Perfekt!

Es gibt Sitzungen, die braucht kein Mensch! Aufgebläht durch Diskussionen über Marginalien, atmosphärisch vergiftet durch persönliche Eitelkeiten und Zickereien, zielblockierend durch fehlende Kompromissbereitschaft gepaart mit Inkompetenz. Drei Stunden davon plus drei Stunden Vorbereitung plus eine halbe Stunde Nachbereitung, dann ist frau erst einmal bedient. Preisfrage: Was tut eine Läuferin nach so einem Tag, um den Kopf freizubekommen? Klar doch: Laufen!

Also gegen 17 Uhr rein in die – vorsorglich schon gestern im Büro deponierten – Laufklamotten und raus ins Grüne. Noch ein Hauch von Blau am Himmel, auch wenn die Sonne inzwischen leider hinter dünnen Wolkenschleiern versteckt ist. Dazu angenehme Temperaturen, frisch, aber nicht kühl. Perfektes Laufwetter eben.

Eigentlich zu warm für die Longtight, sodass ich die Reißverschlüsse offen lasse und die Beine ein wenig hochkrempele. Schon auf den ersten Metern spüre ich: Auch die Beine fühlen sich perfekt an heute! Locker, leicht, entspannt (im Gegensatz zum Kopf), voller Lust auf das, was ihnen jetzt bevorsteht: Berg- und Talbahn kreuz und quer über das Gelände der ehemaligen Landesgartenschau, durch die Streuobstwiesen, Weinberge und den Wald auf dem Petrisberg. Nirgends langgezogene Anstiege, immer nur ein paar hundert Meterchen hoch und gleich auf der anderen Seite der Kuppe wieder runter, den nächsten kleinen „Hubbel“ schon vor Augen. Manchmal steil, manchmal etwas flacher. Perfekt für ein „natürliches Fahrtspiel“!

Dazu noch ständig wechselnde Untergründe. Auf dem Zickzackkurs ist fast alles dabei – außer „Karnickelsand“: Festgewalzter Sand, Asphalt, Sand mit feiner Splitauflage, grober Schotter, grobes Pflaster, Gras, weicher Waldboden, unebener Feldweg mit tiefen Spurrillen. Ständig erhält die Muskulatur neue Reize, auf die sie sich einstellen muss und das auch gern tut. Perfekt!

Die meisten Wege habe ich für mich allein. Nur vereinzelte Begegnungen: Spielende Kinder auf dem Gartenschaugelände, ein paar Walkerinnen, Vater und Sohn beim Drachensteigenlassen, ein laufender Triathlet, bekannt aus der Lokalpresse, einige Winzer bei der Lese, mehrere Touristenpaare auf dem Weinlehrpfad. Im Wald zwei Läuferinnen, die ebenso wie ich die verschiedenen Wege dort ablaufen. Wir begegnen uns drei- oder viermal, die eine grinst mich jedes Mal so fröhlich an wie ich sie, die andere muffelt und vermeidet den Blickkontakt. Auch gut, wer nicht will …! So bietet die Strecke den perfekten Mix aus Alleinsein und Ablenkung.

Der Körper läuft trotz des nicht ganz einfachen Streckenprofils quasi von selbst heute. Ein Erlebnis, wie ich es in den vergangenen Wochen selten hatte! So gibt der Lauf mir Zeit. Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen. Freude zu empfinden darüber, dass ich die Gelegenheit habe, jetzt und hier zu laufen. Wieder einmal stolz auf meine Entscheidung zu sein, beruflich zurückgesteckt zu haben, um mir solche persönlichen Freiräume zu sichern. Dankbar zu sein, dass ich momentan an Körper und Seele gesund bin und all das intensiv genießen kann. Sicher zu sein, dass ich den Boden unter den Füßen nicht nur heute intensiv spüre, sondern nicht mehr so leicht verlieren werde. Und zu wissen, dass ich meine Grenzen kenne, weiß, was ich will und kann und was nicht – in jeder Hinsicht, nicht nur läuferisch. Perfekt!

Zurück am Bürogebäude endet der perfekte Lauf nach 13.060 m in 1:31:14 … na gut, fast perfekt, am Tempo arbeiten wir noch! Aber es muss ja nicht alles perfekt sein!

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6 Gedanken zu “Perfekt!

  1. Wir, damit meine ich alle diejenigen die nicht in der Stadt laufen müssen sondern die Natur direkt vor der Tür haben, sind doch wirklich vom Glück begünstigt worden. Und wenn dann noch so ein Lauf rauskommt , dei dem die Beine von alleine laufen, kann ein Tag wenn er auch noch so mies begann, wunderbar enden.

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  2. Das klingt verdammt gut nach Zufriedenheit auf der ganzen Linie, wenn Frau dann auch noch laufen darf, um sich in ihrer Zufriedenheit zu baden, was gibt es schöneres, besseres ?

    Da es mir ähnlich geht, und ich dafür sehr dankbar bin, hast du in mir einen verständnisvollen Blog-Partner

    ES
    GEHT
    UNS
    GUT
    UND
    WIR
    SIND
    UNS
    DESSEN
    BEWUSST

    Danke ! 8)

    Schön zu wissen, dass es auch noch andere auf diesem Planeten gibt, denen es genauso ergeht ! 8)

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  3. @Martin: So schöne dichte Wälder wie bei dir habe ich leider nicht direkt vor der Haustür – auf der Strecke ist fast immer die Zivilisation im Blick. Aber immerhin: Keine Autos, kein Ampeln, kein Asphalt!

    @Margitta: Genau! Nichts hinzuzufügen! Danke, liebe Margitta! 8)

    @Marga: YESSSSSS! 8)

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  4. Irgendetwas muß dran sein an Tagen mit fruchtlosen Sitzungen. Das Adrenalin muß irgendwo hin – bei uns Läufer in die Beine.
    Wenn dann noch die Umgebung passt, dann kommt ein perfekter Lauf heraus. Glückwunsch!
    lG
    Ralph

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  5. Du bist ja noch viel mehr als ich leidgeprüft, was Sitzungen angeht. Ganz ehrlich: Ohne Laufen wüsste ich kaum mehr, wie ich damit umgehen sollte. Dankeschön, Ralph!

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