Selbstmedikation

Psychopharmaka sind in der Regel rezeptpflichtig. Wartezeit auf einen Termin beim Psychiater: Mindestens zwei Monate. Und zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Oder fragen Sie besser nicht! Die Lektüre des Beipackzettels veranlasst wohl jeden normalen Menschen, das Medikament erst einmal erschrocken beiseite zu legen und sich das mit der Einnahme noch einmal ganz genau zu überlegen. Und wer sich doch zur Einnahme durchgerungen hat, wird oftmals mehrere Tage, wenn nicht Wochen Geduld brauchen, bis die gewünschte Wirkung eintritt – wenn sie es denn tut.

Was also tun, wenn ein schnell und zuverlässig wirksames, nicht verschreibungspflichtiges und nebenwirkungsarmes Psychopharmakon benötigt wird? Erfahrene Läufer kennen natürlich die Antwort! Läuferleins kleine Hausapotheke hält zahllose Trainingsmittelchen zur Selbstmedikation bereit. Und der Läufer selbst weiß am besten, was ihm in welcher Lebenslage gut tut. Wenn nicht, findet er es durch Probieren heraus! Vielleicht ein LaLaLa zum Entspannen nach einer anstrengenden Woche? Ein fröhliches Fahrtspiel mit vielen Tempowechseln, Steigerungen, Bergauf- und Bergabpassagen zur Unterstützung der guten Laune? Bei Müdigkeit und Erschöpfung soll regeneratives Dahinschnecken wahre Wunder wirken. Ein lockerer Dauerlauf erfrischt für den ganzen Tag. Bei Ärger und Ungeduld haben sich Tempoeinheiten bewährt, um den Zorn auf die Straße zu bringen.

Ein breites Repertoire. Und so stehe ich nach einem unerfreulichen Tag gegen 17 Uhr vor meiner Bürotür und weiß noch nicht recht, welches der vielen Mittelchen ich aus dem Arzneischrank greifen sollte. Bis ich mich entschieden habe, trabe ich erst einmal so entspannt wie möglich bergab. Irgendetwas Schnelles hatte ich mir heute früh vorgenommen. Aber was? Moderater Tempolauf á la Steffny? Nein, das reicht nicht! Da müssen heute schwerere Geschütze aufgefahren werden. Also Intervalle. Aber welche und wie viele?

Der Körper kennt die Antwort besser als der Kopf. Nach knapp 2,5 Kilometern beschleunige ich, um herauszufinden, welches Tempo sich quasi von selbst einstellt. Diese Geschwindigkeit ist für meine Verhältnisse sehr zügig, irgendwo zwischen 5 km- und 10 km-Schnitt, schätze ich. Fühlt sich jedenfalls hart, aber noch gut an. Passt! Also ist das richtige Medikament gefunden! Bleibt die Frage der Dosierung. 3 x 1000 m mit je 400 m Trab dazwischen sollten reichen.

Auf geht’s! Ein Kilometer ziemlich flach, einer ganz leicht ansteigend, der dritte mit leichtem Gefälle zurück. 5:19/5:20/4:57 – der erste ist rund, der zweite tut weh, der dritte macht einfach Laune. Er lässt genug Kraft zum entspannten Auslaufen durch die Gärten, sogar noch für die Steigung am Hopfengarten.

Gut zwei Kilometer geschafft, ein oder zwei weitere Auslaufkilometer wären nicht schlecht. Aber ich bin verschwitzt und fange schaurig an zu frieren, weil die Atmungsaktivität der billigen Soft-Shell-Jacke in falscher Richtung funktioniert: Statt den Schweiß nach außen zu leiten, lässt sie den Wind hinein. Nie wieder ziehe ich dieses Mistding bei schnellen Läufen an! So endet die Runde beim Bäcker nach 8.330 m in 52:24 Minuten.

Und zum Schluss bleibt nur zu sagen: Selbstmedikation? Find ich gut!

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14 Gedanken zu “Selbstmedikation

  1. Und wieder hast du recht…Immer wieder kann man, wenn man genau hinhört, hören was gut für einen ist.
    Und ja…das war sehr gut, was du da gemacht hast….Freiburg kann kommen!
    Der Schneckensirup schon leer, oder halbgeleert in der Tonne??
    Liebe Grüße
    Marga

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  2. Oh, oh – was lese ich da? Unerfreulicher Tag? Nicht gut! Aber du hast das richtige Mittel gefunden 🙂 . Und wie toll du das benutzt hast – Riesenrespekt! Lese ich da 4:57 min/km? Wo ist da die Schneck? Nene – da kommt der Kobold raus!
    Übrigens: diese Medizin finde auch ich gut!
    lG
    Ralph

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  3. @Michael: Ja, wir wissen einfach aus Erfahrung, was gut ist!

    @Marga: Leider ist man ja viel zu oft schwerhörig – ich glaube, es wäre vieles besser, wenn wir mehr hinhören würden. Über die Hälfte des Sirups habe ich schon aufgebraucht – heute zum Einschaften gibt’s wieder eine Ration. Muss doch fit sein für Freiburg!

    @Ralph: Dir muss ich ja nichts über unerfreuliche Tage zu erzählen – und auch nichts über wirksame Therapien dagegen! 8) Der schnelle km war natürlich dem leichten Gefälle zu verdanken. Trotzdem tat es dem Kobold in mir gut, mal wieder die „4“ vorn auf der Uhr zu lesen!

    LG,
    Anne

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  4. Liebe Anne,

    üblicherweise greife ich auch immer auf dieses hochwirksame Hausmittelchen zurück. Es gibt einfach nichts Besseres als schlechte Laune zu vertreiben. Und die Intervalle werden in jeder Hinsicht Wirkung zeigen. Super gelaufen!

    Liebe Grüße
    Doris

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  5. Intervalle sind eine bittere Medizin… Aber wir wissen ja, die Medizin, die am bittersten „schmeckt“, hilft am besten. 😉

    Deine Selbstmedikation war genau das richtige Mittel, um dem weniger schönen Tag den Garaus zu machen. Das schreit nach Wiederholung. 🙂
    Aber dann in der geeigneten Jacke, gell?

    Und du läufst in Freiburg? Halb oder Voll?

    Lieben Gruß, Sabine

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  6. LiebeFrauWeinbergschnecke, wieso habe ich jetzt hier eine andere Schrift ? Schon wieder am Herumbasteln, da kenne ich noch andere, die gerne basteln ! 😉

    Wenn das so weiter geht mit deiner Selbstmedikation, dann fürchte ich Schlimmes, in erster Linie wirst du den Titel deines Blogs ändern müssen in z.B. ………………… mir fällt gerade nix ein, dann wird sich deine vermeintliche Konkurrenz warm anziehen müssen, wenn du wie Daniel Düsentrieb deine Beine in die Hand nimmst und mit 180 Sachen im Ziel einläufst, rette sich, wer kann ! Ja ! 😉

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  7. @Doris: Dankeschön, liebe Doris – ich hoffe das Beste!

    @Sabine: Manchmal steh ich auf „bitter“ – die Medizin gestern war sogar ganz lecker! In Freiburg gibt es nur die halbe Marathon-Portion … ob jemals die ganze daraus wird, wer weiß? 😉

    @Margitta: Nix basteln, der Schrifttyp hat sich selbstständig gemacht und ich weiß nicht warum … und hab heute weder Lust noch Zeit zum Rumsuchen 😦
    Naja, von der Schnecke zum Daniel Düsentrieb ist der Weg doch noch sehr, sehr weit. Aber inzwischen fürchte ich auch, als „Schnecke“ bald nicht mehr zu taugen! 8)

    Liebe Grüße
    Anne

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  8. „… inzwischen fürchte ich auch, als “Schnecke” bald nicht mehr zu taugen! 8) “

    Wie bitte??? Bei allem Respekt, aber da hätte ich dann doch noch ein paar Bedenken anzumelden… 😉 Aber natürlich bin ich froh, einen Blick in Deinen Apothekenschrank geworfen zu haben, denn da ist so manches hilfreiche Medikament gegen die Widrigkeiten des Alltags enthalten. Danke für die äußerst gelungene und sprachlich wieder einmal höchst gekonnte Erinnerung! Denn mangels regelmäßigen Gebrauchs gerät selbst eine bewährte und gut bekannte Rezeptur gelegentlich zu einem theoretischen Wissensballast, der einfach nur brachliegt. Verstaubtes Archiv anstatt verfügbares Handlungswissen? Bähhh!

    Dein schöner Laufbericht hat frischen Wind in manch Verstaubtes bebracht – DANKE!

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  9. Deine Bedenken nehme ich wahr und ernst – ich will ja ansonsten durchaus „Schnecke“ bleiben, wenn ich mich nur ein wenig schneller fortbewegen darf als bisher. Und ansonsten freue ich mich sehr, wenn ich bei dir Erinnerungen an wirksame Rezepturen geweckt habe … jetzt nur das Einnehmen nicht vergessen, lieber Fuchs! 😉

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  10. Dankeschön, liebste Marianne! Jetzt hoffe ich nur, dass die Befunde generalisierbar sind … oder hast du mir etwa den Link geschickt, weil du denkst, ich würde gut in die Stichprobe „älterer Frauen“ passen? 😉

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