Schulsport

Ausgangs der Waldrunde kommen sie mir entgegen: Drei schlaksige Knäblein um die 16 im zügigen Dauerlauftempo. Ihnen unmittelbar auf den Fersen ein drahtiger Endfünfziger mit grauem Stoppelhaarschnitt im Trainingsanzug. Er strampelt auf einem Rennrad, den Knaben etwas zurufend, das sich mit viel Wohlwollen als aufmunternde Anfeuerung verstehen lässt. Ein Blick nach vorn zeigt: Da ist irgendwo ein Nest! Vermutlich im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, das direkt am Stadtrand liegt, sodass die Sportstunden geradezu prädestiniert sind für gelegentliche Waldläufe.

Die Nestflucht gestaltet sich naturgemäß unterschiedlich zügig. Herr Lehrer mit seinen Cracks hat auf einer Distanz von zweieinhalb Kilometern mehr als einen Kilometer Vorsprung auf den Letzten herausgelaufen, einen 1,90-Hünen mit reichlich Babyspeck auf den Rippen, dessen Teint ein unvorteilhaft fleckiges Rosa angenommen hat. Zwischendrin „Deutschlands Jugend“ in allen Varianten: Lauftussis in Weiß und Pink, natürlich mit MP3 im Ohr. Gazellen in bauchfreien Tops. Schweißtriefende junge Damen und Herren in dicken Sweatshirts und „Tschogginghosen“ – bei etwa 20 Grad, Nieselregen und gefühlten 100 Prozent Luftfeuchtigkeit eindeutig suboptimal bekleidet. Mitschüler, die sich den Schweiß sparen und bereits nach anderthalb Kilometern in ein zügiges Spaziergehtempo gewechselt sind, durch eine kleine Abkürzung wenigstens ein paar Meter einzusparen versuchen und nebenbei die Haribotüte herumgehen lassen.

Was mir aber am meisten auffällt: Die gucken alle so unglücklich! Genervt, lustlos, angespannt, leer, erschöpft …! Nicht einer hat auch nur den Hauch eines Lächelns auf dem Gesicht oder zumindest einen halbwegs entspannten Ausdruck.

Nun liegt es zwar bis zu einem gewissen Grad in der Natur der Entwicklungsphase, in der sich die Knaben und Mägdelein gerade befinden, möglichst cool aus der Wäsche zu gucken und alles bescheuert zu finden, was Erwachsene vorgeschlagen haben, zumal wenn es mit Schule zu tun hat. Aber was ich da mitbekommen habe, sah definitiv nach „Laufen zum Abgewöhnen“ aus.

Und plötzlich hatte ich die Stimme meines Sportlehrers aus der 11. Klasse im Ohr: „So, und heute laufen wir mal ein paar Runden außen um den Sportplatz“. Ein kollektives „Och neeee!“ – das natürlich nichts nutzte – war die Reaktion. Und ich habe Jahre gebraucht, um mich von den unguten Erfahrungen der Schulzeit zu erholen und endlich Freude am Sport allgemein und vor allem am Laufen zu finden und Zutrauen in meine Fähigkeiten zu gewinnen.

„Och neeee!“ – damals wie heute! Ob die Didaktik des Schulsports noch immer auf dem Stand von 1982 ist? Wie sollen die Kids denn erfahren, wie viel Freude das Laufen machen kann, wenn sie einfach nur zum Dauerlauf in die Botanik gescheucht werden? Gut, vielleicht tue ich dem Lehrer unrecht und in anderen Sportstunden lässt er mit mehr Spaß und Abwechslung trainieren! Aber ich bin skeptisch! Und zugleich bin ich sicher, dass es auch anders ginge, mit mehr spielerischen Elementen und vor allem mit Trainingsformen, bei denen die langsameren Schüler nicht völlig frustriert den schnellen hinterher hecheln müssen, sondern auf ihre Fähigkeiten zugeschnittene Übungen absolvieren. Dann hätten wir vermutlich eine ganz Menge begeisterter Läuferinnen und Läufer mehr!

So wie ich inzwischen doch eine geworden bin, trotz der unguten Erfahrungen mit dem Schulsport. Der heutige Lauf: Ein leicht verregneter, wegen der Schwüle auch anstrengender knapp 45-minütiger Trab über meine leicht erweiterte Hausrunde. Die lädierte Wade ist offenbar wieder völlig in Schuss, und das ist die Hauptsache! Die elektronische Buchführung registriert 6.470 m in 43:34 Minuten.

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9 Gedanken zu “Schulsport

  1. Liebe Anne,

    hier sitze ich, erhebe kurz meine flinken Finger von der Tastatur, um dir von ganzem Herzen zu applaudieren. Schön wie immer hast du du diese Situation geschildert, die uns wohl allen irgendwann in ähnlicher Form ins Auge gefallen ist, besonders uns als passionierte Läufer.

    Zunächst einmal dieser Kollektiv-Zwang, alle werden zum Laufen verdonnert, ob sie wollen oder nicht, nur wenige sind bereit und willig. Punkt zwei, sie werden durch die Gegend gehetzt, angetrieben, womöglich noch mit passenden netten Worten, wie : “ Schneller “ oder “ seht Eure Mitschüler da vorne, wie die ….. „. Pädagogisch absolut wertvoll !

    Klaro,nicht alle können/wollen laufen, aber wenn sie denn schon dazu angehalten werden, dann bitte in der richtigen Art und Weise und nicht mit der Triller-Pfeife.

    Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es sehr wohl gut möglich ist, Menschen aller Altersklassen zum Laufen zu motivieren, aber so, wie das gestern und leider auch heute noch in den Schulen praktiziert wird, sicherlich nicht.

    Ach ja, ich merke, du hast das richtige Thema für mich angeschnitten, mir kocht der Blut !

    Alleine schon das Voraus Laufen des Lehrers mit der “ Elite spricht „nicht gerade von Einfühlungsvermögen, das man von einem Sportlehrer eigentlich erwarten könnte, und dass Schüler, die mit hängender Zunge hinter ihnen her rennen müssen, in Zukunft keinerlei Lust am Laufen haben werden, wer kann es ihnen verdenken ?

    Huch, ich bin in meinem Element, her mit diesem Lehrer, dem zeige ich es ! 😉

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  2. Tja, meine Kids genießen wohl einen ähnlichen Sportunterricht, laufen aber alle Drei freiwillig zweimal in der Woche ein paar Kilometerchen. Ohne Sportverein, ohne Ermahnungen von Mutter – vielleicht ist es ja der Ehrgeiz, dem ab und zu „tschoggenden“ Vater (in uncooler Tschogginghose) *grins* zu zeigen wo der Hammer hängt ?

    LG
    Vera

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  3. Trauriges Thema, das du da anschneidest. Aus den Erfahrungen meiner Kinder muß ich leider bestätigen: der heutige Schulsport ist leider noch verbreitet auf dem Stand von Ende der der siebziger Jahre 😦 ! Teilweise sind es sogar noch die gleichen Lehrer. Der Sportlehrer meiner Tochter in der 5. und 6. Klasse hatte bei ihr vollen „Erfolg“ – no sports, obwohl sie bis zum Ende der Grundschulzeit begeistert Sport trieb, sogar im Verein. Diesen Lehrer kennen aus eigener Erfahrung einige Kollegen von mir – selbe Meinung.
    In den vergangenen beiden Jahren durfte mein Sohn einen völlig anders gearteten Schulsport erleben, leider hat er jetzt einen anderen Sportlehrer, scheint einer aus „altem Holz“ zu sein.
    Und bei mir dauerte es ja auch Jahrzehnte, bis ich mich von meinen Erfahrungen mit Schulsport erholte …
    lG
    Ralph

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  4. Liebes koboldchen,

    Ach wie schön du immer alles beschreiben kannst, so ein Bericht versüsst mir jedesmal den Tag.
    Obwohl ich in meiner Gegend nicht allzu vielen Läufern begegne, ist es auch mir aufgefallen. Bei vielen hat man den Eindruck, dass sie mit sämtlichen Emotionen bei der Sache sind, nur eben Freude, die ist nicht dabei.
    Und Schulsport mochte ich auch nicht, da kommen mir immer gleich die Erinnerungen hoch an den „Sporttag“: Der Duft der müffeligen Garderoben, Isostar, Dul-X, 700-Meter-Lauf und Ballwerfen (und das hämische Gelächter der lieben Klassenkameraden, weil ich im wahrsten Sinne wie ein Mädchen geworfen habe). Brrrrr… nie mehr wieder!
    Ganz liebe Grüsse, Mariannne

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  5. @Margitta: Ja, solche Beobachtungen können einen richtig auf die Palme bringen! Vor allem wenn man wie du so oft die Erfahrung gemacht hat, dass es besser geht. Vorschlag: Du kommst nach Trier, und dann fangen wir den Lehrer bei der nächsten Trainingseinheit mal ab und lesen ihm die Leviten! 😉

    @Vera: Tolle Kids hast du! Vielleicht macht wirklich der sportliche Papa einen Teil des Unterschieds aus!

    @Ralph: Schade für deine Tochter! Ich hoffe sehr, dass sie wieder „die Kurve kriegt“, vor allem jetzt, wo beide Eltern Wettkämpfe laufen und gelegentlich auch der Herr Sohn mit Papa auf die Piste geht. Vielleicht wird das ja mal ein „Mutter-Tochter-Ding“?! Falls nicht: An uns beiden kann man ja sehen, dass man mit einer gewissen Verzögerung doch über die unschönen Erfahrungen hinweg kommt! 8)

    @Marianne: Gell, diese Freudlosigkeit ist einfach trist anzuschauen! Und ihr musstet also auch Ballwerfen … wie sich die Erlebnisse gleichen. Für mich war allerdings der 100 m-Sprint NOCH peinlicher! 😉

    lg, den Mief der Schulturnhalle in der Nase
    Anne

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  6. Hättest du mir noch mit 40 Jahren gesagt : Lauf ein paar Runden um den Sportplatz“ hätte ich mir an die Stirn getippt, obwohl ich immer Sport betrieb. Aber Laufen ? Nee laufen ist doch sooo langweilig!
    So kann man sich irren! Und Schulsport leidet an den falschen Sportlehrern!!

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  7. Ja…so richtig motivierend ist es ja auch, wenn der Lehrer mit dem Rad nebenher fährt.
    Selbst benötigt er die halbe Kraft und ruft dann noch „Quäl dich du ….“
    Super! Das ist genau das , was die Pubies brauchen.

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  8. @Margitta: Ich hoffe doch sehr, dass die Aussicht, eine sympathische Läuferkollegin persönlich kennenzulernen, ein dritter Grund ist! 😉

    @Martin: Ja, manchmal merkt man erst „im Alter“, was gut ist! 8) Aber die Lehrer könnten es den Jugendlichen wirklich leichter machen!

    @Marga: Genau … irgendwie erinnerte mich das an Filme aus den 50ern (oder aus amerikanischen Bootcamps). Kein Wunder, dass die Kids bei sowas „dichtmachen“!

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