Stilfragen und Schweineelche

Gegen 10 Uhr morgens an der Mosel. Es ist ein wenig fies heute. Längst nicht so fies wie im gestrigen Nieselregen. Aber die feuchte Luft reizt meine Bronchien. Gelaufen wird natürlich trotzdem. Die wenigen Schneereste sind so matschig, dass sie keine echte Gefahr mehr darstellen. Eigentlich könnte ich also richtig flott unterwegs sein. Genau das versuche ich seit knapp 3 Kilometern, nachdem ich die Beine vorher ein wenig gelockert hatte. Aber das flotten Laufen strengt heute an. Ziemlich sogar!

Und damit ist die Stunde der Schweineelche gekommen. Einer sitzt auf meiner Schulter und flötet mir süß ins Ohr: „Lass gut sein, Schneckchen!“. Muss ich wirklich 8 Kilometer zügig laufen? Der nächste sitzt auf einer Bank am Wegesrand: „Liebste Schnecke, Eile mit Weile!“. Hmmm, 4 oder 5 Kilometer tun es doch auch. Oder nicht? Oder wie? Der dritte säuselt hinter einem Gebüsch hervor: „Es reicht, Frau Weinbergschnecke!“. Wenn man nun mal „irgendwie nicht in Schwung kommt“ und wenn es schwer geht, dann kann man doch auch mal fünfe gerade sein lassen?! Cool an den Brückenpfeiler gelehnt lümmelt ein weiterer in der Gegend herum: „Ach Schnecke, komm, es ist genug für heute!“

NEIN! Es gibt keinen Grund, die Beine hängen zu lassen. Ich bin gesund, naja, zu 97 Prozent wenigstens, nur ein wenig Rest-Husten, der sich gelegentlich meldet. Ich bin hinreichend ausgeruht. Ich habe nur schlechte Laune und mag das Wetter nicht und will mich drücken.

Aber das gibt es hier und heute nicht! Hat man schon mal gehört, dass ein Wettkampf von 10 auf 6 Kilometer verkürzt wurde, nur weil einer Läuferin an diesem Tag „irgendetwas quer saß“? Oder weil sie schlecht trainiert war, da sie ihre Trainingsläufe immer wieder abgebrochen hat, wenn sie ihr schwer fiel oder lästig waren? Sicher nicht!

Daher: Egal, ob es innere Schweineelche, Schweinehunde oder imaginäre Hutzelweibchen (hallo, liebe Margitta!) sind, die uns von unserem Plan abbringen und uns langsamer als vorgesehen oder auf kürzerem Wege zurück nach Hause lotsen wollen – das kommt überhaupt nicht in die Tüte! Wenn es keinen ernsthaften gesundheitlichen Grund gibt, langsamer oder kürzer zu laufen, werden wir den Verlockungen dieser finsteren Gestalten nicht erliegen!

Wenn ein Lauf aber nun so schwer fällt, jeder Schritt irgendwie zäh ist, dann lohnt es sich, stattdessen etwas Anderes zu probieren. Dieses „Andere“ bahnt sich bei Kilometer 5 seinen Weg aus einer kleinen, abgelegenen, verstaubten Gehirnzelle ins Bewusstsein: Wie sagte doch mein Personal Trainer eher beiläufig, ich glaube, es war anlässlich des gemeinsam durchlittenen Halbmarathons: „Du machst ganz schön große Schritte! Guck doch mal, ob du kürzere, schnellere hinkriegst!“. Bewusst kürzere Schritte, dafür höhere Frequenz. Na gut, dann probieren wir das mal wieder – schlimmer kann es nicht werden!

Verblüffend! Oder, um es mit Mr. Spock zu sagen: „Faszinierend, Captain!“. Eine simple Veränderung des Laufstils führt dazu, dass sich alles auf einmal viel leichter anfühlt! Schweben ist anders. Aber das nähmaschinenartige Stakkato der Schritte – auch wenn es noch ein stotternder, ungleichmäßiger Nähmaschinenmotor ist – macht den Lauf flüssiger, unverkrampfter und sogar wieder einen Tick schneller!

Sehr schön! Diese Erfahrung wird nicht wieder nach hinten ins Läuferhirn verbannt! Die bleibt griffbereit, wird von nun an regelmäßig rausgekramt und als Impuls an die Beine weitergeleitet. Keine Frage, dass ich nun doch noch die letzten 3 flotten Kilometer hinter mich bringe, gepflegt auslaufe und bei frühlingshaftem Sonnenschein und blauweißem Himmel nach 12.200 m in 1:15:00 Stunden den Heimathafen erreiche. Schweineelche, ihr könnt mich mal!

Frühling, Frühling, wird es nun bald!

Advertisements

9 Gedanken zu “Stilfragen und Schweineelche

  1. So langsam gehen mir die Komplimente aus!!!
    Mein lieber Schwan! Sehr gut! Das ist ganz prima!
    Die kurzen Schritte 3km lang, oder nur mal eben zum aufwachen?? Ach, ich wünschte ich könnte…
    Bei uns taut es auch und so wird spätestens am Samstag probiert…Ich bekomm schon Hornhaut am Hintern…ehrlich!
    Liebe hustende Grüße
    Marga
    P.S. was sind das für Blumen??

    Gefällt mir

  2. “ Schweineelche, ihr könnt mich mal! “

    Tz, tz, FrauWeinbergschnecke, sagt man denn so etwas ?

    Ich sehe, du kannst mit dem Getier verschiedenster Art, das dich hin und wieder unvermittelt und unangekündigt überfällt, sehr gut zurecht kommen. Ab und an trifft es jeden, aber aufgeben hingegen, das kann auch jeder oder den Rückzuck antreten – WIR DOCH NICHT NIEMALS NIMMER AUF KEINEN FALL.

    Du hast es geschafft – herzliche Gratulation, und mit den kleineren Schritten (dafür bin ich übrigens bekannt !) geht es doch, dein PP weiß, was richtig ist !

    Und was den Frühling betrifft, sagte ich es schon, bei uns schneit es auf Teufel komm‘ raus – nix mit Frühling, kannst ja mal rumkommen, wenn du es mir nicht glaubst ! Oder du verschiebst es auf März ? 😉

    Gefällt mir

  3. @Marga: Dankeschön, liebe Marga! Die kurzen Schritte habe ich die ganzen 3 km „durchgehalten“. Ich glaube, ich laufe normalerweise recht unökonomisch mit dem längeren Schritt, anders kann ich mir den Effekt nicht erklären. Es kostet viel Konzentration, den Stil zu ändern, aber ich werde bei den nächsten Läufen mal rumprobieren und schauen, ob der positive Effekt sich bestätigt!
    Und du wirst auch bald wieder auf der Piste sein, spätestens am Samstag, jawollja! 🙂 Die Blumen sind Winterlinge, voll aufgeblüht sehen sie so aus: http://www.bruehlmeier.info/Bilder/0121%20Eranthis%20hyemalis%20Winterling.jpg . Ich mag sie sehr, sie sind immer die ersten Frühlingsboten im Garten, noch vor den Schneeglöckchen!

    @Margitta: Nein, wir Frauen geben nicht auf! Eher fallen wir aus unserer Rolle als feine Damen und sagen den Schweineelchen ganz unfreundliche Dinge! 8) Das mit den kleineren Schritten hatte ich auch auf einem langsameren Lauf schon mal probiert und fand es angenehm … nur ist es nicht ganz leicht mit Gewohnheiten zu brechen, auch wenn es schlechte sind! 😉
    Was den Winter angeht: Ich glaube, die beeindruckenden Schneemassen hätte ich gern erlebt, aber da konnte ich hier nicht weg. Und jetzt noch einmal Schnee? Nein, dann lieber auf einen grünen März hoffen! 😉

    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt mir

  4. Wo hast du denn die Blumen entdeckt? Das es so was schon gibt. Das lässt hoffen. Aber haute war ja traumhaftes Frühlingswetter.
    Und ich weiß so ganz nebenbei, dass wir uns morgen an die Mosel wagen können. Du hast schon vorgetestet. Ich hoffe nur, die Schweineelche und sonstiges Getier, das du verscheucht hast, lauern da nicht auf die nächste ahnungslose Läuferin.
    Das mit den kurzen Schritten ist gut. Ich kenne da wen, dem hab ich das auch schon oft erzählt, aber irgendwie ohne Erfolg.
    Bin immer auf der Suche nach vom Takt passenden Musikstücken, das erleichtert die Sache ungemein, vor allem am Ende der Strecke…

    Gefällt mir

  5. Wie schön – die ersten Frühlingsblumen! Jetzt dauert es wirklich nicht mehr lang… also im Westen! Hier, viel weiter östlich, wird es sich noch ziehen, am Wochenende kommt nochmal ordentlich Schnee, aber danke für die Ankündigung der Vorboten 🙂

    Gefällt mir

  6. @PippiL: In Trier-Ost in meinem Kleingarten … die Schneeglöckchen zeigen auch schon zarte Knospen! Es wird tatsächlich Frühling!
    Der Leinpfad ist wirklich gut zu belaufen. Unter manchen Bäumen war noch eine dicke Schicht Schneematsch, aber die dürfte im Lauf des sonnigen Nachmittags weitgehend verschwunden sein. Viel Spaß also morgen – das Viehzeug einfach ignorieren oder in die Mosel befördern! 😉
    Tja, die kurzen Schritte … ich lauf ja praktisch nie zu Musik, also muss ich mir einen anderen Trick einfallen lassen. Aber wie auch immer – wir kriegen das hin! 8)

    @Giegi: Nur noch ein bisschen Geduld … es ist bald auch bei euch soweit. Ganz sicher!

    Gefällt mir

  7. Liebste Frau Schnecke, als ich das mit dem Schweineelch las: „Cool an den Brückenpfeiler gelehnt, lümmelt ein weiterer in der Gegend herum…“ hätte ich mich fast wegggeschmissen. *prust* Herrlich, mit welch wunderschönen Sprachbildern Du die an sich so schwierigen Momente unterwegs so ins Putzige wendest. Da grinst der geneigte Leser bzw. Mitläufer doch von einem Ohr bis zum anderen!

    Und was die kleineren, etwas schnelleren Schritte angeht: da hat Dein PP wahrscheinlich daran gedacht, dass Du dabei Deine Muskulatur ein wenig entlastest. Denn um nach einem längeren Schritt (mit antsprechend langer Bodenkontaktzeit) das Körpergewicht aufzufangen und sich dann neu abzudrücken, ist viel mehr Energie nötig als bei einem kürzeren Schritt mit kürzerer Bodenkontaktzeit. Aber deswegen ist es sicherlich nicht nötig, den Laufstil komplett umzustellen. Nix da! Nur eine von vielen möglichen Variationen im Lauftraining:
    – das Tempo
    – die Streckenlänge
    – das Profil
    – der Laufstil

    Letzterer Punkt wird ja u.a. auch im Lauf-ABC geschult (siehe auch die Erfahrungen mit „Hüpfen hilft“). Alles für die Laufökonomie. Und da wir ja nichts zu verschenken haben (auch keine Energie), gehen wird also sparsam damit um. „Stilfragen“ letztlich Energiesparfragen – wodurch wir letztlich schneller und ausdauernder werden. Nicht erst in Freiburg, sondern schon jetzt spürst Du die Auswirkungen. Eine klare Gewinnerstrategie gegen die Schweineelche!

    Glückwunsch an Dich zu dem gelungenen Lauf, und an die Blogleser zu dem ganz besonders schönen Bericht!

    P.S.: Alle anderen Elche, vor allem die schwedischen, stehen aber unter meinem besonderen Schutz! 😉 😉

    Gefällt mir

  8. Wieder eine tolle Geschichte über den richtigen Umgang mit diesen Tieren 🙂 . So gehört es sich – gut gemacht. Leider warst du ja etwas früh unterwegs. Nachmittags hätte die Sonne den Resten deines Hustens keine Chance gelassen.
    Und das mit den Effekten einer Variation der Schrittlänge kenne ich aus Erfahrung. Ist wirklich manchmal erstaunlich – leider nicht immer einfach umzusetzen. Es gehört eine Menge Konzentration und Disziplin dazu, das durchzuziehen. Glückwunsch, daß du es gestern geschafft hast!
    lG
    Ralph

    Gefällt mir

  9. @Peter: Fein, dass du dir so viel Mühe gemacht hast, hier auch der „Allgemeinheit“ noch einmal zu erklären, was es mit den Stilfragen so auf sich hat – dankeschön! 😉 Zum Dank dafür werde ich die schwedischen Elche schützen! Ich gelobe hiermit feierlich, auf den Genuss von Elchsteaks und Elchbraten fürderhin zu verzichten (es sei denn, es handelt sich um schwedische Schweineelche!) 8)

    @Ralph: Am Nachmittag wäre es wirklich noch schöner gewesen … schade, aber auch so war es noch ein feiner Lauf! Diese Schrittlängenvariationen sind tatsächlich etwas, was man nur mit einiger Konzentration hinbekommt. Interessant zu hören, dass auch dir diese Variation schon gut bekommen ist!

    Liebe Grüße
    Anne

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s