Reif für die Mülltonne

„Reif für die Mülltonne!“ – ausnahmsweise bezieht diese Feststellung sich nicht auf Frau Schnecke selbst. Die ist nämlich mit ihrem Lauf sehr zufrieden und hat nicht die geringste Veranlassung, sich in einer Tonne zu verkriechen. Nur am Rande: 11.550 m in 1:17:23 Stunden waren es heute, einige lockere Kilometer entlang der kaum noch Hochwasser führenden Mosel und durch die Kleingärten.

Nein, heute muss meine alte Laufjacke dran glauben. Ungefähr 15 Jahre lang hat sie mich auf meinen Wegen begleitet. Und damit hat sie sich einen Nachruf verdient!

Beim Kaffeeröster habe ich sie damals erstanden, im Set mit einer Hose, als kompletten „Trainingsanzug“ also, wie auf der Tüte stand. Schwarzgrau war sie, aus einer dünnen, leichten, billigen Kunstfaser. Gegen einen studentenfreundlichen Obolus konnte ich sie in meinen Rucksack stopfen und fortan mein eigen nennen.

Wir haben viel zusammen erlebt, schon lange bevor ich überhaupt daran gedacht habe, regelmäßiges Lauftraining zu absolvieren: Zahlreiche Radtouren an der Mosel und Saar rauf und runter, über die Höhen der Eifel und des Hochwaldes. Unsystematische Dschogging-Runden mit einem Arbeitskollegen. Dann aber auch die ersten ernsthafteren Trainingsläufe.

Irgendwann kaufte ich mir „richtige“ Laufsachen, unter anderem eine enger anliegende atmungsaktive Jacke. Aber das Modell „Kaffeeröster“ leistete mir immer noch gute Dienste. Vor allem als Warmlaufkleidung bei Wettkämpfen. Meinen ersten Halbmarathon in Merzig haben wir zusammen erlebt, Anno 2005 war das. In Luxemburg bei meiner noch immer gültigen Bestzeit aus dem Jahr 2006 war sie dabei. Aber auch meine „Niederlagen“ haben wir geteilt, den verkorksten Halbmarathon beim Trierer Stadtlauf 2007 zum Beispiel.

Irgendwann im vergangenen Jahr fing dann ihr Reißverschluss an, Probleme zu bereiten. Während des Laufens riss er von unten auf. Mit etwas Fummelei brachte ich ihn daheim wieder dazu, dass er hielt. Aber unser Vertrauensverhältnis war gestört. Das war der Anfang vom Ende. Die Jacke landete ganz unten in der Schublade, geriet in Vergessenheit.

Heute fiel sie mir wieder in die Hände. Hmmm, ja, warum eigentlich nicht? Angesichts der recht milden Temperaturen ist sie dick genug, dachte ich. Eine Fehlentscheidung. Knapp einen Kilometer entfernt von daheim machte sich der Reißverschluss wieder selbstständig. Und dieses Mal ließ er sich nicht wieder zurechtfummeln. Damit war die Jacke endgültig „hinüber“. Nicht einmal mehr für die Gartenarbeit zu gebrauchen. Auch nicht für die Altkleidersammlung. Schluss, aus, perdü!

10 Kilometer mit einer Jacke, die vorn nur durch ein kleines Stückchen Metall zusammen gehalten wird, das ist angesichts fallender Temperaturen nicht nur unangenehm zugig. Es sieht auch noch albern aus, wenn die Jackenzipfel links und rechts neben den Hüften schlackern. Aber hätte ich deshalb umdrehen und heim laufen sollen?

Nein, ich habe meiner Jacke diesen letzten Lauf ihres Lebens gegönnt. Noch einmal mit mir am Moselufer entlang traben, noch einmal die Steigung über die Eisenbahnbrücke hoch sprinten, noch einmal im Garten einen Blick auf die ersten sprießenden Blümchen werfen. Ein allerletztes Mal frische Luft spüren!

Aber nun ist es so weit. Ich werfe noch einen wehmütigen Abschiedsblick auf sie, bevor sie in den Tiefen des Mülleimers verschwindet. Am Mittwoch wird die Müllabfuhr uns endgültig scheiden. Leb wohl, meine Gute! Ich danke dir für deine treue Dienste! R.I.P.

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12 Gedanken zu “Reif für die Mülltonne

  1. Ich glaube jeder hat so seine Stücke. Sie werden aufbewahrt, hervorgeholt, wieder weggehangen, doch trennen mag man sich nicht davon. Und viele Erinnerungen hängen daran und doch kommt schließlich der Zeitpunkt der Trennung. Auch ich kann mich nur sehr schwer von alten Laufklamotten trennen- man könnte sie ja noch irgendwann beim Laufen gebrauchen und wenn es nur nachts im Regen beim Waldlauf sein würde.

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  2. Gerade noch rechtzeitig zur Trauerfeier gekommen, bin ich aber froh.

    Ja, manchmal muss man sich trennen, aber bedenkt man, dass dieses Kaffeeröster-Teil dir 15 Jahre treu zur Seite gestanden hat, dann sei ihr ein würdevoller Abgang beschieden.

    Nein, du musst nicht mit offener Jacke bei sinkenden Temperaturen an der kaum noch Hochwasser führenden Mosel aus lauter Verbundenheit zu diesem treuen Teil in Zukunft weiterhin festhalten, du hast sie in Würde – und sogar mit Foto – in der Mülltonne versenkt.
    R.I.P.

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  3. wow – du läufst schon sei FÜNFZEHN Jahren!? :-O

    Das mit dem Trennungsschmerz kann ich mehr als nur ein bisschen nachfühlen. Mein Lieblingsstück ist so eine hauchdünne Flatterjacke .. man kann das gar nicht Jacke nennen … mehr so ein windabweisendes fluffiges Ding, das fast nix wiegt .. mit Abzipärmeln (die meist irgendwo in der Versenkung ihr Dasein fristen).

    Die war glaub‘ ich nach den Schuhen mein erster Kauf bzgl. der Lauferei. Runtergesetzt auf höchstens 5 Euro (weiß nicht mehr genau) beim Discounter aber nicht zu ersetzen durch egal wie edle Designerteile. Und auch ihr Reißverschluss schwächelt (nach ca. 6 Jahren durch alle Jahreszeiten und auch bei Wanderungen fast immer dabei) *heul*

    Wir könnten dann eine Altkleider-Trauer-Selbsthilfegruppe zur Bewältigung gründen. Was meinst du? Du mit deinem Fachwissen wirst selbstverständlich die Leiterin 😉

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  4. Eigenartig – allüberall wird heute über Entsorgung und Haltbarkeiten nachgedacht… Ist heute der Tag der Vergänglichkeit? Oder isses nur, weil morgen Müllabfuhr ist? Ich räume jedenfalls heute nix weg und glaube bis spätestens morgen an die Nachhaltigkeit. (Müllabfuhr kommt erst am Dienstag ;-))

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  5. @Martin: Genau, auf abgelegenen Strecken und im Dunkeln kann man fast jedes abgetragene Stück noch „ausführen“. Nur ohne Reißverschluss, nee, da ist der Zeitpunkt der Trennung gekommen!

    @Margitta: Dass du dich auf den weiten Weg zur Trauerfeier gemacht hast – ich bin zutiefst gerührt, danke! Ja, angesichts der Schäden war es Zeit für den Abschied – würdevoll und preiswert (um den Slogan eines Saarbrücker Beerdigungsinstituts zu zitieren).

    @Lizzy: Naja, ähemmm, „laufen“ … gelegentlich mal durch die Gegend hoppeln wäre passender. Bei Gelegenheit blogge ich mal hier über meine nicht all zu beeindruckende „Laufbiographie“. 😉 Das mit der Selbsthilfegruppe ist eine fantastische Idee!! So gern ich neue Sachen kaufe, so schwer fällt manchmal der Abschied von den alten. Meine ersten „richtigen“ Laufschuhe habe ich erst weggeworfen, als sich die Sohle vom Oberleder löste – und ich war tatsächlich wehmütig dabei. Und wenn man dann auch noch an die Lieblingsstücke aus der sonstigen Garderobe denkt … das Leben ist ein einziges Abschiednehmen! 8)

    @Giegi: Du Glückliche, ein Tag ohne Abschied! Ich war ja auch kurz in Versuchung, die Jacke zu behalten (es mag ja Situationen geben, in denen man den Reißverschluss nicht vermisst, oder man könnte einen neuen einnähen 😉 ). Aber dann habe ich doch beschlossen, mir nicht noch ein weiteres ausgeleiertes und eigentlich nicht mehr tragbares Kleidungsstück in die Schränke zu stopfen.

    Liebe Grüße
    Anne

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  6. Ta-Ta-TaTa, Taaa-TaTa-TaTa-Tataaaaa (Trauermarsch)

    Wie schwer sind derartige Abschiede. Ich stelle mich neben dich, trauere mit dir, und beerdige auch ein paar treue, alte Begleiter von mir, nämlich meine alten Asics 2010.
    Geleistete Kilometer: Nicht erfasst, aber VIEL, sehr viel.
    Dämpfung: 0
    Profil: 0
    Loch in der Sohle: 2
    Loch beim grossen Zehen: 2

    Ruht in Frieden (heulsnifjammer)

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  7. ….ich hoffe du warst im Dunkeln unterwegs mit dieser Jacke, deren Reißverschluss unten nicht mehr hält. Ich meine du hast doch nun einen guten Ruf zu verlieren!!(Ich sach nur passende Schuhe zur Jacke, die Blumen passen zur Tapete). Dann kannst du bei allem Verständnis für das arme Jackending…nicht mehr rumlaufen wie aus der Kleiderkammer!
    Also ehrlich! Weg mit der Sentimentalität!
    Ich gehe jetzt mal davon aus, dass deine neue Hose auch einen türkis/hellblö Streifen irgendwo hat, ja??
    Liebe Grüße
    Marga

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  8. @Marianne: Mein tief empfundenes Mitgefühl! So ein Paar Schuhe, das finde ich noch schlimmer als eine Jacke! Ich glaube, meine Asics, mit denen ich meinen ersten HM gelaufen habe, kriegen einen Ehrenplatz im Schrank, wenn sie endgültig ausgelatscht sind. 😦

    @Marga: nein, es war hellichter Tag und es waren Milliunen Läufer unterwegs … ich hab mich jawohl geschämt, kann ich dir nur sagen! 😉 Aber ein wenig Sentimentalität ist beim Abschied von einer treuen Begleiterin völlig angemessen, da müssen individuelle Eitelkeiten hintan stehen!
    Und nein, hellblöe Streifen waren leider nicht preisreduziert zu haben. Es gab nur schlichtes Schwarz mit ein ganz klein wenig Weiß (Logo). Die Alternative wäre Pink oder Fleischfarben gewesen … der Sportladen hat für den Frauenbereich offensichtlich Einkäufer engagiert, die an schlimmster Geschmacksverirrung leiden (diese Einschätzung wird übrigens von den Verkäufern geteilt, denen ich das mal in aller Deutlichkeit gesagt habe 😉 ).

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  9. Solch ein Abschied nach so einer langen gemeinsamen Zeit fällt schwer – kann ich gut nachvollziehen. Doch du hast der Jacke noch einen würdigen letzten Lauf gegeben und dann hier noch einen beeindruckenden Nachruf hinterlassen. Jetzt kann sie ihn Frieden ruhen.
    lG
    Ralph

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  10. 15 Jahre sind ein ordentliches Alter für eine Laufjacke, auch oder gerade, wenn sie vom Kaffeeröster stammt. 😉

    Am Reißverschluss liegt es oft, dass man sich von Jacken trennen muss. Aber naja, hier und da mal eine neue Farbe, ein anderer Schnitt – auch nicht schlecht. Und die Konjunktur will ja auch angekurbelt werden. 😉

    Ihr wart ein hübsches Paar und konntet noch einmal bewusst eine Abschiedsrunde drehen. Das ist auch nicht immer vergönnt. 😉

    Jedenfalls kenne ich wenig Jacken, denen eine so schöne Hommage gewidmet wird. Hat Spaß gemacht zu lesen.

    LG Sabine

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  11. @Marga: theoretisch ja … aber trägt man bei Größe 38 Hüfthalter? 😉

    @Ralph: Dankeschön, lieber Ralph! Ja, sie ruht jetzt friedlich unter Orangenschalen vom Frühstücksmüsli – bis dass die Müllabfuhr uns scheidet!

    @Sabine: Die Nachfolgerinnen sind ja auch schon da, eine inzwischen auch schon etwas ältere in Rot und eine neuere mit Abzippärmeln in Hellblö … und ja, frau gönnt sich gern was Neues! Auch wenn die Konjunktur nicht wäre – aus reinem Egoismus! 8)

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