Vom Nasswerden und Nasssein

Unverkennbar Herbst: Windböen peitschen den Dauerregen ins Gesicht, Wolken jagen über den grauen Himmel, die Farbe des herabgefallenen Laubs hat sich längst von fröhlichem Bunt in unansehnliches Einheitsbraun verwandelt. Die blaue Wetterjacke ergibt immerhin einen freundlichen Kontrast dazu.

Nur eine kleine Abendrunde soll es werden heute gegen 19 Uhr, ein Test meiner Jacke und meiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung. Also raus und das kleine Stückchen bergab durch die Kleingärten. Und feststellen: Nasswerden ist eklig. Du patschst in einem Moment der Unachtsamkeit in eine Pfütze und schon dringt die kalte Brühe durch das Mesh-Gewebe und wird von deinen Socken gierig aufgesogen. Zum Glück beschränkt sich das Nasswerden vorerst auf die Füße. Die Jacke hält sehr gut dicht, die Tight ist zumindest wasserabweisend, das Basecap schützt den Kopf. Die Lampe behalte ich in der Hand, um sie unkompliziert nur dort anschalten zu können, wo ich sie unbedingt brauche.

Im Tal brauche ich sie nicht, weil die Pfützen auf dem Asphalt genug Licht reflektieren. Fast bedrohlich wirken die schwarzen Pfähle der kahlen Rebstöcke. Über den blauschwarzen Himmel ziehen die Wolkenfetzen, der Wind pfeift und heult und lässt keinerlei Geräusche der Zivilisation zu mir dringen. Selbst die Gärtnerei liegt im Dunkeln und wirkt abweisend und einsam. Nicht einmal Purzel ist zu hören … na gut, bei dem Wetter jagt man wirklich keinen Hund vor die Tür!

Ich laufe deutlich zu hochpulsig, trotz superschneckigen Tempos, habe auch etwas müde Beine. Keine Ahnung warum. Vielleicht einfach zu wenig gegessen heute. Die Nässe von außen erreicht mich nicht. Dafür entsteht welche von innen und durchfeuchtet das Shirt. Angeblich ist die Jacke atmungsaktiv. Aber in dieser Eigenschaft hat sie deutliche Grenzen. Immerhin: Ich habe schon viel Unangenehmeres getragen. Und äußerlich trocken zu bleiben, das ist auch schon was! Inzwischen sind sogar die nassen Füße warm geworden und fühlen sich gar nicht mehr so unangenehm an. Nasswerden ist viel schlimmer als Nasssein! Bis zu einem gewissen Grad wenigstens.

Die Stadt ist in ein unwirklich scheinendes orangefarbiges Licht getaucht, auf das ich nun wieder zu laufe. Vorbei am Weingut Richtung Stadtrand. Erst dort begegnen mir wieder Menschen: Zwei ziemlich flott den breiten Weg entlang wetzende Läufer, die mich fast übersehen und über den Haufen rennen. Ein wenig lockerer werden die Beine jetzt. Trotzdem: Lieber morgen am Tage noch mal schauen, ob Zeit für eine lockere Runde ist. Also schlage ich direkt den Heimweg ein, hänge einen kleinen Schlenker an, um den fünften Kilometer voll zu bekommen. 5.030 m in 34:40 Minuten müssen reichen für heute.

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6 Gedanken zu “Vom Nasswerden und Nasssein

  1. Lockere Runden sind bei uns heute auch absolut nicht drin. Sturmböen mit Regen sind im Wald einfach zu gefährlich. Dann leiber Pause und morgen nachschauen ob´s besser wird. Und 5km reichen bei diesen Bedingungen sowieso.

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  2. Nasse Füße sind ja auch – falls es nicht eiskalt ist – irgendwie cool.

    Man ist halt doch etwas härter als der Rest der sofasitzenden Bevölkerung. Und letztendlich auch wirklich zufrieden. Jeder gelaufener Kilometer ist ein guter Kilometer! 😉

    Schöne Grüße
    Lars

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  3. Dann hat es ja tatsächlich zu einem virtuell gemeinsamen Lauf gereicht 🙂 – wenn auch nur für wenige Minuten. Der Abend heute war schon ziemlich speziell, Gratulation, daß du es auch auf die Strecke geschafft hast.
    Glückwunsch auch zu deiner neuerstandenen Jacke. Scheint ja wirklich ein gutes Stück zu sein.
    lG
    Ralph

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  4. @Martin: In den Wald hätten mich heute keine zehn Pferde gekriegt – ich bin nicht lebensmüde! Heute nur eine kurze Runde gegen die Faulheit … für morgen bin ich guter Hoffnung!

    @Lars: Genau, nasse Füße sind cool! Und das Wissen um die Zufriedenheit hinterher motiviert unglaublich!

    @Ralph: Immerhin ein Viertelstündchen hatten wir zusammen, laut Garminchen bin ich doch erst um 19:11 Uhr los. Ja, die Jacke ist nicht überragend, aber doch sehr brauchbar: Wasserdichtigkeit ist prima, am Hals ist sie genügend geschlossen, Kapuze sitzt gut, Atmungsaktivität scheint halbwegs akzeptabel. RP-Hausmarke, war schon runtergesetzt und der Verkäufer ließ sich auch noch minimal runterhandeln, da fiel der Griff zur EC-Karte etwas leichter. Ich deklariere das gute Stück als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk an mich!

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  5. Liebe Anne, du hast dich überwunden, hast es gewagt, hast nasse Füße und auch ein wenig Nässe auf der Haut gespürt, aber es lohnt sich immer, so meine ich, gerade dann, wenn andere meinen, wie kann man nur, wenn auch nur aus Protest.

    Nass am Körper ist sehr unangenehm, aber mit dem richtigen Werkzeug kann man es vermeiden, so war ich in Ellerdorf 36 Kilometer in strömendem Regen mit meiner neuen Jacke unterwegs und konnte mich oben herum trocken in die Turnhalle bewegen, ist Gold wert so ein Teil, wenngleich es zugegebenermaßen nicht gerade preiswert ist, aber es zahlt sich aus.

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  6. Ja, liebe Margitta, eigentlich ist die Überwindung rauszugehen der größte Schritt, alles andere geht dann fast wie von selbst. Mit wirklich gutem Material macht das Ganze natürlich noch mehr Spaß. Wenn ich solche Distanzen laufen würde wie du, dann würde ich das Geld dafür vielleicht auch ausgeben. Aber momentan ist das halt schwierig. Und ich denke, dass ich auf den Läufen von 1 1/2 bis 2 Stunden, die ich im Moment höchstens mache, auch mit einer zweitklassigen Jacke zurechtkomme – die heiße Dusche ist ja schneller erreicht!

    lg,
    Anne

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