Schneidend

Flussaufwärts lief es sich eindeutig angenehmer. Nun aber, nach der Wende, pustet mir ein ekliger, schneidender Wind entgegen. Immer wieder wirbeln verirrte Schneeflöckchen durch die Luft. Kein dichtes Flockengestöber wie heute Vormittag. Aber auch keine Sonnenstrahlen. Als die gegen Mittag in mein Wohnzimmerfenster schienen, musste ich ja faul mit einem Bauch voller Nudeln auf dem Sofa liegen und meinen Krimi zu Ende lesen. Selbst schuld! So bekomme ich eben Wolken und Dunkelgrau, als ich mich gegen 14 Uhr auf die Socken mache.

Sehnsüchtig lechzt das Auge in dem grau-braun-schwarz-dunkelgrünen schmuddeligen Einerlei nach kräftigen Farben. Zwei dicke weiße Schwäne mit vergilbten Halsfedern, die am Ufer entlang treiben. Ein Schwarm weißer Möwen (!). Das Rot und Grün der Bahnsignale. Ein blauer Container auf dem Schleusengrundstück am anderen Moselufer. Graffiti in Pink, Orange und Türkis auf den Begrenzungsmauern der Straße. Die tiefblauen Trikots der beiden Rennradler, die an mir vorbeisausen.

Ansonsten habe ich mich heute in meine kleine akustische Welt zurückgezogen. Mag nicht denken, mag nicht träumen, mag vor allem den Verkehrslärm am Moselufer nicht hören – da ist mir musikalischer „Lärm“ lieber! Billy Idol und Huey Lewis begleiten mich bis Konz, mit den Stones im Ohr wehre ich mich gegen das schneidende Nordostgebläse, Hardpolka von den Pogues bringt einen Hauch von Fröhlichkeit in die Tristesse, als ich an der Adenauer-Brücke den Leinpfad verlasse und an der Abtei vorbei laufe.

Ungemütlich ist es, feucht, kalt, grau. Nichtsdestotrotz gönne ich mir noch ein Schlenkerchen durch die Gärten, wo ich doch so schön locker unterwegs bin. Wer weiß, wie viel Zeit ich nächste Woche haben werde und wie oft ich in der Weihnachtswoche zum Laufen komme. Eine lange Bahnfahrt, die Familie, ungewohnte Tagesstrukturen mit festen Essenszeiten – alles Faktoren, die auf den ersten Blick nur wenig Freiraum lassen und viel Planung erfordern, damit das Training nicht komplett „hinten runter fällt“. Irgendwie wird das klappen, es ging ja in den letzten Jahren auch. Mit diesen Gedanken lande ich wieder daheim, heute nach 13.530 m in 1:33:24 Stunden.

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9 Gedanken zu “Schneidend

  1. Bei uns ist es seit heute morgen durchgängig weiß. Nur die Nadelbäume lassen ein paar dunkelgrüne Spitzen rausgucken.
    Bei dir war es aber anscheindend trotz der „Farblosigkeit“ ein schöner langer Lauf.
    Für die Feiertage planen kann man oft nicht, aber ganz spontan loslaufen, klappt dann meistens trotzdem.
    Ich darf momentan wegen einer Zahn-OP und Antibiotika nicht laufen. Dabei würde ich so gern in dem frischgefallenen Schnee eine Runde drehen.

    Viele Grüße
    Tati

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  2. och, wenn Mama kocht, kann man doch am besten laufen 😉

    Ich laufe, wenn ich woanders bin, besonders gerne. Wegen der Abwechslung. Keine gewaltigen Mengen, meist nur so ein kleines Ründchen oder zwei. Aber der Genuss wiegt dann doch doppelt.

    Wobei es hier so ist, dass ich diejenige bin, die für den Besuch kochen wird – aber die Lauferei liegt ja eh brach. Da passt das schon.

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  3. @Tati: Hmmm, schöööön! Wie schade, dass du das Wetter nicht nutzen kannst, es gibt kaum was Tolleres als Läufe im frischen Schnee. Ich wünsch dir gute und schnelle Besserung!

    @Lizzy: Stimmt, die Abwechslung tut gut! Leider sind die schönsten Strecken verbotenes Terrain (Truppenübungsplatz), da laufe ich dann mit einem mulmigen Gefühl. – Vielleicht mag ja dein Besuch mal kochen … in der Zeit könntest du dein Lauftraining wieder aufnehmen?! 😉

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  4. Du, die Lauferei liegt nicht wegen dem Kochen bracht. Gekocht – auch oft für Gäste – hab‘ ich doch schon immer, egal wieviel ich laufe. Träning war das bei mir aber eigentlich noch nie. Naja – die 6 Wochen unter Kylies Fuchtel damals anno 2006 vielleicht mal. Sonst dschogg ich einfach nur ein bisschen. Mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger.

    Tati, du hast also auch Zähne? Achje – was für eine stressige Erfindung ;o)

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  5. Liebe Anne,

    wie gut, dass man beim Laufen Ordnung im Kopf schaffen kann, dabei noch sehen, fühlen , planen kann.

    Aber – wie man liest – geht es auch anders, indem man sich via Ohr gründlich ablenken kann, für mich ein Unding, ich muss alles um mich herum aktiv wahrnehmen, jedes Geräusch aufnehmen können.

    Du weißt offensichtlich genau, was dich zu Weihnachten – wie in all‘ den Jahren davor – erwartet, kannst es gut einschätzen, dennoch eine Feiertagsrunde wird sicherlich drin sein.

    Der Schwarm weißer Möwen hat sich sicherlich von hier nach dort verirrt und wird bald wieder bei uns kreischend durch die Prärie donnern.

    Ach ja, Weihnachtszeit, würde so gerne mal hier und da Mäuschen sein !

    Feste Essenszeiten – oh ja, und wehe, man sitzt nicht punkt um mit sauber gewaschenen Händen und bester Laune am Tisch ………………

    Lasst uns froh und munter sein ! (schade dass es hier keine Noten gibt, ich habe gesungen !)
    😉

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  6. @Lizzy: Planlos dschoggen ist auch was Feines … immer nur so viel wie frau will und wie ihr gut tut, das zählt!

    @Margitta: Normalerweise will ich auch jedes Geräusch aufnehmen … aber um den Autolärm an der Mosel war es gestern nicht schade! 😉 Morgen trotzdem wieder ohne Knopf im Ohr, ganz klar! Und „irgendwie“ klappt das auch alles mit den Festtagen, hier ein Läufchen, da eines, sonst hängt man sich zu eng auf der Pelle! 8)

    lg,
    Anne

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  7. Du warst ja des fiesen Windes richtig lang unterwegs. Toll, welche Farbtupfer du dabei an der Mosel entdecken konntest.
    Das mit der Lauferei an den Feiertagen ist immer ein Problem. Da gilt es jede Gelegenheit auszunutzen. Das wird schon klappen!
    lG
    Ralph

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  8. immer nur so viel wie frau will und wie ihr gut tut, das zählt!

    janz jenau. und das gilt sogar für man(n) 😀

    Da wär‘ ich die letzte, irgendwas für „besser“ oder „schlechter“ zu erklären, nur weil ich es grad für mich angenehmer finde oder so halte.

    „Richtig“ und „falsch“ sind sowieso die beweglichsten und relativsten Begriffe der Menschheit. Quasi aussagelos. Ich versuche, sie zu vermeiden – es sei denn, es ginge um die Lösung einfacher mathematischer Grundaufgaben (und selbst da bin ich mir bewusst, dass das geltende Zahlensystem auf einer „Abmachung, was gilt“ beruht 😉

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