Lass die Sonne rein!

„Du sagst die Welt ist gegen dich, das ist sie nur gelegentlich!
Reiß dich zusammen, bau dich auf und stell dich neben dich!“

Nein, ich stelle mich nicht neben mich. Ich laufe neben mir her. Vielleicht überhole ich mich auch an diesem Freitag gegen 15:00 Uhr, an dem bisher nichts so richtig klappen wollte, mir einige Leute gnadenlos auf den Geist gingen mit ihrer L***schigkeit und Unzuverlässigkeit und ich mich mit ihnen deshalb heftiger gezofft habe als sie und der Anlass es wert waren. Sicheres Zeichen dafür, dass ich in dieser Woche zu viel am Hals hatte. Endlich alle Termine abgehakt, endlich daheim, endlich eine Banane gegen den schlimmsten Hunger, endlich rein in die Asics und ab dafür!

„Ach hätt ich doch, ach hätt ich doch, hmm, dass ich nicht lache!
Locker bleiben, bleib ausgeglichen, der Rest ist Nebensache!“

Es ist, wie es ist. Und ich kann wenigstens versuchen, mich wieder locker zu machen, wenn ich es schon nicht geblieben bin. Erst einmal friedlich Richtung Weiher trotten, über die dick aufgeplusterten Stockenten und –erpel schmunzeln, denen die nasskalte Witterung ebenso wenig zu behagen scheint wie mir. Vorbei an den Teichen, runter auf das Sträßchen zur Bahn. Kein Verkehr mehr in Sicht, keine Ampeln und ähnliche Scheußlichkeiten, jetzt wird trotz Hunger und Motzigkeit noch mal ein paar Kilometerchen zügig gelaufen.

„Schalt die Lebensfreude ein, vergiss den Alltagsfrust!“

So locker, wie es mir lieb wäre, bekomme ich die flotten Kilometer heute nicht hin. Sie tun weh. Der Puls ist eigentlich zu hoch für einen harmlosen Tempolauf. Der gar nicht so starke Gegenwind an der Mosel fühlt sich wie ein Orkan mit Windstärke 12 an. Aber hier wird jetzt nicht rumgememmt! Denn eigentlich macht es ja auch Freude sich zu überwinden, zu spüren, dass die Beine zwar nicht so recht vom Boden loskommen und das Herz und die Lunge kräftig zu schuften haben, dass aber alle Bestandteile des Läuferinnenkörpers stark und gutmütig genug sind, um sich dieser Herausforderung ohne ernsthaftes Murren zu stellen.

„Leb und fühl im Augenblick, hör auf, zuviel zu denken!“

Bis kurz hinter die Uranus, ein ausgemustertes Marineschulschiff, das nach einigen Jahren der Nutzung als billige Herberge und Sommerlokal nun wohl endgültig verschrottet wird und nur noch nutzlos vor Anker liegt, laufe ich Richtung Konz, dann wird gewendet. Geradeaus, immer geradeaus, das Denken vergeht mir, die zornigen Grummeleien gehen bei Kilometer 4 verloren, vielleicht verbringen sie im Gebüsch am Moselufer die Nacht und erfrieren jämmerlich – mir soll’s recht sein!

„Sag dir: Alles, was passiert, das passiert nur für mich allein
und deshalb ist es wunderschön, also lass die Sonne rein!“

Zwei Männer schwätzen munter hinter mir, während sie sich langsam annähern und schließlich – nur wenig schneller als ich – vorbeiziehen. Ob ich versuche, mich ein Kilometerchen dranzuhängen? Nein, ich laufe sowieso schon sehr hochpulsig und fühle mich zu angestrengt dafür. Also in gleich bleibendem Tempo bis zur Römerbrücke und ein Stückchen zurück bis zur Finanzamtkreuzung. Perfekt, genau an der Rampe, die vom Ufer hoch auf die Straße führt, endet der sechste flottere Kilometer. Ein hübscher 5:49er-Schnitt mit Zeiten konstant zwischen 5:47 und 5:53. Kurz lockern, ein wenig dehnen, dann wird ausgelaufen. Auch den Kiewelsberg hinauf schaffe ich es noch, wenngleich ich natürlich wieder ins Schnaufen komme. Und schon bin ich daheim nach 10.050 m in 1:03:07 Stunden … wenigstens mit einem Hauch von Sonne im Herzen.

P.S.: Für diejenigen, die es nicht (mehr) kennen: Die kursiv gesetzten Zeilen stammen natürlich aus „Lass die Sonne rein“ von den „Fantastischen Vier“!

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6 Gedanken zu “Lass die Sonne rein!

  1. So sieht der perfekte Einstieg ins Wochenende aus! Ich gebe zu: Fanta4 sind nicht gerade meine Lieblingsgruppe, deshalb erkannte ich die Zeilen nicht. Passt aber zu deinem Lauf.
    Ich hoffe daß die zornigen Grummeleien erfroren sind und du ein entspanntes Wochenende verbringen kannst! Nichts soll den Einstieg ins Wochenende vermiesen. Flotter Lauf!
    lG
    Ralph

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  2. Liebe FrauWeinbergschnecke,

    Ach ja, jedes Mal für mich ein neues Erlebnis, auf deine Seite zu kommen, noch ungewohnt, aber der Mensch ist ja bekanntlich sehr flexibel, und außerdem gefällt es mir hier sehr gut, nicht nur wegen der Gestaltung, überhaupt, aber das weißt du sicherlich !

    “ Denn eigentlich macht es ja auch Freude sich zu überwinden “ – genau, hast du gut eingebettet in den Song der Fanta4, lässt sich wie immer sehr flüssig lesen, macht Spaß, mit dir in Gedanken zu laufen, mit zu fühlen und mit zu lesen.

    “ „Leb und fühl im Augenblick, hör auf, zuviel zu denken!“ – was für ein guter Vorschlag, den du dir immer wieder beherzigen solltest, und beim Laufen dürfte es dir zumindest gelingen.

    Die nasse Ostsee grüßt dich, speziell nur dich ! 8)

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  3. @Ralph: Es war wirklich ein perfekter Einstieg ins Wochenende – die Grummeleien sind weg, ob sie nun erfroren oder im Nieselregen abgesoffen sind! 😉 Mit Fanta 4 hab ich es normalerweise auch nicht so … das ist eigentlich das einzige Stück von ihnen, das ich ok finde. Dankeschön!

    @Margitta: Danke auch dir, liebe Margitta, für die lieben Worte und die ganz speziellen Ostsee-Grüße! Selbst für mich ist das neue Gewand der Seite noch ungewohnt. Heute habe ich endlich auch die hässliche Schrift über dem Foto weggekriegt (mitsamt Deppen-Apostroph) – jetzt gefällt es mir in meinem Blog noch besser!

    Liebe Grüße,
    Anne

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  4. Perfekt, liebe Schnecke! Ich gratuliere!

    Ach so, Du willst verständlicherweise auch wissen, wozu. Ich sag’s Dir:

    – zu Deinem tapferen Lauf ins Wochenende, zu Deiner Überwindung und den Erfahrungen, die Du unterwegs gemacht hast. Die nimmt Dir niemand mehr.

    – zu Deinem Verlust von etlichen zornigen Grummeleien am Moselufer. Ich weiß selbst nur zu gut, dass diese Begleiter eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag legen können und kaum abzuschüttel sind. Dir aber ist es gelungen – Respekt!

    – Zu Deinem wunderschönen Bericht über das alles. Das Lied der Fantastischen Vier als Rahmen all dessen, das Vergleichen, Hineinfinden, aber auch Abgrenzen von den Texten ist einfach gut gemacht. Darauf muss man/frau erstmal kommen. Und die herrlichen Gedanken über das Schicksal der Grummeleien hat mir ein breites Grinsen über das Gesicht gezaubert. Typisch Schnecke – toll!

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