und dabei ziemlich zerbröselt, dünne Ästchen liegen überall umher. Ziemlich schlimm hat es die Gärtnerei erwischt, wo etliche Scheiben zu Bruch gegangen sind. Die Straße ist komplett mit Scherben bedeckt. Durch einige dicke Bohlen hat der Gärtner versucht, möglicht viele der noch heil gebliebenen Klappfenster festzuklemmen, damit sie nicht auch noch von einer Böe losgerissen und zerdeppert werden. Als wir zum ersten Mal vorbeikommen, begutachtet er gerade mit trauriger Miene die Schäden.

Wir sind nicht allein im Tal. Noch ein anderer Läufer und eine stockentige Walkerin haben sich hinausgetraut. Sie bleiben allerdings auf dem Sträßchen, genau wie wir. Der Weg durch den Wald ist einfach zu gefährlich. Das wird uns spätestens dann klar, als wir zum zweiten Mal die Steigung am Weingut passieren. Ein lautes Krachen im Baumbestand lässt uns erschrocken zusammenzucken und zeugt davon, dass der Sturm noch genug Kraft besitzt, um gründlich Unheil anzurichten.

Auch die Böen, die uns auf dem zweiten Teil der Runde am Wingert entlang erfassen, sind nicht ohne. Minutenlang bewegen wir uns entspannt voran – und dann, ohne Vorwarnung kommt ein Windstoß von vorn, so heftig, dass es mich fast hinbrezelt! Schaffe ich, will ich trotzdem noch eine dritte kleine Runde? Doch! Die Lauftechnik lässt inzwischen ein wenig zu wünschen übrig in der Steigung, die Beine sind ein wenig schwerer. Aber trotzdem sieht das heute nicht nach Schlappschritt aus, und ich bekomme von meinem PT eine verbale Extra-Streicheleinheit, weil ich das kurze Gefälle vor der Gärtnerei mit so großen Schritten und die Beine sehr schön hebend hinunterwetze.

Auf dem Rückweg fallen die ersten Regentropfen und der Wind frischt auf. Trotzdem – oder gerade deshalb – lege ich noch einmal etwas zu. Im Schutze der Häuser kann ich dann entspannen und austrudeln lassen nach 7.550 m in 49:13 Minuten. Und die anschließende kleine Schwimmeinheit macht nicht nur die Beine wieder locker, sondern auch die Arme und Schultern kommen zu ihrem Recht. Ungewohnt, aber fein! Nur: Sonntagnachmittag im Hallenbad – das ist bloß was für Menschen mit sehr guten Nerven!

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8 Gedanken zu “Sturmfest und erdverwachsen

  1. Toll, dass du laufen konntest. Bei uns war es schlicht unmöglich in den Wald zu gehen. Es gab zwar immer wieder ruhige Momente von 2-3 Minuten in der wir Hoffnung hegten, aber dann gings wieder von vorn los. War einer der heftigsten Stürme an die ich mich erinnern kann.

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  2. Du musst wirklich starke Nerven haben – mich hätte das Gesellschaftsgeplansche vermutlich nervlich mehr strapaziert als durch den zusammenbrechnenden Wald zu rennen 😉

    Aber schön, dass du so für deinen Laufstil gelobt wirst – das ist doch mal richtig gut, wenn man so ein Korrektiv hat! Wobei – mit so einem PT legt man bestimmt das auf, was Margitta kürzlich „Tribünenschritt“ nannte. Wohl dem, der das kann! 🙂

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  3. Also, FrauWeinbergschnecke, die ersten Klänge der Hymne habe ich vernommen, um dann gleich wieder den Knopf zu Ausschalten zu betätigen. Vielen Dank für den Einblick, aber……. na, ja, du warntest uns ja schon.

    So ein PP ist schon etwas Wert, zudem er noch fertisch vom Tag davor wirklich “ niedrige “ Dienste mit dem Fahrrad leisten kann – verzeih`er mir ! 😳

    Das Gefühl kenne ich, ist mir eine solche liebevolle Begleitung mit Essen- und Trinkvorrat bei langen Kanten ebenso vergönnt, auch ermuntern fordernde Blicke des treuen Freundes, seinen eigenen Laufstil ein wenig aufzupolieren.

    Da zeigt es sich mal wieder, dass ein Mensch, der unerwartete Streichel-Einheiten mit auf den Weg bekommt, zu einem Schritt fähig ist, von dem er bisher nur zu träumen wagte. Ach ja, wer braucht es nicht das Lob zur richtigen Zeit beflügelt, das kann man bei dir deutlich erkennen.

    Jetzt stürmt es ein wenig (der Rest kommt zu uns, Gott sei Dank !), auch der Regen lässt uns nicht im Trocknen, darum verzichte ich heute weise…………… 8)

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  4. @Martin: Wir sind hier wirklich mit einem blauen Auge davongekommen. In umliegenden Orten fiel z.T. der Strom aus, fielen Bäume auf Dächer etc. – das war wirklich heftig!

    @Giegi: Mir ist das Geschrei und Gedrängel im Bad ziemlich auf den Senkel gegangen – aber trotzdem war das Schwimmen als Ausgleich fein. Beim nächsten Mal suchen wir einen anderen Zeitpunkt für das Ergänzungstraining aus. 😉 Und du hast recht – unter kritischen Augen gelingt manchmal das, was man allein nie zuwege brächte … 8) !

    @Margitta: Ja, das ist akustische Misshandlung, was Heino da mit uns anstellt! Und der Text erst … 😦

    So eine Fahrradbegleitung hat was … ich glaub, beim nächsten „Langen“ frag ich ihn auch, ob er das Rad nimmt und Getränke mitschleppt ( hallo Peter, nix für ungut 😉 )

    Ich hoffe, dass ihr vom Sturm halbwegs verschont bleibt, denn nach den Schneemassen und dem angekündigten neuen Kälteeinbruch muss nun nicht auch noch Windbruch deine eben erst eisfrei gewordenen Wege versperren. Nichtsdestotrotz: Es ist wirklich weise, heute mal Pause zu machen! Ich tue das auch. Aber morgen … 8)

    Liebe Grüße
    Anne

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  5. Darf ich mal schüchtern fragen, wann du gestern unterwegs warst? Als ich gegen 13:30 Uhr durch Trier fuhr, war ich froh, Blech um mich herum zu haben. Und auch bei uns wäre ich freiwillig nicht in der Nähe von Bäumen gelaufen. Ganz schön mutig von dir! Ich will mir auch gar nicht vorstellen, wie sich das dann auf dem Fahrrad anfühlt – Riesenrespekt für euch beide!
    lG
    Ralph

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  6. Öh – äh – zwischen 13 und 14 Uhr! Ein klein wenig mulmig war mir schon, vor allem als es mitten im Wald ziemlich laut krachte. Und ein bisschen leichtsinnig war es wohl auch. Daher: Kein Respekt, sondern ein mahnendes Kopfschütteln wäre wohl angebracht – obwohl ich die Respektsbekundung natürlich gern entgegennehme! 😉

    LG,
    Anne

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  7. Hier hat der Sturm zum Glück nicht so gewütet. So konnte ich gestern zum ersten mal mit dem Rad unterwegs sein und heute auch problemlos laufen. Ich warte jetzt nur darauf, das endlich die Wege in den Grünanlagen vom Eis befreit sind.
    Schön das Du dennoch einen Lauf genießen konntest.

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  8. Habe dir ja im Forum bereits ein grosses Lob ausgesprochen. Super wie es bei dir läuft. Und das Koppeltraining samt anschliessender Nervenprobe im Hallenbad – da neige ich nur noch mein Haupt in tiefer Ehrfurcht.

    Marianne, die momentan das Hallenbad nur aus dem Kleinkinder-Planschbecken kennt, da gehts noch einigermassen gesittet zu und her, ist aber beim besten Willen nicht mal ansatzmässig mit Sport in Verbindung zu bringen.

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