Oma Duck und die Dornen

Samstagmittag, 12 Uhr. Daisy ist da! Behaupten die Wetterfrösche. Das Bundesamt für Katastophenschutz empfiehlt Hamsterkäufe: Kerzen, Streichhölzer, Wolldecken, Batterien für das gute alte Transistorradio. Das haben sie uns schon vor über 30 Jahren in der Schule geraten. Die gleichen Empfehlungen für jeglichen Katastrophenfall, vom Schneesturm über Hochwasser bis zum Atombombenabwurf!

Aber das, was sich hier abspielt, ist – zum Glück! – weit von der angekündigten dramatischen Situation entfernt. Daisy hat nichts von der unbändigen Energie, Durchsetzungskraft und Zickigkeit ihrer Comic-Namensvetterin. Sie gleicht eher einer altersmilde gewordenen Oma Duck. Hier ein paar weiße Fusselflöckchen, dort ein wenig Wind, der aber in dem engen Tal kaum zu spüren ist – mehr hat sie nicht zu bieten.

Ein wenig enttäuscht bin ich schon. Die 5 Zentimeterchen Schnee, die hier bislang gefallen sind, dürften meinetwegen gern noch Zuwachs bekommen. Immerhin rechtfertigt die festgetretene weiße Schicht den Einsatz meiner Winterschuhe. Zum ersten Mal überhaupt kommen die Asics Gel Artic zu Ehren, die ich im vergangenen Jahr so preisgünstig erstanden habe. Schwerer sind sie als normale Laufschuhe. Nicht so schwer und unflexibel aber wie die Asics Moriko GoreTex-Schlappen. In jeder Sohle zwölf Dornen (sieben vorn, fünf hinten), die auf dem Trittstein ein unangenehmes Klackern erzeugen. Hmmm, ob das gut geht?

Schon nach den ersten Schritten weicht die Unsicherheit purer Begeisterung: Ein absolut sicheres Laufgefühl auf dem glatten Untergrund. Die Spikes geben Halt, wo ich sonst leicht nach hinten weggleiten würde, sie erlauben einen normalen Laufschritt, wo ich mich sonst nur überaus langsam entlang tasten könnte. Eigentlich wollte ich ja nur ein ganz kurzes Talründchen absolvieren. Aber nun muss ich doch testen, wie der Schuh sich bergauf anfühlt. Genial! Kein Zurückrutschen. Völlige Trittsicherheit auf dem unebenen Pfad. Natürlich strengt die Steigung an. Aber kaum mehr als im Sommer bei besseren Wegverhältnissen.

Am Ausgang des Walds die Frage: Noch ein Extra-Schlenker über Kernscheid oder den gleichen Weg zurück? Der schneidende Wind legt mir die Antwort nahe: Auch Oma Duck kann Temperament entfalten und das Leben ungemütlich machen. Und wenn es nicht sein muss, tut sich Frau Schnecke das nicht an. Ihr Immunsystem rackert momentan eh auf Hochtouren, da muss Auskühlen nicht sein.

Also lieber den direkten Weg bergab genießen. Alles perfekt, wiederum dank Dornen in der Sohle. Sie geben dem Schuh so viel Grip, dass ich mich vollkommen sicher fühle. Muss mich eher noch bremsen, um nicht zu schnell zu werden – wie leicht könnte eine unter dem Schnee verborgene Unebenheit mich umknicken lassen.

Ich bin eins mit mir und meinem Winterwald. Ein Spaziergängerpärchen, ansonsten nur Ruhe, Stille, Friede, Einsamkeit. Weiße weite Wiesen auf der gegenüberliegenden Seite des Tals unter mir. Kaum Wind in den hohen Fichten, die ihre Wipfel in den grauen Himmel recken, als wollten sie die Wolken anpieksen, um sich noch ein wenig mehr von der pulvrig-kuscheligen Flockenauflage für ihre Zweige zu sichern.

Wieder im Tal angekommen zeigt Daisy doch noch einmal ihr temperamentvolles Gesicht. Als sei sie beleidigt, weil ich sie in Gedanken als „Oma Duck“ tituliert habe, treibt sie mir ein paar scharfe Böen ins Gesicht und wirft eine Handvoll Flöckchen hinterher. Kein Grund zur Aufregung! Zwischen den Häusern erwischt sie mich eh nicht mehr. Schon bin ich zurück im Schneckenhaus nach 8.810 m in 1:00:56 Stunden.

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9 Gedanken zu “Oma Duck und die Dornen

  1. “ In jeder Sohle zwölf Dornen (sieben vorn, 5 hinten), die auf dem Trittstein ein unangenehmes Klackern erzeugen. “

    Du zählst sie sogar, soweit habe ich noch gar nicht denken wollen, sie erfüllen ihren Zweck, das ist für mich die Hauptsache, morgen früh werde ich – so ich daran denke – auch mal zählen, wie viele Dornen sich in meinen befinden.

    ABER

    – egal – wie viele – sie tragen uns gefahrenlos über Schnee und Eis, für mich in diesem Winter ein richtiger Segen, ohne Rutschen und ohne Angst, irgendwo in der Prärie schwer verletzt und hilflos (!) für immer zu erfrieren, durch diese, unsere Welt laufen zu können.

    Wenn du auch nur einen Bruchteil des Schnees, den wir zur Zeit an der Ostsee haben, unter deinen Sohlen fühlen konntest, ein paar läppische Zentimeter, dann kannst du erahnen, wie schön es sein wird, wenn erst das ganze Programm auf deiner Laufstrecke gelandet ist, gell ? Vielleicht schon morgen, wer weiß, wer weiß ? 😉

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  2. Und – auch gezählt, liebe Margitta? 😉
    Egal, welches Ergebnis du ermittelt hast – solche Schuhe sind eine geniale Erfindung! Selbst auf unseren kümmerlichen 4, 5 cm Schnee (die sich heute auch nicht großartig vermehrt haben) ein echter Segen und fast unverzichtbar für ein sicheres Laufgefühl!

    Liebe Grüße,
    Anne

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  3. Also, ich will ja überhaupt nicht angeben, aber ich habe mindestens zwanzig auf einem Schuh, macht insgesamt 40, da bist du ja ein Waisenkind dagegen, wie gesagt, es liegt mir fern, mit meinen Dornen anzugeben, auch wenn es hier vielleicht den Anschein haben wird. 🙄

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  4. Oma Duck – klasse 😆 ! So ähnliche Gedanken kamen mir auch, nur die Assoziation zu den Comics fehlte mir. Dein begeisterter Bericht über die Spikes macht mich jetzt nachdenklich: brauche ich so etwas etwa doch? Bisher kam ich ja eigentlich immer noch irgendwie durch …
    lG
    Ralph

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  5. @Ralph: Hilfreich sind Spikes allemal, sie mindern das Sturzrisiko und machen ein flüssigeres Laufen möglich, auch unter Bedingungen, unter denen du sonst nicht rausgehen oder bestimmte Strecken meiden würdest. Allerdings braucht man sie in unseren Breiten natürlich nicht allzu oft, die Anschaffung lohnt sich also nicht unbedingt.
    Wenn du nicht auf jeden Cent achten muss, würde ich sagen: Leg dir welche zu! Allerdings würde ich dann entweder Icebugs nehmen wie Margitta oder das neue Artic-Modell, bei dem (im Gegensatz zu meinem Auslaufmodell) die Spikes auswechselbar sind!

    LG,
    Anne

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  6. Jenseits der Spikes und der Anzahl der Dornen hat mich am meisten dieser Teil Deines Berichts fasziniert:

    „Ich bin eins mit mir und meinem Winterwald. Ein Spaziergängerpärchen, ansonsten nur Ruhe, Stille, Friede, Einsamkeit. Weiße, weite Wiesen auf der gegenüberliegenden Seite des Tals unter mir. Kaum Wind in den hohen Fichten, die ihre Wipfel in den grauen Himmel recken, als wollten sie die Wolken anpieksen, um sich noch ein wenig mehr von der pulvrig-kuscheligen Flockenauflage für ihre Zweige zu sichern…“

    Welche Faszination, welches Wohlbehagen liegt in diesen Worten! Du hast trotz der weißen Kälte und trotz Deines vielbeschäftigten Immunsystems nichts von Deiner Formulierungskunst eingebüßt – im Gegenteil! Oma Duck und ihre Verwandtschaft haben Dich geradezu inspiriert und uns in den Genuss einer meisterlichen Schilderung gebracht. Dankeschön dafür! 🙂

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  7. Gern geschehen, lieber Peter! Ja, mir ging’s gut bei dem Lauf, ich habe ihn genossen! Ich freue mich, dass ich das mit meinen Worten rüberbringen konnte.

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