Gepflegter Dreiteiler

Mal gut, dass ich kein flottes Tempo gewählt hatte! Ich wäre sonst doch sehr versucht gewesen, für den Blogeintrag über diesen aus drei Abschnitten zusammen gesetzten Trainingslauf einen Titel zu wählen, der von konservativeren Leserinnen und Lesern möglicherweise als anstößig empfunden worden wäre. Stattdessen gefiel mir ein anderer Vergleich besser: Der mit dem Dreiteiler, Bestandteil der männlichen Ausgehgarderobe für besondere Gelegenheiten! Jackett, Hose und Weste. Während Jackett und Hose unverzichtbar sind (nun gut, laut Stilberaterin Silka Schwarz darf Mann das Jackett auf einer Feier ablegen, wenn der Gastgeber dies auch tut), ist es mit der Weste anders: Sie ist schick, macht die Garderobe festlicher, aber man braucht sie nicht. Ein Zweiteiler reicht völlig aus. Und ein „Zweiteiler“ sollte auch mein samstäglicher Trainingslauf eigentlich werden.

Beim Start gegen 18 Uhr spendiert die Spätsommersonne noch kräftige wärmende Strahlen, nur eine gelegentliche Brise kündigt schon die Abendkühle an. Teil 1 des Laufs – die Hose sozusagen – führt mich in den Tiergarten. Auf dem Weg Richtung Tal und Wald außer mir nur Gassigänger unterwegs. Ein schakalähnliches Etwas, ein wollweißer Hirtenhund, der mir wohlbekannte leuchtend braune Irisch-Setter … beeindruckende Vielfalt der Rassen.

Den Weg bergauf Richtung Kernscheid habe ich wieder für mich allein. Überraschend flüssig schiebe ich mich die Steigung hinauf, die Trockenheit der letzten Tage bedauernd, denn ich vermisse den würzigen Pilzgeruch, der ansonsten um diese Jahreszeit in der Luft hängt. Jetzt ein paar Tage Regen, dabei genügend Wärme – dann gibt’s vielleicht doch noch eine Spätzlepfanne mit selbst gesammelten Pfifferlingen und Maronenröhrlingen!

Am Ende des Waldausgangs zweige ich ab auf das Sträßchen Richtung Kernscheid, weiter bergauf also, nun aber in der prallen Sonne. Der Wind trägt HippHopp-Klänge zu mir herüber: Ein Jungbauer ist mit dem Traktor unterwegs, um seine Rinder zu füttern, das Radio bis zum Anschlag aufgedreht. Wären es Kühe, würde ich annehmen, dass sich angesichts der disharmonischen Klänge das Thema „Melken“ am heutigen Abend erledigt hätte. Aber wer weiß – vielleicht haben Kühe einen anderen Musikgeschmack als unsereins?!

Durch’s Dorf geht es wieder bergab, ich genieße die Stille, atme durch – und werde übermütig: Ich könnte doch am Ortsausgang den steilen Stich ins Tal nehmen und Richtung Irscher Sportplatz wieder hoch laufen. Keine gute Idee! Das wird mir bereits auf den ersten Metern der Steigung klar, einer unappetitlichen Rampe, die in eine Spitzkehre mündet und in eine deutlich ansteigende Straße übergeht. Ich mag nicht! Ich überrede mich noch ein paar hundert Meter weit, aber an der nächsten Kurve mag ich definitiv nicht mehr! Wenn ich morgen auch laufen will, kann ich heute nicht überziehen. So endet Teil 1 des Laufs vorzeitig nach ungefähr 6.2 Kilometer.

Die Landschaft lädt aber auch derart zum Genießen ein, dass eine Gehpause gerade recht kommt: Ein kleiner Schlenker hinüber zum Sonnenblumenfeld, ein Griff in den überreichlich mit Früchten behangenen Klarapfelbaum, Staunen über junge Apfel- und Birnbäume, die unter der Last der Früchte schier zusammenbrechen, Lächeln über die uralten Viezapfelbäume, die im Laufe der Jahre so viel an Kraft verloren haben, dass sie nur noch Äpfelchen in Mirabellengröße hervorbringen – die aber um so zahlreicher! Schade, dass ich die Digicam nicht dabei habe!

Im Dorf angekommen, muss ich mich geradezu zwingen, wieder in den Laufschritt überzugehen, so sehr habe ich mich an das gemütliche Spazierengehen und Schauen gewöhnt. Aber gut, es folgt Teil 2 des Laufs, die Weste gewissermaßen. Nicht so schick, wie ich es gerne hätte, teils auf dem Radweg an der Straße entlang bis Filsch, dann am Filscher Häuschen auf dem Feldweg unterhalb der Straße bis zum Verkehrskreisel, vorbei am Einkaufszentrum durch den Uni-Park und auf den Campus. Teil 2 endet am Hintereingang des Bürogebäudes nach 3.8 weiteren Kilometer. Ein geplanter Stopp, denn – Freenet sei dank! – ich habe daheim immer noch keinen Internetzugang und muss dringend nach meinen Mails schauen.

Fehlt also nur noch Teil 3, das Jackett. Das verpasse ich mir gegen 19:45 als ich mich auf den Heimweg mache. Lachsfarbene Schönwetterwölkchen vor blassblauem Himmel verheißen einen sonnigen Sonntag. Aber kalt ist es geworden, da hilft auch die aus dem Büro mitgenommene Weste anfangs nicht. Ich friere. Und gegen das Frieren hilft flotteres Laufen. Da die Dämmerung doch ziemlich schnell kommt, nehme ich nicht die Feldwege, sondern das neue Sträßchen Richtung Campus 2, vorbei am alten Hospital und den Wohnheimen Richtung LGS-Gelände. Die Finnenbahn am Panoramaweg ist frisch mit Holzschnitzeln aufgefüllt, was mich zwingt, die Füße sehr hoch zu heben, um nicht zu straucheln – anstrengend angesichts der doch recht vielen Kilometer, die ich schon in den Beinen habe! Aus einem der noblen Domizile rechts oberhalb des Wegs dringen Geräusche und Gerüche einer Party zu mir: Kinderlachen, Gesprächsfetzen, der Duft von Grillsteaks.

Die Augen schweifen dagegen nach links über das Tal und die dahinter liegenden Ausläufer des Hochwalds. Ich genieße das Panorama. Einige hundert Meter weiter liegt mir dann die Stadt zu Füßen: Amphitheater, Dom, Konstantin-Basilika ragen aus dem Häusermeer, neonblau angestrahlt leuchtet die Städtische Bücherei. Die Serpentinen der Sickingen-Straße hinunter kann ich es entspannt rollen lassen. Noch ein Schlenker durch die Bergstraße, wo wildgewordene Stadtplaner und geldgeile Investoren vor einigen Jahren die alte Löwenbrauerei mit Triers einzigem „richtigem“ Biergarten plattgemacht und das Gelände mit einer „Seniorenwohnanlage“ zugepflastert haben.

Tja, kaum ein Senior wollte dort wohnen (zu teuer? zu weit ab vom Schuss?) – also sind die behindertengerecht ausgestatteten Wohnungen auf dem freien Mietmarkt gelandet, natürlich zu entsprechend niedrigeren Preisen. Den Biergarten vermisse ich noch heute! Nur einige wenige Kastanien und die alte Feldsteintreppe sind übrig geblieben. Immerhin produziert eine saarländische Brauerei mittlerweile wieder das Trierer Löwenbräu nach alter Rezeptur … es ist nicht alles verloren gegangen! Mit diesen Gedanken laufe ich noch durch ein paar Seitenstraßen aus, kreuze die Olewiger Straße am Kreisel und beende Teil 3 des Laufs nach 5 Kilometern am Eingang der Gartenanlage. Der Dreiteiler summiert sich damit auf 15.030 m in 1:39:00 – schön war’s!

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8 Gedanken zu “Gepflegter Dreiteiler

  1. „Mal gut, dass ich kein flottes Tempo gewählt hatte! Ich wäre sonst doch sehr versucht gewesen, für den Blogeintrag über diesen aus drei Abschnitten zusammen gesetzten Trainingslauf einen Titel zu wählen, der von konservativeren Leserinnen und Lesern möglicherweise als anstößig empfunden worden wäre.“

    Hihi – ist schon lustig, wie man sofort weiss, was du damit meinst… *g*
    Wie auch immer, schöner Lauf!

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  2. Ach, liebe Anne,

    fast könnte ich wetten, wenn ich noch mehr solche gründliche, in alle Details gehenden Berichte von dir lese, werde ich blind in deiner Stadt meine Kreise ziehen können, denn mit deiner sehr genauen Schilderung (von Hunden mal abgesehen, die müssen ja nicht immer müssen !) wird es mir gelingen, aus deinem Haus, in deinen Garten, an der Autobahn vorbei etc.pp alle mir durch deine Berichte bekannten Strecken mühelos durchlaufen können.

    Das hat was !

    Das mit dem Konservativ-Sein und Sofort-Verstehen verstehe ich nicht, ist das schlimm, Hase hat es gleich verstanden ???????????? 😉

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  3. @Hase: Ja, ja, … 😉

    @Margitta: Läuferin, kommst du nach Trier, dann lies vorher den Weinbergschnecken-Blog, um dich zurechtzufinden! 8) Manchmal schreibe ich sicher etwas detailverliebt, aber da ich den Blog als Therapie gegen meine im Beruf aufgebaute Schreibhemmung sehe, erlaube ich mir hier (fast) alles, wenn ich es nur flüssig aus den Fingern in die Tasten hämmern kann!

    Und nein, es ist überhaupt nicht schlimm, die Andeutung nicht gleich zu verstehen … Lizzy hat ja nun auch dafür gesorgt, dass hier nun viel mehr als eine Andeutung steht! 😉

    @Lizzy: Läuferisch – warum nicht, die Nummer hatte was!? Darüber hinaus werde ich mich nicht ohne meine Anwälte äußern! 🙂

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  4. Zurückhaltend bin ich eigentlich ebenfalls, frech und koboldhaft allerdings auch – heraus kam dieser Einstieg! 😉 Und bei dem lassen wir es einfach bewenden, keine weiteren mehrdeutigen Details, das wird das Beste sein! 8)

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  5. Irgendwan muß ich mal nach Olewig fahren und von dort aus eine Runde starten! Dein Laufrevier macht Lust auf eine Entdeckungstour. Und bei der Beschreibung der Streuobstwiesen läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Der Herbst hat schon was.

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  6. Der Herbst ist einfach meine liebste Jahreszeit: Angenehme Temperaturen, wundervolles Licht, zauberhafte Farben, kleine Erfrischungen an den Bäumen … Fahr doch wirklich mal nach Olewig, da gibt’s ein paar richtig nette Rundstrecken um Kernscheid, Irsch und Hockweiler herum! Oder lass dich nach einem Trier-Besuch von deiner Frau dort absetzen und gönn dir einen Lauf durch den Wald, zuerst Richtung Brubacher Hof, dann über die Pellinger Höhe zurück ins Konzer Tälchen und nach Hause.

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