Angekränkelt auf Beutezug

Seit drei Tagen kratzt es im Hals und das Schlucken fällt schwer. Nicht so, dass ich mich richtig krank fühle. Aber eben auch nicht hundertprozentig gesund. Und darum starte ich mein Samstagmorgenläufchen nicht gerade voller Zuversicht, sondern mit dem Gedanken „Kucken, was geht!“. Und angesichts des blauen Himmels von vornherein verzichten? Das geht gar nicht! Wenn ich wirklich krank wäre, ginge es natürlich schon. Aber ein gewisses Angekränkeltsein bedeutet ja nur „Mach vorsichtig, kuck auf den Puls und das Befinden und brich das Ganze notfalls ab!“.

Und ich mache vorsichtig. Die Beine wollen laufen, das merke ich schon bei den ersten Schritten. Richtig laufen. Schneller laufen. Aber wir wollen es ja nicht übertreiben, ihr Lieben. So lasse ich die Handbremse leicht angezogen, als ich auf meine Hausrunde einbiege. Heute einmal entgegen der üblichen Laufrichtung – man soll ja immer wieder mal die Perspektive wechseln, um Dinge neu betrachten zu können. Und ich stelle fest: Wie ich mich auch drehe und wende, ich mag diese Runde! Weitgehend flach mit ein paar kleinen Wellen und einigen sehr, sehr kurzen Anstiegen. Vorbei an den Weinbergen, in denen fleißige Menschen die letzten Trauben lesen, den schmalen Pfad am Bach entlang, über dichte Schichten von Laub, die sich inzwischen von Gold und Rot zu Rostbraun verfärbt haben.

Den Zwei-Kilometer-Abschnitt im Wald gönne ich mir gleich ein zweites Mal. So schön ist es, den Duft des Laubs zu riechen, das Sonnenlicht durch die spärlicher werdenden Blätter fallen zu sehen, den weichen Waldboden federnd unter den Füßen zu spüren! Ohne es zu wollen, werde ich schneller. Der Puls liegt einige Schläge höher als sonst, aber ich fühle mich gut dabei. Sogar der Hals kratzt nicht mehr, wahrscheinlich tut ihm die frischwürzige Herbstluft gut. Also kann es nicht allzu verkehrt sein, was ich hier tue!

Zahlreiche Autos an der Gärtnerei, Allerheiligen naht und damit die Hochsaison für Grabgestecke. Der arme kleine Purzel kommt gar nicht mehr nach mit dem Verbellen der – aus seiner Sicht – ungebetenen Besucher. Mich kennt er inzwischen und bleibt daher still. Die abschüssige Straße lädt dazu ein, noch einen kleinen Tick draufzulegen. Flüssigen Schrittes und breit grinsend vor Freude über den „runden“ Lauf biege ich in die Gartenanlage ein. Kurzer Stopp zum Rucola-Gießen im Treibhaus, dann die Treppe hoch Richtung Heimat.

Am Apfelgarten mehrere Autos, ein Anhänger voller Getränkekisten – ach ja, heute ist „Tauschtag“: Selbst gesammelte Geheimräte und andere Äpfel gegen Saft oder Viez! Und ich habe ja noch einen nicht eingelösten Gutschein, den ich für die neulich abgelieferte Ernte bekommen habe. Also nichts wie hin! Vorher aber schnell noch Tageszeitung und Brötchen beschaffen, ein kleiner Extra-Schlenker durch’s Wohngebiet, damit der zehnte Kilometer voll wird – insgesamt ergibt das 10.060 m in 1:03:54.

Zurück am Apfelgarten eine freudige Nachricht: Ab sofort darf alles gepflückt und aufgesammelt werden, was noch da ist, auch von „fremden“ Bäumen! Das lässt Frau sich selbstredend nicht zweimal sagen. Selbst wenn auf diesem Beutezug nicht mehr allzu viel zu finden ist: Die insgesamt 40 Kilogramm geernteten Äpfel ergeben – getauscht im Verhältnis 2:1 mit einem Aufschlag von 50 Cent Mostgebühr pro Flasche – 20 Liter Saft. Wahlweise ganz frisch gepresst (aber natürlich nicht lange haltbar) oder sterilisiert. Ufff! Mit dieser Menge hatte ich gar nicht gerechnet. Zweimal muss ich gehen, um die drei Kisten Beutegut in den häuslichen Keller zu schleppen. Aber dafür ist nun der Wintervorrat komplett!

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6 Gedanken zu “Angekränkelt auf Beutezug

  1. bohey – wegen dem Appelsaft bin ich neidisch. Das war über meine Kindheit immer das allerallerleckerste Getränk, das es zu Hause ab und zu gab: der Apfelsaft aus eigenen Äpfeln – und meine Geschwister haben das immer noch und du auch und nur ich nicht *wein* … irgendwann zieh‘ ich doch wieder auf’s Land. So!

    Hat’s bei Euch noch nicht gefroren? Hier ist so ziemlich alles Grünzeug platt nach mehreren Frostnächten.

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  2. Für mich ist das auch eine wunderbare Kindheitserinnerung: Apfelsaft aus eigenen Äpfeln. Noch besser: Apfel-Karotten-Saft, aus dem Entsafter direkt ins Glas!

    Hier ist nach fünf oder sechs Nächten mit Bodenfrost auch vieles hinüber! Meine Zucchini hatten noch massig Früchte angesetzt, die hat’s dahingerafft, die Paprika natürlich auch. Aber Kohl, Lauch, Spinat und Grünkohl, überraschend sogar der Lollo Rosso haben alles gut überstanden.

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  3. Hallo, Frau Weinbergschnecke und Hobby-Gärtnerin, hoffe sehr, dass sich die Halsschmerzen wieder verzogen haben dorthin, wo sie her gekommen sind, frische Luft kann manchmal Wunder wirken.

    Gehortet hast du genug im Keller, da kann der Winter kommen.

    Gute Besserung – trotzdem, im Falle dass……………………. 😉

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    • Alles im grünen Bereich heute – die frische Luft hat Wunder gewirkt. Und auch dank der im Keller gebunkerten Vitamine hoffe ich, dass das mit der guten Gesundheit so bleibt!

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  4. Der Lauf war doch die perfekte Medizin gegen das Kratzen im Hals. Erst vertreibt die frische Luft das kratzende Gefühl und die (vorsichtige) Bewegung bringt die körpereigenen Abwehrkräfte auf Trab. Und hinterher noch den Vorrat an frischgepressten Vitaminen gefüllt – so ist doch alles gut.
    lG
    Ralph

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