Zu spät zur Lese

Hätte ich an meiner Hausrunde heute noch ein paar Trauben lesen wollen, wäre ich zu spät gekommen. Ganze Heerscharen von bunt gekleideten Menschen – mutmaßlich polnischer Herkunft – bevölkern den letzten Wingert, der noch nicht leergepflückt ist. Nur eine Frage von Stunden, dann hängt kein einziges Träublein mehr. Hier in dem relativ engen Tal, wo hauptsächlich Tafelwein und Kabinett produziert werden, gilt die Maxime: Hauptsache abgeerntet!

Mit den bekannteren Steillagen, zum Beispiel denen am Petrisberg, hat man natürlich mehr Geduld. Man wartet ab, was die kommenden Oktobertage noch an Sonne zu bieten haben, hofft vielleicht sogar auf frühe Frostnächte und damit auf einen wertvollen Eiswein. Dabei werde ich nie verstehen, warum Eiswein so etwas Besonderes sein soll. Auf einer Weinprobe der Landwirtschaftskammer habe ich mal zehn prämierte Sorten verkostet – das Zeug schmeckt wie verflüssigte Gummibärchen, einfach nur süß und klebrig und für mein Empfinden viel zu intensiv, geradezu aufdringlich.

Petrisberg

Petrisberg

Aber gut, ich will laufen, nicht Trauben lesen. 14 Uhr etwa, die Sonne zeigt sich überraschend doch noch einmal zwischen den vorbei ziehenden Regenschauern, die vom kräftigen Wind immer wieder auseinander getrieben werden. Mir ist auch so getrieben heute, das merke ich schon bei den ersten Schritten vor dem Haus. Gut, dann eben ein wenig schneller heute! Wieder einmal jubiliere ich innerlich, weil ich mir kein Korsett eines Trainingsplans auferlegt habe, sondern einfach so laufen darf, wie die Beine wollen. Wegen eines Termins reicht es zwar nur für die kurze 6-Kilometer-Runde, aber viel besser als nichts!

Die schmale Straße muss ich mir noch mit dem Winzer und seinen Helfern, mit Spaziergängern, Gärtnereikunden, Gassi-Führern und Läuferinnen teilen. Aber die zwei Kilometerchen am Bach und im Wald gehören mir ganz allein. Ich patsche durch Pfützen, die der Regen des Wochenendes hinterlassen hat, höre auf das Plätschern des Baches, das Rascheln des Laubs unter meinen Schuhen. Begrüße die Rindviecher, die wohl ihre letzten Tage auf der Weide verbringen, bevor sie für den Rest des Jahres in die Enge ihres Stalls zurück müssen.

Der breite Waldweg verlangt meine Aufmerksamkeit, zu uneben ist er unter dem Laub, als dass ich träumen dürfte. Einmal geschlafen, schon könnte ein Ast unter den Blättern oder eine unbeachtete Bodenwelle mich unsanft in die Wirklichkeit zurückholen. Und zum Träumen bin ich auch ein wenig zu schnell; die leicht abschüssige Strecke lädt zu einem etwas flotteren Schnitt als gewohnt ein. Ich genieße es, meinen schwerer gehenden Atem zu spüren, die Anstrengung in den Beinen, die Schweißperlen auf dem Gesicht (nun gut, dass diese schließlich in meinem Auge landen, genieße ich nicht mehr!).

Nach fünf zügigen Kilometern drücke ich am Weingut den Stopp-Knopf und gönne Garminchen und mir eine kleine (Dehn-)Pause. Noch den letzten Kilometer auslaufen, dann ist da schon wieder die Haustür nach 6.020 m in 37:09 Minuten.

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6 Gedanken zu “Zu spät zur Lese

  1. Da bist Du heute förmlich mit dem Wind geflogen! Gibt es geflügelte Schnecken? 😉
    Bei uns ist die Lese gerade voll im Gang, zumindest in den tieferen Lagen. Am Altenberg hängen die Trauben teilweise noch unberührt.

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  2. Liebes koboldchen,
    Schnell ein virtueller Ausflug in die Weinberge, das ist schön und bietet Abwechslung zu meiner üblichen Mittagsrunde dem hiesigen Fluss entlang. Da ist es zwar momentan auch schön, farbiges Laub, das unter den Laufschuhen raschelt, und Herbstwetter, herbstlicher könnte es nicht sein. Windig, kühl, und Sonne und Wolken wechseln sich dauernd ab. Herrliches Wetter um Laufen und einfach ein bisschen den Gedanken nachzugehen.
    Und das machst du ja auch 🙂
    Ganz liebe Grüsse, Marianne

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  3. Ja…der Eiswein….kann man trinken…muss man aber nicht….
    Bist du sicher, dass das Foto nicht bei mir zu Hause aufgenommen wurde?
    Bei uns gibt es keine polnischen Erntehelfer, das machen alles die Freunde der Winzer, oder ganz schrecklich die „Vollernter“. Da wird mit großen Maschinen durch die Hänge gefahren und rumsdibumsdi sind die Beeren von den Trauben geschüttelt.Von Romantik keine Spur.
    Diese Maschinen fahren bei Tag und Nacht durch manche Hänge und man könnte fast meinen, man sei im Skigebiet und der Pistenbully planiert die Pisten.Gott sei Dank gibt es noch genug Gebiete in denen die Weinstöcke zu eng für die Maschinen stehen.
    Auch das Laufen ohne Plan genieße ich gerade. Laufen nur nach Lust und Laune….wunderbar!
    Liebe Grüße
    Marga

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  4. @Ralph: Zumindest eine fliegende Schnecke – ich bin eine Mutation! 😉 Die Saarweine in deiner Gegend sollen ja auch wieder einmal einen besonders guten Jahrgang ergeben, da dürfen die Trauben gern noch ein wenig hängen bleiben!

    @SchweizerTrinchen: Genau, perfektes Laufwetter – wir genießen das jetzt einfach mal, denn das Novembergrau kommt früh genug!

    @Marga: Vielleicht hat mich gestern jemand zu dir gebeamt?! 8)

    Die Vollernter gibt es hier mittlerweile auch – leider! Der Besitzer des Weinguts hat alle Reben, die er in den vergangenen Jahren neu oder wieder angelegt hat, auf Maschinenabstand gesetzt. Nur in den älteren Lagen wird noch von Hand gelesen. Tja, die Zeiten ändern sich … 😦

    Liebe Grüße
    Anne

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  5. Ach ja, so springe ich von einem Thema zum anderen, bei dir fällt es mir auch in keinster Weise schwer, sondern ist eher ein angenehmes Lese-Erlebnis, darum jetzt noch die Weinberge, die mit polnischen Arbeitskräften übersäht sind.

    Auch ich verstehe das Theater um den so geliebten Eiswein nicht, der schmeckt mir denn ebenso wie dir – wir bevorzugen die trockenen Weine, davon gehe ich mal aus, dass du auch – oder ja ? 😉

    Was das Träumen angeht, so sollte Frau es sich doch in der herbstlichen Zeit für die Badewanne oder die Couch aufheben, bevor…………….. na ja, die weißt schon, aber das wollen wir alle doch nicht, gell ?

    Das alles erinnert mich an meine Jahre in der schönen Pfalz, Weinberge, neuer Wein, Zwiebelkuchen, Polen auf den Rastplätzen, früher verbrachten sie dort die Zeit der Weinlese, bis es überhand nahm und jeder Winzer dann für eine Unterkunft sorgen musste.

    Ach ja, bunte Wälder, Stoppelfelder – und der Herbst beginnt ! 8)

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  6. Da hab ich wohl eine kleine Zeitreise bei dir ausgelöst! 😉

    Leider scheint der Herbst nicht zu beginnen, sondern schon zu enden und nahtlos in den Winter überzugehen – minus 3 Grad, alles weißgefroren, meine Zucchini lassen die Blätter hängen 😦
    Aber es sind noch jede Menge Zwiebeln für einen Zwiebelkuchen da, dazu Federweißer oder ein trockener Riesling. Ich bevorzuge trocken, allenfalls feinherb (die lassen sich auch angenehm trinken). Auslesen, Beerenauslesen oder gar Eisweine kommen mir nicht ins Glas!

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