Wo der Weg vom Messeparkplatz auf den Leinpfad an der Mosel führt, steht eine von ihnen im Gras. Unter der Römerbrücke eine zweite. Rotweiß gestreift. Angeschmuddelt. Mit jeweils vier warnend blinkenden roten Laternen. Daneben ein umgestürztes rundes Schild.
Fort mit den Schranken! Dies ist keine Anstiftung zu revolutionärem Tun. Vielmehr ein Appell, die nutzlosen Blockaden zu beseitigen, bevor sie irgendwelchen Vandalen zum Opfer fallen. Die Laternchen machen sich ganz wunderbar als Beleuchtung schummeriger Partykeller und geschmackloser Teenager-Buden.
Nutzlos geworden sind die Schranken, weil das Hochwasser, vor dem sie warnen sollten, längst zurückgegangen ist. Der Weg ist schon seit Sonntag wieder frei. Frei – frei – frei, hurra! Frei bis auf Reste von angefrorenem Schlamm, Laub, Baumrinden, ein paar Äste und natürlich Müll, den der Fluss mit sich geführt hat.
Beste Bedingungen also für eine morgendliche 3-Brücken-Runde. Eigentlich keine “echte” Runde, sondern eine Pendelstrecke, denn ich kreuze die Adenauer-Brücke und laufe am stadtfernen Ufer Richtung Biewer und zurück. Zu laut und stinkig ist mir der morgendliche Berufsverkehr auf der Uferstraße. Natürlich trägt der Wind den Krach bis an das gegenüber liegende Ufer, aber wenigstens der Mief bleibt mir erspart, als ich erst einmal die Brücke hinter mir gelassen habe.
Flussabwärts pustet mir ein eisiger Wind ins Gesicht. Nein, der gefällt meinen Bronchien nicht so recht! In Verbindung mit der feuchten Luft reagieren sie leicht gereizt mit dem einen oder anderen kleinen Hüsterchen. Nicht schlimm, nicht schmerzhaft, nur eine Erinnerung daran, dass gut’ Ding bekanntlich Weile hat. Das gilt auch für die völlige Genesung.
Aber es geht – oder besser läuft – heute doch deutlich besser als in der vergangenen Woche! Und als ich etwa 500 Meter hinter der Kaiser-Wilhelm-Brücke wende und den Wind nun im Rücken habe, hört auch die Hüstelei auf. Ein wenig einsam trotte ich dahin, einen anderen Läufer überholend, zwei ältere Frauen mit ihren viel zu fetten kleinen Hunden. Ein Auto der Stadtreinigung am Wegesrand, der Arbeiter schippt die Schlammschicht vom Weg. Sonst nichts.
Gradmesser für den aktuellen Fitness-Zustand sind wie immer die Steigungen: An der Abtei das Stückchen hoch auf die Eisenbahnbrücke, dann der Kiewelsberg. Na bitte, das fühlt sich doch schon wieder einigermaßen locker an. Von “Hochschweben” kann noch nicht die Rede sein. Aber auch nicht von Schlurfen, Pfeifen-aus-dem-letzen-Loch oder gar Gehen. Fazit nach genau 12.000 m in 1:22:00: Es wird wieder!
“Reif für die Mülltonne!” – ausnahmsweise bezieht diese Feststellung sich nicht auf Frau Schnecke selbst. Die ist nämlich mit ihrem Lauf sehr zufrieden und hat nicht die geringste Veranlassung, sich in einer Tonne zu verkriechen. Nur am Rande: 11.550 m in 1:17:23 Stunden waren es heute, einige lockere Kilometer entlang der kaum noch Hochwasser führenden Mosel und durch die Kleingärten.
Nein, heute muss meine alte Laufjacke dran glauben. Ungefähr 15 Jahre lang hat sie mich auf meinen Wegen begleitet. Und damit hat sie sich einen Nachruf verdient!
Beim Kaffeeröster habe ich sie damals erstanden, im Set mit einer Hose, als kompletten “Trainingsanzug” also, wie auf der Tüte stand. Schwarzgrau war sie, aus einer dünnen, leichten, billigen Kunstfaser. Gegen einen studentenfreundlichen Obolus konnte ich sie in meinen Rucksack stopfen und fortan mein eigen nennen.
Wir haben viel zusammen erlebt, schon lange bevor ich überhaupt daran gedacht habe, regelmäßiges Lauftraining zu absolvieren: Zahlreiche Radtouren an der Mosel und Saar rauf und runter, über die Höhen der Eifel und des Hochwaldes. Unsystematische Dschogging-Runden mit einem Arbeitskollegen. Dann aber auch die ersten ernsthafteren Trainingsläufe.
Irgendwann kaufte ich mir “richtige” Laufsachen, unter anderem eine enger anliegende atmungsaktive Jacke. Aber das Modell “Kaffeeröster” leistete mir immer noch gute Dienste. Vor allem als Warmlaufkleidung bei Wettkämpfen. Meinen ersten Halbmarathon in Merzig haben wir zusammen erlebt, Anno 2005 war das. In Luxemburg bei meiner noch immer gültigen Bestzeit aus dem Jahr 2006 war sie dabei. Aber auch meine “Niederlagen” haben wir geteilt, den verkorksten Halbmarathon beim Trierer Stadtlauf 2007 zum Beispiel.
Irgendwann im vergangenen Jahr fing dann ihr Reißverschluss an, Probleme zu bereiten. Während des Laufens riss er von unten auf. Mit etwas Fummelei brachte ich ihn daheim wieder dazu, dass er hielt. Aber unser Vertrauensverhältnis war gestört. Das war der Anfang vom Ende. Die Jacke landete ganz unten in der Schublade, geriet in Vergessenheit.
Heute fiel sie mir wieder in die Hände. Hmmm, ja, warum eigentlich nicht? Angesichts der recht milden Temperaturen ist sie dick genug, dachte ich. Eine Fehlentscheidung. Knapp einen Kilometer entfernt von daheim machte sich der Reißverschluss wieder selbstständig. Und dieses Mal ließ er sich nicht wieder zurechtfummeln. Damit war die Jacke endgültig “hinüber”. Nicht einmal mehr für die Gartenarbeit zu gebrauchen. Auch nicht für die Altkleidersammlung. Schluss, aus, perdü!
10 Kilometer mit einer Jacke, die vorn nur durch ein kleines Stückchen Metall zusammen gehalten wird, das ist angesichts fallender Temperaturen nicht nur unangenehm zugig. Es sieht auch noch albern aus, wenn die Jackenzipfel links und rechts neben den Hüften schlackern. Aber hätte ich deshalb umdrehen und heim laufen sollen?
Nein, ich habe meiner Jacke diesen letzten Lauf ihres Lebens gegönnt. Noch einmal mit mir am Moselufer entlang traben, noch einmal die Steigung über die Eisenbahnbrücke hoch sprinten, noch einmal im Garten einen Blick auf die ersten sprießenden Blümchen werfen. Ein allerletztes Mal frische Luft spüren!
Aber nun ist es so weit. Ich werfe noch einen wehmütigen Abschiedsblick auf sie, bevor sie in den Tiefen des Mülleimers verschwindet. Am Mittwoch wird die Müllabfuhr uns endgültig scheiden. Leb wohl, meine Gute! Ich danke dir für deine treue Dienste! R.I.P.
Ich bin Läuferin. Eigentlich. Aber nicht heute. Obwohl ich riesige Lust zum Laufen habe. Der Körper will und kann nicht wie der Kopf. Müde, noch immer hustend, schlapp, unausgeschlafen, bleibeinig schlurfe ich herum. Die bittere Wahrheit: Ich dschogge! Natürlich nenne ich das “offiziell” anders: Regeneratives Laufen. Aber es ist nichts anderes als Dschoggen.
Mein Weg führt ins Tal, an der Gärtnerei entlang, durch die Gärten. Ich dschogge. Leichtfüßige, gazellenartige, austrainierte Läuferinnen und Läufer hirschen an mir vorbei – alle anderen Laufschnecken haben leider Ruhetag. Nur ich dschogge. Gassigänger kommen mir entgegen, die Frau mit meinem Lieblings-Retriever, die ältere Dame mit dem wohlerzogenen Spitz-Mischling. Ich dschogge.
Grau ist der Himmel, grau das Gemüt, nur langsam hebt sich der zähe Grauschleier auf dem Weg durch die Gärten und wieder hinauf zum Bäcker. Zeitung, Brot, Brötchen gepackt, ein kleines Schlenkerchen für den kompletten 6. Kilometer. Es hat sich ausgejoggt nach 6.020 m in 45:13 Minuten. Gut hat es trotzdem getan! Und es kommen wieder bessere und schnellere Zeiten. Bis dahin tröste ich mich mit einem bunten Tulpenstrauß!
Die Zwillinge kommen aus China. In ihrem dezenten Weißgrausilber wirken sie ein bisschen blass um die Nase. Türkisfarbige Streifen schmücken ihre Wangen. Ihre erste Pflegemutter hatte sie nicht mehr gewollt. Nach nur zwei, drei gemeinsamen Waldläufen hatte sie die beiden wieder fortgeschickt. Und nun bot eine Adoptionsagentur sie feil.
Eigentlich sollte man seine Wegbegleiter ja nicht im Internet aussuchen. Ich war mir auch unsicher, ob sie mir nicht etwas zu groß sind. Aber ich hatte ja schon einmal Verwandte von ihnen kennen gelernt und fand, dass die sehr angenehm zu tragen waren. Und die Agentur war bereit, mir einen fairen Preis zu machen. Nicht zuletzt passen die türkisfarbigen Streifen der zwei Schätzchen hervorragend zu meiner Jacke. Na gut, das ist kein wirkliches Argument. Aber trotzdem wird man das ja mal anmerken dürfen. Also war die Entscheidung gefallen: Ein paar Mausklicks und einige Tage später zogen die beiden bei mir ein. Inzwischen war allerdings der Schnee gekommen. Für die Zwillinge hieß das: Drinnen bleiben.
Seit gestern ist jedoch in der Stadt der Frühling eingekehrt: Alle Wege schnee- und eisfrei! Und das bedeutet: Premiere für die gebrauchten neuen Saucony Omni Grid 6. Ihre Größe liegt etwa 1/2 Nummer über der meiner anderen Laufschuhe. Muss sie aber auch, denn das Modell fällt sehr klein aus. Für mich angenehm ist, dass sie im Vorfußbereich recht weit geschnitten sind und viel Platz bieten, ohne dass der Fuß deshalb die Führung verliert oder gar hin- und herrutscht. Ihr Gewicht ist in Ordnung für einen Trainingsschuh mit Stütze. Natürlich sind meine heißgeliebten Mizunos leichter, aber eben auch weniger gedämpft. Und Abwechslung tut bekanntlich gut! Es müssen nicht immer Asics sein, auch wenn man in manchen Laufläden den Eindruck hat, als gäbe es außer dem Kayano und dem GT 21irgendwas keinen vernünftigen Schuh!
Mit anderen Worten: Die Zwillinge sind hiermit adoptiert und liebevoll in die große Familie meiner Laufschuhe aufgenommen! Als Nachfolger der alten New Balance, die langsam wirklich im läuferischen Sterben liegen und demnächst zu Gartenschuhen umfunktioniert werden. Und um den Neuen die Eingewöhnung im Laufschuhschrank leichter zu machen, habe ich die rüpeligen Asics Gel Trabucos erst einmal als “Reserve-Ausstattung” ins Büro verbannt.
Dass der erste Lauf der beiden Neuen etwas zäh und müde war, ist nun wirklich nicht ihre Schuld. Das liegt an der hartnäckigen Erkältung, die ich seit über 4 Wochen mit mir herumschleppe. Die Ärztin hat mich heute insofern beruhigen können, als die Lunge eindeutig frei und gesund ist. Allerdings zeigt der gerötete Hals-Rachen-Raum, dass immer noch eine Reizung der oberen Atemwege besteht. Kein Laufverbot, keine Pause, nur auf Tempotraining sollte ich verzichten, bis der Husten ganz weg ist.
Also lege ich jetzt einige Tage Regenerationsphase ein: Weniger Umfang, keine schnellen Einheiten – das kann sicher nicht schaden! Heute hätte sich angesichts schwerer Beine und zu hohen Pulses jeder Versuch einer Tempoeinheit eh als fruchtlos erwiesen. Nun gut, war es eben nur ein Ründchen von 7.020 m in 50:04 Minuten. Und vermutlich der vorerst letzte Lauf an der Mosel: Der Weg am stadtfernen Ufer zwischen Römerbrücke und Messepark steht teils schon unter Wasser, Tendenz: steigend. Auch auf dem stadtseitigen Ufer fehlt nicht mehr viel, dann ist der Leinpfad überschwemmt. Bis das Hochwasser dann wieder weg ist, kann es angesichts der Schneemengen, die im Saarland gefallen sind und so peu á peu wegtauen, noch einige Zeit dauern.
Kaum sind die ersten Häuser am Stadtrand erreicht, kehre ich um. 180 Grad-Wende. So geht das nicht! Ich wollte heute 10 Kilometer laufen. Und es gibt keinen Grund dafür, mich schon nach 8 Kilometern wieder ins Trockene zu verkriechen! Wenigstens keinen überzeugenden. Dass das feine Schneegefissel sich in Nieselregen verwandelt hat, ist kein Grund. Dass der Wind aufgefrischt ist, mir um die Ohren pfeift und die Regentropfen auf die Brille pustet, erst recht nicht. Und nur Memmen lassen sich dadurch die Laune verderben, dass sich im Westen eine dunkelgraue Wolkenwand vor ihnen aufgebaut hat und die Stadt in tiefem Grau verschluckt. Auch schwere Beine gelten nicht, Lustlosigkeit schon gar nicht und mit Müdigkeit fangen wir gar nicht erst an.
Inmitten eines grossen Rudels innerer Schweineelche trabe ich so vor mich hin. 10 Kilometer können sich elend in die Länge ziehen. Die ersten drei im Schneegestöber gehen noch. Da irritiert nur eine Läuferin, die sich an meine Fersen geheftet hat. Eigentlich ist sie schneller als ich. Aber meine Spikes erweisen sich einmal mehr als Vorteil, und in der kleinen Steigung am Weingut überhole ich die Kollegin. Sie voll verkabelt und mit Knopf im Ohr. Und dann werde ich sie nicht los. Ich will nicht schneller. Aber sie macht auch keine Anstalten zu überholen. Stattdessen bleibt sie einige Meter hinter mir, ich höre ihre Schritte auf dem festgetretenen Schnee, ihren Atem.
Und ich darf für sie Schutzschild gegen den Wind und die Flocken spielen, die direkt von vorn ins Gesicht wehen. Gut, das fände ich nicht so schlimm. Aber jemanden so nah hinter mir zu spüren, mich verfolgt zu fühlen, ist mir unangenehm. Also zweige ich, statt in den Wald zu laufen, zur Gärtnerei ab. Glück gehabt, wie erhofft läuft die andere geradeaus weiter und ich habe meine Ruhe.
Auf der Talrunde hat das leichte Tauwetter gestern den Asphalt teilweise frei gelegt, nur eine dünne frische Schneeschicht liegt darauf. Unangenehm zu laufen mit diesen Schuh-Klötzen an den Füßen, die ungefähr 100 g schwerer sind als die Schuhe, die ich sonst trage – heute kommen mir diese 100 g wie mindestens 1000 vor.
Ein zweites Mal die kurze Rampe am Weingut hinauf, dann die Waldrunde angehängt. Der Boden ist natürlich weicher als auf der Straße, hier liegt auch mehr Schnee. Aber ich sehe mit meiner betropften und beschlagenen Brille die Unebenheiten nur schlecht, fühle mich unsicher, knicke drei- oder viermal fast um. Nein, gar nicht gut! Also keine weitere Waldrunde anhängen, sondern Richtung Stadt. Inzwischen ist das Flockengestöber längst in feinen Nieselregen übergegangen. Die Luft fühlt sich viel milder an. Der Asphalt ist an vielen Stellen wieder schwarz, die dünne Schneeschicht verschwunden – trist, einfach trist!
Zurück bergauf, der Blick auf die Uhr nach gefühlten 2 Stunden. Gerade einmal 50 Minuten herum. Nein, so geht das wirklich nicht! Ergo: Die bereits erwähnte 180 Grad-Wende, wieder zum Weingut, noch einmal die Runde an der Gärtnerei vorbei.
Passend zur muffigen Laune auf dem Rückweg auch noch eine lästige Hundebegegnung. Ehemann geht ganz links, ich halte mich ganz rechts, weißer Mini-Köter rennt mir trotzdem zwischen die Beine, springt mich an, wickelt mir die dünne meterlange Leine fast um die Knöchel. Ich bin genervt, sage lieber gar nichts, bevor ich etwas Falsches sage. Außerdem übernimmt die Ehefrau bereits den Part, ihren Kerl gründlich zur Schnecke zu machen und ihn über das angemessene Verhalten bei der Begegnung mit Spaziergängrn und Läuferinnen zu belehren. Da ist Frau Schnecke in dieser Hinsicht überflüssig und kann die letzten Meter heimwärts schnecken: 10.270 m in 1:13:03 Stunden.
Nein, der zweite Becher Milchkaffee war zu viel. Und das Müsli mit den frischen Orangen und Kiwi meldet sich auch noch auf den ersten Kilometern. Selbst Schuld! Eigentlich wollte ich ja auch erst später laufen, Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Aber vom Arbeitszimmerfenster aus lässt die Sonne den Mischwald am anderen Moselufer in einem so zarten lachsfarbigen Licht erstrahlen, lockt der blaue Himmel mit seinen grauweißen Puschelwolken so verführerisch, dass ich es drinnen nicht mehr aushalte. Dazu auch noch der Neuschnee, der über Nacht gefallen ist, und jedes noch so dünne Zweiglein mit einer weißen Hülle überzogen hat. Wer dem Lockruf einer solchen Zauberlandschaft nicht verfällt, mag zwar (im Gegensatz zu mir) ausgesprochen selbstdiszipliniert sein, aber – vielleicht – auch ganz schön gefühllos!
Wieder einmal tun die Spikes mir hervorragende Dienste. Vier, fünf Zentimeter Schnee sind über Nacht gefallen, dazu das bisschen von gestern. Nicht viel, auch nicht wirklich störend, aber auch nicht ungefährlich, weil untendrunter an sehr vielen Stellen Eis liegt! Nachteil der Spikes: Auf geräumten Wegen machen sie einen ziemlichen Radau und fühlen sich einfach hart und unangenehm an. Also laufe ich auf Nebenstraßen erst einmal zu den Weihern, teils durch den am Straßenrand zusammen geschobenen lockeren Schnee, teils auf einer festgefahrenen Schicht.
Vorbei am unteren Weiher, Richtung Abtei, das Sträßchen an der Bahn entlang. Hier wie auch an vielen Stellen unterwegs wundere ich mich, wie viele Menschen schon vor mir unterwegs waren. Nichts ist es mit Pioniergefühl auf unberührten Pfaden! Fußstapfen, Pfotenabdrücke, Reifenspuren von MTBs und normalen Fahrrädern, eine mit Langlaufskiern gezogene Bahn. Am Moselufer zwischen Trier und Konz muss ein nächtlicher Zecher nach einem kräftigen Gelage heimwärts gewankt sein. Zumindest lassen das die Fußstapfen vermuten, die in wildem Zickzackkurs vom linken zum rechten Wegesrand und wieder zurück führen.
Um meinen Puls kümmere ich mich heute nicht, denn der war dank Kaffee schon beim Loslaufen 10 Schläge höher als sonst. Die Beine tun sich anfangs noch schwer, einen Rhythmus zu finden. Als Schnecke, die ihrem Namen gerecht wird, bin ich es nicht gewohnt, bei langsamen Läufen die Füße gescheit zu heben. Aber in 5, 6 cm hohem Schnee kann ich mit Schlurfschritt nichts ausrichten, da müssen die Haxen schon hoch!
Es braucht ein paar Kilometer, aber ungefähr auf Höhe von Kloster Karthaus hat mein Körper sich auf die Anforderungen eingestellt und läuft jetzt wieder wie von selbst. Und er verzeiht mir sogar den etwas unrhythmischen Lauf, der dadurch entsteht, dass ich gelegentlich einfach anhalten MUSS, um ein paar Eindrücke aus der Winterlandschaft fotografisch festzuhalten.
16 Kilometer ungefähr sollen es heute werden, im Rahmen der Aktion Run4Haiti bringt jeder gelaufene Kilometer einen Spenden-Euro für die Erdbebenopfer. Ein komisches Gefühl, hier mitten durch Schnee und Eis zu wetzen zu Gunsten eines zerstörten Tropenparadieses! Zugleich stellt sich Dankbarkeit dafür ein, dass ich heil und unversehrt bin, laufen kann und darf und hinterher in ein sicheres, warmes Zuhause zurückkehren, mich satt essen und meinen Durst stillen kann!
Kilometer 8 ist genau auf der Konzer Eisenbahnbrücke erreicht. Am anderen Ufer erwarte ich, unberührte Wege vorzufinden – aber hier war noch mehr los als auf der städtischen Seite. Komisch ist allerdings, dass mir gar nicht so viele Menschen begegnen. Zwei oder drei Hundebesitzer, zwei Mountainbiker, einige wenige Läufer. Auch ein paar Autos, im Vereinsheim am Sportplatz muss eine Veranstaltung stattfinden. Aber ansonsten: Schnee – Schnee – Schnee!
Nur wenige 100 Meter weiter sehe ich mich plötzlich einer tierischen Übermacht gegenüber. Dabei beginnt alles so harmlos: Eine dicke gefleckte Ente watschelt als Vorhut am Wegesrand entlang und gibt ein dezentes Quaken von sich. Sie scheint ein schlechtes “Standing” bei ihren Artgenossen zu haben, denn als sie sich in die Moselfluten stürzen will, wird sie von zwei weißen Kolleginnen äußerst unfreundlich angefaucht und zieht sich darauf hin zurück.
Aber nun wird es ernst! Links auf dem Acker zwei fette graubraune Wächter-Enten, die bei meinem Anblick in wüstes Geschnatter ausbrechen und erst in gediegenem Stechschritt, aber dann in flottem Ententrab mit weit vorgereckten Hälsen auf mich zugeschossen kommen.
Das Gros der Truppe verlustiert sich mitten auf dem Weg, reckt aber nur müde die Köpfe, als ich mich langsam annähere und schließlich stehen bleibe, um meinen Fotoapparat zu zücken. Sie machen nicht die geringsten Anstalten, den Weg zu räumen. Allerdings scheinen sie mir auch nicht gerade feindlich gesonnen, sondern eher indifferent und gelangweilt.
So kann ich unbehelligt meinen Weg mitten durch die bunte Meute fortsetzen. Nur ein paar perfekt getarnte Exemplare (der tierische Geheimdienst?) beäugen einige Schritte weiter vom Flussufer aus meine Schritte.
Vorbei an Schloss Monaise führt der Weg nun. Die Pferde sind natürlich alle in den Stallungen, aber der Park mit den alten Bäumen und dem kleinen Häuschen sieht auch so ganz idyllisch aus.
An der Adenauer-Brücke kreuze ich wieder den Fluss. Um den wenigen Besuchern der Gartenmesse, die an diesem Wochenende in den Moselauen stattfindet, den Weg leichter zu machen, ist die Brücke auf das Gründlichste geräumt und gepökelt. Nur am Rand liegt noch etwas Schneematsch – mitten hindurch patsche ich, um meine Spikes zu schonen und meinen Füßen den harten Aufprall auf dem Zement zu ersparen. Die Passanten mustern mich natürlich, als hätte ich nicht alle Latten am Zaun. Egal!
Auf dem anderen Ufer laufe ich noch ein Stückchen auf dem ungeräumten Weg an der Straße entlang, kreuze am Finanzamt die Uferallee und trotte durch den Finanzamt-Park Richtung Heiligkreuz. Noch durch die Unterführung, die kleine Treppe hinauf, am Schönstattpark vorbei. Bergauf gönne ich mir den Luxus einer kleinen Gehpause, nehme mir die Zeit, mich noch einmal umzuschauen und den Blick auf die sonnenbeschienenen Dächer und Hügel zu genießen.
Von der Kuppe an wird noch ein wenig gelaufen, noch ein Schlenkerchen angehängt, um Kilometer 17 vollzumachen: 17.100 m in 2:02:33 Stunden.
Im Büro überlege ich: Nehme ich den Bus bergauf oder bergab? Auf dem Petrisberg zu bleiben würde bedeuten, sich nasse Füße zu holen. Denn der liegt etwa auf einer Höhe zwischen 250 und 280 Metern – exakt auf der Schneefallgrenze. Vor dem Bürofenster flöckelt es kräftig. Die Landschaft ist mit einer dicken weißen Schicht überzogen, aber auf Straßen und Wegen erzeugt der wässerige Schnee nur eine schmuddelige Pampe, die langsam, aber gründlich in die Schuhe einziehen würde. Die rettenden GoreTex-Klötze stehen leider daheim im Schrank.
Also mit dem Bus ein paar Dörfer bergauf fahren und eine Tour durch ein Winterparadies unternehmen? Verlockend! Aber wie mögen dort die Straßenverhältnisse sein? Und komme ich danach heil nach Hause? Die Antwort kennt der Busfahrer, den ich vor dem Einsteigen befrage: Auf den Höhen schneit es heftig! Noch fließt der Verkehr, aber das kann sich schnell ändern, wenn es so weiter geht. Die Aussicht, womöglich irgendwo in einem Hunsrückdorf zu stranden und vergebens auf eine Möglichkeit zur Heimfahrt warten, erscheint mir nicht besonders attraktiv. Also doch bergab in die Stadt!
Die Stadt liegt auf etwa 150 Metern über dem Meeresspiegel. Statt Flockengestöbers gibt es dichten Nieselregen. Er spült die Reste des Schnees weg, der über Nacht gefallen ist. Wieder einmal beglückwünsche ich mich zum Kauf von Regenhose und –jacke. Eingemummelt, die Kapuze über den Kopf gezogen, ist es in dieser Kluft eigentlich sehr gemütlich. Der Schirm der Baseballkappe hält den Regen von meinen Brillengläsern fern. Die Wege sind bis auf sehr wenige Passagen frei von Eis und Schnee.
Und frei von anderen Menschen – bei dem Wetter jagt man offenbar keinen Hund vor die Tür. Doch, einen sehr wohl! Einen freundlichen Golden Retriever, der mit ergebener Leidensmiene in Begleitung zweier dunkelblau gekleideter Wichtelmännchen oder –weibchen (wegen der Vermummung lässt sich ihr Geschlecht nicht bestimmen) an der Bahnlinie entlang trottet.
Nein, ich jammere nicht. Bloß … ähh … ein wenig fies ist es schon. Vielleicht wäre ich doch besser vom Büro aus meine Runde gelaufen, durch den Schnee und Schneematsch getappt statt durch Pfützen?
STOPP!!!
Nein, ich jammere nicht! Kein bisschen! Schluss, aus, Klappe halten, du innerer Schweineelch, du elender! Ich jammere nicht! Der Lauf tut mir einfach gut. Wirklich! Ich jammere nicht! Ich freue mich stattdessen darüber, dass ich laufen kann und darf! Und dass ich trotz wieder aufflackernder Erkältung ein paar Kilometerchen auf der Haben-Seite verbuchen kann: 7.060 m in 45:34 Minuten.
Moselradweg – da weiß man, was man hat! Eine eisfreie Strecke nämlich. Und das ist wichtig heute früh. Denn über Nacht hat es leicht geschneit, und alle Wege sind mit einer 1-2 cm dünnen Schneeschicht überzogen, die unangenehme eisige Überraschungen verbergen könnte. Aber der Leinpfad war vorgestern trocken und gut zu belaufen. Also sollte das auch jetzt klappen!
7:45 Uhr, es ist noch dämmerig, die Beine schlafen noch. Etwas müde trotte ich am Kirchplatz vorbei und den Kiewelsberg hinunter Richtung Abtei. Die Drei-Brücken-Runde soll es werden, zuerst über den Fluss zum Messepark, flussabwärts bis zur Kaiser-Wilhelm-Brücke und am stadtseitigen Ufer zurück.
Am Ufer ist Gassigänger-Zeit. Einzeln oder rudelweise sind die Menschen unterwegs mit ihren tierischen Begleitern. Ein buntes Programm: Große Hunde, kleine Hunde, Mischlinge, reinrassige Hunde, ein tapsiger “Wenn ich groß bin, werde ich mal ein richtiger Berner Sennenhund”-Welpe mit seinem jungen Frauchen.
Etwas lästig sind nur drei Herrchen und Frauchen, umtobt von ihren großen, kläffenden Tölen, die nicht die geringsten Anstalten machen mich vorbeizulassen. Aber ich habe keine Lust auf eine Diskussion. Es gibt Menschen, die so aussehen, als diskutierte man besser nicht mit ihnen – es sei denn, man legte Wert auf Beschimpfungen und Drohungen. Der wilde Trierer Westen …
Schon ist die Kaiser-Wilhelm-Brücke erreicht, ein kleiner Sprint die Rampe hoch, langsam den Fluss kreuzen, am anderen Ufer wieder hinab auf den Pfad. Glatt ist es nur auf dem Kopfsteinpflaster am alten Lastkran. Ansonsten alles unproblematisch. Nur zu warm angezogen bin ich. Die Handschuhe sind längst in der Tasche gelandet. Selbst die Mütze hätte ich nicht unbedingt gebraucht, und statt des T-Shirts hätte es ein Unterhemd als unterste Bekleidungsschicht auch getan. So schwitze ich kräftig und der etwas zu hohe Puls ist sicherlich zum Teil der Wärme geschuldet.
Nichtsdestotrotz – ein schönes Morgenläufchen! Von der Sonne, die sich nach meiner Heimkehr für ein halbes Stündchen am Himmel zeigte, hätte ich gern mehr gehabt. Aber man kann nicht alles haben. Ich hatte immerhin nette 10.760 m in 1:13:49 Stunden.
… ist früher fertig. Und wer schneller schreibt ebenfalls!
Eigentlich hätte ich heute um viertel vor acht unterwegs zu einem langsamen Läufchen sein sollen. Allein: Es war stockfinster – naja, gut, jedenfalls zu dunkel angesichts der unsicheren Wegverhältnisse. Zwar haben die milden Temperaturen im Lauf des gestrigen Tages für weitgehend freie Straßen gesorgt, aber über Nacht hat es spürbar angezogen und es mag stellenweise glatt sein. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, und darum starte ich erst gegen zwanzig nach acht, als es richtig hell geworden ist.
Die halbe Stunde Verspätung macht mir Beine – schließlich habe ich außer Laufen noch einiges auf dem Programm heute. Ergo: Keine Lust auf, keine Zeit für Rumgeschnecke! Ein wenig Tempo soll es sein. Durch Heiligkreuz, an der Abtei runter an die Mosel geht es schon recht zügig. Dann fünf Tempokilometerchen im 5:55er Schnitt, Richtung Konz, an der Staustufe vorbei. Oooops, hier wird es plötzlich im Schatten doch glatt durch die überfrorene Nässe. Ich muss langsamer machen, weil ich ins Schlingern komme. Nach zwei Kilometern die Kehrtwende und zurück bis zur Römerbrücke.
Doch, anstrengend ist es schon, aber nicht unangenehm, eher im Gegenteil! Der Husten lässt mich weitgehend in Ruhe und meldet sich erst wieder ernsthafter, als ich an der Treppe, die hoch zur Straße führt, eine Dehnpause einlege. Hustkratzhustöchhöchöchhust. Das war’s dann aber auch schon und ich kann gemütlich durch das Südviertel mit einem Schlenker durch die Kleingärten zurück traben. Bergauf gehe ich ein Stückchen, nutze das zum Ausschütteln der Arme und Dehnen der hinteren Beinmuskulatur. Die letzten 250 Meter wird noch locker gejoggt: 9.760 m in 59:57 Minuten.
Ein milder Sonntagnachmittag gegen 15 Uhr. Der Waldrand im Tiergartental. Frau Schnecke hat heute einen erfahrenen Personal Trainer an ihrer Seite. Der scheucht sie über Äste, die er im Abstand von etwa 60 cm quer auf den Boden gelegt hat. Kniehub. Koordination beim Hüpfen auf einem Bein. Und und und.
Ich bin ehrlich: Nur das Vertrauen in die Erfahrung meines Begleiters lässt mich “mitspielen”. Ich weiß, das Gehopse schadet mir garantiert nicht. Im Gegenteil. Es soll ja sogar helfen: Geschickter soll es machen und vor allem schneller. Aber es ist ungewohnt. Und ich komme mir lächerlich vor. Offenbar weiß ich einfach noch nicht, was mir gut tut.
Und doch, ja, “normal” gelaufen wird auch noch heute. Durch das Tal. Am Bach entlang. Den recht steilen Anstieg Richtung Kernscheid hoch. Hier kapituliere ich. Kein Crescendo in zunehmend flotten Schritten bergauf. Das mögen heute weder Beine noch Bronchien. Mein Personal Trainer reagiert zum Glück sehr verständnisvoll. Als kluger, einfühlsamer Mensch weiß er, dass mit “Quäl dich, du Sau!” bei mir nichts zu erreichen ist.
Aber als wir den Wald verlassen, mag ich wieder traben, über das freie Feld in Richtung Olewig zurück, über die Kuppe und dann den schmalen Wiesenpfad bergab den Beinen freien Lauf lassen. Weiter hinab zur Olewiger Mühle, früher fast täglich mein Weg ins Büro, jetzt bin ich ihn schon fast 4 Monate nicht mehr gegangen.
Durch das Dorf, über die Brücke, am Bach entlang. Nebenbei immer wieder ein paar Erklärungen zum Thema “Haxen hoch”, “Schultern lockern”, “Arme mitnehmen”. Ein wenig Fahrtspiel hier, eine kleine Rampe hochwetzen dort, nach dem Abstecher durch die Gärten die Hopfengarten-Steigung erklimmen. Der Husten lässt mich immerhin in Ruhe, bis ich oben angelangt bin. Schön langsam auslaufen und –gehen, noch ein paar Prellhopserchen, ein wenig Anfersen – zurück daheim bei den Resten des Geburtstagskuchens nach einem “etwas anderen Lauf” von etwa 9 Kilometern in etwa 1:10 Stunden.













