Im Hammam

Bei Tante Wiki ist zu lesen: „Der Besuch eines türkischen Dampfbads kann das subjektive Wohlbefinden erhöhen, kann Muskelverspannungen entgegenwirken und regt die Durchblutung der Haut an. Die Hautalterung wird verzögert.“. Hach! Sehr schön! Großartige Argumente dafür, zwischen zwei heftigen Gewittern eine kurze Laufrunde einzuschieben!

Denn eigentlich lädt das Wetter heute früh um halb 7 wirklich nicht zum Laufen ein, als ich mich auf die bewährte Kleingartenrunde mache: Nebelschwaden ziehen durch das Tal wie dichte Rauchwolken, einige irreführende Fetzchen Himmelsblau können nicht darüber hinweg täuschen, dass in der Ferne (im unter wetterkundigen Trierern viel beachteten „Eurener Loch“) finstere Wolken drohen. Die mit feinen Wassertröpfchen gesättigte Luft erinnert an die Atmosphäre eines Hammam. Sie nimmt mir wieder einmal den Atem und lässt den Schweiß fließen und auf der Haut verdunsten. Ein unangenehmes Frösteln ist die Folge, das allerdings auch meiner Müdigkeit nach einer zu kurzen Nacht mit sehr unruhigem Schlaf geschuldet ist.

So langsam wird mir bewusst, dass ich meinem Renovierungs-Zeitplan ein gutes Stück hinterherhinke. Sicher werde ich nicht auf einer Baustelle leben müssen. Aber ein unvorhergesehenes Probleme mit dem Handwerker, der den Auftrag zum Abschleifen der Böden angenommen hat, aber jetzt seit Tagen nicht erreichbar ist, beunruhigt mich doch ziemlich. Mal abgesehen davon muss ich feststellen, dass ich auch mit den Wänden nicht annähernd so weit bin wie nötig. Für die kommende Woche kann ich wohl Hilfe beim Tapezieren und Streichen auftreiben. Trotzdem: Eine Renovierung ist auch ein guter „Test“ für vermeintliche „Freundschaften“. Manche enden ganz plötzlich dann, wenn man von den einst gemachten großzügigen Unterstützungsangeboten doch einmal Gebrauch machen will.

Vor diesem Hintergrund begleiten mich ernste, aber auch sehr konstruktive und zukunftsweisende Gedanken durch den Lauf. Ich suche (und finde) nicht nur Antworten die Frage, wie ich die ganze Arbeit bis Mitte August auf die Reihe bekommen soll. Auch Überlegungen zum „Danach“ spuken durch mein Hirn. Fast könnte man von einem gepflegten kleinen Schub „Midlife-Crisis“ sprechen. Dabei favorisiere ich klar die Deutung von „Krise als Chance“ . Eine Chance nämlich, wieder einmal zu entscheiden: Wie viel Raum will ich welchen Aktivitäten und welchen Menschen in meinem Leben geben? Was will ich aufgeben, neu beginnen, intensivieren? Wo will ich mein soziales Netz flicken, wo verstärken, wo ganz neu knüpfen?

Mehr Sport zu treiben, vor allem wieder mehr zu laufen ist auf jeden Fall ein zentraler Aspekt in meiner Planung. In diesem Zusammenhang wird mir einmal mehr bewusst, dass von den Menschen, die derzeit zu meinem engeren Bekanntenkreis gehören, keiner (!) läuft oder wenigstens Interesse für das Laufen aufbringt. Das eine oder andere Mal hat mich diese Haltung schon sehr enttäuscht. Wenn ich gern bei einem Lauf angefeuert worden wäre zum Beispiel, aber wieder mal keiner an die Strecke kam, obwohl er/sie keine 5 Minuten entfernt wohnte. Oder wenn ich begeistert von Erfahrungen bei einem Wettkampf oder von einem tollen Trainingslauf erzählte und nur auf verständnislose Blicke stieß. Tja, da bleibt wohl doch nur die Suche nach einem Lauftreff. Aber eines nach dem anderen, erst einmal der Umzug!

Bei so viel „Brüterei“ kommt die Außenwahrnehmung etwas kürzer als sonst. Gleichwohl dringen immer wieder Sinneseindrücke in mein Bewusstsein und holen mich in die Realität zurück: Intensiver Lavendelduft, ein kleines Eichhörnchen, das unmittelbar vor mir über den Weg rast und schimpfend einen Baum hinauf flitzt, eine kleine, drahtige Läuferin von vielleicht Ende 50, Anfang 60, die locker an mir vorbeizieht. Die Arme ahnt nicht, dass sie 20 Minuten später in ein heftiges und lang andauerndes Gewitterschauer geraten wird. Mir bleibt das zum Glück erspart, denn ich habe nach 6.170 m in 40:02 Minuten den heimischen Herd erreicht.

Laufen macht leichter, gelöster! So darf ich wieder einmal feststellen, während ich hier vor mich hin blogge. Morgendliche Erschöpfung und Unruhe weichen Gefühlen von Entspannung und Zuversicht. „Et hätt noch immer joot jejange!“ Und das wird auch dieses Mal so sein!

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3 Gedanken zu “Im Hammam

  1. Liebe FrauWeinbergschnecke,

    da muss ich doch gleich wieder einschreiten, erst lesen, dann verdauen, nachdenken, schreiben.

    Hammam ist guuuuuuuuuut, wobei ich hier und jetzt natürlich nicht dein vorgefundenes Hammam meine, sondern das türkische Bad, das schon manche Freude bereitete und für den geschundenen Läufer-Körper genau das richtige ist.

    Bei dir war es eher das Gegenteil, aber immerhin, der Kopf wird frei und ist bereit zum Denken, zum Nachdenken über sogenannte Freundschaften. Wer von uns kennt das nicht ? Die Freunde, die schwinden, sobald man sie braucht, Vorsicht ist angesagt bei eventuell sich neu anbahnender sogenannter Freundschaften, aber es gibt sie noch, wenn auch selten.

    Zur Baustelle: Versuche gelassen zu bleiben, schone dein Nervenpaket, du brauchst es noch, ja, ja, ich habe gut reden, aber ein bisschen Trost von außen ist bestimmt auch nicht das schlechteste.

    Also, würde ich in deiner unmittelbaren Nähe wohnen, ich käme und würde dir zumindest einmal kräftig zur Seite stehen – versprochen – nein, ich kann es nicht beweisen, weil ich sooooooo weit entfernt von dir wohne, aber ein Wort ist ein Wort !

    Viel Glück und halte die Ohren steif ! 8)

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  2. Liebe Schnecke,

    das alles war längst fällig. Deine Gedanken, Deine Umbaupläne und ihre Umsetzung … nicht nur im und am Schneckenhaus, sondern auch am sozialen Netzwerk, an der Prioritätenliste und an jenem Gerüst, das Dein Leben (und mit ihm all seine Qualität und seinen Reichtum) im Innersten zusammenhält.

    Diese Gedanken wären Dir sicherlich auch ohne den morgendlichen Lauf gekommen, aber dass sie sie gerade dort gekommen sind, dass Du sie wahrgenommen und vertieft hast, mag Dir zeigen, wo verborgene Kraftquellen anzuzapfen sind und wie man sie sich nutzbar macht.

    Der Entschluss, die Krise als Chance zu sehen, zur Veränderung, zum Ab- oder Aufbruch, ist sicherlich der wichtigste aller Schritte. Weitere werden folgen, ganz sicher. Da wirst Du Deine Ausdauerfähigkeiten in die Waagschale werfen können, und wer Deinen Ideenreichtum und Deine Phantasie und Kreativität bisher kennengelernt hat, der wird nicht eine Minute lang zweifeln, dass Du auch jetzt die richtige Mischung aus Evolution und Revolution anrühren wirst, Schritt für Schritt … Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

    Damit es aber nicht bei guten Wünschen und wohlfeilen Sprüchen bleibt, kannst Du mich ja mal konkret für einen Baustellenkurzeinsatz einplanen … ein Termin findet sich bestimmt. Und wenn Du uns sagst, wann wir Dich wo beim nächsten Wettkampf bejubeln können, werden wir auch einen Fanclub zusammentrommeln, um Dir lautstark Beine zu machen. 🙂

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  3. @Margitta: Dankeschön für Trost und Streicheleinheiten, das tut der Seele gut! Ja, ein gutes Stück Vorsicht ist immer wichtig, egal ob neue Freundschaften oder andere „Projekte“. Zugleich es ist ja immer wieder eine schöne Aussicht, sich Neues aufzubauen, noch einmal – in manchen Punkten – aufzubrechen und dem (drohenden) Stillstand zu entkommen! 8)
    Und wenn’s dann mal zu viel wird, muss ich mir wohl ein echtes Hammam suchen. Oder wenigstens eine „normale“ Sauna und jemanden, der mir anschließend eine richtig angenehme Massage zuteil werden lässt. 😉

    @Foxi: Fällig, wohl sogar überfällig, das stimmt, lieber Peter. Und das Laufen ist in diesem Zusammenhang wirklich eine wichtige Kraftquelle. Danke dir sehr, dass du mir darüber hinaus so viele positive Eigenschaften zuschreibst, die mir bei der Veränderung helfen können! 😉 Aber das Angebot mit dem Baustellenkurzeinsatz ist leichtsinnig, das ist dir doch klar, oder? Es könnte nämlich sein, dass ich dich beim Wort nehme 8)

    lg,
    Anne

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