Im fremden Revier

Voll bewaffnet stehe ich am Saarufer in den Wiesen kurz hinter Kanzem. Unter Jägern könnte mich so etwas in den Verdacht der Wilderei bringen. Eigentlich ist das nämlich gar nicht mein Revier, sondern das meines geschätzten Mit-Bloggers und –Foris Ralph alias Thestral. Aber meine Waffen sind ja nur Laufschuhe und Garminchen. Und Läufer können gönnen! Sie nehmen einander ja auch nichts weg, sondern sie teilen gern das, was schön ist!

Und das Laufrevier an der Saar ist richtig schön! Bislang bin ich dort nur Rad gefahren. Heute früh hat mich nun ein Telefonat dazu angeregt, endlich einen lang gehegten Vorsatz zu realisieren und mal eine Laufrunde am Saarkanal und dem Saarbogen zu drehen. Nur muss ich dazu natürlich erst einmal an die Saar kommen. Aber wozu hat frau ein Fahrrad?

Gegen 9 Uhr strampele ich los Richtung Moselufer, in langer Fahrradhose mit Trägern, T-Shirt mit Radjacke drüber, Rucksack und Kamera im Gepäck. Das Wetter weiß nicht, was es will: Das kurze Aufblitzen von Himmelsblau wird abgelöst durch wuchtige schwärzlichgraue Wolkengebirge, dann wieder lassen die Sonnenstrahlen das Herbstlaub, das teils noch an den Bäumen hängt, intensiv leuchten.

Mosel

Bis zur Kanzemer Brücke sind es via Saaraltarm ungefähr 14 Kilometer. Hinter der Brücke halte ich mich rechts, verlasse den Ort – vor mir öffnet sich eine Wiesenlandschaft.

Wiesen

An einem Hinweisschild direkt am Ufer schließe ich mein Rad an, Helm und Rucksack gleich dazu. Kamera, Schlüssel und Geld in die große Rückentasche der Radjacke. Auf geht’s! Eiwei, ist das unangenehm! Die ersten Laufschritte fühlen sich wackelig an, es zieht ein wenig in den Leisten. Aber nach einigen hundert Metern haben sich diese Wehwehchen gegeben.

Rad

An der Saar entlang zur Schleuse, dann am Saarkanal entlang und am Saarufer zurück bis Kanzem soll es gehen. Auf etwa 5, höchstens 6 Kilometerchen schätze ich die Runde. Ungefähr die Distanz, die mir nach dem verunglückten gestrigen Lauf fehlt. Den habe ich in den Weinbergen zwischen Stadt und Uni absolviert. Wollte nur schnell im Büro ein paar Kleinigkeiten erledigen, dann zurücklaufen – da kam der Regen. Und er blieb. Und ich hatte keine Regensachen dabei. Und auf 4 Kilometern kann man verflixt nass werden. Das muss nach einer gerade erst überstandenen Erkältung nicht sein. Dachte ich und blieb im Büro. Eine Stunde, zwei, drei. Als der intensive Dauerregen nach vier Stunden noch immer nicht aufhörte, war die Entscheidung pro Bus gefallen und es blieb bei 5.510 hügeligen Metern in 37:26 Minuten.

Am Saarkanal wird es grau und düster. Vor mir zwei schwatzende Frauen, die, als sie mich von hinten herannahen hören, so viel Platz machen, dass sie fast schon in den Kanal fallen. Ich bedanke mich, kann mir aber angesichts so übertriebener Rücksichtnahme einen Kommentar nicht verkneifen: „Also, sooo breit bin ich doch nun auch wieder nicht!“. Wenige hundert Meter klingelt ein älterer Radfahrer hinter mir, rollt an mir vorbei, dann neben mir her und spricht mich an. Er läuft auch, spricht von 70 Wochenkilometern, aber nein, Marathon würde er inzwischen nicht mehr laufen, nur noch so zum Spaß! Eine schöne Begegnung!

Saarkanal

Beeren

Am Abzweig des Kanals in Schoden halte ich mich links und laufe am inneren Ufer des Saarbogens entlang, vorbei an den Winzern, die am heutigen Sonntag rackern und ihre Ernte einbringen. Vier große Edelstahlfässer stehen bereits bis zum Rand mit Trauben gefüllt und warten auf ihren Abtransport. Danach wird es ein Stückchen einsam – nur der Fluss, die halbkahlen Bäume und Sträucher und ich.

Saaraltarm

Gegenüber von Wiltingen endet dieses Idyll leider, für etwa 1,5 km muss ich am Straßenrand laufen, weil ich keinen Rad- oder Fußweg entdecken kann. Grummel! Immerhin bin ich in meiner leuchtendgelben Jacke gut zu sehen, und die entgegenkommenden Autofahrer machen bereitwillig Platz.

Weinberge

Schon ist Kanzem erreicht, am Sportplatz vorbei laufe ich durch die Kirchstraße, hinein in den alten Ortskern, an wunderschön restaurierten Winzerhäusern vorbei wieder hinaus aus dem Dorf. Ein kleiner Spurt noch, einfach aus Jux und Dollerei, dann ist das Rad erreicht! Oooops, 8.820 m in 56:06 Minuten – das war doch ein ganzes Stück weiter als gedacht!

Kanzem

Egal! Rucksack, Helm auf, zurück ins Dorf. Plötzlich schießt etwas Blaues um die Ecke und springt mir fast vor’s Rad: Der hiesige „Oberförster“ hat mich ertappt! Ralph und ich sind beide überrascht und wohl auch ein wenig erschrocken. Wir grüßen uns nur kurz, aber halten nicht an. Ich überlege noch, ob ich umdrehe und ein Stück neben ihm herradele, aber mir ist kalt, ich bin verschwitzt und inzwischen doch etwas kaputt. Und auch Ralph wirkt eher, als sei er froh, schnell noch irgendwie ein Stündchen zum Laufen (und nicht zum Schwätzen) abgeknappst zu haben! Schön war’s trotzdem, ihn mal wieder – wenn auch nur auf der Durchreise – gesehen zu haben!

Laub

Der Rückweg wird etwas zäh. Zwar lässt sich immer wieder die Sonne blicken und wärmt, aber die Jacke ist doch ein wenig zu dünn und mir wird fröstelig, sodass ich die Handschuhe wieder aus dem Rucksack hole, um mich wohler zu fühlen. In Konz lege ich einen kleinen Trinkstopp ein, noch ungefähr 7, 8 Kilometer an der Mosel entlang, die inzwischen im Sonnenschein liegt und deren Ufer vor allem von Radfahrern kräftig genutzt wird. Das Stück zieht sich (wie eigentlich immer) in die Länge. Aber irgendwann ist es doch geschafft. Voller Vorfreude auf die heiße Dusche stoppe ich vor der Haustür nach weiteren 15 Radkilometern. Schön war’s!

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8 Gedanken zu “Im fremden Revier

  1. In meinem Revier dafst du gerne laufen 🙂 ! Dann noch so schöne Bilder gemacht – mehr als ich bisher bei mir eingestellt habe *schäm* . Unsere kleine Begegnung heute kam etwas sehr plötzlich. Stehenbleiben war heute nicht drin – ich war auf einer Testrunde für Langsur unterwegs. Unterwegs dachte ich aber: wäre jetzt eigentlich ganz nett, wenn Anne als Pacemaker mit 12 km/h neben mir her fahren würde 😉
    Du hast dir auf jeden Fall die schönste Runde auf unserer „Insel“ ausgesucht. Aus meinen Berichten könntest du aber wissen, daß da ein Stückchen Radweg fehlt. Ging ja aber gut.
    Kannst gerne mal wieder „wildern“ kommen 🙂
    lG
    Ralph

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  2. Lieber Ralph,

    so was Ähnliches wie einen Testlauf hatte ich vermutet, so fix wie du um die Ecke kamst! Wäre ich mal bloß umgekehrt, es wäre mir ein Vergnügen gewesen, dir die Pace zu machen! Aber du hast das bestimmt auch ohne mich gut hinbekommen … 8)

    Ja, das mit dem fehlenden Stück Radweg hätte ich wissen müssen. Aber du weißt ja, wie das ist: Was man nicht wissen oder erinnern will, das weiß man auch nicht. Im Hellen und gut sichtbar gekleidet ist es ja nicht so schlimm, zumal insgesamt nur 8 oder 9 Autos unterwegs waren.

    Und zum Wildern komm ich gern mal wieder, es ist nämlich wirklich wunderschön zu laufen dort. Außerdem: Die Kombination Rad + Lauf hat was. Und wenn frau mal weiter laufen will (bis Saarburg und retour) und zu müde für den Heimweg per Rad ist, gibt es ja die Haltepunkte der Regionalbahn! 😉

    LG,
    Anne

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  3. Meine Güte, welche Herbstpracht! Und welch eine schöne sportliche Kombination, die Du Dir da hast einfallen lassen! BRAVO! Da wurdest Du ja mit wohltuenden Eindrücken und Erlebnissen geradezu gesättigt. Dankschön für Deinen bunten und wieder einmal so lebendig geschriebenen Bericht. Das Prädikat dafür hast Du Dir nicht nur durch den Markennamen Deines Rades, sondern auch für Deinen Heldenmut verdient: Gigantisch! 🙂

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  4. Erst einmal : Wunderschöne Herbst-Impressionen
    dann: Was für eine tolles Fahrrad, FrauWeinbergschnecke
    dann: Ein Duathlon

    dass es dir nach dem Radfahren ein wenig eirig vor kam, das kann ich sehr gut nachempfinden, dass es dir dann auch auf dem Heimweg frisch wurde, auch, aber dein schönes Natur-und Bewegungserlebnis kann dir keiner nehmen, auch wenn es nicht dein, sondern Ralphs Revier ist.

    Ein schöner, beneidenswerter Sonntag, die Sonne hat mir heute gefehlt, aber ich bin nicht neidisch, nein, nein, nein ! 8)

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  5. An den schönen Fotos sehe ich erst was ich früher beim vorbeilaufen verpasst habe.Wirklich eine schöne Laufgegend und natürlich auch zum Rad fahren.Tolles Rad übrigens;-)
    Gruß Achim

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  6. @Peter: Gern geschehen, vielen Dank für deine Anerkennung! Es wäre auch eine Schande gewesen, einen so schönen Herbsttag nicht ausgiebig zum Sporteln und Bilder machen zunutzen!

    @Margitta: Ja, mal ist die eine, mal die andere vom Wetter begünstigt! Die Bilder habe ich gern eingestellt, prima, dass sie dir gefallen, und dankeschön für das Lob dafür! Sie sollen in erster Linie daran erinnern, dass es die Sonne tatsächlich noch gibt, auch wenn man das im November manchmal fast vergessen könne! Und dann einmal das Revier erkundet zu haben, von dem Ralph immer so liebevoll erzählt – es war einfach ein rundum gelungenes Erlebnis!

    @Achim: Na dann nix wie hin!!! 😉 Mit dem Rad bin ich sehr zufrieden, es sieht nicht nur recht schick aus, sondern ist relativ leicht und – das ist ja die Hauptsache – fährt sich auch angenehm!

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  7. Endlich komm ich dazu, auch wieder bei dir reinzuschauen. Und der Besuch hat sich gelohnt. Was für wunderbare Herbstbilder samt anschaulichem Bericht. Ich bin grad ein bisschen mitgeradelt und mitgelaufen und habe zusammen mit dir dieses wirklich wunderbare „Revier“ genossen.
    Vielen Dank für diese wunderschöne Ablenkung und liebe Grüsse

    Marianne

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  8. @Marianne: Gern geschehen! Ich freue mich, dass ich ein wenig Herbstsonne in deinen grauen Novemberalltag zaubern konnte! Und irgendwann laufen wir da vielleicht auch mal zusammen …

    lg,
    Anne

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