Bleifrei laufen

Bleifrei laufen – wie schön das doch sein kann! Locker, leicht, schwebend, tänzelnd, gazellenhaft, leichtfüßig, elegant, anmutig, entspannt, genussvoll. Momentan ist mir das leider nicht vergönnt. Noch immer habe ich Blei in den Oberschenkeln und den Augenlidern. Die Nachwehen der Renovierung und des Umzugs eben: Schwere Beine und erhöhtes Schlafbedürfnis. Als Schreibtischtäterin ist frau nix Gutes gewöhnt. Kartons schleppen, Möbel rücken, bis sie ihren endgültigen Platz gefunden haben, Putzen, „nebenbei“ die abgeernteten Gartenbeete mit Kompost anreichern, den Kompost einarbeiten und noch schnell ein bisschen Grün- und Rosenkohl pflanzen, Spinat und Feldsalat säen, Unkraut zupfen … puuuh, das schlaucht!

Gelaufen wird trotzdem, ab und an wenigstens, sonst wird das nichts mit dem Halbmarathon im Herbst! Und wenn’s nur ein kurzes Morgenläufchen im Tiergarten ist! Heute starte ich meine alte und neue Hausrunde erstmals von der neuen Wohnung aus. Kein steiler Pfad bergab mehr, der die Kniegelenke kräftig zusammenstaucht und auf dem man bei feuchter Witterung ins Rutschen kommt. Stattdessen ein flacher asphaltierter Weg durch die kleine Parkanlage, die leicht abschüssige Straße am Apfelgarten entlang, vorbei an einigen Häusern und hinein ins Tal.

Langsam laufe ich mich ein, die ersten Schritte tun richtig fies weh und fühlen sich staksig und ungeschickt an. Erst nach anderthalb Kilometern, als die Gärtnerei in Sicht kommt, werde ich lockerer. Muss ich auch, denn ein Läuferpaar biegt vom Weingut kommend auf das Sträßchen ein und hängt sich an meine Fersen. Männlein und Weiblein, beide Modell Dampfmaschine, laut schnaufend und keuchend und dabei – erstaunlicherweise – ununterbrochen sabbelnd! Nee, nicht morgens um halb sieben, das muss ich nicht haben! Also ziehe ich ein wenig das Tempo an. Zum Glück spielen die Beine mit! Es dauert nicht lange, dann verklingt das Schnaufen und Schwatzen von Herrn und Frau Dampfmaschine hinter mir.

Allerdings kann ich nicht behaupten, dass mir die Beschleunigung leicht fiele. Zwar ist die Luft zunächst recht frisch, aber die Schwüle hängt noch im Tal, macht das Atmen schwer und treibt den Schweiß aus allen Poren. Auf dem schmalen Waldweg hänge ich meinen Gedanken nach, gehe den vollgepackten Tag noch einmal durch. Der morgendliche Tau auf dem Gras durchfeuchtet meine Schuhe. Nicht mehr lange, dann wird um diese Uhrzeit der frühherbstliche Nebel über der Viehweide liegen und dass satte Grün mit einem milchigen Schleier überziehen. Heute kann ich den Blick noch frei über die Weide und den Weinberg auf der anderen Talseite schweifen lassen.

Auf dem leicht abschüssigen Weg erhöhe ich das Tempo nochmals ein klein wenig. Hinaus aus dem Wald, vorbei an der Gärtnerei spüre ich aber, dass meine Oberschenkel wieder murren, der Laufstil unrund und angestrengt wird. Also keine 10 Kilometer wie eigentlich geplant. Nur der Weg durch die Gärten muss noch sein, verbunden mit dem Blick auf die 3 Meter hohen Sonnenblumen, die blühenden Hibiskussträucher und Dahlien, der mir immer wieder ein dankbares Lächeln auf das Gesicht zaubert. An der gepflasterten Treppe gönne ich mir den Luxus einer kleinen Gehpause, um dann die letzten 400 Meter noch etwas flüssiger abzuspulen. Vor der Haustür endet ein „durchwachsenes“ Morgenläufchen nach etwa 6.600 m in 43:00 Minuten.

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10 Gedanken zu “Bleifrei laufen

  1. Hochachtung vor dem Programm, das Du Dir aufgehalst hast! Da darf das Laufen auch mal schwer fallen – und abkürzen darf man dann auch 😉
    Solche Dampfmaschinen lösen bei mir auch meistens einen Fluchtreflex aus.
    Schön, daß Du trotz allem heute die Kraft für den Zwischenspurt hattest!
    Eines verwirrte mich gerade – bist Du bei der alten oder bei der neuen Wohnung gestartet? War doch die neue, oder?
    lG
    Ralph

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  2. Das erste Mal von der neuen Heimat aus, da müsstest du jetzt sofort einen ausgeben, das ist so üblich !

    Und das Geflattere am frühen Morgen kann ich auch nicht ab, wenn man so früh morgens einen schon zulabert, dann ist für mich ebenso der Tag gelaufen, gut dass du angezogen hast, um dann wieder deine Ruhe zu finden.

    Und was das Bleifrei betrifft, lass‘ ihnen Zeit deinen Füßen, deinen Beinen, sie werden sich von den Strapazen der letzten Wochen schon langsam erholen, und dann rambazamba, dann geht die Post ab, rette sich wer kann, die Gazelle macht dann ihrem Namen Ehre. Sei nicht so ungeduldig, schließlich bist nur du alleine daran schuld, gell ? 😉

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  3. Diese „Morgenseinenzuquatscher“ gibt es wohl überall, schrecklich!
    Ich musste schmunzeln, über deinen bleifrei Vergleich. Erst gestern hatte ich das Gefühl Al Capone hätte meine Beine einbetoniert. Pssst !! Ich sags nur dir und ich hoffe, du sagst es nicht weiter…ein klein bischen, manchmal, vor allem beim Laufen sehne ich mich nach meiner Mütze….ein 2 jähriges Mädchen würde sagen: “ Ich will Winter!“ So aber freue ich mich, dass wir doch wieder einen schönen Sommer haben, ist nur beim Rennen so ungeschickt.
    Liebe Grüße
    Marga

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  4. @Ralph: Oooops, natürlich von der neuen Wohnung aus, sorry für die Verwirrung (hab’s jetzt ausgebessert). Mal gut, dass die Kraft reichte, die beiden Sabbelköppe hätte ich wirklich nicht ertragen! Und du hast recht, eine kleine Abkürzung ist gelegentlich erlaubt! 😉 Dankeschön, Ralph

    @Margitta: Darf’s ein virtueller Erdbeermilchshake sein? Ich hätte derzeit reife Monatserdbeeren im Angebot! 8)

    Und neinnein, so richtig ungeduldig bin ich nicht, ich kann meine Beine ja verstehen und spendiere ihnen heute abend auch eine kleine Massage zur Belohnung … auch weil sie mir so erfolgreich zur Flucht verholfen haben. Wir mögen es beim Laufen eben (meist) lieber stiller und einsamer, nicht wahr?!

    lg,
    Anne

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  5. @Marga: Hihi, der Al Capone-Vergleich passt auch sehr gut!!! 😉 Und wir schaffen das mit dem Sommer, auf jeden Fall, wir haben ihn schließlich lange herbeigesehnt. Auch wenn er zum Rennen unpraktisch ist, zum Im-Liegestuhl-Herumlümmeln-und-Caipi-Trinken ist er genau richtig! 8)

    lg,
    Anne

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  6. Die beste Idee, die du seit langem hattest:

    ERBEERMILCHSHAKE

    woher weißt du , dass ich ihn lieeeeeeeeeebe, sehr gerne, lass‘ ihn mal virtuell rüberwachsen, ich schließe schon mal die Augen, um besser genießen zu können, doch, ich schreibe blind, da kann ich getrost weiterschreiben, falls es dich wundert, dass hier noch Buchstaben wohl geordnet stehen ! 😉

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  7. Hier kommt er, schön gekühlt versteht sich, schaumig-cremig aufgeschlagen mit ein paar frischen Minzblättchen dazu (ich hoffe, du magst Minze, ansonsten tue ich nur ein wenig Zitronenmelisse als Deko an das Glas)! Wohl bekomm’s! 😉

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  8. Bleifrei können Treibstoffe sein – oder auch nicht. Manchen Getränken sagt man sowas schmunzelnd nach – manchen eben nicht. Und so ist das wohl auch ab und zu mit den Beinen. Dass Du trotz aller Beschwernisse gelaufen bis (und dann zu solch einer heldenhaften Zeit!), spricht ganz klar für Dich.

    „Ultaristgut“ hat völlig Recht: Sei doch nicht so ungeduldig ! 😉 Damit die Lalalas ihre volle Wirkung entfalten, rechnen wir in der M.-Vorbereitung mit 10 bis 14 Tagen (wozu sonst die lange Tapering-Phase?). Und Du meinst doch nicht ernsthaft, wochenlanges Renovieren, Kistenschleppen, lange Fußwege-Zurücklegen, endloses Treppensteigen, Gartenarbeit u.v.a.m. in vier Tagen abgehakt zu haben und „bleifrei“ laufen zu können ???

    Schön, dass Du Dir heute wenigstens einen bleifreien Erdbeershake gönnst. Und die Massage für die Beine soll ja auch eine Wohltat sein.

    Liebe Grüße (den Caipi trinken wir später mal, ja?)

    Peter

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  9. @Peter: Hastjarecht, Geduld ist angesagt! Zusammen Caipi trinken? Klingt nicht schlecht – Ort und Zeit? 8) Erst einmal nur virtuell: Prost! 😉

    @Hase: Da bist du optimistischer als ich … 😉 Am 6. September laufe ich an der Saarschleife/in Merzig den HM als reinen Trainingslauf, am 27. September die Route du Vin in Remich/Luxembourg ernsthafter und hoffentlich bleifrei! 8)

    lg,
    Anne

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