Schlenkern im Schneegestöber

Morgen der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub und eine lange Aufgabenliste – Liegengebliebenes aus dem alten Jahr wegschaffen! Wer weiß, ob ich da Zeit zum Laufen finde. Dann doch lieber heute noch einmal in die gestern bewährte Zwiebelmontur schlüpfen und hinaus die Kälte. Auf der Loggia sind es nur minus 6 Grad, aber wieder bin ich sicher, im Freien muss es kälter sein. Dazu wirbelt ein scharfer Westwind staubfeine Schneeflöckchen durch die graue Luft. So empfinde ich die Bedingungen verglichen mit dem gestrigen Sonnentag als unangenehm, die Hände frieren, die Stimmung passt sich der Melancholie der Landschaft an.

Die Beine allerdings fühlen sich sehr locker an heute, merke ich schon beim Loslaufen. Nach etwa einem Kilometer, irgendwo auf der Runde an den Weihern, sind die Hände endlich warm geworden. Im Schutz der Sträucher und Bäume an der Bahnlinie gleite ich mit dem Gefühl der Schwerelosigkeit über den mit dünnen Schneeschlieren überzogenen Asphalt. Vorsicht ist angesagt beim Überqueren der Bahnlinie! Bergab auf festgetretenem Schnee fühle ich mich trotz profilierter Schuhe etwas unsicher. Auch das Sträßchen hinab zur Staustufe macht einen rutschigen Eindruck. Erst auf dem Leinpfad habe ich wieder das gute Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben.

Der Wind erfasst mich von der Seite, schneidend und beißend, fisselig-feine Flöckchen aufwirbelnd. Gefrorenes braunes Laub ist auf den Pfad geweht und knirscht leicht, wenn ich darauf trete. Graubraune Düsternis, die dünne Schneeschicht vermag die winterliche Tristesse nicht zu verdecken. Die paar Schneeflocken fallen vergebens und werden daran auch nichts ändern, denke ich. Die Welt bleibt schmuddelig, und spätestens übermorgen wird auch der Hauch von Weiß dank des angekündigten Tauwetters wieder verschwunden sein.

Und doch – der Schneefall nimmt zu. Langsam nur, aber unzweifelhaft werden die Flocken größer. Am Moselkran wende ich und stelle fest, dass der Wind auf Südwest gedreht hat und mir nun die nasskalte Pracht ins Gesicht treibt – kein Spaß für eine Brillenträgerin. Also lieber nicht am Ufer zurück, sondern durch die Straßen der Südstadt. Kurz beim Bäcker vorbei, dann bergauf.

Aber nein, ich mag noch nicht heim! Auch wenn der Schnee inzwischen in dickeren Flocken fällt und vom scharfen Wind fast waagerecht durch die Luft getrieben wird. Die Gärten laden zu einem Schlenker ein. Zumal ich dort einen unberührten Weg vor mir sehe. Es verschafft mir immer wieder eine kindliche Freude, die erste zu sein, die ihre Fußstapfen im frischen Schnee hinterlässt! Durch die eine Gartenanlage, hinein in die nächste. Nur die Vernunft hält mich davon ab, einfach weiter und weiter und weiter zu laufen. Auch wenn ich mich momentan so gut fühle, meine Schienbeine würden es mir übel nehmen, wenn ich die Kilometerumfänge zu schnell steigere. Also nur noch lockeren Schrittes die Treppe hinauf, über die mittlerweile geschlossene Schneedecke durch das Wohnviertel und den kleinen Park – zurück daheim nach 9.670 m in 1:03:10 Stunden.

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7 Gedanken zu “Schlenkern im Schneegestöber

  1. Ich glaube, wir waren gleichzeitig unterwegs, nur du hast etwas länger durchgehalten 🙂 . Kein Wunder, hast du dich doch offensichtlich richtig gut gefühlt. Es wäre auch jammerschade gewesen, diesen Schneelauf auszulassen. Pünktlich zu Weihnachten soll ja die weiße Pracht weggespült werden, wer weiß, wann wir wieder solch einen Lauf genießen dürfen.
    lG
    Ralph

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  2. Allerdings, den Lauf hätte ich nicht missen wollen! Heute taut es ja schon wieder und ist richtig trist, darum bin ich wirklich froh, den gestrigen Tag genutzt zu haben!

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  3. Da gibt es ein Lied, das da heißt “ Winter in Kanada „, weiß der Geier, ich habe es gerade im Sinn, wenn ich alle Berichte vieler Läuferinnen und Läufer in dieser herrlichen Zeit lese.

    Obwohl ich schon gelaufen bin, habe ich mich dir in Gedanken wieder angeschlossen, an den Gärten vorbei, über die Gleise (ich laufe sicherer dank Spikes, gell ? ), könnte dich im Notfall schwesterlich auffangen, damit dir ein Sturz erspart bleibt. Ach ja, und dann der Wind im Gesicht, musst eine Mütze mit Schild tragen, wie wäre das ?

    Wie auch immer, war schön, dich noch ein Stündchen zu begleiten, in der Zeit hätten wir uns wirklich mal so richtig nett unterhalten können, wären da nicht die vielen Kilometer, die uns trennen ! 8)

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  4. Für Spikes lag auf den meisten Wegen noch viel zu wenig Schnee, sonst hätte ich sie bestimmt angezogen.

    Nach einer neuen Mütze suche ich gerade, am liebsten eine, die ganz über die Ohren gezogen werden kann, aber gleichzeitig ein Schild/einen Schirm bietet. Aber die Trierer Sportgeschäfte … 😦

    Hätte dich sehr gern dabei gehabt auf meiner Runde, nicht nur virtuell, sondern auch real – und hinterher zu einem gemütlichen Teestündchen geladen. 😉

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  5. Schöööön, jetzt hab ich doch noch die Zeit gefunden, deinen Laufbericht vom Lauf im Schneegestöber lesen zu dürfen. Herrlich, deine Schilderungen, ich bin mit dir innerlich mitgelaufen, habe gefühlt, wie der beissende Wind die Wangen rot werden liess, habe gehört, wie die Blätter unter den Schuhen geknirscht haben, und habe mich mitgefreut an den ersten Fussstapfen im Schnee.
    Allerdings, sei vorsichtig beim Zurückschauen während dem Laufen. Mich hats mal in so einem Moment des Glücks beinahe hingelegt, weil ich vor lauter Begeisterung nicht mitbekommen hatte, dass da vor mir unter der weissen Schneeschicht eine fiese, gefrorene Eislache wartete….
    Mit vielen Grüssen

    Marianne

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  6. @Marianne: Genau die Befürchtung hatte ich auch, darum war ich gaaaanz vorsichtig beim Umdrehen. Scheee war’s im Schnee!

    @Margitta: Hui, dankeschön für den Link! Die könnte in der Tat etwas sein. Beim Tatzenladen gab es ein ähnliches Modell, allerdings zum indiskutablen 3-fachen Preis! 😦

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