Hirsche ohne A***

Der Silvesterlauf ist nicht mehr weit. Und darum rennen sie wieder am Moselufer: Die schnellen Hirsche! Superschlanke Männer mit Spaghettibeinen in eng anliegenden Hemden und Strumpfhöschen. Aber praktisch ohne Allerwertesten. Das ist offenbar eine Konsequenz intensiven Lauftrainings, die – nach meinem Schönheitsempfinden – der Figur abträglich ist: Nichts mehr dran an den Herren! Der A*** ist ab sozusagen!

Ich kann das beurteilen, denn ich kann mir die flotten Kerls nur von hinten angucken. An diesem Spätnachmittag gegen 16 Uhr habe ich wieder einmal ausgiebig Gelegenheit dazu. Drei-, viermal das gleiche Spielchen: Bevor ich überhaupt realisiert habe, was da vonstatten geht, bevor ich auch nur ein Schnaufen vernommen habe, schwebt da etwas Schwarzblaues oder Schwarzrotes an mir vorbei. Manchmal grüßt es, meist nicht. Und leichten, nicht einmal hörbaren Schrittes verschwindet es, einer Spukgestalt gleich, so lautlos, wie es gekommen ist, in der beginnenden Abenddämmerung. Elegant, leichtfüßig, tänzelnd … und ohne A***.

Unsereins schneckt unterdessen friedlich vor sich hin. Ich bin so schwach! Einer der Koch-Azubis in der Mensa durfte heute seine Künste bei der Dessertzubereitung unter Beweis stellen: „Crepes mit doppelter süßer Überraschung“ stand auf einem Zettel neben dem Teller. Eine üppige Schweinerei aus einem dünnen Pfannkuchen mit eingebackenen Birnenscheiben, Vanillecremefüllung und ein paar Spritzern Schokosauce als Garnitur. Leider nicht so lecker wie es aussah, zudem recht schwer im Magen liegend. Und daher auf der ersten Hälfte des Laufs noch nicht richtig verdaut.

Das Herumgeschnecke langweilt mich und strengt an. Kalt ist mir nicht, aber verspannt und unlocker. Nach der Wende am Hotel nahe dem Verteilerkreis, wo der Moselradweg endet, drücke ich daher ein kleines bisschen auf die Tube, so 30 Sekunden schneller als vorher. Gleich fühlt der Lauf sich angenehmer, stimmiger, runder an. Komisch! Merke: Langsam ist nicht gleich leicht!

Die Dunkelheit legt sich langsam über den Uferpfad. Das aufgeregte Schnattern der Gänse und Enten am gegenüber liegenden Ufer lässt vermuten, dass sie sich gerade um Brotreste oder anderes Futter balgen, das jemand ihnen vorbei gebracht hat. Bei mir stellt sich dagegen zunehmend innere Ruhe ein. Und das zufriedene Gefühl, etwas geschafft zu haben. Ein Seminar gut abgeschlossen, selbst viel gelernt dabei, positives Feedback bekommen. Ein unangenehmes Gespräch geführt und endlich eine klare Entscheidung getroffen. Einen schönen Lauf absolviert. Ein guter Tag! Die letzten zwei Kilometer durch die Stadt fallen leicht wie selten. Selbst den Anstieg im Villenviertel erklimme ich flüssig und locker und erreiche den Heimathafen nach 13.670 m in 1:32:14 Stunden.

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5 Gedanken zu “Hirsche ohne A***

  1. Da ist ja viel passiert bei dir – spannend! Dazu noch ein gelungener, langer Lauf. Beendet mit einem zufriedenen Gefühl – so soll es sein 🙂 . Habe ich auch schon erlebt, daß Rumgeschnecke sich anstrengend anfühlt und daß erst eine leichte Beschleunigung ein angenehmes Laufgefühl erzeugt.
    Und wegen der schnellen Hirsche mach dir mal keine Gedanken. Aber deine Beobachtung trifft irgendwie zu 😆
    lG
    Ralph

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  2. …also das kann nicht vom Laufen kommen.
    Die Herren, die ich immer von hinten betrachte (weil ich auch mehr „muss“ als „will“) sind eigentlich ganz knackig…also untenrum von hinten…sozusagen…
    Schön, dass es am Ende ein guter Tag war…so werden noch viele kommen!
    Eine nette Idee die AzuBis mal ran zu lassen…irgendwie „süß“…aber wirst du in deiner Mensa gezwungen zum Essen?? Ich frag nur…weil schon die Beschreibung verursacht mir Sodbrennen….

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  3. Liebe FrauWeinbergschnecke,

    man muss sich schon wundern, wohin Schnecken so unterwegs ihre Blicke schweifen lassen, sogar auf die Allerwertesten von schlanken, durch trainierten Läufern, also nee, ich schaue den Herren eher tief in die Augen, was meist kaum möglich ist, es sei denn, sie begegnen mir und tun das gleiche.

    Mir persönlich ist ein durch trainierter Läufer lieber, auch ohne, als ein……………. na ja, du weißt schon, aber es gibt auch so’ne mit, auch das habe ich erleben dürfen, können, müssen, wie auch immer, als ob ein A………so wichtig wäre, ich bin schon sehr überrascht, FrauWeinbergschnecke, was da so in ihrem klugen Köpfchen während des Laufens herum geistert, etwa noch mehr in dieser Richtung ? Ich muss sagen, ich bin überrascht, sehr, sehr überrascht.

    Und was die Pannekuche betrifft, auch das hätte FrauSchnecke wissen, müssen, dass sie lange Zeit mit dir unterwegs sein werden.

    Aber zum Glück ging ja alles gut – und nur DAS zählt, gell ? 😉

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  4. @Ralph: Da bin ich ja froh zu hören, dass du die Anstrengung des Langsamlaufens auch schon als unangenehm empfunden hast … ich dachte schon, ich „spinne“ irgendwie 🙂 Dankeschön!

    @Pienznäschen: Herzlich willkommen hier in meinem Blog, schön, dass du hergefunden hast! Genau, perfekt im Hafen angekommen, das war schön! Danke auch dir, liebe Julia!

    @Marga: Oh doch, frag mal „Bjoernbär“ aus dem Forum … 😉 Nein, ich werde nicht zum Mensaessen gezwungen, ich bin nur dumm und willensschwach genug, selbst dort aufzukreuzen! 😦

    @Margitta: Tja, auch eine weise Frau ultraistgut lernt nie aus, was die Gedankenwelt der Schnecken angeht … ! 8) Aber auch ich schaue ihnen lieber in die Augen, den durchtrainierten wie auch den nicht ganz so durchtrainierten Männern (einem ganz bestimmten besonders gern. 😉 ) . Gestern war es nur gerade so, dass ich den Hirschen sozusagen am A*** vorbeiging, d.h. sie haben mich hochnäsig weder eines Blickes noch eines Grußes gewürdigt. Und da kann ich ganz böse und ganz sexistisch werden … 8)
    Und da alles gut ging – in jeder Hinsicht – ist der leichte Ärger längst verraucht!

    LG,
    Anne

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