Endstation Frittenbude

Wenn ein Trierer Ureinwohner an die Grenzen seiner Fähigkeiten zur verbalen Konfliktlösung stößt, kann es vorkommen, dass er etwas Ähnliches von sich gibt wie „Dou krees gleisch ein gebummt, dat de meins, de Porta wär en Frittenbud un et Säulemarie de Bedienung!“. Ich erinnere mich nicht, mit einem Ureinwohner in Streit geraten zu sein. Trotzdem fühle ich mich, als sei mir genau das widerfahren: Die Beine weich, der Blick unscharf und getrübt, die Ohren dröhnen von lauter Musik und dem Gesabbel eines Typen, der die Zahl vorliest, die auf mein Shirt gepinnt ist und irgendwas von „ohne Socken unterwegs“ faselt. Vor den Augen ein blauweißer Bogen, zu viele Menschen, von denen mir einer eine Medaille an einem rotgelben Bändel in die Hand drückt. Irgendwo dahinter erkenne ich beim dritten oder vierten Hinsehen dann doch das rußgeschwärzte Wahrzeichen der Stadt. Sieht aus, als sei ich im Ziel!

Nur 5 Kilometer laufen. Möglichst schnell laufen. Klingt wenig. Ist es auch. Klingt halb so wild! Ist es auch! Und trotzdem glaube ich nicht, dass ich es je wirklich mögen werde. Das hält mich allerdings nicht davon ab, es immer wieder mal zu tun. Mag ja sein, dass ich mich irgendwann daran gewöhne. Darum stehe ich auch an diesem Juni-Sonntag um kurz nach 9 in der Trierer Simeonstraße zwischen einer bunt gemischten Horde aus Kindern, Jugendlichen und mehr oder minder austrainiert wirkenden Erwachsenen unterschiedlichen Alters.

Gerade noch rechtzeitig bin ich angekommen. So geht’s, wenn man nicht aus dem Bett findet und dann auch noch herumtrödelt. Egal, es hat ja noch gereicht! Zu Fuß zügig in die Stadt hinunter, im Kleingarten nach dem Rechten gesehen, Rucksack und Jacke dort deponiert und in kurzen Klamotten die knapp 2 Kilometer bis zum Startbereich warmgelaufen. Perfektes Laufwetter, Temperaturen von 17, 18 Grad, bedeckt, relativ windstill. Gute Voraussetzungen für ein flottes Rennen. Richtig super wäre ein 5:30er Schnitt. Zufrieden wäre ich aber auch mit einer 5:40. Gestern ein richtig nettes und lockeres „Abschlusstraining“ mit Josie und Samy aus Dresden, eine Runde über den Petrisberg mit Sightseing-Stopp am Aussichtspunkt Sickingenstraße. Knapp 7.5 Kilometer im 6:45er-Schnitt, ohne Probleme, ohne übermäßige Anstrengung. Ich bin gut drauf. Das wird schon!

Die Zeit reicht noch für ein paar vorsichtige Dehn- und Lockerungsübungen, dann ertönt das fast schon obligatorische „The Final Countdown“ aus dem Lautsprecher, es wird von 10 hinuntergezählt, ein Pistolenknall signalisiert freie Bahn für freie Läufer. Aber irgendwie scheint so mancher tapfere Volksläufer nicht begriffen zu haben, dass es sich um einen Lauf handelt. Da wird gemütlich losgejoggt, vielleicht auch erst einmal gewalkt (man soll sich ja warm machen, steht überall!). Jedenfalls dauert es trotz der geringen Teilnehmerzahl eine gefühlte Ewigkeit, bis ich den kleinen Startbogen durchquere und die Uhr starte. Das Gedrängel fällt mir auf den Wecker. Also spielt die Weinbergschnecke den Hasen und versucht, sich Haken schlagend im Slalom frei zu laufen aus der Masse.

Über den Hauptmarkt, Triers „Gute Stube“, geht es vorbei am Pranger Richtung Konstantin-Basilika. Am Rand des Dombezirks wird das Mustor passiert, dann biegt die inzwischen in die Länge gezogene Läuferkette in die Ostallee ab. An der Kreuzung unser Personalchef im Trainingsanzug, er wird später den Zehner laufen. Wir haben schon häufiger mal bei einem gemeinsamen Mittagessen gefachsimpelt, jetzt winkt er mir zu und feuert mich an.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir bei Kilometer 1 überdeutlich, dass ich einen Knall habe. Trotz des Staus auf den ersten 200 Metern steht da eine 5:06er Durchschnitts-Pace. Und ich kenne meinen Körper gut genug, um zu wissen, dass ihm das über eine Distanz von 5 Kilometern überhaupt nicht gefallen wird. Meuterei droht! Also besinne ich mich darauf, dass ich als Angehörige der Gattung Homo Sapiens ein Gehirn besitze, das ich während der mir geschenkten Lebensjahre ruhig benutzen darf. „Kontrolliertes Tempo“ soll also zur Devise werden.

Durch die Unterführung an den Kaiserthermen geht es in die Südallee/Kaiserstraße, vorbei am Stadtbad und an den alten Bürgerhäusern, um dann nach rechts in die Neustraße einzubiegen. Kilometer 2 endet irgendwo auf dem Weg zum Hauptmarkt nach 5:19 Minuten. Immer noch etwas zu fix. Am Pranger hinein in die zweite Runde, wieder Richtung Basilika, Ostallee. Unser Personalchef macht sich dort gerade warm, wir wünschen uns im Vorbeilaufen gegenseitig viel Erfolg.

Kilometer 3 in 5:15 Minuten – ich ergebe mich in mein Schicksal. Jetzt absichtlich langsamer zu laufen bringt es auch nicht mehr. Langsamer werde ich von selbst, und ich kann nur hoffen, dass ich nicht vollkommen einbreche. Der Weg durch die Unterführung führt leicht bergab, willkommene Gelegenheit, etwas locker zu lassen und ein paar körperliche und mentale Reserven zusammenzukratzen. So quäle ich mich zwar auf der anderen Seite wieder hinauf, aber immerhin: Im Gegensatz zu etlichen anderen, die ich dort überhole, laufe ich noch, statt in einen müden Gehschritt zu verfallen. 5:32 Minuten zeigt die Uhr für den vierten Kilometer.

Natürlich werde auch ich überholt. Aber so richtig nehme ich das gar nicht wahr. Denn inzwischen bin ich offenbar dem missgestimmten Trierer Ureinwohner begegnet. Jedenfalls ist das Hirn leer bis auf einen Gedanken: Nur ein Kilometer bis zur Endstation Frittenbude! Auch die mäßige Zuschauerresonanz registriere ich kaum. Dazu bin ich zu sehr mit meinen Beinen beschäftigt, die nach 4.800 Metern der Auffassung sind, dass es nun wirklich reicht. „Hey, ihr beiden, Endspurt!“ – Beleidigtes Schweigen. „E-N-D-S-P-U-R-T!“ – „Pfffffff, du kannst uns mal!“ – „Kommt, ein bisschen wenigstens!“ – „Naaa gut!“. Kilometer 5 noch einmal in 5:14, dazu 40 Slalom-Extra-Meter. 26:41 zeigt Garminchen im Ziel!

An der Porta warten außer der Medaille einige gut gefüllte Becher mit Bionade und Erdinger, Bananen und Äpfel sowie meine frühere Laufpartnerin, die beim Firmenlauf dabei war. Josie und ihr Freund begegnen mir im Vorübergehen, sie läuft den Halbmarathon, er den Zehner. Auch Christian (Chrescht) aus dem Forum sehe ich noch kurz; er macht sich auf den Weg zum Halbmarathon-Start, um eine Zeit unter 1:40 hinzulegen. Die drei werden später, was sie nun zum Glück noch nicht ahnen, im dichten Nieselregen laufen müssen. Mich erwischt der Regen beim Auslaufen auf dem Heimweg. Nur gut, denn er spült auch einen Teil des Ärgers darüber hinweg, dass der Veranstalter bei diesem Lauf (im Gegensatz zum Zehner und Halbmarathon) nur die Brutto-Zeiten registriert hat: 27:07 Minuten. Egal – ursprüngliches Zeitziel nicht nur erreicht, sondern unterboten! Die Metamorphose von der Weinbergschnecke zurück zum Kobold setzt sich fort …

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12 Gedanken zu “Endstation Frittenbude

  1. Gratuliere!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! „nur“ noch ein leicht schneckiger Kobold, welch Erfolg!!!

    Das ist spitze! Und DU solltest doch wenigstens aus meinem Bericht von Kassel die Lehre ziehen, dass frau zu sowas nicht zu knapp in der Zeit an der Ziellinie zu erscheinen hat! Tse, wozu schreibe ich Berichte! 😀

    Fein gemacht!

    LG Monika

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  2. Genial! Einfach nur gut! Du bist wirklich ein feines Rennen gelaufen, hast alles richtig gemacht und am Ende sogar Deine renn-ungeübten Beine zur Kooperation bis zum Zielstrich bewegen können. Wozu didaktische Fähigkeiten so alles gut sind … 😉

    Herzliche Glückwünsche zum flotten 5er! Auch ohne von Füchsen gehetzt zu werden, hast Du da wirklich ein koboldisches Tempo hingelegt. Ein schöner Erfolg, der sicherlich Hunger auf mehr gemacht hat, stimmts? Ich bin gespannt, wie die Metamorphose sich fortsetzt.

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  3. Herzlichen Glückwunsch zur rundum gelungenen Rückkehr ins Wettkampfgeschehen! Anscheinend hast Du Dich etwas weit hinten aufgestellt. Ansonsten liest sich Dein Bericht nach einer perfekten Renneinteilung. Und trotz den grummeligen einführenden Worten lese ich doch aus jedem Satz die Freude am Lauf 🙂
    Wann treibt der Kobold die Schnecke zum nächsten Wettkampf 😉 ?
    lG
    Ralph

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  4. Ha, und ich hab schon drohend den Zeigefinger in die Luft gestreckt, den strengend-mahnenden Blick aufgesetzt und wollte dir eine Rüffel erteilen, dass man nach so einem tollen Lauf nachher die Kalorienbilanz nicht wieder mit derartig niederem Fastfood ruiniert.
    Aber nix da mit Vollstopfen mit Fritten, Bananen und Aepfel sind angesagt, wie es sich gehört. Und die Frittenbude entpuppte sich wieder mal als eine der ganz bekannten (und von mir so geliebten) koboldesken Einleitungen, die diesen Blog hier immer wieder besuchenswert machen.
    Weiter so. Mit Schreiben wie mit Laufen. Du weisst ja, irgendeiner der nächsten Blog-Titel ist schon festgelegt….
    Grüsschen, Marianne

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  5. Dankeschön an alle für die Glückwünsche!

    @Monika: Du schreibst Berichte, damit andere wissen, welche Fehler sie noch nicht gemacht haben, und dir nacheifern können!

    @Peter: Genau, hungrig auf mehr und auf längere Distanzen … und vielleicht macht der Fuchs mir ja Beine! 8)

    @Ralph: Doch, es hat wirklich Freude gemacht. Nächster Wettkampf? Mal gucken, ein 10er wäre nicht dumm, Ralingen vielleicht. Und je nachdem, wie ich die Kombi Umzug + Job + Garten + Laufen hinbekomme, im September die „Route du Vin“ (Riveris-HM kommt leider zu früh).

    @Marianne: Ich war soooo brav, nicht wahr? 😉 Und der Titel für den Blog-Beitrag wartet nur darauf, verwendet zu werden … 8)

    lg,
    Anne

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  6. Hallo, FrauWeinbergschnecke,

    es tut sich was in Trier und unter dem Schneckenhäuschen, und mir scheint, FrauWeinbergschnecke habe wieder Blut geleckt ! Super gelaufen, gute Zeit, Zufriedenheit, und was wird dann aus der Weinbergschnecke, wenn sie nicht mehr schneckt ❓

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  7. Also ich bin ja der Auffassung, dass man während eines 5 km Wettkampfes sein Gehirn ruhig mal ausschalten darf. Irgendwann wird einem schon jemand sagen, wenn man aufhören darf und also im Ziel ist.

    Ansonsten wie ich finde eine schöne Zeit, herzlichen Glückwunsch dazu.

    Viele Grüße

    Ralf

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  8. Ist es nicht sogar bei einem 5000er zwingend notwendig, zum Schluß des Rennens den Großteil der Gehirntätigkeiten einzustellen, weil der Sauerstoff dringend in den sowieso schon übersäuerten Beinen benötigt wird? :-)))

    Egal, Du hast die Frittenbude gefunden. Und die gewünschte Zeit locker erreicht. Gratulation und vielen Dank für diesen kurzweiligen Bericht. Irgendwann muss ich auch mal in Trier laufen 😉

    Schöne Grüße
    Lars

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  9. @Ralf, Lars
    Ihr habt ja recht! Wenn man einen 5.000er wirklich am Anschlag läuft, dann ist das Gehirn nur im Weg. Aber für wettkampfungeübte Weinbergschnecken ist es nicht das Dümmste, noch ein paar Zellen aktiv zu lassen, damit sie nicht in ihr Verderben rennen.

    Vielen Dank an euch beide für die Glückwünsche! 8)

    Und es wäre schön, sich in Trier zu sehen, Lars – meld dich einfach, wenn der Lauf mal in deinen Kalender passt!

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  10. Dankeschön, Lizzy!
    Ja, so ist das in der Provinz: Da reichen manchmal 5 km Herumgeschnecke, um einen neuen Halsschmuck für seinen Teddybären zu bekommen! 😉 Ungewöhnlich, aber nett!

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