Kromberenschnietscher

Immerhin regnet es im Gegensatz zu gestern nicht mehr. Zwischen den grauen Wolken lugt sogar ein schüchternes Zartblau hervor, als ich gegen 8:15 Uhr meine Burg verlasse. Unglaublich müde. Verfroren. Die Fleecemütze über die Ohren gezogen, obwohl es gar nicht so kalt ist. Nä, ich mag nicht. Oder nur ein bisschen. Vielleicht wird es dann ja doch noch besser. Für den Anfang soll ein wenig Musik auf die Beine helfen. Der MP3-Player liefert Kletzmer-Klänge von Kol Simcha. Keine Ahnung, was mich geritten hat, als ich diese schöne, aber sehr melancholische Musik draufgeladen habe. Wie auch immer: Sie passt zu meinem Befinden und meinem Bedürfnis nach einem ganz schläfrig-langsamen Lauf an der Mosel. Und sie passt zur grau-braun-umbrafarbigen Melancholie der Landschaft, in der ich versinke. Nur noch drei Wochen, dann werden die Tage wieder länger. Vielleicht gibt es dann sogar etwas wie Winter mit Frost, Schnee, überzuckerten Baumwipfeln ….

Verschnarcht trotte ich das Sträßchen an der Bahnlinie entlang. Irgendwie liegen mir die Kromberenschnietscher noch im Magen, die es gestern auf der Kleingarten-Adventsfeier gab. In Norddeutschland heißen sie Kartoffelpuffer, im Rheinland Reibekuchen, in Trier eben Kromberenschnietscher. Und sie können ziemlich groß ausfallen, was mir erst dann klar wurde, als man mir einen Pappteller mit drei dicken Puffern in der Größe eines Din A5-Blatts herüberschob. Eindeutig zu üppig, die Portion. Aber sehr gut gewürzt und nicht so fettig wie das Zeug, das momentan auf den Weihnachtsmärkten angeboten wird. Und sie ließ sich gut mit einem Becher Glühwein herunterspülen. Dazu ein Lagerfeuer. Es hätte richtig gemütlich sein können unter dem Zeltdach, wenn es nicht die ganze Zeit geregnet hätte und wenn das Pläsier mancher Menschen nicht darin bestehen würde, schmutzige Witze zu erzählen. Manchmal bin ich froh, dass meine Trierischkenntnisse nicht ausreichen, um jedes Wort zu verstehen!

Die Moselkilometer ziehen sich zäääääääääääääh in die Länge. Mit viel Überredungskunst schaffe ich es von der Staustufe bis zur Kaiser-Wilhelm-Brücke, kreuze die Brücke und schlappe am anderen Ufer zurück. Sehr wenige Menschen unterwegs, ein paar Gassigänger, ein laufendes Ehepaar um die 70, ein oder zwei Mountainbiker. Und das schüchterne Blau verschwindet auch wieder hinter Wolkenungetümen. Nein, die Lauflust will heute nicht wach werden. Dann eben nicht.

Im langsamen Tempo und mit niedrigem Puls schnecke ich so dahin, denke an gar nichts, bin nur froh, endlich die Römerbrücke erreicht zu haben und den Rückweg antreten zu können. Durch Trier-Süd mit seinen Kopfsteinpflasterstraßen suche ich meinen Weg. Ein frustrierter Blick in den Herz-Jesu-Garten: Wo einst ein wunderschöner Krankenhauspark mit alten Trauerweiden lag, der zu einer Erholungspause hinter der Stille seiner Mauern einlud, stehen jetzt mehrstöckige ellipsenförmige Blöcke mit noblen Eigentumswohnungen – und es wird immer noch weitergebaut. Wieder ein friedliches Stückchen Grün im Stadtbereich endgültig plattgemacht!

Der Anstieg vom Südbahnhof nach Heiligkreuz treibt den bislang angenehm niedrigen Puls doch noch einmal hoch. Inzwischen habe ich auch Hunger. Außer einem Becher Milchkaffee hat mein Magen heute noch nichts bekommen – die Kromberenschnietscher. Zum Glück liegt eine Bäckerei auf dem Heimweg. Und es gibt nicht nur Brötchen, sondern meine Lieblings-Sonntagszeitung ist auch noch da. Unter dem selbstbewusst die Wolken verdrängenden Zartblau des Novemberhimmels erreiche ich mein Zuhause nach 11.290 m in 1:19:35 Stunden.

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9 Gedanken zu “Kromberenschnietscher

  1. Ach, Frau Weinbergschnecke, erst musst ich mal dahinter kommen, was Kromberenschnietscher sind, gut habe ich gelesen, dann teile ich deine Meinung darüber hinsichtlich des Witze, mit denen sich manche Menschen meinen Freude zu bereiten, und worüber unsereins wegen Mangels an Wissen mancher Kraftausdrücke nicht folgen kann und auch gar nicht will.

    Und was bei der Bäckerei den Sonntags-Zeitungskauf angeht,so bin ich mir sicher, dass du dich nicht mit einer im allgemeinen sehr beliebten Volkszeitung nach Hause begeben hast, sondern hier eher individuellen Präferenzen den Vortritt gibst.

    Ach ja, so ein Sonntagslauf…………………. 8)

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  2. Da hast du daber schon viel überwunden heute 🙂 Meinen größten Respekt hast du aber nicht fürs Raus-Überwinden, sondern dafür, die Strecke mit Kletzmer-Musik in der Zeit geschafft zu haben. Ich hätte wohl mehr als anderthalb Stunden gebraucht mit so ‚m Sound im Ohr 😉

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  3. @Margitta: Da hätte ich gedacht, du wüsstest aus deiner Zeit im „Wilden Westen“ noch, was, Kromberen, Krumpern oder Krompern sind, aber scheinbar waren diese Wörter in deiner alten Heimat nicht gebräuchlich! 😉
    Die Sonntagszeitung war mein klarer Favorit, die „Frankfurter Sonntagszeitung“. „WaS“ ertrage ich zur Not auch noch, aber die auflagenstarke Zeitung mit den 4 Buchstaben im Titel geht natürlich gar nicht!
    Ja, so ein Sonntagslauf … wir verstehen uns, nicht wahr, liebe Margitta?!

    @Giegi: Herzlich willkommen hier in meinem Blog, Giegi! Um ehrlich zu sein: Nach 1/2 Stunde musste ich den MP3-Player abschalten,ich wäre sonst beim Laufen eingeschlafen. Am Anfang war die Musik sehr passend. Auf Dauer höre ich sie aber lieber daheim auf dem gemütlichen Sofa!

    LG,
    Anne

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  4. Ach so du meinst „Grummbiereponnekuche“ !
    Zum Glück mnachen wir die nur sehr sehr selten, da es immer wieder zu Fressattacken kommen kann die dann vermehrte Fettablagerungen an der Hüfte zur Folge haben.
    Aber heute um 8.15 schon unterwegs…brrrrr.

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  5. @Margitta: Krumbeere, Krompern, Krumpern, Kromberen, Grummbiere … schon unglaublich, wie viele Namen so ein unscheinbares Kartöffelchen haben kann, gell? 8)

    @Martin: Selbst mach ich sie mir genau aus diesem Grund nie; außerdem mag ich es nicht, wenn die halbe Küche voll Fettspritzer ist. Aber einmal im Jahr gönne ich sie mir!

    Ja, um 8:15 Uhr war’s noch grau … aber angesichts der Regenmengen, die nachmittags vom Himmel kamen, war der Morgenlauf eine gute Entscheidung!

    LG,
    Anne

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  6. Da hast du es ja wettertechnisch noch besser erwischt als ich. Das war dann die gerechte Belohnung für das heldenhafte frühe Aufstehen.
    Um die Sonntagszeitung beneide ich dich. Die wird bei uns leider nicht ausgetragen, unser Lädchen hat sonntags sowieso zu. Ich versuchte mal mir hilfsweise die WaS liefern zu lassen. Das fand aber der Austräger scheinbar zu abgehoben und lieferte immer die Zeitung mit den großen Buchstaben. Das war es dann mit Sonntagszeitung, schade drum.
    lG
    Ralph

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  7. @Ralph: Das leidige Problem mit den Austrägern kenne ich auch – als ich noch in Olewig wohnte, habe ich es mal mit einem Abo der Frankfurter Sonntagszeitung versucht. Experiment gescheitert. Anfangs lief alles glatt, aber nach 3 Monaten hat offenbar der Zusteller gewechselt. Seither musste ich an jedem 2. Wochenende reklamieren, weil die Zeitung nicht kam … manchmal wurde dann eine am Nachmittag nachgeliefert, manchmal auch erst am Montag. Nach vier oder fünf Beschwerden habe ich dann entnervt das Abo gekündigt. 😦

    Grombierekiechelche – auch eine hübsche Bezeichnung! 😉

    lg,
    Anne

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