Dumbo und die Kunst des Selbstbetrugs

Trier, 8 Uhr morgens. Gefühlter Oberschenkelumfang: 80 cm. Gefühlter Wadenumfang: 70 cm. Geschätztes Gewicht: 150 kg pro Haxe. „Guten Morgen, Dumbo!“

Hinaus in den einladenden Nieselregen. Ganz langsam einlaufen, ins Rollen kommen oder besser: ins Schliddern, denn der schmale Pfad am Bach entlang ist rutschig wie Schmierseife. Zu warm ist mir auch. Am Brückchen über den Bach, nach gut drei Kilometern, ziehe ich die Regenjacke aus und stopfe das Langarmshirt, das ich darunter trage, in die Jackentasche.

Kurze Überprüfung aller Körpersysteme: Die Hüfte fühlt sich wieder völlig normal an. Die Schienbeine sind zufrieden. Die Bronchien friedlich. Den Haxen hat das langsame, lockere Einlaufen gut getan. Unbeschwert sind sie immer noch nicht, aber dennoch einsatzbereit. Fertig zum Abheben – wenn man denn bei einem erhofften 5:20er Schnitt auf 3 x 1000 m von „Abheben“ sprechen will.

Um ehrlich zu sein: Ein wenig beschummele ich mich selbst, denn der erste und der zweite Kilometer sind leicht abschüssig, 20 und 16 Höhenmeter abwärts laut SportTracks. Aber wenn Dumbo auf Reisen geschickt wird, sind solche kleinen Tricks erlaubt (finde ich!). Die brauche ich auch, denn leicht fällt es mir heute nicht, die selbst gesetzten Vorgaben einzuhalten.

Vor allem registriere ich, dass sich mein Tempogefühl noch deutlich optimieren lässt. Ich merke zwar immer nach kurzer Zeit selbst, wenn ich zu schnell bin, und nehme dann Tempo raus. Aber das macht die schnellen Läufe natürlich sehr ungleichmäßig. Die langsamen bis mittleren Läufe kann ich dagegen schon sehr gleichmäßig nach Gefühl laufen.

Auf dem letzten schnellen Kilometer geht es aufwärts – Kilometer 2 in umgekehrter Richtung. Und da komme ich heute an meine Grenze. Nach 300 m mag ich nicht mehr, nach 600 m merke ich, dass ich das Tempo nicht mehr halten kann. Aufhören? Nein – schummeln! Nach ungefähr 750 m, an der Gärtnerei mit den blühenden Primeln und Stiefmütterchen, mache ich sozusagen auf dem Absatz kehrt und laufe die letzten Meter wieder leicht hinab. Gemogelt – ich geb’s ja zu! Aber gut für’s Ego, dieser kleine Selbstbetrug, mit dessen Hilfe es mir gelingt, auch den letzten Kilometer in der Zeitvorgabe zu schaffen.

Dafür wird jetzt noch sehr gründlich-schneckig ausgelaufen, vier langsame, ganz lockere Kilometer durch die Einsamkeit des Tals und der Gärten. So schlimm ist das Wetter nun auch nicht, dass jedermann deshalb drinnen bleiben müsste. Aber egal, ich kann allein meinen Gedanken nachhängen – und das ist schön! Nach 10.980 m in 1:14:06 Stunden bekommen Dumbos Haxen eine ausgiebige eiskalte Dusche verpasst – tut das gut!

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14 Gedanken zu “Dumbo und die Kunst des Selbstbetrugs

  1. Oh ja, das mit Dumbo kenn ich nur zu gut 😦
    Ellie-Mammut wird morgen zu ihren Intervallen ansetzen, gleicher Trainingsplan wie du. Leider gibts bei mir nix zu mogeln, im Gegenteil. Die Pisten, die sich dank dem immer noch hartnäckig zurückbleibenden Schnee anbieten, gehen aufwärts. Ausser ich lauf wie ein wildgewordener Hamster 5-6 Mal hin und her. Ist aber auch doof.
    Ich werd an dich denken, gutes Vorbild! Liebe Grüsse, Marianne

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  2. Hallo, liebe Mit-Dumbos! Da kriegen wir ja eine feine Elefantenparade zusammen: http://www.youtube.com/watch?v=GDfHNohl4J8 😉

    @Marianne: Du bist ja erprobte Bergziege, da werden die Aufwärts-km dich sicher nicht schrecken! Ich denk morgen an dich und drück die Daumen, ja?! 8)

    @Marga: Dankeschön! Erst Freiburg wird zeigen, was das Training wert war. Aber ich freu mich im Moment wie eine Schneekönigen über jeden „gelungenen“ Lauf! 🙂

    @Hase: Ganz lieben Gruß zurück! Wie schön, dass auch du wieder so regelmäßig deine Bahnen ziehen kannst! 🙂

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  3. Da Ihr ja mittlerweile genug seid für die Elefanten-Parade muss ich ja nicht auch noch daran teilnehmen, weil ich mit Dumbo eher weniger am Hut habe oder er mit mir, vielleicht mag er mich nicht so sehr – oder er hat es im Laufe der vielen Jahre aufgegeben, mir das Leben schwer zu machen. Das einzige, was mich eventuell an Dumbo erinnern würde, sind meine schweren Icebugs, aber das wird ja bald auch ein Ende haben.

    Wenn man so liest, wie eifrig du in den letzten Tagen Programm durch ziehst, dann ……, aber ich glaube, das sagte ich schon.

    Alles hat gehalten, die Hüfte, die Bronchien, die Schienbeine –

    SAISON DU KANNST KOMMEN

    FRAU WEINBERGSCHNECKE

    ERWARTET DICH

    MIT OFFENEN ARMEN

    JAWOLL ! 8)

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  4. @Margitta: Nein, du gehörst definitiv nicht in die Elefantenparade, weder gefühlt noch tatsächlich … und ich arbeite fleißig daran, es dir gleichzutun. Noc hein paar hoffentlich verletzungsfreie Wochen, dann wird der Freiburg-HM zeigen, ob ich mich nicht nur im Trainingsumfang, sondern auch in meiner Wettkampfzeit steigern kann. 8)

    @Martin: Fliegen – das wäre natürlich der Idealzustand! 😉 Um den zu erreichen, bleiben wir fleißig draußen und spüren den kommenden Frühling!

    lg,
    Anne

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  5. Na, jetzt wo du den Winter gut und tapfer überstanden hast, soll doch nichts mehr schiefgehen! Ich drücke einfach mal mit die Daumen, damit wir dich hier nach Freiburg ein bisschen feiern können. Toi toi toi also für verletzungsfreie, leichte und erfolgreiche Frühlingsläufe! LG Giegi

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  6. Hut ab Anne! Was du da in der letzten Zeit durchziehst verdient wirklich Riesenrespekt 🙂 ! Und ganz ehrlich: das heutige Wetter war nun wirklich nicht motivierend. aber du hast dich durchgebissen, hast gekämpft – und gewonnen. Das ist das, was zählt. Den Erfolg wirst du dann bald einheimsen.
    lG
    Ralph

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  7. @Giegi: Dankeschön, liebe Giegi! Im Moment bin ich vorsichtig optimistisch für Freiburg. Die Frühlingsläufe sollten eigentlich noch leichter werden, aber trotz Süß- und Knabberkram-Verzicht klappt das noch nicht so recht! 😦

    @Ralph: Auch dir vielen Dank, lieber Ralph! Irgendwie traue ich dem Frieden nicht so recht, ich war noch nie so lange verletzungsfrei bei höheren Trainingsumfängen. Aber ***klopfaufHolz*** ich hoffe sehr, dass es jetzt wirklich gut geht und sich in Freiburg auszahlt!

    LG,
    Anne

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  8. Ähm, sag mal, Anne, das kriege ich ja jetzt erst mit…. du wirst in Freiburg laufen? Charly läuft da auch den Marathon, und ich vielleicht den Halben, wenn alles so gut weiterläuft, aber dort sein werde ich auf jeden Fall, ist ja auch nur einen Hasensprung von Colmar entfernt…..
    Mensch, da müssen wir aber unbedingt ein Treffen ausmachen, oder was meinst du? 😀

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  9. *Bauklötzestaun*

    Da erblasst sicherlich nicht nur der Fuchs vor Neid, wenn man und frau so liest, was Du so an Programm abspulst – und vor allem WIE Du das tust! Klasse, wie Du das alles durchgezogen hast und wie schön Du darüber berichtet hast – einfach genial!

    Herzlichen Glückwunsch an die flotte Schnecke, die ihre Tempoeinheit gut vor- und nachbereitet hat. Respekt! Du darfst zurecht stolz auf Dich sein…

    … und beim nächsten Mal ohne Mogeln Vollgas geben! 😉

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  10. @Kerstin: Echt, ihr seid auch da? Fein!!!! Da kriegen wir bestimmt ein Treffen hin, tolle Idee! 🙂

    @Foxi: Dankeschön, lieber Peter! Aber dass du ausgerechnet noch den Finger in die kleine Wunde legen musst, nein, das ist nicht nett … nun gut, ein PT soll ja auch nicht immer nett sein! 8)

    LG,
    Anne

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